Wenn man mich fragt ob ich ein ängstlicher Mensch bin, schüttele ich vehement den Kopf. Mich kann man getrost im Wald aussetzen. Ich komme schon wieder zurück. Man könnte mich auch nachts über einen Friedhof laufen lassen. Dort fühle ich mich sicherer als an einer ausgestorbenen, dunklen Bushaltestelle. In beiden Fällen gehe ich ganz rational und logisch an die Sache ran. Welcher potentielle Massenmörder ist denn so blöd und hockt sich auf einen Friedhof oder mitten in den Wald um auf ein Opfer zu warten? Womöglich kommt da monate- oder gar jahrelang nächtens niemand vorbei. Das Risiko in Aktenzeichen XY eine unfreiwillige Rolle zu bekommen, erscheint mir recht gering. Auf unserer Hütte in den Bergen gehe ich nachts ohne Furcht hinter das Haus um Holz zu holen oder laufe durch den Wald zu einer Lichtung um mir die Sterne anzusehen. Angst habe ich dort nie. Tagsüber schlafe ich auf der Bank vor dem Haus und es ist mir völlig egal ob der nächste Nachbar zu Fuß eine gute Viertel Stunde entfernt ist. Die Chance, dass ein irrer Wanderer mehr als ein Glas Wasser von mir will, ist so verschwindend gering, dass ich gut und tief in der Sonne schlafe. Reales schreckt mich nicht. Ich lausche den Knacken und Knacksen des Waldes gerne. Wenn man lange genug hin hört, klingt es immer so, als würde jemand durch das Unterholz streifen. Das ist ja auch der Fall. Katze, Fuchs oder Siebenschläfer sind hier keine Seltenheit. Alle drei wollen mir nichts böses. Weiterlesen
Furchtlos, wachsam und ein wenig verschroben (Archiv 2016)


