Nicht ganz rund

Den Weg findest du noch, fragt mich mein Kollege und ich verziehe müde schmunzelnd das Gesicht über einen Witz, den ich in den letzten Tagen öfter gehört habe. Ein bisschen zu oft. Es sprach sich wohl rum, dass mein Kollege und ich das perfekte Pandemie Gespann sind. Der eine arbeitet gerne im Büro, die andere lieber zu Hause. Wir müssen uns nicht abstimmen, müssen Freitagnachmittag nicht diskutieren und können unsere Abwesenheiten im Firmenkalender gleich für ein halbes Jahr im Voraus eintragen. Ein perfektes Duo. Ich überlasse ihm unser gemeinsames Büro, er schickt mir das, was per Post kommt, nach Hause. In Zeiten wie diesen, die wohl beste Kombination. Der Witz ist dennoch etwas platt, da ich im letzten Jahr natürlich auch im Büro war. Zwischen der ersten und zweiten Welle war ich regelmäßig vor Ort. Die Corona-Verschnaufpause fiel ja dankenswerter Weise in den Sommer und nahe meines Büros gibt es die beste Eisdiele im Münchner Umland. Das Mangoeis ist himmlisch – eine Kugel pro Woche war ein Muss. Anders formuliert – einmal pro Woche fuhr ich ins Büro. Manchmal sogar zweimal. Pistazie ist nämlich fast genauso lecker. Als die Infektionszahlen im Herbst dann wieder stiegen (und die Eisdiele schließen musste) war ich allerdings tatsächlich fast ausschließlich im Homeoffice und sparte mir das morgendlich Gruppenkuscheln in den überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln. Mein Kollege kann trotzdem beruhigt in den Urlaub gehen – eine Wiedereingliederung in den Büroalltag und eine Wegbeschreibung zum Schreibtisch wird nicht nötig sein. Das zumindest, dachte ich noch letzten Montag. Um es vorweg zu nehmen – den Weg zum Büro habe ich problemlos gefunden. Seltsam wurde es erst danach. Weiterlesen

Corona Homeoffice XXIX

Wussten Sie, dass man die Stimmung eines Menschen ganz wunderbar an der Art, wie er einen Karton zerkleinert, ablesen kann? Wenn Sie einmal darauf achten, dann werden Sie mir Recht geben. Mein Nachbar Paul, zerreißt die Pappe an diesem Morgen akribisch und sehr konzentriert. Entfernt das Klebeband und das Adressetikett, um beides im Restmüll zu entsorgen, faltet den sperrigen Karton sorgfältig und schiebt ihn platzsparend in die hintere, rechte Ecke der Papiertonne. Paul ist an diesem Sonntagmorgen zutiefst gelangweilt und zugleich fest entschlossen, sich der Langweile nicht hinzugeben. In Bewegung bleiben. Etwas das geistig, nach nun zwölf Corona-Monaten in einem Ein-Personen-Haushalt schwierig wird, körperlich aber nach wie vor möglich ist. Wir alle, hier in meinem Haus, treffen uns mit ausgewählten, meist immer gleichen, Freunden – viel weniger als noch vor einem Jahr, aber immerhin. Wir hatten die Corona-Pause im Sommer als angenehm und wichtig empfunden, helfen uns gegenseitig mit den Kindern und genießen unsere Treppenhaus-Unterhaltungen, den Ratsch von Balkon zu Balkon und wissen, dass es nicht wenigen während der Pandemie weit schlechter als uns geht. Und doch – es beginnt anstrengend zu werden. Weniger wegen fehlender Fernreisen oder ausufernden Festen. Auch nicht wegen Masken oder rausgewachsenen Haarschnitten. Es sind die Kleinigkeiten, die uns jetzt nach einem Jahr mürbe machen. Ohne nachzudenken mehr als einen Freund einladen, sich beim Griechen ums Eck überraschen zu lassen, welche Nachbarn bereits im Garten sitzen und nicht zuletzt jene Freunde zu sehen, die dummerweise in einem Land wohnen, an dessen Grenzen wir vor einem Jahr kaum noch dachten. Nach einem Corona Jahr, das gut überstanden wurde, sich aber doch in den Knochen festgesetzt hat, zerkleinert man einen Karton dann so wie Paul. Inmitten der zweiten (oder dritten…wer weiß das schon) Welle, hat man die Muse es ordentlich zu machen.  Weiterlesen

Randnotiz

Der Nachbarsjunge ist in der ersten Klasse und für meinem Geschmack lernen die viel zu schnell lesen. Seit er alles, aber auch wirklich alles in meiner Wohnung entziffern kann, komme ich zunehmend in Erklärungsnot. Ginge es nach mir, sollten die mit Bruchrechnen beginnen. Das zu erklären ist leichter als die Geschichte hinter dieser Postkarte.

Zurück geblättert

Ich gehe ihm auf die Nerven. Obwohl er nichts sagt, merke ich es. Er atmet zu regelmäßig um entspannt zu sein – penetrant gleichmäßig und kontrolliert. Acht Mal atmet er langsam und tief ein und wieder aus. Dann eine kleine Pause. Danach der neunte Atemzug mit einem tieferen Einatmen und einem viel längeren Ausatmen. Dieser neunte Atemzug macht mich wahnsinnig. Mitzuzählen macht es nicht besser. Den ersten, der neunten Atemzüge empfand ich als übertrieben, den fünften als überflüssig und störend. Der achtzehnte, der neunten Atemzüge aber, der ist eine Frechheit. Ich sage nichts, atme nur selbst ein und aus. Einmal nur, aber das etwas zu tief und eine Spur zu laut. Zu laut für einen Nachmittag an dem  sich die Luft zum Schneiden dick anfühlt und wir beide ahnen, dass ein falsches Wort reicht, um uns verbal in die Luft zu jagen. In seinem Fall reicht ein Atemzug – meiner.

Man kann ein Notebook zuklappen, um es zu schießen und man kann ein Notebook so zuklappen, dass nach seinem Schließen unzählige Fragezeichen aufsteigen und in der Luft hängen bleiben. Dünnes Eis, sagt er und verwandelt eines der Fragezeichen in ein Ausrufezeichen. Dünnes Eis, Mimi, wiederholt er und mir fällt auf, dass er mich nur dann „Mimi“ nennt, wenn er vergisst, dass ihm große Emotionalität eigentlich nicht liegt oder er so angefressen ist, dass das Kosewort die deutlich unfreundlichere Bezeichnung, die ihm auf der Zunge liegt, überdecken muss. Weiterlesen

Gefundene Sätze #55

„So ein herrlicher sonniger Tag und ich soll gehen. Aber wieviele müssen heutzutage auf den Schlachtfeldern sterben, wieviel junges, hoffnungsvolles Leben…
Was liegt an meinem Tod, wenn durch unser Handeln tausende von Menschen aufgerüttelt und geweckt werden.“

Sophie Scholl (22.02.1943)

Sehend blind

Es gibt Menschen, die alle kennen, die jeder schon einmal gesehen und getroffen hat und die dennoch auf eine seltsame Art unsichtbar sind. Bei alten Menschen ist es häufig so. Ein jeder kennt sie, begegnet ihnen regelmäßig auf der Straße oder im Supermarkt und könnte dennoch nicht sagen, wer genau sie eigentlich sind. Sie verschwinden in der Masse namensloser alter Menschen, die immer da und doch kein Teil der Gemeinschaft mehr sind. Bei manchen von ihnen weiß man nicht einmal den Namen und stellt nach Jahren erschrocken fest, dass sie im eigenen Haus leben. Der oft zu flüchtige Blick gaukelt denen, die sie nicht mehr sehen vor, dass sie sich alle ähneln und kaum auseinander zu halten sind. Wenn man nicht mehr ins Gespräch kommt, dann wird es schwer einen Menschen zu beschreiben obwohl man ihn ständig sieht. Auch der, der mir erst letztes Jahr auffiel, ist nicht mehr jung. Die meisten kennen ihn und doch gehört auch er zu jenen Menschen, die auf eine seltsame Art unsichtbar sind. Trotz seiner immer gleichen und  immer etwas grellen Kleidung, fällt er nicht auf. Fast erscheint es unheimlich, dass ein Mensch, der aufgrund seines ungewöhnlichen Verhaltens so deutlich hervorstechen müsste, im alltäglichen Leben der meisten untergeht. Auch ich weiß erst, seit dem Lockdown, wo genau er wohnt – mir gegenüber. Erst jetzt, nachdem ich das erste Mal über ihn nachdachte, sehe ich ihn ständig und nehme seine Präsenz an allen Ecken und Enden war. Seit ich ihn sehe, ist mir seine Bedeutung klar geworden. Für mich ist er der Hausmeister unseres Viertels. Einer, den niemand bezahlt und einer, der von niemandem eingestellt wurde. Dennoch ist er genau das – unser Hausmeister. Weiterlesen

Brüste & Kaschmir

Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass ich mich einem guten Glas Wein selten verweigere, überwiegen die Abende an denen ich kein gefülltes Glas in der Hand halte. Ich trinke selten. Noch seltener kommt es vor, dass ich die Flasche Rotwein, die ich als Gastgeschenk überreichen wollte, gar nicht erst aus den Händen gebe, sondern mich nach Bussi rechts und Bussi links, direkt in die fremde Küche schleiche um dort selbst nach dem Korkenzieher zu suchen, weil es mir zu lange dauert, bis die Gastgeberin meinen Mantel aufgehängt hat. So etwas kommt wirklich nur dann vor, wenn man mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einem Treffen unter Freunden lockt und mir erst, wenn ich schon in der U-Bahn sitze, mitteilt, dass man gedenke sich – ganz wie in alten Zeiten – gemeinsam den Staffelauftakt von Germanys next Topmodel anzusehen. Wenn man mir so etwas an einem Donnerstagabend um halb acht mitteilt, dann muss man damit rechnen, dass ich a) bereue, mich nach über zehn Jahren wieder mit einer alten Freundin zu treffen; mich b) frage von welcher alten Zeit sie um Himmels Willen spricht und c) beschließe, dass dies einer der wenigen Abende sein wird, die ich nüchtern sicher nicht bestreiten werde. Weiterlesen

Februarort

Wäre ich jetzt an meinem Feburarort, dem echten, dann würde ich hören was ich auch jetzt höre. Drei Radiosender im Wechsel. Drei Sender, die ich zu Hause in München wenig hörte. Überhaupt hörte ich wenig Radio und wenn, dann nebenbei und nur selten bewusst. Seit letztem Jahr ist er mein ständiger Begleiter – der Radio, weil er in Bayern ein „er“ ist. Der Radio und der Butter, das müssen Sie so hinnehmen, alles andere klingt für mich so falsch, wie für Sie richtig. Der Radio läuft seit dem Lockdown vor bald einem Jahr. Anfangs auch nur um ein schönes Wochenende akustisch zu verlängern, denn oben auf unserer Hütte gehört er zur Geräuschkulisse und ist nicht wegzudenken. Draußen auf der Lichtung vor dem Haus hört man das Rauschen des Waldes, das Brummen und Summen der Insekten, das Knacken der Äste oder die lähmende, flirrende Stille eins Hochsommertages. Drinnen aber läuft der Radio. Das tat er schon immer. Wir alle, die wir oft oben sind, haben unsere Lieblingssender.  Ich zum Beispiel höre zum Aufstehen Bayern 1. Aktuelle Musik mit einem Hang zu den Achtzigern – angenehm vertraut, wenig überraschend und eine beruhigende Konstante bei Sommergewittern, beim Frösteln bis das Feuer im Ofen brennt oder beim Kochen, das dort oben viel länger dauert, weil nichts schnell gehen muss. Irgendwann dann Bayern 5, den Nachrichtensender, dem man nicht zu lange zuhören kann, weil sich die Neuigkeiten des Tages ständig wiederholen und recht schnell nicht mehr neu sondern abgehört sind. In Coronazeiten reicht eine Viertelstunde und man kennt die Neuinfektionen, weiß wie viele es in den Nachbarländern gab und seit einiger Zeit welches Land wie viele seiner Bewohner schon geimpft hat. Interessant, aber zu lange darf man sich nicht damit befassen, sonst schlägt es auf s Gemüt. Dazwischen Bayern 2 den Kultursender. Hier ein Hörspiel von Kafka, da eine Reportage über die Antarktis, dort ein aktueller Podcast und immer wieder Musik, aber meist nur ein einzelnes Stück.  Im Wald braucht man nicht viel und hat die Muse zuzuhören. Mit der Erinnerung an die drei Radiosender fuhr ich im Frühjahr zurück nach München. Der Lockdown begann und weil er sich unheimlich anfühlte, war es heimelig mit dem Radio, der hier wie dort klang. Morgens zum ersten Kaffee Bayern 1, kurz – nur ganz kurz – Bayern 5 und wenn es zu still wurde Bayern 2, das Geschichten erzählte. Grenzen schlossen sich und öffneten wieder, Normalität kam im Sommer zurück und verabschiedete sich im Winter – der Radio blieb und jetzt gehört er so zu mir, dass er mein Februarort geworden ist und ich mit geschlossenen Augen problemlos im Wald und zugleich auf meinem Sofa sein kann. Weiterlesen

Abgesagt :(

Lesungen betreffend beginnt das neue Jahr wie das alte endete….still. 
Der 15.03. ist zu knapp und zu unsicher, deshalb haben wir uns entschieden die Lesung zu verschieben. Ich freue mich schon heute auf die wunderbaren Gastgeber und das Publikum, das letztes Jahr fantastisch war. 

Drücken Sie mir die Daumen für den April. Neufahrn, Staffelsee, Bad Kohlgrub….es wäre so schön, wenn es wieder losgehen könnte.