Brüste & Kaschmir

Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass ich mich einem guten Glas Wein selten verweigere, überwiegen die Abende an denen ich kein gefülltes Glas in der Hand halte. Ich trinke selten. Noch seltener kommt es vor, dass ich die Flasche Rotwein, die ich als Gastgeschenk überreichen wollte, gar nicht erst aus den Händen gebe, sondern mich nach Bussi rechts und Bussi links, direkt in die fremde Küche schleiche um dort selbst nach dem Korkenzieher zu suchen, weil es mir zu lange dauert, bis die Gastgeberin meinen Mantel aufgehängt hat. So etwas kommt wirklich nur dann vor, wenn man mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einem Treffen unter Freunden lockt und mir erst, wenn ich schon in der U-Bahn sitze, mitteilt, dass man gedenke sich – ganz wie in alten Zeiten – gemeinsam den Staffelauftakt von Germanys next Topmodel anzusehen. Wenn man mir so etwas an einem Donnerstagabend um halb acht mitteilt, dann muss man damit rechnen, dass ich a) bereue, mich nach über zehn Jahren wieder mit einer alten Freundin zu treffen; mich b) frage von welcher alten Zeit sie um Himmels Willen spricht und c) beschließe, dass dies einer der wenigen Abende sein wird, die ich nüchtern sicher nicht bestreiten werde. Weiterlesen

Februarort

Wäre ich jetzt an meinem Feburarort, dem echten, dann würde ich hören was ich auch jetzt höre. Drei Radiosender im Wechsel. Drei Sender, die ich zu Hause in München wenig hörte. Überhaupt hörte ich wenig Radio und wenn, dann nebenbei und nur selten bewusst. Seit letztem Jahr ist er mein ständiger Begleiter – der Radio, weil er in Bayern ein „er“ ist. Der Radio und der Butter, das müssen Sie so hinnehmen, alles andere klingt für mich so falsch, wie für Sie richtig. Der Radio läuft seit dem Lockdown vor bald einem Jahr. Anfangs auch nur um ein schönes Wochenende akustisch zu verlängern, denn oben auf unserer Hütte gehört er zur Geräuschkulisse und ist nicht wegzudenken. Draußen auf der Lichtung vor dem Haus hört man das Rauschen des Waldes, das Brummen und Summen der Insekten, das Knacken der Äste oder die lähmende, flirrende Stille eins Hochsommertages. Drinnen aber läuft der Radio. Das tat er schon immer. Wir alle, die wir oft oben sind, haben unsere Lieblingssender.  Ich zum Beispiel höre zum Aufstehen Bayern 1. Aktuelle Musik mit einem Hang zu den Achtzigern – angenehm vertraut, wenig überraschend und eine beruhigende Konstante bei Sommergewittern, beim Frösteln bis das Feuer im Ofen brennt oder beim Kochen, das dort oben viel länger dauert, weil nichts schnell gehen muss. Irgendwann dann Bayern 5, den Nachrichtensender, dem man nicht zu lange zuhören kann, weil sich die Neuigkeiten des Tages ständig wiederholen und recht schnell nicht mehr neu sondern abgehört sind. In Coronazeiten reicht eine Viertelstunde und man kennt die Neuinfektionen, weiß wie viele es in den Nachbarländern gab und seit einiger Zeit welches Land wie viele seiner Bewohner schon geimpft hat. Interessant, aber zu lange darf man sich nicht damit befassen, sonst schlägt es auf s Gemüt. Dazwischen Bayern 2 den Kultursender. Hier ein Hörspiel von Kafka, da eine Reportage über die Antarktis, dort ein aktueller Podcast und immer wieder Musik, aber meist nur ein einzelnes Stück.  Im Wald braucht man nicht viel und hat die Muse zuzuhören. Mit der Erinnerung an die drei Radiosender fuhr ich im Frühjahr zurück nach München. Der Lockdown begann und weil er sich unheimlich anfühlte, war es heimelig mit dem Radio, der hier wie dort klang. Morgens zum ersten Kaffee Bayern 1, kurz – nur ganz kurz – Bayern 5 und wenn es zu still wurde Bayern 2, das Geschichten erzählte. Grenzen schlossen sich und öffneten wieder, Normalität kam im Sommer zurück und verabschiedete sich im Winter – der Radio blieb und jetzt gehört er so zu mir, dass er mein Februarort geworden ist und ich mit geschlossenen Augen problemlos im Wald und zugleich auf meinem Sofa sein kann. Weiterlesen

Corona Homeoffice XXVIII

Der Lockdown wird Spuren hinterlassen, sagte kürzlich meine Freundin und ich stimme ihr zu. Irgendwann, wenn das alles schon lange vorbei ist, werden sich meine Nachbarin noch immer an die komische Frau erinnern, die stundenlang am Fenster stand. In der Küche, im Schlafzimmer und im Wohnzimmer. Seltsam werden sie mich noch Jahre später nennen und anderen, neu Zugezogenen erzählen, dass ich die bin, die in fremde Fenster blickt. Dabei ist das Quatsch.

Dank der Spiegelung sehe ich tagsüber gar nicht in die Wohnungen. Und ich versuche es auch gar nicht. Ich stehe nur oft am Fenster. Seit etwa einem Jahr und das auch nur, weil es meinem Rücken besser tut, stehend mit Headset zu telefonieren. Es sind Kundengespräche und bei denen muss man oft zuhören und das geht am Fenster besser. Glauben wird mir das keiner. Vielleicht ist es aber auch egal. Seit es auch in München wieder schneit, geht der Pokal „der seltsamen Frau“ in meinem Viertel nicht mehr an mich. Seit zwei Tagen spaziert sie vormittags und nachmittags durch die Straße und bleibt vor jedem dunklen Auto stehen. Sie ist gut angezogen, mittelalt und wirkt vom Fenster aus betrachtet sehr normal. Nur dass sie auf jede Motorhaube „Loser“ schreibt und etwa jede dritte mit einem Penis oder wahlweise einem Herz verziert, das ist dann doch seltsam. Bestimmt hat sie einen Grund. Im Zweifel ist es der Lockdown. Der macht uns doch alle ein wenig kirre. 

Halten Sie den Kopf oben und lächeln Sie. Das mach ich am Fenster stehend auch (gut für Rücken und Stimmung)

Ganz anders gleich

An manchen Tagen und in manchen Momenten ist man an einem Ort und spürt zur gleichen Zeit unzählige andere Orte. Weiß genau, wie sie sich jetzt, um diese Stunde anfühlen, kennt ihren Geruch, ihre Geräusche und ahnt, dass der Moment nur wenige Schlucke Kaffee lang dauern wird. Es ist früh und hier auf meinem Balkon ist es, obwohl kühl, auch ungewöhnlich mild für einen Morgen so früh im Jahr. Kein Frösteln, aber die Kühle der Nacht ist noch deutlich spürbar. Genau so fühlten sich die ganzen frühen Morgenstunden in Verona an. Gegen sechs Uhr morgens war die Stadt dank der Nacht endlich ein wenig abgefrischt und im Frühjahr und Herbst spürte man die Kühle angenehm an den nackten Beinen. Ich mochte diesen Moment  von allen Tageszeiten am liebsten und saß oft auf einer Bank nahe der Arena, diesem Jahrtausende alten Steinbau, während die Stadt langsam erwachte. Zu dieser Tageszeit sah man nur wenige Menschen über die Piazza laufen und hörte meist nur den Besen der Straßenkehrer. Seltsamerweise fühlte sich der Morgen damals genauso an, wie der heute auf meinem Balkon. Verschiedene Jahreszeiten, verschiedene Leben, in einem dicken Pullover eingekuschelt heute, in einem lockeren Kleid mit flachen Sandalen damals, aber ein gleiches Gefühl. Wolken, wie sie nur frühmorgens zu sehen sind und Wolken, die nach einem schönen Tag schmecken und riechen. Weiterlesen

Randnotiz

Die Tage werden länger. Ich sage Ihnen das nur, falls Sie nicht über so fürsorgliche Nachbarn wie ich verfügen, die Ihnen diese Info schriftlich in den Briefkasten werfen. Teile meiner Nachbarschaft kümmern sich aufopfernd um mich und teilen mir selbst so banales und offensichtliches mit. Obwohl ich vermute, dass der Hinweis auf die länger werdenden Tage ein Wink mit dem Zaunpfahl ist und übersetzt: „Ey Blondie, Weihnachten ist vorbei“ bedeutet und sich auf meine überaus dezente, nicht blinkende und einfarbige Lichterkette am Balkon bezieht, habe ich mich gefreut. 

Es stimmt – die Tage werden länger. Endlich. Noch ein, zwei Wochen dann riecht es das erste Mal nach Frühling und dann, erst dann, wird die Lichterkette abgenommen. Im Frühling wäre sie auch wirklich albern. 

 

Aufgetragen

In meinem ganzen Leben war ich vermutlich nur ein Mal lang so selbstbewusst, so über den Dingen stehend und so wenig Mainstream wie ich es mir vorher und später oft gewünscht habe. Es waren jene neun Monate in denen ich als Sechzehnjährige ausschließlich zwei Oberteile getragen habe. Ein enganliegendes Shirt mit kurzen Ärmeln aus schwarzem Samtimitat und ohne jeden Schnickschnack und ein als Skiunterwäsche deklariertes dünnstoffiges, freigeripptes hellblaues Unterhemd mit einem feinen roten Streifen über die Brust. Letzteres gehörte meinem Vater, wurde von mir einem Impuls folgend vom Wäscheständer genommen und noch feucht zu meinem Eigentum erklärt.  Dazu zwei Paar Jeans in einem Stadium zwischen perfekt eingetragen (meine Definition) und reif für die Tonne (Aussage meiner Mutter), sowie lachsfarbenen Chucks die ich, soweit ich mich erinnern kann, nur im Bett auszog. Chucks mit denen man aufgrund unzähliger Glasscherben durch die Isar stapfen konnte, die problemlos an den Füßen trockneten und die ich mehrmals aus dem Müll retten musste, weil Eltern nur selten die Bedeutung perfekter Turnschuhe zu schätzen wissen. Auf wenigen Fotos meiner Teenagerzeit finde ich mich hübscher als damals. Ungeschminkt, die langen Haare immer etwas zerzaust und recht zuversichtlich die nächsten sechzig bis siebzig Jahre erwartend. Wenig ist vom Teenager jener Tage geblieben. Das Unterhemd aber, das gibt es noch. Weiterlesen

Januarort

Am 6. Januar wäre meine Großmutter 107 Jahre alt geworden. Obwohl sie sich anstrengte und ich insgeheim der festen Überzeugung war, dass sie die 100 locker schaffen würde, kam es nicht dazu. Leider, denn ich vermisse sie noch heute und hätte ihr gerne das ein oder andere erzählt. Auch zugehört hätte ich ihr sehr gerne noch einige Jahre mehr. Am liebsten aber, würde ich noch einmal im Winter auf dem Kanapee ihres kleinen Zimmers sitzen und gar nichts machen – bei ihr war es leicht. Nichts zu machen, ist eigentlich nämlich gar nicht leicht. Ganz im Gegenteil, nichts zu machen erfordert ein angeborenes Talent, jahrelange Übung oder einen Ort, der es einem ermöglicht einfach nur zu sein. Weiterlesen

Geschichtsträchtig

Schön, oder? Frage ich Herrn Mu an der Bushaltestelle und deute auf die sanft fallenden Schneeflocken. Herr Mu schüttelt den Kopf und ich muss ihm genauer als sonst in die Augen zu sehen um dort das Grinsen zu entdecken, das ohne FFP2 Maske die Hälfte seines Gesichtes eingenommen hätte. Na, recht greißlig ist es, meint er und dann, dass Schnee in der Stadt eigentlich nie schön sei, weil man ihn der Gelegenheit beraube die Scheußlichkeit der betonierten Straße zu überdecken. Das stimmt und dennoch gefallen mir die dicken Flocken die es vom Himmel schneit. Wenn sie sich anstrengen, dann bleiben sie auch auf der Straße liegen. Unser Viertel gehört zu jenen in denen der Schneepflug immer zuletzt vorbei kommt. Das ist greißlig, wenn man alt und wacklig auf den Beinen ist, aber ziemlich schön, wenn man gerne durch verschneite Straßen läuft. Ich verbringe meine Mittagspause bei Herrn Mu an der Bushaltestelle. Seit so viele im Homeoffice sind, fehlt es ihm dort an Gesprächspartnern und mir an Geschichten aus Bus und Bahn.  Weiterlesen

Corona Homeoffice XXVI

Nach einem guten dreiviertel Jahr sollte man sich an Homeoffice gewöhnt haben. Hab ich – erzähle ich meinen Vorgesetzten und Kollegen und beruhige sie fast täglich. Ich hab alles im Griff. Der Laden läuft. Das tut er ohne Frage, aber vielleicht läuft er mittlerweile etwas zu gut. Heute ist Sonntag wie ich gerade feststellte, als ich eine Packung Nudeln kaufen wollte und vor dem verschlossenen Supermarkt mein Handy konsultierte um dem Grund auf die Spur zu kommen. Ich war überzeugt davon, dass heute bereits Montag ist. Dank dem Lockdown ist momentan an einem Montag so wenig auf der Straße los, dass man einen Sonntag mittlerweile nicht mehr an der Geräuschkulisse erkennt. Auch das Toben der Nachbarskinder ist kein Indiz. Die toben dank Homeschooling an einem Montag mit der gleichen Intensität wie an einem Sonntag oder Samstag. Man hört den Tagen einfach nicht mehr an, an welcher Stelle der Woche sie stehen. Unnötig zu erwähnen, dass die ganzen Feiertage (Bayern hatte am 06.01. noch einen extra) ebenfalls dazu führten, dass eine durchgängige Fünf-Tage-Woche sich fast schon exotisch anfühlt. Weiterlesen

Zwischen den Jahren

„Wenn die stille Zeit vorbei ist, wird es auch wieder ruhiger“, sagte Karl Valentin und ich wünschte er hätte recht. Nach einer so stillen Adventszeit wie der meinen, brauche ich Zeit um mich im neuen Jahr zu akklimatisieren. Mit etwas Glück werde ich 2021 wieder mehr soziale Kontakte haben. Das ist gut, aber daran muss ich mich erst wieder gewöhnen. Was ich am dritten Tag des noch jungen Jahres gar nicht gebrauchen kann, ist das wilde durcheinander Geplapper von Menschen. Menschen, die mir im Waschkeller gegenüber stehen und Menschen, die anscheinend wirklich viel zu sagen haben. Noch schlimmer, Menschen die auch noch eine Antwort wollen. Mein Nachbar Paul und seine aktuelle Freundin jedenfalls, scheinen genau darauf zu warten. Ich nickte schief lächelnd und hoffe das es reicht. Tut es nicht, denn beide blicken mich weiter abwartend an. Dann eben ehrlich. Ich sage ihnen, dass mich so ein Wortschwall im noch frischen Jahr wirklich überfordert und mir das heute gerade alles ein wenig zu früh ist. Paul verzieht die Stirn und teilt mir mit, dass es bereits nach elf Uhr sei. Kein Rhythmus mehr, murmle ich und stupse ihn mit der Hüfte zur Seite um an den Trockner zu gelangen und schiebe ein „geh weg“ hinterher. Er lacht, seine Freundin nicht. Die geht und bevor Paul ihr nachläuft, erkundigt er sich, seit wann ein gutes neues Jahr zu wünschen, zum Wortschwall wurde. Seit 2020 sage ich und er grinst sein Rhett Butler Grinsen, dass mich aus Gründen, die ich nicht auf den Dezember schieben kann überfordert. Weiterlesen