Pizza Diavolo für das Kind (Archiv 2016)

Sind Sie Eltern von Kleinkinder im Krabbelalter oder darunter? Spielen Sie mit dem Gedanken Ihr Goldstück am Wochenende erstmals einem kinderlosen Babysitter zu überlassen? Vielleicht sollten Sie diesen Text dann nicht lesen. Es ist besser, Sie heben sich den Beitrag auf, bis Ihr Kind ein robustes Alter von etwa 25 Jahren erreicht hat. Rückblickend können Sie sich dann für Ihren Mut auf die Schulter klopfen. So wie meine furchtlosen Schwestern, denen ich die Details dieses Erfahrungsberichtes erst heute zumute.Die jüngere meiner großen Schwestern, sorgte als erste in unserer Familie für Nachwuchs. Knapp über zwanzig machte sie mich zur Tante aus Leidenschaft. Damals war ich überzeugt davon, dass ein wenig gesunder Menschenverstand und die bedingungslose Liebe zu einem Kind völlig ausreichen würden, um als Babysitter die erste Wahl zu sein. Meine Schwestern würden beim Thema Verstand vermutlich gerne Veto einlegen, können es aber nicht, da sie mich freiwillig als Babysitter für ihren Nachwuchs akzeptierten. Weiterlesen

Saublöde Idee

Eine Scheißidee sei es gewesen, brülle ich in mein Handy, als es das vierte Mal binnen einer halben Stunde klingelt. Eine richtige Scheißidee – Ausrufezeichen, schieße ich verbal hinterher, bevor ich das Telefon in meine Handtasche werfe und auf allen Vieren versuche eines der vier Räder meines Trollys aus der Ritze des Gullis zu befreien. Die Sprache wechselnd, aber mit identischem Tonfall, brülle ich Sekunden später in Richtung eines Autos, dass ich die Straßenmitte sehr gerne verlassen würde – aber nicht ohne meinen Koffer. Fünf Minuten später entschuldige ich mich bei dem Autofahrer für meinen Tonfall und rechne ihm hoch an, dass dieser ihn lachend ignoriert hat, ausgestiegen war und das Rad meines Koffers aus der mistigen Gulliritze gezogen hat. Eine weitere Entschuldigung erfolgt fernmündlich, bei jenem Anrufer, der das Pech hatte mich kurz vor einem Hitzschlag zu fragen, ob er sich gelohnt hat – mein 36 Stunden Italienbesuch. Ja, hat es. Nur die letzte Stunde war scheiße. Aber da war ich selbst Schuld. Weiterlesen

Ein Elefant auf dem Schuttberg (Archiv 2016)

In München entstanden nach dem zweiten Weltkrieg zwei Trümmerberge, die meistens der große und der kleine Schuttberg genannt werden.  Obwohl es in München einige Hügel gibt ist der große Schuttberg eine der höchsten Erhebungen in der Stadt. Weil er nicht nur hoch sondern auch hübsch, und seit dem U-Bahn Bau zur Olympiade noch mal zehn Meter höher ist, nennt man ihn jetzt Olympiaberg. Beide Hügel waren nicht weit von der Wohnung meiner Großtante in Schwabing entfernt.
Als Kind stellte ich mir die beiden Schuttberge als etwas ganz besonderes vor. Obwohl man mir erzählte, dass sich darunter die Trümmer der Nachkriegszeit verbargen, dachte ich nie an die zerbombten Überreste der Stadt. Ich stellte mir vielmehr vor, dass sich darunter die Habseligkeiten derer, die nicht mehr waren, befanden. Unzählige Möbel, alltägliche Gebrauchsgestände und viele Erinnerungsstücke vermutete ich zwischen den Mauerresten. In meiner Vorstellung lagen ganze Wohnungen und Häuser unter den grasbewachsenen Hängen des Olympiaberges verborgen. Und nur aus Gründen der Pietät, weil das alles ja einmal anderen Menschen gehört hatte, gruben die neugierigen Nachkommen nicht wieder alles aus. Besonders hübsch fand ich das kleine Gipfelkreuz ganz oben. Es hat mich nie gewundert, dass der Hügel auch einen Gipfel hatte. Durch die Nähe zu den Bergen mit Gipfelkreuzen vertraut, erschien es mir nur schlüssig, dass auch hier ein Kreuz war. Mehr als beschämt, registrierte ich erst mit Anfang zwanzig, dass es sich dabei um eine Gedenkstätte der Opfer des zweiten Weltkrieges handelte. Die eigene Dummheit und Ignoranz lässt mich rückwirkend noch manchmal erschauern, wenn ich abends im Sonnenuntergang dort oben sitze. Weiterlesen

Spontan entschieden (Archiv 2016)

Wichtige Entscheidungen treffe ich gerne spontan, aus dem Bauch heraus und unter Missachtung jeglicher Aspekte der Vernunft. Nicht alle. Aber etwa ein Drittel der wichtigen Entscheidungen wird von mir ohne vorheriges Nachdenken getroffen. Mit siebzehn zum Beispiel beschloss ich, dass ein ganz bestimmter Mann mein zukünftiger Seelenverwandter werden würde, obwohl ich noch kein Wort mit ihm gesprochen hatte. Drei kleine Muttermale auf der linken Wange erinnerten mich an den Gürtel Orions und waren mir Zeichen genug. Mir ein sonnig gelegenes Grab unter den Nagel zu reißen, war eine ebenso spontane Entscheidung, wie die, mir den Mann mit Orions Gürtel auf der Wange zu schnappen. Beide waren zum Zeitpunkt der jeweiligen Entschlussfassungen noch belegt. Der Mann hatte seine damalige Freundin noch nachts neben sich liegen und im Grab lagen zwei Verstorbene. Weiterlesen

Franz hat jetzt weiche Hände – U-Bahn Gedanken. (Archiv 2016)

Wenn es richtig ist, dass sich „Sie Arschloch“ schwerer sagt, als „Du Arschloch“, dann möchte ich nach der heutigen U-Bahnfahrt einigen Paaren die Rückkehr zur formellen Distanz ans Herz legen. Dem Paar hinter mir ist es wahrscheinlich egal, was ich denke. Mehr noch. Wenn ihnen schon scheißegal ist, was der Ehepartner denkt, dann dürfte ihnen meine Meinung zu ihrem lautstarken Streit vermutlich gleich doppelt scheißegal sein. Mir wäre es auch egal, würde ich nicht direkt neben ihnen stehen und mir ihre Fäkalsprachlichen Ausgeburten nicht so ungefiltert um die Ohren fliegen. Weiterlesen

Auf den Spuren der Henkertochter

Wissen Sie was im Zusammenhang mit mir bzw. meiner Art zu schreiben mit „Passiv-Konstruktionen“ gemeint sein könnte? Ich fürchte Sie ahnen es. 

Im wunderbaren kleinen Büchlein von Oliver Pötzsch an dem ich im Frühjahr diesen Jahres mitarbeiten durfte, sind sie aber nicht mehr zu finden. Oder nur ganz wenig. Es ist ja kein Mitzi-Buch, sondern ein Pötzsch-Buch. Genauer ein Reiseführer zu den Orten der Romane von Oliver Pötzsch. „Auf den Spuren der Henkerstochter“ konnte ich letzten Freitag bei der Premiere im Münchner Hofspielhaus endlich in Händen halten und durchblättern – toll ist es geworden. 

Künftig werde ich mich übrigens darum bemühen an den Büchern von Kollegen mitzuarbeiten. Nur so ein kleines bisschen. Zum einen, weil es Spaß macht, aber hauptsächlich – unter uns gesagt – weil die Lesungen dann um einiges entspannter sind. Ich lehne mich gemütlich zurück, hab einen Aperitif in der Hand, knappere an einem belegten Brötchen (Semmel, für die Münchner) und kann mich in der Pause mit meiner Begleitung unterhalten. Herrlich.

Und nur fürs Protokoll – ich selbst würde mich nicht als Kollegin eines so erfolgreichen und talentierten Schriftstellers bezeichnen. Da er mich netterweise aber so im Vorwort bezeichnet habe, mache ich es hier doch.
Merken Sie was? Bei Oliver werde ich tatsächlich schüchtern, wenn ich mich selbst als Schriftstellerin bezeichnen soll. Sogar meine sonst so große Klappe wird etwas ruhiger. Wegen des Aperitifs und des belegten Brötchens, sagt meine Begleitung und hat wahrscheinlich recht. 

Kommen Sie gut durch den August. Mein Kopf ist noch etwas leer, aber es wird – meinen Nachbarn sei dank.

 

Drei Schwestern (aus dem Archiv)

Sonntage eignen sich gut um Denkmäler zu setzen. Zwischen all den sich ähnelnden Tagen, hat sich der Sonntag noch etwas mehr Ruhe und mancherorts auch Würde und Feierlichkeit bewahrt. Wahrscheinlich eignet er sich auch hervorragend, um an den steinernen und starren Sockeln einiger Denkmäler zu kratzen oder sie gleich zum Einsturz zu bringen. Meine Tante Mitzi, der ich heute ein kleines Denkmal setzen möchte, die hat nichts und niemand zum Einsturz gebracht. Man hätte schon gewaltig Anlauf nehmen müssen, um diese prächtige und imposante Frau ins Wanken zu bringen. Weiterlesen

Bitte…(sprechen Sie das Wort in der gewünschten Emotion aus)

Robbie Williams und ich pflegten über lange Jahre ein sehr innige, fast schon intime Beziehung. Zugegeben, sie war etwas einseitig. Aber meine Leidenschaft reichte locker für uns beide. Zum Leidwesen meines damaligen Freundes, der an meinem Verstand zu zweifeln begann, als ich mich in den Tiefen des Internets auf die Suche nach einem 1,85 m großen Pappaufsteller dieses Mannes begab. (Das dieser nicht für unser Schlafzimmer bestimmt war und letztendlich der Grund ist, dass ich heute hier schreibe können Sie  hier nachlesen.) An den Rand der Verzweiflung getrieben habe ich ihn aber erst, als meine bisher geheim gehaltene Leidenschaft in über 250 Kinos weltweit öffentlich gemacht wurde. Während dieser Zeit lernte ich ein faszinierendes Talent meines Freundes kennen. Er schaffte es, in das kleine Wort „bitte“ mehr Emotionen einfließen zu lassen, als in den kompletten sieben Jahren unserer Beziehung. Weiterlesen

Zettelwirtschaft in Büchern (Archiv 2016)

Die kleine Karte ist unscheinbar. Kaum größer als ein Post it. Im Laufe der Jahre ist das rosa Papier dünn und grau geworden. Obwohl ich sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr in der Hand hatte, erkenne ich sie sofort wieder. Sie liegt jetzt auf dem Boden vor meinen Füßen und ist aus Milan Kunderas Buch „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gefallen. Sofort schießen mir die Tränen in die Augen, weil es mir unmöglich ist, nicht an Karenin, den sterbenden Hund im Buch, zu denken. Die Erinnerung an Karenin verschwindet schnell, die Tränen bleiben. Wegen der Karte. Weiterlesen