Mein Bereich. MEINER!

Das Zusammenleben mit einem anderen Menschen erfordert einen gewissen Grad an Kompromissbereitschaft. Selbst dann, wenn sich das Zusammenleben nur auf Tage oder Wochen bezieht. Ich selbst bin ein sehr kompromissbereiter Mensch – solange ich meinen eigenen Bereich habe. Sich Bad und Küche zu teilen ist kein Problem, solange sich niemand erdreistet seinen Haargummi auf MEIN Ablagebrett zu legen oder MEIN gefaltetes Geschirrtuch zu verschieben, auf dem MEIN in Benutzung befindliches Glas abgestellt ist. Im Urlaub bin ich recht unkompliziert. Zwar wäre es mir am liebsten, auf dem Balkontisch mit Kreide mittig eine Linie zu ziehen, damit wir jeder unseren Bereich haben, aber das ist natürlich albern. Es reicht völlig, die Seiten am ersten Ferientag einmalig festzulegen. Vielleicht bin ich da tatsächlich etwas pingelig, aber ich glaube, dass es kaum einer meiner Freundinnen auffällt, wenn ich ihre Kopfhörer, Gläser oder Bücher im dreißig Minuten Rhythmus unauffällig über die imaginäre Linie des Tisches in den richtigen (IHREN) Bereich schiebe. Möglicherweise auch im zehn Minuten Rhythmus, aber das nur Anfangs, da ich im Laufe der Tage meist eh mit Kerzen, Salz- und Pfefferstreuer und Obstschalen ein kleines Mäuerchen baue. Neurotisch oder zwanghaft ist das übrigens nicht. Das behauptete nur eine und die ist abgereist, bevor ich mich erklären konnte.

Vor Jahren vermutete eine, neu in den Freundeskreis dazu gestoßene Freundin, dass ich wohl mit vielen Geschwistern aufgewachsen bin und daher als Erwachsener um meinen eigenen Platz kämpfe. Bin ich nicht. Ich bin Einzelkind und hatte immer mein eigenes Zimmer. Und um Raum kämpfe ich nun wirklich nicht. Im Gegenteil – ich bin richtig gut darin mich unsichtbar zu machen. Nehme schlafe auf Reisen in Gruppen gerne auf dem Sofa, überlasse die Schlafzimmer anderen und brauche keinen Schrank, wenn sie knapp werden. Dann lebe ich aus dem Koffer, den ich unauffällig unter das Sofa schiebe, damit er nicht stört. Gar kein Problem, solange mir niemand 30 festgelegte Zentimeter auf einem Fensterbrett streitig macht. Auch bei besagtem, als Beispiel genannten Tisch, würde mir ein Viertel reichen – aber auf dem, darf dann bitte nix, aber auch gar nix fremdes liegen.

Der Mediziner an meiner Seite bestätigt mich übrigens in meiner Vermutung, dass ich nicht neurotisch bin. Er erkennt in meinem Verhalten weder emotionale Instabilität, Ängstlichkeit oder Zwänge, die tief in meiner Vergangenheit verwurzelt sind. Auf irritierte Nachfragen im Freundeskreis reagiert er entspannt, indem er erklärt, sie (ich) läuft halt nicht ganz rund. Ähnliche Aussagen trifft er übrigens bei allen emotionalen oder körperlichen Zipperlein, die nicht zu bleibenden Schäden führen und wegen denen er im Freundeskreis konsultiert wird. Ich glaube, wenn er als Hausarzt arbeiten würde, bekäme man recht leicht einen Termin bei ihm. Aber ich lege ja auch wirklich kein zwanghaftes Verhalten an den Tag.

Zwang klingt so negativ und ich treffe meine Entscheidungen ja ganz bewusst. Von November bis Ende Januar zum Beispiel kann ich samstags und sonntags zwischen 09:30 Uhr und 12:00 Uhr bei gutem Wetter keine Verabredungen annehmen. Da wandert die Sonne über mein Sofa und die ist mir im Winter heilig – da liege und sitze ich dann und rutsche der Sonne folgend über mein Ecksofa. Natürlich kann man mich dann trotzdem besuchen. Ich teile die Sonnenbeschienen Stellen auch. Aber man muss bereits sein alle Viertelstunde ein Stück weiter zu rutschen und der letzte Sonnenfleck kurz vor zwölf, denn hätte gerne ich, weil ich im Winter immer friere. Gäste bekommen dafür natürlich eine Decke angeboten. Oder frieren wahrscheinlich eh nicht. Bei meinem Kältempfinden laufe ich nämlich nicht ganz rund. Für meine Freunde ist das in Ordnung – das nicht ganz rundlaufen. Sie haben sich daran gewöhnt. Nur neue Menschen in meinem Umfeld scheine ich manchmal zu irritieren.

Das letzte Wochenende verbrachten meine Freunde und ich in einem Ferienhaus. Mit dabei ein neuer Partner, der sich intensiv mit psychologischen Themen beschäftigt (nicht beruflich, aus Interesse). Etwas zu viel für meinen Geschmack, aber wer bin ich, die Interessen anderer zu beurteilen. Das von mir in Beschlag genommene Fensterbrett faszinierte ihn, ab dem Moment, in dem meine Freunde ihm erklärten, dass er dort besser nicht ablegte. Mich faszinierte seine Faszination und ich begann, alles, was dort an langweiligem Kram (MEIN Kram) rumlag stündlich neu sortiert. Das mache ich sonst nie, aber er fand das (Zitat) „echt interessant“ und man sollte seinen Mitmenschen ja kleine Freuden bereiten und sie beschäftigen. Mein ganz persönlicher Mitmensch fand das auch interessant oder amüsant. Ich vermute, dass der mit Rasierschaum gefüllte und mit einem Würfel garnierte Eierbecher von ihm dort hingestellt wurde. Ausnahmsweise war das ok. Bezüglich schrägen (schlechten) Humors, laufen wir nämlich beide nicht ganz rund.

5 Gedanken zu “Mein Bereich. MEINER!

  1. Team „In meinen Bereich gehört nur mein Zeug“! Deswegen laufen wir doch noch lange nicht unrund, liebe Mitzi. Vorsichtshalber halte ich mir aber keinen eigenen Mediziner, der das bestätigen oder dementieren könnte. Schon gar keinen, der seine Scherze in MEINEM Bereich treibt.

    War wieder schön zu lesen, danke.

    Like

  2. Der Rundlauf ist eine wichtige Diagnose, nicht nur für Fahrradmechaniker. Denn Menschen, die völlig rundlaufen, erzeugen bekanntlich wenig Widerstand und rollen so umher, sogar auf die eigene Bett- oder Tischseite. Während Menschen mit Ecken und Kanten oft an leichtfertig und unachtsam aufgestellten Hindernissen verhängen, Vasen und volle Krüge vom Tisch reißen, weshalb eine sorgsame Bereichseinteilung Sinn macht.

    Gefällt 1 Person

  3. Für manche Menschen gibt es nur zwei Jahreszeiten- den Zukalt, auf den sofort der Zuwarm folgt. Meine Herzallerliebste gehört dazu. Im Zukalt schläft sie aber trotzdem mit offenem Fenster, sonst wirds zu warm. Ok. Soviel zum Thema rund laufen.

    Like

  4. 😂 Klingt wirklich ganz entspannt und kein bisschen neurotisch oder zwanghaft. So eine unrunde, weil exakt gerade gedachte Mittellinie am Tisch muss ja wohl für alle als unübertretbate Grenze klar erkennbar sein, tz!

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu finbarsgift Antwort abbrechen