Unangenehm

Ab und an darf ich meine Geschichten, die ich hier veröffentliche, vor Publikum lesen. Das ist wunderschön. Besonders schön ist es, ein bis zwei Wochen vor einem Termin, die Geschichten rauszusuchen, die ich lesen werde. Manchmal gibt es ein vorgegebenes Thema, manchmal lese ich aus einem bestimmten Buch und manchmal bin ich völlig frei und kann mir selbst überlegen, was wohl zusammenpasst. Nach nun fast zehn Jahren, habe ich einen kleinen dreistelligen Vorrat an ausgedruckten Erzählungen, die ich immer wieder neu zusammenstellen. Die liebsten meiner Geschichten, sind fast immer dabei. Das sind die, die ich eigentlich gar nicht mehr lese, sondern erzähle. Andere, die nicht so oft gelesen werden, muss ich vorbereiten. Ich lese sie ausgedruckt in großer Schrift auf Blättern mir selbst mindestens fünf mal laut vor und merke dann, wo ein Satz holpert oder wo ich mich auch beim fünften Mal noch verspreche. Dann passe ich sie an.

Immer handschriftlich mit Bleistift und Textmarker. Nach der Lesung verbessere ich meistens noch etwas. Diesmal mit Kugelschreiber, weil ich dann ja weiß was oder was nicht funktioniert. Die Blätter in meinen Mappen sehen chaotisch aus, aber das täuscht, denn das vermeintliche Geschschmiere funktioniert besser als einer neuer Druck. Dabei beruhigt mich, dass die Skripte anderer Autoren, mit denen ich schon gelesen habe, ganz ähnlich aussehen.
Das gelesene unterscheidet sich ein bisschen vom geschriebenen. In den Büchern weniger, denn da ist man seine Texte Jahrhunderte Male durchgegangen, bevor man sie veröffentlicht. (Das gilt nicht für meine ersten beiden Bücher, denen hätte das gut getan, aber beim Dritten habe ich dazu gelernt.) aber auch da zum Beispiel bei Nix mit Amore, ist das Buch mittlerweile reichlich zerfleddert und auch bei den Kapiteln, aus denen ich lese, ganze Absätze durchgestrichen. Das sind die, die ich bei einer Lesung lieber erzähle, oder das, was ich weglasse, weil man es in einer Stunde schlicht nicht unterbringt. Passagen, die wichtig sind, egal ob aus Kurzgeschichten oder Büchern werden mit dem Textmarker betont und auch nach all den Jahren, erinnere ich mich mit dicken schwarzen Strichen nach einem Absatz daran, zweimal durchzuatmen, bevor ich weiterlese. Ich kenne ja den Inhalt, aber die die zuhören, brauchen ein bisschen Zeit um mitzukommen. Ich glaube auch, dass ich langsamer und deutlicher lese und erzähle, wenn ich den Blick in ein bearbeitete Skript werfen kann. Irgendwas in meinem Kopf erinnert sich daran, dass die grüne oder lila Stelle genau die war, wo es zum Beispiel wunderbar gepasst hat, dem Publikum eine Frage zu stellen.
Von all meinen Lesungen habe ich mir die einzelnen Ausdruck und Skripte aufgehoben. Mittlerweile stelle ich mir aus diesen so chaotisch anmutenden Klarsicht Folien die neuen Lesungen zusammen. Manche Mappen haben dabei einen fast identischen Inhalt – die von „Nix mit Amore“. Die Lesung ist mir von allen die liebste, hauptsächlich, weil ich mich am Ende bei ihr am wohlsten und sichersten gefühlt habe. Ich hab sie im Rahmen von Dinner Lesungen gehalten mit verschiedensten Musikern, die das begleitet haben alleine mit Pausen und ohne Pausen. Bei „Nix mit Amore“, da geht nichts mehr schief.

Dachte ich. Bis gestern Abend. Aus vielen Gründen habe ich aus diesem Buch eine ganze Weile nicht mehr gelesen. Letztes Jahr gar nicht und im Jahr davor hab ich ganz oft mit dem wunderbaren Moses Wolff gelesen oder Geschichten aus den anderen Büchern und dem Blog erzählt. Aus „Nix mit Amore“ habe ich tatsächlich das letzte Mal 2023 gelesen. Das bedeudet, ich muss mich richtig vorbereiten.
Kein Problem. Ich habe ja mein Skript mit so vielen Anpassungen und Hilfestellungen, dass ich mich entspannt auf die Lesung vorbereiten kann. Ohne Bleistift ohne Kugelschreiber ohne Textmarker, denn das alles habe ich ja schon in den vergangenen Lesungen aus diesem Buch gemacht. Das Grundgerüst steht. Ich werde sie mir einfach selbst ein paarmal halten dann passt es. Nicht unbedingt den gelesenen Teil, der ist einfach, aber das erzählen dazwischen, das muss wieder etwas flüssiger sein. Ich übe es, in dem ich, von außen betrachtet, vermutlich wie ein Idiot, durch das Wohnzimmer auf und ab gehe und einem imaginären Publikum mein Abenteuer erzähle.

Ich habe meine ganzen Skripte jetzt vom Schreibtisch auf den Wohnzimmertisch geschleppt. Der ist 200×100 cm groß und diesen Platz brauche ich, um das Nix mit Amores Skript zu finden, das die Endversion meiner Lesung enthält. Ich habe fünf Stück, die in die engere Auswahl gekommen sind, weil ich mich ums verrecken nicht mehr erinnern kann, welche die finale Version ist. Es kann gut sein, dass es das ist, wo ich mit Petra Lewi gemeinsam gelesen habe und dass ich danach mehrfach kopiert und immer wieder neu bearbeitet habe. Aber sicher bin ich mir nicht. Die letzten Korrekturen und Feinheiten waren so klein und winzig, dass ich keine Ahnung habe, wie ich rausfinden soll, welcher der Ausdrucke der richtige ist.

Anstatt Ihnen von meiner Misere zu erzählen, sollte ich mich daran machen, es schleunigst herauszufinden. Und dazwischen werde ich mich immer fragen, warum ich Volltrottel, letztes Jahr im Sommer, die Mappen schön nach Datum geordnet habe und dabei nicht für einen Moment daran gedacht habe, dass die finale nichts mit Amore Version nicht das aktuelle Datum trägt, sondern eine überarbeitete Alte ist. Welche das ist jetzt die Frage, mit der ich mich heute und vermutlich auch morgen beschäftigen werde.

Und erst, wenn ich sie gefunden habe, und mein Kopf nicht in purer Verzweiflung gegen die Wand geschlagen habe, poste ich hier, wo ich endlich wieder lesen werde. Aber auch ohne das zu wissen, können Sie schon jetzt und bitte durchgehend für die nächsten zwei Wochen ganz ganz fest die Daumen drücken, dass die Deutsche Bahn, über die ich mich so oft lustig mache, mir keinen Strick dreht. 1800 km innerhalb von 48 Stunden ohne Verspätungen und Zugausfälle quer durch Deutschland, das wäre ein Wunder. Und genau das brauche ich. Doppelt für das Skript und für die Deutsche Bahn. Vielleicht noch mehr für die Bahn….das mit dem Lesen bekomme ich schon hin. Aber ob mich die Bahn „hin“ schafft…puh.

7 Gedanken zu “Unangenehm

  1. Das klingt nach einem Bahnabenteuer. 48 Stunden mit der Bahn zu verbringen, ist ja leider kein Kunststück, aber das auch noch mit fest vereinbarten Orten und Terminen? Na, ich wünsche dir alles Gute für die Reise, ein aufmerksames und freundliches Publikum und viel Spaß.

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  2. Ganz schön aufwendig, liebe Mitzi, was du dir zumutest, aber du wirst es mit Bravour schaffen. Ich erinnere mich an meine Schulzeit, wo wir Texte aus Büchern vorlesen mussten, so lange, bis man einen Fehler machte, dann kam der Nächste an die Reihe. Ich schaffte nie mehr als 2 bis 3 Zeilen…

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  3. Das klassische Schicksal aller Vortragenden 😁

    Was das Reisen mit der DB angeht, so sagte mir erst neulich jemand: Ihr in der Schweiz zahlt für eine Stunde Fahrt und müsst dann am Zielort aussteigen. Wir hingegen bekommen für den Preis einer Stunde Fahrt sogar drei oder vier und lernen vielleicht sogar ganz neue Orte kennen…

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