Kommunikation & Salbei

Es gibt Männer, die können ganz wunderbar mit ihren Augen kommunizieren. Rhett Butler zum Beispiel. Aber auch ein paar andere. Echte. Bei solchen Männern sind Worte zweitrangig. Ein Blick und die Partnerin weiß, was er denkt. Ohne nachfragen zu müssen, weiß sie, dass der, der ihr inmitten von Freunden gegenübersitzt und sie gerade ansieht, daran denkt, das Abendessen in größerer Runde schnellstmöglich zu beenden, um mit ihr, die seinen Blick erwidert, nach Hause zu fahren und sich den ersten Kuss schon im Treppenhaus abzuholen. Ich finde das toll. Küssen im Treppenhaus eh, aber vor allem diese wunderbare, non verbale Kommunikation zwischen zwei Menschen, die sich gut genug kennen, um sich mittels eines Blicks zu verständigen. Schön ist das. Der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, kann das nicht so gut. Küssen im Treppenhaus schon. Mit Blicken kommunizieren weniger. Überhaupt Kommunikation….da ist er etwas….hm…unbeholfen? Nein, das Wort passt nicht, weil er könnte durchaus, wenn er wollte. Stur? Ja, das passt besser. Er weigert sich, mir Dinge mitzuteilen, von denen er überzeugt ist, dass ich sie bereits wissen müsste. Versuche ich ihm zu erklären, dass mir das eine oder andere nicht verständlich ist, nickt er, lächelt milde und empfiehlt (mir), dann einfach noch ein bisschen darüber nachzudenken. In solchen Momenten vergesse ich meinen Wunsch nach Kommunikation und würde ihm am liebsten einfach gegen das Schienbein treten. Mach ich nicht. Aber ich würde gerne und das alleine zeigt, dass unsere Kommunikation Schrott ist.

Nicht immer. Letztes Wochenende zum Beispiel, da wusste ich ganz genau was er dachte. Binnen Sekunden und ohne ein Wort zu sagen. Ein Blick von ihm genügte, um zu wissen, dass er mich für völlig übergeschnappt hielt. Mich und meine Freundin, die neben mir auf dem Boden saß und ihn anstrahlte. Meine Freundinnen strahlen den, der ab und zu mit einer Flasche Wein zu mir kommt, immer an. Und das obwohl er selbst eigentlich nie strahlt. Allenfalls lächelt er. Letztes Wochenende nicht mal das. Vielleicht hätten Sie ähnlich irritiert geschaut. Um das zu beurteilen gebe ich Ihnen eine kurze Zusammenfassung der Szene, die Sie sich bitte mit Nachsicht vorstellen und vielleicht (das wäre sehr freundlich) außer acht lassen, dass ich kein Teenager mehr bin. Also….

Bei meiner Freundin ist gerade alles Mist. Also eigentlich ist alles super, bis auf die Tatsache, dass sie Interesse an einem Mann hat, der eventuell, möglichweise etwas weniger Interesse an ihr hat, als sie an ihm. So genau weiß man (also wir) das nicht, weil dieser Mann bisher nur aus der Ferne betrachtet werden konnte. Betrachtet werden muss, da wir zu alt sind, um uns komplett zum Idioten zu machen. Meine Freundin macht das allerdings gerade irgendwie schon und damit sie sich besser fühlt habe ich ihr erzählt, was für einen unglaublichen Blödsinn ich mit knapp 18 gemacht habe. Blödsinn, den ich heute noch wunderbar nachvollziehen kann, weil die Vorgehensweise für die Anleitung für diesen Schwachsinn in einem Taschenbuch Schritt für Schritt abgedruckt ist. Mein Bücherregal verliert nichts.
Damals war ich sehr verzweifelt. Meine Freundin ist es heute. Ich bin heute nicht mehr verzweifelt, also ist die logische Schlussfolgerung, dass das kleine Taschenbuch wieder herausgeholt werden musste. Konnten Sie mir folgen? Dann haben sie meinem Freund etwas voraus.
Haben Sie bitte Nachsicht, wenn ich jetzt den Titel des Buches wiedergebe. Ich war 18. Und ignorieren Sie, dass ich es heute nicht mehr bin. Hokuspokus, liebe mich und fünfzig andere Zauberrituale, so hieß es. Das Buch. Und wenn man es mit Humor nimmt, dann kann man sich auch dreißig Jahre später mit so einem dämlichen Ding auf den Boden hocken, Kerzen anzünden, ein Glas Wein trinken und hoffen, dass der gefriergetrocknete Salbei aus der Küche genauso gut wie frischer wirkt und schon irgendwas positives rauskommen wird. Der kommunikationsunfähige, rationale Mann an meiner Seite, nahm es erstmal nicht mit Humor und sah uns an, als würden wir eine schwarze Messe zelbrieren. Gut, vielleicht sah es nicht ganz unähnlich aus. Sei´s drum. Wir hatten Spaß und meine Freundin lachte wieder.

Eine halbe Stunde später (ich vermute es lag am positiven Einfluss des Salbei) schmunzelte auch der Mann und attestierte uns – mittlerweile besser gelaunt – einen mittelschweren Dachschaden. Mit einem Teelicht in der Hand versuchte er einiges in besagtem Taschenbuch zu lesen (versuchte, weil der Text golden auf lila Hintergrund gedruckt ist – die einzige Amazon Bewertung handelt von der Lesbarkeit). Meiner Freundin ging es zu diesem Zeitpunkt wieder richtig gut. Am Salbei lag es nicht. Der Grund für ihre Fröhlichkeit war wesentlich profaner – der anwesende Mann, schenkte ihr großzügig Wein nach und brachte sie zum Lachen indem er behauptete, jetzt zu wissen, warum er seit Jahren mit mir eine Beziehung führe und dabei auf das Buch deutete. Es könne schließlich ausgeschlossen werden, dass er freiwillig hier sei und mich seit Jahren so geduldig ertragen würde. Ich habe ihm als Antwort gegen das Schienbein getreten.

Meine Freundin ist kurz danach gegangen. Eine Beziehung will sie dank unseres Vorbildes aktuell dann doch nicht mehr.

14 Gedanken zu “Kommunikation & Salbei

  1. Gegen das Schienbein treten ist doch Kommunikation pur! 🙂 Und leicht verständliche noch dazu!
    Die Situation deiner Freundin kenne ich zur Genüge. Ich habe eine liebe Bekannte in Schweinfurt, die so in etwa Sechzig ist, und sich seit vielen, vielen Jahren schon immer in die falschen Männer verliebt, in solche Kerle, die eigentlich gar nichts von ihr wissen wollen. Von diesem Büchlein der Liebes-Zauberrituale habe ich noch nie etwas gehört, aber vielleicht sollte ich mal im WWW oder auf Flohmärkten stöbern, ob ich ein Exemplar finde. Für’s nächste Mal, wenn die liebe G. mal wieder schwermütig seufzend erzählt, dass sie sich grad mal wieder in einen gaaaaaanz tollen Mann verguckt hat, und nun wegen dem Kerl, der sie permanent ignoriert, schlaflose Nächte hat.

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    1. Vielleicht wirkt Schokolade (wahlweise ein anderes erprobtes „Fühl-gut-Mittel“) besser als Rituale. Wenn sie aber zum Schmunzeln und für einen guten Abend beitragen, dann ist alles recht.
      Non verbale Kommunikation für den Extremfall 😉 Zu meiner Ehrenrettung, ich trete nur sehr selten und nur Menschen, die darauf mit einem Schmunzeln reagieren.

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  2. Goldene Schrift auf lila Hintergrund? Entzückend! Fast so entzückend wie deine Erzählung.

    Ach, dieser Mann mit der Weinflasche… Vielleicht solltest du ihm so lange angekokelten Salbei verabreichen, bis er begreift, wer es in Wirklichkeit mit wem aushält? Bis dahin musst du wohl tatsächlich über seine Schienbeine mit ihm kommunizieren.

    😇

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    1. Ich denke, er weiß es schon. Sonst erinnere ich mich sanften Tritten 😉
      Danke für das Entzückend. Die Latte hängt – im Vergleich mit der Lesbarkeit – in diesem Fall niedrig. Unerwähnt blieb noch, dass man auf den Hochglanzseiten auch jeden Fingertapper erkennt. Da hat sich der Grafiker und der Verlag wirklich wenig dabei gedacht 🙂

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  3. Hm, also ich mag Salbei. Den Tee schon lange. Später kam dazu: „Saltimbocca alla romana“ – köstlich. Geht auch ohne Kalbsschnitzel: Pasta mit Salbei aus der Pfanne. Kürzlich mir zahnärztlich empfohlen: Salbeipräparat gegen Entzündungen im Mundraum. Ja, ich hatte vorher morgens Salbeitee … Gute Wünsche und schöne Grüße

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  4. Man muß, das legen die alten Grimoires (und, nebenbei, skeptisches Lesen mögen sie schon gar nicht! Da werden sie rachsüchtig) stets nahe, bei Hexenzauber vorsichtig sein. Und bei Liebeszauber zweimal. Ich sag nur Tristan und Isolde.
    Ob die Wirkung noch eintritt wird man sehen.
    Was die Kommunikation ohne Worte mit dem Partner angeht, na, der schmachtende Blick kann auch heißen: „Ich hab Bauchweh. Der Fraß hier tut mir nicht gut. Außerdem konnte ich deine Freunde noch nie leiden! Komm mit oder ich geh alleine!“ Oder: „Laß uns mal vor die Türe gehen, ich muß dir was sagen, und ich fürchte deine Reaktion. Also vorhin, als ich in die Küche ging – also, das war nicht die Küche. Deine Freundin zerrte mich die Treppe hoch ins Schlafzimmer und da…“ Das ist das Problem. Schon Worte können irreführend sein, nonverbale Kommunikation muß klar kontextbezogen erfolgen, sonst ist fast alles möglich!

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    1. Ja, der eine oder andere Blick wurde schon (wie unzählige Bücher zeigen) missgedeutet und führte zu Chaos. Bei deiner zweiten Interpretation zieht sich einem schon beim Lesen der Magen zusammen. Und Tristan und Isolde…tragisch.
      Es vielleicht nicht schlecht, dass besagtes Buch so schlecht zu lesen ist. Den Druck betreffend und auch sonst.

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  5. Ich hab gerade auf der Terrasse geguckt. Ich habe Pfefferminze, Spearmint, Zitronenmelisse, Schnittlauch und Petersilie. Ach ja, und dann noch so ein Zeugs, dessen Name ich vergessen habe, und ich weiß auch nicht, wozu man es essen soll, aber Salbei ist es nicht. Da muss ich mich ja nicht wundern, wenn da nichts klappt. Oder Moment… bei euch klappte das ja auch nicht. Kann es sein, dass ihr SCHNITTLAUCH hättet benutzen müssen?

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    1. Ich vermute, das wars. Der Schnittlauch hat gefehlt! 🙂 Nach langer Überlegung bin ich aber zu dem Ergebniss gekommen, dass man alles was du aufgezähl hast, besser essen als abfackeln sollte.

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    1. Ich freu mich auch über Likes. In den letzten Monaten war ich selbst so viel offline, dass ich selbst viel zu wenig kommentiert habe. Und manchmal liest man was, das einem gefällt, aber es fällt einem kein Kommentar ein. Umso mehr freu ich mich über deinen und ja…Kräuter sind wichtig.

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  6. Hallo, bevor wir gar nichts mehr voneinander hören außer deine Statusberichte sehen, will ich doch schnell bzw. endlich hier was schreiben:

    Gold auf lila Untergrund fände ja sogar ich ätzend zu lesen. – Das andere finde ich schön, vor allem das, dass die Freundin wieder lacht.

    Gruß zu dir

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    1. Hallo Clara, ich war dieses Jahr wirklich sehr wenig online. Mich freut auch, dass meine Freundin lachen konnte. Und die Schrift hat wenigstens den Vorteil, dass man das Buch dann eh nicht ernst nimmt 😉

      Liebe Grüße zu dir.

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