Trud´und anders unerzähltes

Während sich der mütterliche Teil meiner Familie wie die Karnickel vermehrt, endet die väterliche Linie vermutlich mit mir. Und das obwohl die Generation meiner Großeltern beiderseits extrem kinderreich war. Aber während die einen sich fleißig weiter vermehrten, stellte die andere Familie das relativ abrupt ein. Nicht unbedingt, weil sie der Fortpflanzung abgeneigt waren. Den vielen und ausführlichen, meist nicht für Kinderohren geeigneten, Erzählungen meiner Großtante zufolge lag es mit Sicherheit nicht an der Keuschheit. Sie hatten ganz einfach Pech. Offensichtlich nicht ganz, denn ich bin ja hier. Bei mir ist jetzt aber Schluss. Mein Alter betrachtend, können wir uns da ziemlich sicher sein.

Meine Papa ist nicht sonderlich traditionell, was zum Beispiel die Fortführung eines Familiennamens angeht, und so macht mir wenigstens keiner Vorwürfe. Ich selbst kann damit ganz gut leben, auch wenn es mich natürlich manchmal sentimental stimmt, dass diese Riesensippe jetzt tatsächlich ausstirbt. Also so langsam, aktuell gibt es meinen Vater und mich und wir zwei nehmen es locker mit den unzähligen Familienmitgliedern der mütterlichen Seite auf. Aber, da macht man sich nichts vor, es geht dem Ende entgegen. Und das stört mich in erster Linie deswegen, weil ich es verpasst habe, meinen kleinen Nichten und Neffen mütterlicherseits all die Geschichten zu erzählen, die mir meine Oma und ihre vier Geschwister als Kind erzählt haben. Es waren keine Märchen von Grimm oder Andersen, sondern Erfahrungsberichte. Unheimlich plastisch haben sie mir die erzählt und manche dieser Geschichten mussten sie immer und immer wieder erzählen. Immer hatte ich eine Lieblingserzählerin. Die eine konnte wunderbar aus ihrer Kindheit erzählen, die andere aus ihrer Jugend und wieder eine andere, erzählte Geschichten, die sich zutragen, bevor sie selbst geboren wurde.

Es sind wunderbare Geschichten, und ich hätte sie – jede einzelne – meinen Kindern erzählt. So oft, bis sie sie selbst auswendig können und dann wieder ihren Kindern weitergegeben hätten. Ich finde, so sollte man das machen. Geschichten dürfen nicht irgendwann vergessen werden. Kinderlose wie ich können dann natürlich einen Blog aufmachen und auf ihrer Homepage unzählige Geschichten erzählen. Aber die wirklich Familiengeschichten, die müssen mündlich überliefert werden. Ich werde mich jetzt daran machen, und dem einzigen meiner Patenkinder, das sich noch im Grundschulalter befindet, all diese Geschichten erzählen. Ob sie will oder nicht, da muss sie jetzt durch. ich hab es ihr erklärt, es geht um das Aussterben meiner Familie und sie versteht, dass das wichtig ist. Sonst geht’s uns wie den Mammuts, sagt sie, und bei denen ist es wirklich schade, dass sie nicht mehr da sind.

Neulich haben wir begonnen. Ich erzählte und erzählte und ohne bewusst darüber nachzudenken, erzählte ich ihr die Geschichte, von der ich glaube, dass sie mir am meisten erzählt wurde:

In der Nähe des Heimatortes meiner Ur- und Großeltern gab es einen Flugplatz. Klein aber belebt. Und dort landete eine Propellermaschine oder ein Hubschrauber – je nachdem welche Großtante erzählte. Eines Tages stand am Landplatz ein Dorfbewohner unglücklich an der falschen Stelle und der Propeller hat ihn geköpft. TSCHACK! Der lief noch, kurz nach der Landung. Also der Propeller, nicht der Mensch. Der ist einfach umgefallen, weil er ja keinen Kopf mehr hatte. Ein solcher Propeller köpft einen Menschen anscheinend mit einer unglaublichen Wucht. Die Leute haben im hohen Gras, neben der Landebahn, nämlich sehr, sehr lange nach dem Kopf gesucht. Und das wirklich faszinierende, erzählte ich meinem Patenkind, sie haben den Kopf nie gefunden! Die mussten den armen Kerl ohne Kopf begraben, und jeder weiß, dass ein Mensch ohne Kopf keinen ewigen Frieden findet.

Meinen Kopf, beziehungsweise meinen Verstand habe ich nach meinen letzten Sätzen sehr schnell wieder gefunden. Selten hat mich ein Kind so entsetzt angesehen wie die Kleine. Sie stand auf, ging in die Küche, und rief von dort, dass sie für meine Geschichten zu jung sei. Sie ist ein sehr, sehr kluges Kind und ich eine sehr, sehr dumme Tante. Diese Geschichte kann man heute keinem Kind erzählen. Jedenfalls nicht ohne Filter. Und mit einem Filter oder abgeschwächt ist diese Geschichte aber auch nicht interessant. Dann ist sie etwas, was wahrscheinlich nie so passiert ist oder etwas das passiert ist, dass man aber niemanden erzählen muss. Auf dem Heimweg hab ich an die anderen Geschichten gedacht. Und wissen Sie was, ich werde der Kleine nicht eine davon erzählen können.

Ich kann ihr unmöglich von der Trud’ erzählen, die sich nachts auf die Brust von Kindern setzt und sie am Atmen hindert. Diese blöde Trud’, an die hab ich als Kind nicht geglaubt, aber meinem Vater hat sie schreckliche Angst gemacht und Albträume beschert. Noch heute mag er sie nicht, die Trud’. Das kann ich weitergeben. Ich kann auch nicht erzählen, was ich gehört habe, als ich hinter der Couch gespielt habe, wenn meine Großmutter sich mit ihren Schwestern über Geburtsverletzungen unterhalten hat. Von dem Nähen mit rostigen Nadeln, von dem ich nichts verstand, aber beschloss, lieber zu adoptieren, als zu gebähren.Eine Geschichte, die mir in Erinnerung geblieben ist, die ich aber weiß Gott niemanden erzählen kann.´Und von den Scheintoten, von denen es anscheinend so wahnsinnig viele gegeben hat, sollte ich vermutlich auch besser nicht erzählen. Die waren nämlich häufig eben nicht tot, sondern nur scheintot, und meistens hat man das erst dann gemerkt, wenn ihnen ein Grabräuber einen Finger abgeschnitten hat, um einen Ring zu stehlen. Oder wenn man, warum auch immer, den Sarg wieder ausgegraben hat und in der Innenseite Kratzspuren von Fingernägeln fand. Diese Geschichten führten dazu, dass ich mich definitiv verbrennen lasse und es mir ehrlich gesagt ganz recht wäre, wenn der Arzt, der mich tot auffindet, nicht nur einen Totenschein ausstellt, sondern mir sicherheitshalber einen Holzpflock ins Herz jagd. Das jetzt weniger wegen Scheintot, aber da gibt es eine Geschichte von meiner Tante Mitzi, die ich sehr sehr geliebt habe. Die ist aber so gruselig, dass ich sie Ihnen hier leider nicht erzählen kann. Sie könnten sonst vielleicht heute Nacht nicht gut schlafen.

Ich fürchte, ich werde die Geschichten niemanden erzählen. Ihre Zeit ist vorbei. Allerdings habe ich die Vermutung, dass meine Großtante nicht nur Überlieferung erzählt haben, sondern sich reichlich viel selbst ausgedacht haben. Und dann ist es doch wieder in Ordnung. Das mache ich ja ständig. 

30 Gedanken zu “Trud´und anders unerzähltes

  1. Die Geschichten von der Trud‘ kenne ich auch aus meiner Kindheit. Die meisten Familiengeschichten wurden mir von der Mutter bzw. den Tanten und Onkels mütterlicherseits erzählt. Väterlicherseits erfuhr ich da recht wenig, obwohl mein Vater eindeutig schriftstellerisch und dichterisch begabt war.
    Bei deiner Erwähnung der Scheintoten ist mir sofort das Bestattungsmuseum im Wiener Zentralfriedhof eingefallen, da gibt es etliche Vorrichtungen zu bestaunen, mit denen sich solche arme Menschlein nach der Beerdigung bemerkbar machen können. 😉 Man kann sich auch – immer noch! – nach dem Ableben vorsichtshalber erdolchen lassen, damit man ja zweifelsfrei hinüber ist.

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    1. Von diesem Museum habe ich auch schon gehört und auch schon Berichte über die Mechaniken gesehen. Ich erinnere mich an eine Vorrichtung, wo der Tote um den Finger einen Bindfaden hatte und bei Bedarf ein Glöckchen hätte läuten können. Ich hab mir dann vorgestellt, wie unglaublich gruselig so ein Friedhof sein muss, wenn da plötzlich etwas läutet. Wenn’s richtig blöd läuft, erschrickt dann einer so sehr, dass er abhaut, anstatt Bescheid zu geben.🙈

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  2. Den Blick des Patenkindes kann ich mir vorstellen 😂 Die Geschichte prägt sich definitiv ein und ich würde mich ja fragen, wo der Kopf denn wirklich gelandet ist und was damit passierte, aber ich habe als Kind auch viele Geschichten vom 2. Weltkrieg gehört (die ich erst als Erwachsener in ihrer Tragik verstehe), weil er für meine Eltern Teil ihrer Kindheit war. Aber Kinder heutzutage wachsen nicht mit solchen Geschichten auf – dafür bekommen sie dann am Handy Sachen zu sehen, die niemand, wirklich niemand freiwillig anschauen sollte. Seltsame Zeiten.

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    1. Mein Papa meint, dass man ihm die Geschichte auch schon erzählt hat und er vermutet, dass da recht wenig dran ist. Für den Protagonisten der Geschichte wäre das ja gut. 😂
      Hast du recht, Kinder oder Jugendliche bekommen heute wahrscheinlich durch das Handy Dinge mit, die ganz sicher nicht harmloser als diese alten Geschichten sind. Allerdings vielleicht in einem etwas späteren Alter. Ich glaub ich hörte diese Kopf ab und scheint tot. Geschichten schon mit drei Jahren.

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  3. Mein Vater war immer recht unglücklich, weil er ja „nur“ drei Töchter hatte. Nicht, weil er was gegen Töchter gehabt hätte, im Gegenteil, sondern weil er dachte, sein Nachname würde nun aussterben. Dann habe ich meinen Nachnamen behalten und ihn an meine drei Söhne weiter gegeben, die bereits begonnen haben, ihn an eine nächste Generation weiter zu geben. Eine meiner Schwestern hat ihren Namen ebenfalls behalten und an zwei Söhne und eine Tochter weiter gegeben), und das Ulkigste ist, meine Mutter hat nach der Scheidung den Namen einfach behalten, weshalb mein „Halb“Bruder den Namen auch hat und ebenfalls fleißig weiter verteilt hat. In seinem Fall besonders witzig, weil er, ohne es zu wissen, seinem Sohn beinahe denselben Vornamen gegeben hat wie ihn der Vater meines Vaters besaß, während mein Bruder selber, ohne es zu wissen, den Namen des Bruders meines Vaters trägt.
    Und zum Rest Deines Eintrages – mein Ältester fand einmal im Wartezimmer eines Arztes in der Kinderkiste den Struwelpeter und wollte, dass ich ihm den vorlese. Waren ja bunte Bilder drin. Das…ging…nicht…gut…

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    1. Für deinen Vater sehr unerwartet, aber der Name scheint erst mal wirklich gesichert zu sein. Das zeigt mal wieder, dass man, was Familienplanung angeht, am Ende eh nichts wirklich planen kann.
      Bei uns hängt am Namen selbst eigentlich niemand. Entfernte Verwandtschaft, die ich kaum kenne, trägt ihn weiter. Ich selbst werde nur ein bisschen sentimental, wenn ich irgendwann, dann tatsächlich die letzte aus diesem Zweig bin. Aber auch nur kurz, weil ich von mütterlicher Seite eine wirklich sehr große und schöne Familie habe.

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    2. Jetzt hab ich zu schnell abgeschickt. Ja, dieses Buch hat mich in der Kindheit noch begleitet, aber ich glaube mittlerweile kann man das tatsächlich nicht mehr vorlesen. Da ist schon sehr viel Gewalt drin. 🙈

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    3. Das habe ich selbstverständlich mit meinen Kindern auch gelesen, ebenso Wilhelm Busch. Unerhörte Grausamkeiten und man muß ein wenig auf’s Alter achten!

      Gelesen? Ja doch! Und dann haben wir diskutiert, was angemessen ist. Und was total überzogen, wahrscheinlich gar nicht wahr oder wenn, dann doch ein übles Verbrechen wäre.

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      1. Mein Sohn fand es scheußlich, und das war okay für mich. Er hasste auch Karlsson vom Dach, weil der so frech war und alle Leute beleidigte, sowas konnte er nicht leiden. Einmal hatten wir ein Janosch-Buch, wo gleich auf der ersten Seite die Eltern starben. Das war’s dann. Nie wieder…

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      2. Ich erinnere mich, dass ich selbst als Kind mit Karlsson auch nicht recht warm wurde. Und wenn gleich gestorben wird ist das schon hart. Vielleicht waren meine auch nur deshalb hart im Nehmen in dieser Hinsicht, weil sie nun mal als Dreierbande auftraten und das Angebotene und das Aufgedrängte gemeinsam verarbeiteten und jeder so seinen Beitrag dazu leistete. Sie haben auch viele der Geschichten nachgespielt, allerdings zum Glück nicht den doofen Struwwelpeter.

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  4. Uiuiuioiui, liebe Mitzi, was für ein Thema Du beschreibst und welche familiär vermittelten Geschichten Du erzählst. Freut mich, dass Dein Patenkind, die Patentochter, erstaunlich klar reagiert hat: „Für solche Geschichten bin ich zu jung.“ Respekt! Und beste Grüße von Bernd

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  5. Es war ein Flugzeug und der Kopf ein früher Flugtourist. Er ging auf Weltreise, nahm den Anfangsschwung mit, hüpfe und hüpft immer noch hierhin und dorthin und…

    Doch, das ist eindeutig eine Kindergeschichte. Da kann man was draus machen. Das ist kein Krimi mit Altersbeschränkung (wo die stehen, weißt Du!).

    Ja, genau: Mach es doch so. Schreib Deine Geschichten auf, die von der Trud (unterlegt mit einem hübschen Bild von Füssli) und die anderen. Gut, eine Dammnaht mit rostiger, heißer Nadel genäht, das braucht vielleicht doch eine Vorwarnung. Aber der Rest… ach, schau ihnen doch im Schulhof über die Schulter, was sie auf ihren nie ausgeschalteten Handys anschauen!

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    1. Stimmt…so könnte es gehen. Ich muss es einfach ein bisschen anpassen 🙂
      Und ja…ich möchte gar nicht wissen, was die alles am Handy sehen. Die Trud ist bei dem einen oder anderen wahrscheinlich wirklich das kleineste Probelem.

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      1. LIebe Mitzi, so froh ich bin, mal wieder was von Dir zu lesen – langsam dachte ich, Du bleibst für immer im Urlaub oder zumindest Urlaubsmodus – muß ich Dir leider auch sagen: Jetzt hast Du aber eine Menge Nachholbedarf. Denn ich war ja zwischenzeitlich nicht faul! Keine Ahnung, ob Morgen schon die S-Bahn und die Arbeit warten, aber jedenfalls ist es mal wieder Zeit für eine Spannungsgeschichte.

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      2. Im Urlaubsmodus bleib ich tatsächlich noch eine Weile. Ist ja wahnsinnig heiß auch hier bei uns. Aber…ich komm wieder zum Lesen und freu mich schon drauf.
        Arbeit ja, schon seit einer Woche aber nach dem Anfangschaos jetzt auch wieder richtig Lust zu sehen was bei dir so los war. 🙂

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      3. Los war – oje. Wenn Du mit lesen weit genug zurück kommst wirst Du erleben, was los ist. Ich hab die Handwerker im Haus, die Zimmerleut tanzen mit auf dem Dach herum, der Hund ist schwer krank… ich weiß gar nicht, wo anfangen!

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      4. Erst mal Entschuldigung. Kommentare hier leben vom Lesen und ich war mehr oder weniger offline. Es tut mir richtig leid, den hier übersehen zu haben. Das klingt nach ganz viel auf einmal. Zimmerleute und Handwerker sind anstrengend, ein schwerkranker Hund noch um einiges belastender. Ich hoffe es ist mittlerweile besser und dein Hund ist wieder gesund (alles andere täte mir sehr leid!) Ganz liebe Grüße Tanja

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  6. Hej ich bin noch am Anfang deiner Geschichte. Ich lese dein Texte wirklich gern. Sie sind Nachbar, aufrecht, ungewöhnlich. Dennoch bin ich eben über die Formulierung : vermehren wie die Karnickel gestolpert. Ist das, sollten die Jungkaninchen das lesen nicht zutiefst verunsichernd. Eine Formulierung die ich aus altem Sprachgebrauch kenne. Wie dem auch sei. Ich lese mal weiter. Vielleicht klärt es sich ja noch auf

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    1. Hallo Xeniana, ich verstehe was du meinst und kann und will dir gar nicht widersprechen. So eine Formulierung könnte einem Kind sauer aufstossen oder es auch treffen. Die „Kinder“ sind hier alle schon zwischen 20 und 30 und wir nutzen diese Formulierung bei Familienfesten, wenn wir sehen wie groß diese Seite der Familie ist, gerne und mit einem Augenzwinkern.
      Ich bin mir sicher, es würde sie nicht stören. Sie lesen bei mir aber auch nicht mit und ich werde bei Gelegenheit fragen.
      Danke für den Hinweis und liebe Grüße

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    1. Ich hab es auch gemocht und ich glaub es hat mir nicht geschadet. Vielleicht kann man die Geschichten einfach etwas entschärfen. Die eine oder andere hat bei mir dann doch zu schlechten Träumen geführt. So eine Mischung wäre es wahrscheinlich, die noch funktioniert.

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