Frau Wolf zieht ein

Im Schnee liegt zwischen vertrockneten Christbäumen ein Usambaraveilchen. Sie gehören hier nicht hin. Weder die Christbäume noch das lila blühende Veilchen. Die Bäume wurden der Einfachheit halber nicht zur Sammelstelle gebracht, sondern auf die Wiese im Innenhof geworfen. Einer fängt an, ein Zweiter folgt und schon der Dritte vermutet, dass es sich um einen offiziellen Abgabeort handelt. Man kann ihm keinen Vorwurf machen, denkt sich der Vierte, der es besser weiß und seinen Baum deshalb erst im Dunklen auf die Wiese legt. Der Fünfte könnte ich sein, aber mein Baum steht noch auf dem Balkon. Vermutlich bis Mitte März. Bis dahin wird das Usambaraveilchen im Schnee nicht überleben. Bleibt es hier, zwischen den Bäumen, wird es sterben.

Usambaraveilchen im Schnee rühren mich. Ob es alle tun, weiß ich nicht, dieses aber tut es und deshalb hebe ich es auf und nehme es mit zu mir. Es ist die erste Grünpflanze seit langem, die es in meine Wohnung schafft. Mein Balkon wuchert, aber meine Innenräume sind Pflanzenleer. Leer, bis auf ein Usambaraveilchen, das jetzt auf dem Fensterbrett steht und das ich vermutlich irgendwann vererben werde. Sie leben nämlich lange. Mein letztes Usambaraveilchen stellte mir meine Mutter ins Kinderzimmer, als ich noch nicht zur Schule ging. Zwanzig Jahre später ist es mit mir nach Italien gezogen, ein paar Jahre danach zurück nach München, in verschiedene Stadtteile und schließlich in die Wohnung von einem der etwas brauchte, das ihm Glück bringt. Gebracht es ihm keines und leider auch nicht den Weg zurück zu mir gefunden. Jetzt aber steht hier ein anderes, blüht in einem anderen lila, scheint ansonsten aber genauso zäh und unverwüstlich wie sein Vorgänger zu sein.

Zäher als seine vorherige Besitzerin. Ich vermute das Usambaraveilchen gehört zu den vielen Dingen, die in den letzten Tagen aus der Wohnung im ersten Stock des Hinterhauses wegeworfen wurden. In schwarzen Müllsäcken sammelte sich das Hab und Gut einer alten Dame, die nur kurz bei uns gewohnt hat. Ich kannte sie nicht wirklich, hörte von den direkten Nachbarn aber, dass sie alleine war und kurz nach Weihnachten im Krankenhaus verstarb. Ein Betreuer regelt nun den Nachlass, bei dem es keine Erben zu geben scheint. Ein Leben in ein paar schwarze Müllsäcke verpackt. Ein Leben von dem ich wenig weiß außer dem Nachnamen. Ich weiß, dass sie gerne lächelte, die alte Frau, die ich ab und an im Treppenhaus traf und die einmal ein Päckchen für mich angenommen hat. Sympathisch. Ab und zu hat sie vom Balkon gewunken. Ich habe zurück gewunken – mehr nicht. Ihr Balkon ist direkt über der inoffiziellen Christbaumstelle und deshalb glaube ich, dass das Usambaraveilchen von dort stammt. Es würde passen, denn seine Blätter sind ein wenig ramponiert und der Übertopf hat einen Sprung. Ein Wunder eh, dass der Topf den Wurf überstand.

Ich klebe ihn mit Sekundenkleber und hoffe, dass er hält. Wenn ein Leben in Müllsäcken entsorgt wird, sollte wenigstens ein winziges etwas bei jemanden landen, der sich an das Lächeln und das Winken der Besitzerin erinnert. Erbärmlich wenig, sage ich zum Veilchen und dichte ihm ein gutes Verhältnis zu seiner früheren Besitzerin an. Vielleicht sind die beiden ja auch schon mal gemeinsam im Ausland gewesen. Die Pflanze wird es mir nicht verraten, aber auch nicht übel nehmen, wenn ich es mir einbilde. Das Usambaraveilchen heißt jetzt Frau Wolf – wie meine verstorbene Nachbarin – und ich werde einen Teufel tun und das irgendjemanden der mich besucht erzählen. Aber wie ich schon schrieb, Usambaraveilchen im Schnee rühren mich. Besonders dann, wenn sonst nichts bleibt. Frau Wolf geht es gut. Der einen, die jetzt bei mir wohnt.

19 Gedanken zu “Frau Wolf zieht ein

    1. An dich erinnern sich sehr viele Leute, lieber Clara. Ich ganz besonders. Aber wie du weißt, bitte noch sehr lange in der Gegenwartsform und nicht in der Vergangenheitsform.
      Liebe Grüße

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  1. Ich kann das absolut nachvollziehen, ich hätte dem Usambaraveilchen auch Asyl gewährt, auch wenn ich diese Pflanzenart nicht wirklich mag. Aber es einfach in den Schnee zu werfen… Das geht GAR NICHT.

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  2. ich hab das wort usamaraveilchen schon sehr lang nicht mehr gehört. aber schön, dass sich der kreis der deinen vielleicht jetzt irgendwie geschlossen hat mit dem, das nun durch zufall zu dir kam. grüß frau wolf lieb von mir. zum rest könnte ich so viel sagen.. aber ich glaub, wir sehen es ähnlich und es braucht die worte gar nicht.

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  3. Jetzt hab ich schon wieder ein Tränchen im Auge, oder auch zwei…
    Und ich hätte gerade gerne selber ein Usambaraveilchen, aber bei mir geht leider sämtliches Grünzeug ein, also lass ich es lieber.

    Güte und Freundlichkeit springt mir aus deinen Worten entgegen, und vielleicht ahnte die verblichene Frau Wolf ja sogar, was für eine liebevolle Nachbarin im Vorderhaus lebt, und hat darum gelächelt und gewinkt?
    Sich einen möglicherweise einsamen Menschen aufs Fensterbrett zu stellen dürfte sich als undurchführbar erweisen, aber das Veilchen freut sich sicher und wir, deine Leser:innen, freuen uns auch: a) über deinen herzerwärmenden Text und b) mit dir über den neuen Pflegling.
    Möget ihr alle beide ein langes, blühendes Leben haben!

    Liebe Grüsse aus der immer noch tiefgefrorenen Schweiz
    Eva

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    1. Liebe Eva,
      ich fürchte, wenn Frau Wolf einsam gewesen ist, dann war ich keine gute Nachbarin. Ich kannte sie ja kaum. Sie wirkte aufgeräumt und zufrieden, aber man kann in die Menschen nicht in reinsehen.
      Traurig fand ich es aber, dass alles von ihr entsorgt wurde. Ein Teil wird immer weggegeben werden…aber alles, das ist schon traurig. Ich freu mich jedenfalls über meine blühende Frau Wolf und hoffe sehr, dass ich den nötigen grünen Daumen entwickeln werden.

      Grüße aus München – heute mit Glatteis.
      Mitzi

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  4. Ein Usambaraveilchen, das nun Frau Wolf heißt. Das finde ich wunderschön und werde mich mal nach einem Usambraveilchen umsehen. Ich werde es auch Frau Wolf nennen und dann wird Frau Wolf auch hier bei mir unvergessen bleiben, dank Deiner feinen Erzählung…

    LG von Bruni

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