Ich weiß genau, was sie denkt. Ich weiß es, ohne hellseherische Fähigkeiten zu haben und weiß es sogar, ohne mich umzudrehen, um ihr ins Gesicht zu schauen. Ein Gesicht, das sehr wahrscheinlich auch gar nicht mehr in meinem Blickfeld ist, weil sie längst sich zurückgezogen hat, um nicht mit mir in Verbindung gebracht zu werden. Mittlerweile versteht sie genug italienisch, um zu begreifen, dass ich mich gerade so derart zum Affen mache, dass es besser ist, sich das Drama nicht live mitanzusehen. Es bleibt ihr also erspart mitanzusehen, wie ich leise fluchend, barfuß auf Zehnspitzen über eine mit piksenden Kletten übersäte Wiese tapse, die Arme aus Gründen des Gleichgewichts seitlich weit von mir strecke und in den Händen zwei leere Colaflaschen halte. Mir wiederum bleibt nicht erspart, zu erkennen, dass ich noch immer im Nachthemd bin und das fröhliche Winken vom Balkon am anderen Ende des Gartens mir gilt. Ich winke zurück und lege die letzten Meter mit dem Gefühl zurück, dass sich so in etwa Cersei aus Game of Thrones bei ihrem Bußgang gefühlt haben muss. Es hätte mich nicht gewundert, wenn weitere Nachbarn auf den Balkonen erschienen wären, mit massiven Glocken monoton geläutet und dabei bei jedem meiner Schritte „Schande“ gerufen hätten.
Meine italienischen Freunde sind großartig. Ich mochte sie vom ersten Moment an. Zugegeben, anfangs haben sie mich ziemlich überfordert, aber mittlerweile vermisse ich sie schmerzlich, wenn sie bei einem meiner Besuche am Meer nicht auch da sind. Dann ist es mir einfach zu still. Ich habe mich daran gewöhnt, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit plötzlich vor der Tür stehen und grundsätzlich davon ausgehen, dass ich zu jeder Unternehmung bereit bin. Der kleine Ort in Italien ist ein bisschen, wie mein Haus hier in München. Warum telefonieren, läuten, telefonieren oder das Treppenhaus benutzen, wenn man doch auch einfach von Balkon zu Balkon und über den Garten brüllen kann und es viel schneller geht einfach vor der Tür zu stehen. Wie daheim bei mir in München- die Grenze zwischen reinen Nachbarn und engen Freunden verschwimmen und wenn alle da sind, wird es chaotisch und laut. Außerdem halten sie mich davon ab, Blödsinn zu machen.
Letztens war an einem Wochenende kaum jemand da und ich wohnte ausnahmsweise in einem Appartement am anderen Ende des Gartens. Das Beste daran – der Balkon im ersten Stock, der über dem Meer zu schweben schien. Das schlechteste daran – dünne, weit auseinander stehende Metallstreben am Balkon, durch die eine Plastikflasche problemlos nach unten kullern konnte. Umweltfreundlich nicht direkt ins Meer, sondern auf die Terrasse darunter. Zum Glück gehörte sie zu einer gerade unbewohnten Wohnung und ich konnte problemlos über eine kleine Mauer einsteigen und meinen Müll wieder zurückholen. Mehrfach übrigens…ich konnte bzw. musste fast jeden Tag einsteigen. Sie glauben gar nicht wie wenig Gewicht eine leere Plastikflasche hat. Die leichteste Brise weht sie nach unten. Servietten und Geschirrtücher übrigens auch. Natürlich habe ich aber alles immer wieder eingesammelt. Wie gesagt, die Mauer war wirklich nicht hoch. Und wenn ich dann schon mal da war, habe ich am Rückweg auch immer gleich die welken Blätter an der Hecke und in den Blumenkästen abgepflückt. Schadet ja nicht. Letzten Samstag hat die Blätter dann ein anderer abgepflückt. Einer, der auch die Hecke auch gleich beschnitten hat und vermutlich – im Gegensatz zu mir – dafür bezahlt wurde. Diesem Gärtner stand ich plötzlich im Nachthemd gegenüber.
Wissen Sie, man kann vieles erklären. Bei manchem aber ist es besser einfach den Mund zu halten, sich eine Plastikflasche im Gras zu schnappen, das Nachthemd, das eigentlich nur ein T-Shirt ist, über den Hintern zu ziehen und möglichst schnell zu verschwinden. Das einem dabei die Schlappen beim Klettern über die Mauer von den Füßen rutschen, ignoriert man besser. Froh war ich nur, dass mich hier – eine Hausnummer weiter als sonst – niemand kannte. Der Gärtner hielt mich hoffentlich für eine aus dem AirBNB Appartement von der anderen Straßenseite.
Um es kurz zu machen – er hielt mich für genau das was ich war. Eine völlig verrückte Frau, die ihm durchaus bekannt war. Ein Appartement eine Hausnummer weiter ist in diesem Kaff übrigens viel zu wenig, um unerkannt zu bleiben. Das stellte ich fest, als ich am Abend angerufen wurde und mit den Worten „sag mal spinnst du?“ begrüßt wurde. Meinem liebsten Menschen am Meer erklärte ich durchs Telefon, dass es mir zwar etwas peinlich war, ich es aber gleichzeitig auch schön fand, dass ich nun schon so viele Menschen hier kannte und es sich ein bisschen anfühlte, als hätten sie mich adoptiert. Am anderen Ende der Leitung wurde tief eingeatmet und mir dann zugestimmt. Adoptiert vielleicht, nur hatte man nicht damit gerechnet einen Teenager zu bekommen, den man besser nicht zu lange alleine ließ.

Herrlich, was hast du mich am frühen Morgen zum Feixen gebracht. Du hast nicht geschrieben, ob du unter dem T-Shirt noch was drunter hattest oder der „Gärtner“ einen schönen Ein- und Ausblick hatte.
Und hier habe ich einen kurzen Moment überlegt, was hier durch die Gitterstäbe geweht wurde: „Servierten und Geschirrtücher“ – gibt es bei mehr Leuten auch „Serfünften“ oder gar „Sersechsten“??? 🙂
Sehr lustiger Tippfehler!
Gruß zu dir
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Servietten heißt das? Ai, ai, ai….das fast schon lustige ist, dass ich es auch SerVIERTEN ausspreche. Kann ich es auf meinen bayerischen Dialekt schieben? 😉 Wohl kaum….
Danke fürs Entdecken und liebe Grüße
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Ich versuche, es in deiner Schreibweise auszusprechen – geht das wirklich??? 🙂
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Joa 🙂
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Das heißt übersetzt: Ja??? 😉 🙂
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Richtig 🙂
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Die „Servierten“ habe ich heute früh auch noch bemerkt, aber mein Kopfkino hat da einfach fluffige italienische Backwaren vom Balkon segeln lassen, bevor jemand herzhaft hineinbeissen konnte, und ich fand das echt tragisch…
Die Nachbarschaft inklusive Gärtner hat hoffentlich aus GoT gelernt, dass man sich über eine Cersei besser nicht lustig macht? Erst recht nicht eine, die auf ihrem Walk of Shame sogar Müll einsammelt und Gartenpflege betreibt. So ein originelles Adoptivkind kriegt schliesslich nicht jedes Dörfchen, stimmt’s?
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Ich hoffe, ich werde sie künftig richtig schreiben :). Peinlich, peinlich.
Die Nachbarschaft hat stoisch über mich und mein Tun hinweg gesehen. Bis mitte Juli ist hoffentlich Gras darüber gewachsen 😉
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Und sonst gibst du halt die Daenerys und lässt deine (inneren) Drachen los… 😉
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Ich hoffe nicht 😂
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Doch, doch, mach ruhig, gibt hochgradig heisses Blogfutter! 🙂
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Ein Grund mehr für recht lange Nachthemden. Obwohl – die stören beim Klettern. Doch lieber den Pyjama, aber der ist so warm? – Es ist schwierig und bleibt schwierig, das Leben, es gehört zu den kompliziertesten.
Oder man nimmts leicht.
Und schwebt davon, Servas und pfüa God…
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Ich tendiere zu letzerem und nehme es leicht 😉
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Liebe Mitzi,
„Eine Schande“ bist du gewiss nicht. Eher liebenswert verrückt, die Garantie für ulkige Ereignisse und Verschriftlichungen.
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Das, lieber Jules, ist ein schönes Kompliment. Danke.
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so wunderschön eine zweite heimat zu haben, noch dazu am meer ❤
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Ein unglaubliches Glück, ja 🙂
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