Alles ganz normal

Laut der Studie einer Partnervermittlungsbörse, streiten sich Paare am häufigsten über herumliegende Kleidungsstücke, die Unordnung in der Küche oder die Lautstärke von TV und/oder Radio. Ich halte diese Studie für nicht sonderlich repräsentativ, da ich erstens selbst Teil eines Paares bin und mich über diese Dinge noch nie ernsthaft gestritten habe und zweites, in einem hellhörigen Mietshaus lebe und damit die Beziehungen von gut einer Handvoll anderer Paare unangenehm nah miterleben darf. Bei dem einen oder anderem würde ich mir wünschen, dass sie den Fernseher lauter drehen und es mir so ersparen ihre Konflikte fast wörtlich mitzuerleben. Vielleicht könnte man sich aber darauf einigen, dass es am Ende aber tatsächlich die banalen und alltäglichen Dinge sind, die eine Beziehung killen. Mein Freund und ich, wir sind ein sehr durchschnittliches Paar. Kreativ werden wir nur wenn wir uns streiten – genau gesagt bei den Gründen. Die sind weder banal, noch erscheinen sie in Statistiken. Ein Grund stolz zu sein, ist das vermutlich aber nicht. Stolz könnten wir allenfalls darauf sein, seit über einer dreiviertel Stunde über ein – für einen der Beteiligten sehr schmerzhaftes – Thema zu diskutieren ohne uns Türen knallend anzubrüllen. Das betreiben meine Nachbarn über mir nämlich zeitgleich und jedes Mal wenn oben eine Tür zugeschlagen wird und gleichzeitig „dann verpiss dich doch“ geplärrt wird, fühlen wir uns sofort etwas besser. Kultivierter – wir brüllen nicht. Wir streiten ja nicht mal richtig. Wir diskutieren.

Anfangs. Mittlerweile sind wir – also einer von uns – zu einem nur noch schwer zu verstehenden Murmeln übergegangen. Ich murmle nicht. Ich beiße die Zähne zusammen und verkneife mir jeglichen Kommentar zu seinem Gebrabbel, weil ich weiß, dass man in einer guten Beziehung auch mal den Mund halten muss. Stattdessen trete ich dem Mann an meiner Seite mit der Ferse in die Rippen – unabsichtlich – und darf mir anhören, dass er mich ertränkt, wenn ich nicht stillhalte. Über uns scheppert es lautstark und angesichts des so unkontrollierten Gefühlsausbruchs meiner Nachbarn, finde ich, dass wir uns noch gut halten. Auch wenn mir der Mann an meiner Seite gerade zu verstehen gibt, dass er selten etwas unerotischeres als mich gesehen hat. In der Situation, in der wir uns befinden, kann ich diesen, seinen Gedanken nachvollziehen. Eine nackte Frau in der Badewanne, die sich bemüht, den Kopf über Wasser zu halten, während ein Drittel ihres Köpers – das rechte Bein – auf dem Schoß ihres auf dem Klodeckel hockenden und vollständig bekleideten Freundes liegt, sieht sicher seltsam aus. Sein Murmeln nervt mich und er ist genervt, weil ich und mein Bein zappeln. Oben brüllt einer und hier bei mir stellt sich einer die Frage ob er ernsthaft mehrere Jahre mit einem Medizinstudium verbracht hat, nur um sich jetzt mit so einem Mist zu beschäftigen. Eine berechtigte Frage und zwischen dem Ausspucken versehentlich geschlucktem Badewannenwasser erkundige ich mich, ob man da nicht auch irgendwann lernt, wie man eine Wunde säubert ohne den Patienten…ich zitiere…zum Aufweichen…Zitat Ende…in die Badewanne zu legen. Anscheinend nicht, murmelt er und versucht die Rückseite meines Fußes besser in Augenschein zu nehmen, in dem er mein Bein verdreht. Ein Bein an dem der Rest von mir hängt und lautstark protestiert. Nicht so laut wie die streitenden Nachbarn über mir, aber immerhin. Was zum Henker… setzt er an…verstummt und schüttelt den Kopf, während er konzentriert mit einer Pinzette Haut und Klebstoff voneinander zu trennen versucht – beides zuvor auf ärztlichen Rat hin eingeweicht. Lass, sag ich und wecke seinen Ehrgeiz. Leider. Sollten sie jemals sauteure Gel-Blasen-Pflaster einer namhaften Firma zwei Jahre in der Handtasche mit sich rumgeschleppt haben, dann benutzen Sie die auf keinen Fall mehr. In was auch immer sie sich verwandeln – es ist nichts gutes. Meine blutige Blase an der Ferse, der Klebstoff des Pflasters und Teile meines Strumpfes sind eine derart hartnäckige Symbiose eingegangen, dass ich heulen könnte. Besonders weil ich sie – das mag lustig klingen, ist es aber nicht – nach zwei durch die Stadt gehumpelten Stunden, jetzt wirklich nicht mehr voneinander trennen kann. Während ich heulen könnte, tut es über uns eine nun wirklich und der Streit klingt so unschön, dass meine Ferse nicht mehr ganz so wichtig ist. Geh mal hoch, bitte ich den, der heilfroh ist, dem Bad und mir zu entkommen. Er nickt, behauptet, dass Einweichen eh das beste ist und geht nach oben. Da sind zwei, die dringend eine Pause brauchen, bevor sie sich noch wirklich die Köpfe einschlagen. So wie die habe ich mich noch nie gestritten. Vielleicht denkt sich das auch der, der jetzt wieder nach unten zu mir kommt und sich wieder meinem Fuß widmet. Luft anhalten, sage ich zu ihm und meine mich, als ich die Reste des Pflasters inklusiver reichlich Haut mit einem Ruck selbst runter reiße. Zeitgleich wird über uns irgendetwas an die Wand geschmissen und mein Bein klatscht ins Wasser. Mit einem lauten Fluch geht einer, der keine Lust hat, noch einmal nach oben und ich wundere mich, wie anders seine Stimme klingt wenn sie laut wird. Lauter Irrre in diesem Haus, meint er später. Vermutlich schließt mich das ein. Das effiziente Abreißen des Haut-Klebstoff-Strumpfgemisches hat er mit einem so entsetzten Blick gewürdigt, dass er mir fast leid tut.

Wusstest du, dass Paare am meisten über herumliegende Kleidungsstücke streiten, frage ich ihn und er schüttelt den Kopf, während er einen seiner Schuhe grinsend unter das Sofa kickt.

30 Gedanken zu “Alles ganz normal

  1. Das ist ja eine irre SChilderung, liebe Mitzi. Sie fängt ganz harmlos an, steigert sich über den Streit der Obernachbarn, um dann endlich die zentrale Szene zu enthüllen, in der man anfängt, mit dir zu leiden. Hoffentlich lösen sich nicht nur Pflaster und Strumpf aus deiner Wunde, sondern auch euer Streit in Wohlgefallen auf. Toll geschrieben! Herzlichen Dank,

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  2. Ach Mitzi, da bleibe ich doch lieber bei meiner Cystitis – da ist der Schmerz nicht so gewaltig und vor allem über die 16 Stunden Wachsein verteilt – nicht so konzentriert wie bei dir.
    So angebrüllt haben wir uns auch nie bei einem Streit – vielleicht klärt das aber besser, als wenn man das immer kultiviert macht.
    Lieben Gruß zu dir

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  3. In amerikanischen Western bekommt man bei einer solchen Operation immer erst ein, zwei Glas Whiskey – wo hat Dein Freund Medizin studiert? Offenbar hat er keine Ahnung, kein Wunder, wenn Du Diskussionsbedarf hast. Gut, bei Deiner Beschreibung des „Haut-Klebstoff-Strumpfgemisches“ hatte ich das Gefühl, jetzt könnte ich selbst gut einen Schluck vertragen …

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  4. Ach, zugeknallte Türen… das ist so, hm, na, lassen wir das. Wenn ich wütend bin schließe ich sie leise. Zu leise.
    Doch so ein armes Opfer der modernen Medizin – oder wo sind industriell hergestellte BLasenpflaster einzuordnen? – hat wohl gar keine Kraft und keine Lust mehr, schlicht wütend zu sein. Wobei es auch noch schwierig ist, den Schuldigen auszumachen (immer den, der grad da ist? Aber das ist manchmal dann doch zu einfach!). Somit war ein Ertränken nicht nötig, und niemand wird je erfahren, ob das unter Notwehr subsumiert werden kann. – Außerdem muß man sich derlei auch gut überlegen, hier hilft vielleicht wieder der Verweis auf Valentin (das Aquarium), der seinen leidenden Goldfisch erlösen wollte, indem er ihn zur Isar tragen und ertränken wollte.
    Freilich, die sich vermengenden Körperteile und -flüssigkeiten und so draufgepapptes Zeugs… dabei kommt mir die alte Geschichte in den Sinn, als sich nach der Bergtour meine komplette Fußsohle lösen ließ. War lustig anzuschauen. Aber nur das Schauen.

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    1. Valentin und die Isar erzähl ich besser nicht. Sonst stellt er mich das nächste Mal an und in den Flaucher und behauptet, das macht man so.
      Klingt nicht lustig, das mit der Fußsohle. Ich hoffe die Tour davon hat sich wenigstens gelohnt.

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      1. Es ist schon Jahrzehnte her und es war, wie sollte es anders sein, eine dumme Wette: der Gegenspieler behauptete doch glatt, mit dem Auto schneller vom Berg runter zu kommen als wir zu Fuß. Gewonnen hat er nicht, allerdings hatte er auch keine Reifenpanne…

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    1. Ne, leider nicht so ganz. Ein nettes Paar und ehrlicherweise auch nicht über mir, sondern über der Wohnung einer Freundin, aber die streiten, dass man sich nicht nur über den Lärm ärgert, sondern sich wirklich sorgt. Um beide. Da fliegt beidseitig der Schalter raus und ich hab schon mehr als einmal meinen Freund hochgeschickt oder war mit meiner Freundin oben, um zu fragen ob a) sie noch alle Tassen im Schrank haben oder b) alles in Ordnung ist.
      Schweigen….manchmal noch ätzender…stimmt.

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  5. Mit diesen statistischen Streitgründen konnte ich mich bisher auch selten identifizieren – aber deine blasengeschichte.. aua! ich hatte zum glück irgendwann letztes jahr „nur“ blasenpflaster und blase voneinander zu trennen… irgendwie klebte dieses pflaster schon an die 2 monate dran und wollte sich nicht lösen, bis e smir zu blöd wurde. tjaja.

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    1. Ernsthaft? Das klebte Wochen dran? Wow…die sind wirklich hartnäckig.
      Die Statistiken sind irgendwie auch ein Schmarrn. Beim Streiten ist der Mensch unangenehm kreativ – verallgemeinert. Ich bin froh, dass ich das recht selten tue. Manche Paare scheinen eine Streitbühne richtig zu brauchen. Vielleicht ist es ja gesund, sich auch mal alles an den Kopf zu werfen, aber ich mags viel lieber ruhig. 😉

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