Kann ich (nicht)!

Meine erste Lesung vor nun fast fünf Jahren begann ich mit den Worten: „Mein Name ist Mitzi Irsaj und… ich bin nervös.“ Kein besonders gelungener Beginn, aber auf jeden Fall freundlicher als das was ich letzten Samstag zustande brachte. Da war ich nicht nervös, aber hochgradig genervt und begann mit: „Mein Name ist Mitzi Irsaj und… Verdammt was ist denn daran so schwer!“ Das allerdings war eine berechtigte Frage, die ich mir nach etwa zwei Stunden stellte in denen ich es nicht geschafft habe zwei meiner eigenen Geschichten fehlerfrei einzulesen. Es mag daran gelegen haben, dass meine Nerven beim Beginn des eigentlich Lesens bereits blank lagen.

Mit der mir eigenen Arroganz, wenn es um Dinge geht die ich noch nie gemacht habe, von denen ich aber überzeugt bin, dass ich sie trotzdem recht gut kann, habe ich mich hoffnungslos selbst überschätzt. Seit gut zwei Wochen weiß ich, dass ich für ein wunderschönes Adventsprojekt guter Freunde, zwei meiner eigenen Texte einlesen muss. Trotzdem habe ich bis fünf Stunden vor dem aller letzten Abgabetermin damit gewartet, mich überhaupt erst einmal damit auseinander zu setzen. Dass mir ein wenig Druck ganz gut tut weiß ich, mindestens eben so gut weiß ich aber, dass zu viel Druck bei mir zu leichten Anfällen von Hysterie und Panikattacken führt. Es war also sicher nicht die beste Idee erst am Samstagmorgen damit zu beginnen meine eigenen Texte zu sichten, sie um mindestens zwei Drittel zu kürzen und erst dann das iPhone nach einer App für Audioaufnahmen zu durchforsten. All das kostete mich bereits reichlich Nerven. Dabei sollte ich wissen dass es meistens kein Problem ist einen Text nachträglich etwas länger zu gestalten, es aber ungleich schwerer ist einen fertigen am Ende zu kürzen. Irgendwann war ich mit meinem Ergebnis zufrieden und begriff sogar die Funktionsweise der Aufnahme App (rudimentär versteht sich). Vielleicht wäre alles noch gut gegangen wenn ich zu diesem Zeitpunkt einfach weiter gemacht hätte. Das habe ich aber nicht und rückwirkend gehört dieser Samstagvormittag zu jenen Momenten bei denen ich mich frage ob ich wirklich so unglaublich dumm bin oder einfach nur unter völliger Selbstüberschätzung leidet. Heute vermute ich eine Mischung aus beidem.

Nach der Auswahl und der Kürzung der Texte bin ich nämlich erst einmal ganz entspannt zum Einkaufen gegangen. Etwas bei dem ich keinen Abgabetermin hatte und etwas das ich noch den ganzen Nachmittag hätte erledigen können. Auch hätte ich das Telefonat mit meiner Mutter am frühen Abend führen können und nicht zu jenem Zeitpunkt wo mir nur noch eine Stunde Zeit blieb. Eine Stunde reicht locker – sagte ich mir und war entspannt. Wenn sie selbst schon einmal etwas vorgelesen haben, egal ob ihren Kindern oder einem zahlendem Publikum, dann wissen Sie, dass es durchaus ohne größere Probleme möglich ist eine Textpassage von etwa 5 Minuten ohne Versprecher zu lesen. Sie wissen oder ahnen aber auch dass es umso schwieriger wird, wenn sie sich genau in dem Moment darüber bewusst werden, dass diesmal wirklich kein Versprecher dabei sein sollte. Fehlerfrei (bei unter fünf Minuten) kann man bei jemanden der schon eine Weile öffentlich liest durchaus erwarten und für ein schönes Projekt ist es schlicht und einfach auch deutlich hübscher. Das erste Mal klappte ganz wunderbar, nur hat mir die Betonung beim Anhören nicht gefallen und ich löschte den Versuch. Beim zweiten Mal fiel mir auf das ich, wenn ich in ein Mikrofon spreche wie ein Walross schnaufe. Ich weiß nicht ob ich das immer mache – für gewöhnlich höre ich mich selbst nicht so deutlich – fürchtete aber fast, dass es der Fall ist und versuchte das Atem weitestgehend einzustellen. Es funktionierte nicht. Nicht bei einem so guten Mikrofon wie es neue Handys heute haben. Auch mein Herumrutschen auf dem Stuhl in der Mitte des letzten Absatzes hört man deutlich – ich zerschoss die Aufnahme beim Versuch mein rechtes Bein hinter dem linken Tischbein festzuklemmen. Genau so laut ist es übrigens, wenn man versucht während des Lesens einen schönen Rhythmus beizubehalten indem man mit dem Bleistift auf die Tischplatte klopft. Letzteres hätte ich mir natürlich denken können bemerkte es aber erst als ich die Aufnahme anhörte. Bei der sechsten und siebten Aufnahme musste ich einmal Nießen und hatte beim zweiten Mal nach wenigen Sätzen einen Staub trockenen Hals, weil ich mir kurz davor einen alten Keks in Mund geschoben habe. Sie ahnen es wahrscheinlich aber bei einer so kurzen Tonaufnahme können Sie unmöglich dazwischen einen Schluck trinken. Jeder Zuhörer hält es für völlig unnötig und jeder der Mitgefühl hat, muss zumindest zugeben dass so ein Schlucken recht laut sein kann. Bei der achten Aufnahme begann meine Waschmaschine zu schleudern, bei der neunten klingelte der Postbote an der Tür. Bei der zehnten war ich so froh dass diesmal kein Geräusch von außen störte, dass man meiner Stimme anhört dass ich ein sehr zufriedenes Grinsen im Gesicht habe. Dummerweise hört man es genau an der Stelle, an der ich gerade erzähle dass meine Großeltern schon lange verstorben sind. Ein paar Aufnahmen dazwischen sind einfach nur Schrott, von dem man weiß dass man es besser kann und besser können muss, weil es sich um Geschichten handelt die man schließlich selbst verfasst hat. Wenn man so dämlich ist wie ich, googelt man zu diesem Zeitpunkt nach Tipps und Tricks für eine gelungene Lesung. Sollten Sie jemals öffentlich lesen müssen oder wollen, machen Sie das nicht. Fragen Sie auf keinen Fall Google. Fragen Sie jemanden der Erfahrung hat, fragen Sie gerne auch mich (auch wenn Sie das nach diesen Text wahrscheinlich nicht mehr möchten), oder fragen Sie überhaupt nicht und hören Sie auf ihr Bauchgefühl. Aber fragen Sie nicht das Internet!

Der letzten Versuche begann dann mit anfangs erwähntem Auftakt. WAS VERDAMMT NOCH MAL IST DARAN DENN BITTE SO SCHWER?!? Ich habe es dem  geschickt, der mich um die Aufnahmen gebeten hat und sein herzhaftes Lachen hat mich gerettet. Er gab mir eine halbe Stunde Aufschub und ich bin zwei Runden im kalten Novemberwind um den Block gelaufen. Danach bin ich nach oben gegangen, habe ein paar Schluck warme Tee getrunken, zweimal tief durchgeatmet und es einfach eingelesen. Wenn ich Ihnen in ein paar Tagen den Link dazu schicke, dann denken Sie bitte an die Entstehungsgeschichte. Ich glaube dann können Sie Sie es am ehesten genießen.

23 Gedanken zu “Kann ich (nicht)!

  1. Liebe Mitzi,
    wenn ich Ihre Berichte so lese, denke ich, Sie haben ein grandioses Maß an Selbsterkenntnis. Mit so viel Einsehen über mögliche, eigene „Fehlerquellen“ dürfte es nicht mehr lange dauern, bis Sie absolut frei von Missgeschicken sind.
    Freuen Sie sich darauf! 😉
    Gruß Heinrich

    Gefällt 3 Personen

  2. Hallo Mitzi, weißt du, nach welchem Text ich gerade gegoogelt habe???
    Die Selbstkritik hat viel für sich.
    Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
    So hab‘ ich erstens den Gewinn,
    Daß ich so hübsch bescheiden bin …
    Und viertens hoff‘ ich außerdem
    Auf Widerspruch, der mir genehm.
    Du bekommst jetzt einen Trosttätschel und letztendlich hat ja alles geklappt. Das nächste Mal kannst du ja eine halbe Stunde früher anfangen 🙂 oder nicht einkaufen gehen!
    Lieben Gruß von mir

    Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Mitzi,
    was für eine Sprechprobe in diesen Umständen. Verständlicherweise ist dies aufregend. Wie Du dies schilderst und ausmalst.
    Was spricht dagegen, hier einen Juchzer, dort einen Seufzer oder gelegentlich ein Klingeln dabei zu haben? Dies darf so sein und ist es, auch in meinem privaten Leben.
    So bin ich mit der Lese- und Hörgemeinde gespannt auf Deinen Podcast!
    Alle guten Wünsche und
    herzliche Grüße
    Bernd

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    1. Lieber Bernd, wäre es für mich gewesen, dann hätte mich das alles nicht gestört. Dann wäre es „Mitzi“ gewesen bei der es einfach nicht so leise ist, wie es sein sollte ;).
      Ich werde Euch den Link schicken. Nicht nur wegen mir, auch wegen der wunderschönen Fundstücke die im Advent dort noch zu finden sind.
      Herzliche Grüße

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  4. Liebes Fräulein Mitzi,
    ich finde es natürlich grandios, dass Sie bei dem Südsehen-Adventskalender dabei sind und freue mich schon darauf, das Ergebnis zu hören! Da ich etwa zur gleichen Zeit, für den selben Kalender und den gleichen guten Freund auch 2 Texte eingelesen habe – kann ich das Szenario, wie kein ander nachempfinden…😜

    Aus „mal-eben-schnell-nen-Text-einlesen“ werden leicht 6 Stunden, dank Perfektionismus – der dann sowieso nicht klappt; mit miauenden Katzen auf der Hälfte der Aufnahmen, die verdammten Hausschuhe knarren auf dem Boden, (ist mir vorher nie aufgefallen, aber jetzt weiß ich es) das Smartphone mit dem man gerade Aufnimmt klingelt plötzlich… hat man den einen Satz endlich in der Emotion gelesen, die man haben wollte, ist mindestens ein anderer dafür so scheiße, dass man es auf keinen Fall verwenden kann und nach den ersten Paar Stunden knurrt dann der Magen so laut, dass man es seeeehr deutlich hören kann – diese Micros sind aber auch echt sensibel!
    Am Schluss hat man dann eine „ja-mei-besser-krieg-Ichs-auf-die-Schnelle-(in 6 Std.)-nicht-hin-Version und fährt dank zeitlicher Ausdehnung unzureichend vorbereitet auf die anschließende Theaterprobe😑
    Tja!
    Herzliche Grüße aus dem Westend,
    Simone

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    1. Liebe Simone, mit einem breiten Grinsen und sehr zufrieden habe ich deine Zeilen gelesen. Es ging also nicht nur mir so.
      Mittlerweile habe ich (obwohl ich immer nur ein Türchen öffnen wollte) schon alles angehört. Wunderschön. Man merkt halt doch, wer das Sprechen gelernt hat. Ich war grad so halbwegs zufrieden bei den Lesungen und beim frei erzählen und sprechen und dann sitz ich plötzlich vor einem seelenlosen Ding und erzähle dem etwas. Das ist ja wieder etwas völlig anderes. Naja, vielleicht lerne ich das auch noch. Bis dahin ist es ein Adventskalender mit wunderschönen Stimmen von Schauspielern und von…naja, mir halt, die etwas erzählt ;).
      Ich hoffe ich bekomme irgendwann einmal wieder Gelegenheit dich live zu hören. Deine Worte und Deine Stimme mag ich sehr. Und wenn Corona uns lässt, dann sehen wir uns hoffentlich bald mal wieder. Einen schönen ersten Advent und liebe Grüße

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  5. Liebe Mitzi, deine Selbstkritik halte ich für total überzogen. Die von dir beschriebene Prokrastination kenne ich und halte sie für allgemein menschlich. Ich sollte einmal mit einer Kollegin zur Halbzeit eines Schüleraustauschs in einem Zwischenbilanzseminar einen Erfahrungsbericht vortragen, verschob die Vorbereitung auf die Zugfahrt, kam da auch nicht weiter, verschob auf den Abend im Hotel, dann auf den Morgen, kam schlecht vorbereitet im Seminarraum an und stellte fest, dass die Kollegin gar nichts vorbereitet hatte. Sie parlierte einfach locker aus dem Stegreif. Seither weiß ich, dass locker zu bleiben die beste Vorbereitung ist. Deine Tonaufnahme freue ich mich zu hören.
    Lieben Gruß

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    1. Lieber Jules, ich bin bei dir…Prokastination ist menschlich und meistens kein allzu großes Übel. Mich ärgerte nur, dass ich mit meiner Trödelei am Ende nicht mir sondern guten Freunden geschadet hätte. Zum Glück ist es noch einmal gut gegangen. Locker zu bleiben, ist trotzdem ein guter Rat. Wenn man wirklich zu spät ist, bleibt einem eh nichts anderes übrig. Liebe Grüße

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  6. Liebe Mitzi, das, was Du da erlebst, kenne ich – und Du hast mich mit dem, was Du schreibst ganz aktuell daran erinnert, meinen Text immer wieder und wieder neu einzulesen, denn morgen habe ich einen großen Tag. Ein sehr bekannter deutscher Filmregisseur (ich muss drüber schweigen) dreht über Ruhrgebietsliteratur – und ich bin morgen als einer von vier „Autoren“ mit Text vor der Kamera.
    Hab auch Herzkloppen und freue mich wie verrückt.
    Und habe meinen Text soooooo oft gelesen.
    Bitte Daumen drücken.
    Liebe Grüße nach München.
    Lo

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    1. Lieber Lo, ich drücke dir ganz ganz fest die Daumen und bin gleichzeitig sicher, dass es ganz wunderbar funktionieren wird. Es klingt nach einem wirklich tollen Projekt und wenn man das Ergebnis irgendwo sehen kann, dann gib doch bitte Bescheid. Einen schönen Advent und ganz liebe Grüße

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  7. Du wärst nicht die Erste, die Schwierigkeiten hatte, einen eigenen Text adäquat zu lesen. Es gab große (wirklich große) Schriftsteller, die dazu absolut nicht in der Lage waren. Gutes Schreiben bedeutet also keineswegs automatisch gutes Lesen – trotzdem bin ich auf den Link sehr gespannt… 😉 (hab dich ja noch nie gehört)

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