Mama sagt nein – nix neues von der Klofrau in Nizza, aber ich arbeite daran.

Meine Mutter hat mir explizit verboten über sie zu schreiben. Sie hätte ich rauszulassen und sie würde ganz sicher nicht zum Thema irgendeiner meiner Erzählungen werden. Keine Bitte, eine Feststellung. Mein Vater hat das nicht. Vermutlich weil er lange Zeit von der Existenz meiner Homepage nichts mitbekam und es schlicht und einfach versäumt hatte, auf seine Persönlichkeitsrechte zu pochen. So wie meine Nachbarn, meine Bekannten und meine Freunde auch. Jetzt ist es zu spät und meine Mutter kann sich über ihre Weitsicht freuen. Von ihr findet sich nichts im Internet. Ok, sie hat sich vor Jahren versehentlich (fragen Sie nicht) bei Facebook angemeldet, aber auch dort kann man nichts über sie finden. Ihre Privatsphäre ist ihr wichtig und Dinge die ihr wichtig sind, die behütet und beschützt sie. Mich zum Beispiel.

Über meine Mutter darf ich nicht schreiben und deshalb kann ich Ihnen nicht erzählen, was für eine starke, humorvolle und kluge Frau sie ist. Dürfte ich, dann würde ich ihnen berichten, wie toll ich es finde, dass sie sich noch heute lieber einen Stock zur Selbstverteidigung sucht, bevor sie eine Kuhweide überquert, als auch nur mit dem Gedanken zu spielen, umzudrehen. Meine Mutter ist eine Frau, die Kühe zur Seite schiebt, wenn sie ihr im Weg stehen und eine, die es über Jahrzehnte geschafft hat, über Feminismus nicht nur zu sprechen, sondern ihn zu leben. Kühe waren dabei vermutlich die leichtesten Widrigkeiten. Schwerer sicher, als Frau in den Siebzigern Beruf und Kind zu vereinen. Ich darfs ja nicht erzählen, aber wenn ich dürfte, dann würde ich Ihnen von einer Frau berichten, die ihr Leben lang gearbeitet hat und immer für sich selbst sorgen konnte. Eine Frau die sich auch mit über Siebzig neues beibringt und zur Entspannung zwanzig Kilometer spazieren geht. Es wäre schön, Ihnen zu erzählen zu können, dass ich eine Mama habe, mit der ich manchmal so lange lache, dass uns nicht mehr einfällt, worum es eigentlich ging. Es wäre auch wunderbar davon zu berichten, dass sie in den Sechziger Jahren ohne ein Wort Französisch zu sprechen für ein paar Jahre nach Südfrankreich gezogen ist. Einfach so, weil das Dorf in dem sie aufwuchs ein wenig zu klein und zu eng für einen so wachen und neugierigen Geist wie den ihren war. Dürfte ich über meine Mutter schreiben, dann würde ich sie als einen jener Menschen beschreiben, die sich nie fragen ob etwas möglich ist, sondern immer nur, wie. Einen der nicht um Erlaubnis bittet und einen der – ganz wie die Tochter – mit Anlauf gegen Wände rennt und auch mit Schrammen an Händen und Füßen überzeugt davon ist, dass doch bitte die Wand und nicht man selbst zur Seite treten möge.

Es gäbe so vieles, was man über eine Frau wie meiner Mutter schreiben könnte. Aber ich darf nicht und deshalb müssen Sie an den drei Arten von Lächeln der Frau auf den Bildern erahnen wie toll sie ist. Bezüglich des Verbotes hoffe ich auf die irgendwann eintretende Altersmilde und eine Lockerung der Anweisung. Dann könnte ich darüber schreiben, warum zwei erwachsene Frauen es für eine gute Idee hielten an der Ampel das davor stehende Auto anzustupsen oder wie sie es schafften sich in einem Hotel zu verlaufen und Ihnen von der Klofrau im Casino in Nizza erzählen. Noch darf ich nicht, aber ich arbeite daran. 

Zum Muttertag habe ich den Text noch einmal gepostet. Weil Mama immer noch noch so toll ist wie damals als ich es schrieb. Heute saß sie neben einem Bienenstock. Das war der schönste Platz auf der Wiese und die Bienen hat es nicht gestört. Schön sah das aus, Mama mit der Semmel in der Hand und hunderte Bienen die sich nicht stören ließen. Mama auch nicht. Von der Klofrau in Nizza darf ich leider immer noch nicht erzählen. Aber ich arbeite noch immer daran.

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15 Gedanken zu “Mama sagt nein – nix neues von der Klofrau in Nizza, aber ich arbeite daran.

  1. Das ist so eine schöne Geschichte, die du ja nicht erzählen darfst und ich sie deswegen auch nur heimlich gelesen habe, dass sie nicht nur zum Muttertag exzellent passt, sondern mindestens noch an 360 anderen Tagen im Jahr.

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Mitzi,
    ich hatte Sorge, mich zu wiederholen, und habe deshalb nachgeschaut, was ich letztes Jahr geschrieben habe:
    https://mitziirsaj.com/2019/05/12/mama-sagt-nein/#comment-16671
    Ob ich Altersmilde habe, weiß ich nicht, aber mit Sicherheit Altersvergesslichkeit.

    Ich habe Ihren Fall prüfen lassen.
    Meine Cousine, die was Jura studiert hat, sagt:
    Sie habe die Privatsphäre Ihrer Mutter mit keinem Wort in Ihrem Blogartikel verletzt! Sie bestätigt meine tiefgreifende Analyse, dass Sie der Privatsphäre Ihrer Mutter einen wohlgemeinten, liebevollen, wärmenden, schützenden Rahmen gegeben haben!

    Grüßen Sie sie recht herzlich!

    Gruß Heinrich

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Heinrich, an meine vergangenen Kommentare könnte ich mich auch nicht mehr erinnern. Ich weiß aber noch, auch weil es noch immer aktuell ist, dass meine Mutter die Ihren immer besonders gerne liest, wenn sie sich auf meine Seite verirrt. Das meiste von meiner Mutter wird privat bleiben – das ist ein Wunsch, dem ich gerne nachkomme. Nur an den Muttertagen oder wenn mir einfällt, wie lieb ich sie habe, setze ich mich vorsichtig ein wenig darüber hinweg.
      Die Grüße werden ausgerichtet!
      Herzliche Grüße
      Mitzi

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  3. dachte ich mir doch, dass mir der text bekannt vorkam 🙂 schon als ich ihn zum ersten mal las hab ich ihn geliebt und beim zweiten mal fand ich ihn nicht weniger schön. was für wunderbare zeilen, die du hier für sie verfasst hast. und ich hoffe sehr, dass du irgendwann über die klofrau in nizza schreiben darfst 🙂

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