Home Office XVI

Seit meine Nachbarin Frau Obst, ihre Wohnung zum Schutz der Gesundheit nicht mehr verlässt, ist das weiße Brett im Treppenhaus fest in der Hand eines neuen Aufpassers. Keine Ahnung, wer sich da bemüssigt fühlt wichtige Hinweise zu verbreiten, aber er geht mir auf die Nerven. Nach einer kurzen Analyse mit Herrn Meier, den ich vorhin getroffen habe, konnten wir den Kreis der Verdächtigen anhand der letzten Nachrichten etwas einschränken. Wollen Sie mitraten?

„Könnten wir mal einen Plan machen, wer wann und wo im Hinterhof Osternester versteckt und sucht? Da kennst sich doch keiner mehr aus.“

Der Verfasser ist Vater (wäre es eine Mutter, dann würde sie ihr eigenes Osternest sehr vermutlich auch unter acht anderen erkennen). Außerdem hat er nur ein Kind. Meine kinderreiche Familie hat mich gelehrt, dass man bei mehreren Kindern gar nicht mehr versucht, die Suche der Osternester irgendwie zu regeln. Wir waren zu viert und sobald der Startschuss fiel rannten wir los. Die Großen die Kleinen über den Haufen. So was gehört an Ostern dazu.

„Noch mal…bitte …. können wir einen Plan machen. Die Kinder nehmen Dinge die ihnen nicht gehören, wenn sie von den zuvor suchenden übersehen wurden.“

Ok, es ist der Vater eins sehr jungen, vielleicht erstmals Eiersuchenden Kindes. Sonst hätte er sich denken können, dass es völlig wurscht ist wem was an Schokolade gehört. Dann streut man halt Eier für die nachkommenden Kindern noch einmal nach. Teure oder individuelle Geschenke müssen eh in der Wohnung versteckt werden. Weniger wegen versehentlich einsammelnder Nachbarskinder als vielmehr wegen der dagegen pinkelnden Hunde. 

„Leute, DATENSCHUTZ! Ein bisschen aufpassen und leiser telefonieren, ja? Bleibt gesund.“

Kein Münchner. Sonst hätte er „bleibt´s“ geschrieben. Kein Giesinger, sonst hätte er
„g´sund“ geschrieben. Datenschutz? Ja, dann hör halt weg, wenn wir Home Office am Balkon machen!

„Hallöchen. Wir planen am Ostersamstag am Balkon zu essen. Wenn der Geruch stört, bitte drunter schreiben, dann essen wir drin.“

Eindeutig im April neu eingezogen. Sonst wüsste er, dass am Samstag der Innenhof von mindestens acht Grills (mit Holzkohle) auf den Balkonen geräuchert wird und es den meisten völlig egal ist ob noch eine Duftnote dazu kommt. Wo in Deutschland sagt man „Hallöchen“? 

„Ist der Hausmeister eigentlich in Urlaub? Das Fenster im Treppenhaus 1. Stock ist so dreckig.“

Nein, der ist nicht im Urlaub und aus Trotz wird er jetzt die nächsten sechs Monate gar keine Fenster mehr putzen. Vielen Dank.

„Wollen wir uns alle mal kennen lernen? Also später, wenn es wieder geht? Ein Hoffest Ende Juli?“

Für die Zeit bis es wieder geht habe ich ihm anonym meine beiden Bücher in den Briefkasten geworfen. Mal sehen ob er uns dann noch kennen lernen will. 

Ich habe eindeutig zu viel Zeit, mich mit dem weißen Brett zu beschäftigen. Erster Tag in der fünften Woche Home Office und ich war schon drei Mal unten, um zu sehen ob nicht wieder was neues dort hängt, das mich von der Arbeit ablenken könnte. Mir fehlen die Schreibtische der Kollegen, vor die ich mich stellen und sie von der Arbeit abhalten könnte. 

30 Gedanken zu “Home Office XVI

  1. Mir hat ja drei Tage nach dem Einzug eine/r einen richtigen bösen Zettel an die Wohnungstür geklebt – natürlich anonym.
    Ich hatte eher gedacht, er käme von einer Frau. – Ich fotografierte ihn ab und behielt diese Datei auf dem Handy.
    Irgendwann habe ich für meinen Gegenüber-Nachbarn eine Sendung entgegen genommen und lange behalten, weil er nie da war, wenn ich klingelte. – Und plötzlich war ein Zettel an meiner Tür. Ich verglich die Schrift, obwohl ich es gleich und sofort wusste.
    Dass der keine hübsche Freundin lange Zeit hat, ist mir allein dadurch klar geworden.
    Wünsche, frohes Suchen gehabt zu haben.

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      1. Ich hatte ihm geantwortet, dass eine Frau über 70 nicht mehr als 18 Stunden am Tag arbeiten darf. Und das habe ich immer locker geschafft. Ich hatte ihm auch angeboten, mir zu helfen, damit es schneller geht. Aber darauf ist er nicht eingegangen

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  2. So einen hatte ich mal als Arbeitskollegen! Oh weih!
    Aber dass solche Leute auch in der Nachbarschaft leben können, ist die Härte!

    Wenn der aber noch nicht einmal die Osterei-Planungs-und-Strategie-App hat, ist er einfach nicht zeitgemäß und nur marginal ernst zu nehmen. 😉

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    1. Ach herrje….die hätte er mal verlinken sollen, am Brett. Die App. Ich hätte schallend gelacht und sie aus Neugier installiert. Mal sehen ob am Wochenende noch Schokolade in den Büschen zu finden ist. Wenn ich sie hole, ist es eigentlich ja nur „aufräumen“ 🙂

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      1. 😀 ohje, na dann ist es wahrscheinlich besser, du blendest den eher aus, als dich noch zusätzlich mit ihm zu beschäftigen. außer du brauchst es ein bisschen als ventil. und man weiß ja nicht, vielleicht verändert er sich ja noch 🙂

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      1. Ja, ich weiß. Oft braucht es viel guten Willen, und Humor, damit der Hausfrieden hält. Und dann gibt es trotzdem Momente, in denen der Fuß gegen Wände treten will.

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  3. Wer sich, um teils wirklich nützliche Informationen einzuholen, vor ein genau dafür gedachtes Brett stellt hat im selben Moment das sprichwörtliche solche vorm Kopf – ist so, da kann man nichts machen. Wenn der eine oder andere schon bei der vorbereitenden Textgestaltung dies vorauseilend einberechnet ist auch das wohl der „im Hof nicht spielen“ „an der Teppichstange nicht turnen“ „Im Treppenhaus keine Kinderwagen abstellen“ – Mentalität geschuldet, die wohl nach wie vor existiert (ich selbst durfte den größeren Teil meiner Kindheit, daher wohl auch ein Teil meines Stadtfluchtreflexes, in genau solchen Häusern verbringen).

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