Corona Home Office XIV

Drei Wochen Home Office und noch immer fühlt es sich manchmal nach Urlaub an. Nicht, weil ich weniger arbeite, sondern weil sich meine Arbeitsweise völlig auf den Kopf gestellt hat. Im Moment spare ich mit die 80 Minuten, die ich morgens ins Büro brauche und sitze trotzdem schon um kurz nach 6 Uhr vor dem Rechner. Kein Wecker, sondern das Zwitschern der Vögel weckt mich – das ist schön. Schön auch, den ersten Kaffee noch im Schlafanzug zu trinken und dabei in aller Ruhe lesen, was am Abend noch reingekommen ist. Unangenehmes erledigte ich gleich dann, mir frischem Kopf. Wir alle halten die Kernzeiten ein und finden trotzdem unseren eigenen Rhythmus. Selbstbestimmt, trifft es wohl am besten. Ich vermisse die kurzen Gespräche am Kopierer, genieße aber die Sonne auf meinem Balkon, wenn ich dort eine Pause mache und die Augen schließen kann, während die Sonne meine Nase kitzelt. 

Heute am Ende der dritten Woche, sage ich zu meinem Nachbarn Paul, dass es mir wohl schwer fallen wird, irgendwann wieder ins Büro zurück zu kehren. Durch das Fenster meine Küche, sehe ihn auf seinem Balkon nicken – wir telefonieren. Ich muss ihm nicht erklären, was ich meine. Es geht nicht darum weniger zu arbeiten oder in der Lieblingsjeans und Barfuß am Schreibtisch zu sitzen. Es geht um täglich gesparte Fahrzeiten von fast drei Stunden und die Frage nach der Notwendigkeit von zu starren Arbeitsmodellen, deren Aufbrechen wider Erwarten zu mehr Lebensqualität, aber auch zu unglaublicher Effizienzsteigerung führt. Wir ziehen alle am gleichen Strang, sage ich zu Paul und wieder nickt er. Bei ihm sei es ähnlich, murmelt er und schickt mir parallel eine E-Mail. 

Obwohl wir nicht im selben Büro arbeiten, ziehen heute auch wir an einem Strang. Ich habe ihn mit Lade- und HDMI Kabeln versorgt, er mich mit Hilfe bei einer widerlichen Excelliste, die mich seit Tagen um den Verstand bringt. Danke, schreibe ich und er antwortet mit „gerne“. Beide ohne blöden Kommentar oder süffisantem Grinsen. Wir wachsen zusammen. Nach drei Wochen wir Nachbarn, wir Kollegen und vielleicht auch ein bisschen wieder wir alle. Corona brauchte kein Mensch. Etwas mehr „wir“ als „ich“, war dringend nötig. 

 

17 Gedanken zu “Corona Home Office XIV

  1. Mitzi, wovon werden deine künftigen Geschichten handeln, wenn du Paul nicht mehr auf die Schippe nimmst? Nur Frau Obst – das reicht nicht. – Zum Glück bist du erfinderisch und ich mache mir keine Sorgen um deine weiteren Texte.
    Und tschüss

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  2. Drei Stunden jeden Tag für den Arbeitsweg,
    das ist der absolute Wahnsinn! Vielleicht
    könnt ihr ja ein bisschen Home-Office
    beibehalten, wenn der Corona-Mist
    überstanden ist. Dann hätte der
    sogar etwas Gutes gehabt. 🙂
    Vielleicht begreift ja der Chef,
    dass es auch so funktioniert.
    Das wäre doch klasse… !?

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    1. Einen Tag Home Office haben wir seit diesem Jahr schon. Es fühlte sich gar nicht so lange an. 70 Minuten (wenns gut läuft) die vergehen, wenn man umsteigt und gut 15 Minuten zu Fuß läuft. Mir ist es lieber als mit dem Auto. Aber jetzt merke ich, wie viel mehr Zeit ich habe.
      Ich hoffe auch sehr, dass wir das Home Office nach der Krise deutlich ausbauen können/dürfen/wollen.

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      1. In einen Münchner Vorort. Eigentlich gar nicht so weit, aber mit Bus und Bahn dauert es dann leider doch.
        Als ich vor Jahren außerhalb wohnte fuhr ich immer rein….irgendwas mach ich da falsch 😉

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  3. wieder wirklich schön, was du erlebst. ja, das starre aufbrechen, auch die vorteile der digitalisierung endlich mal bemerken… wahnsinn, wie lang ihr zum pendeln braucht, das ist schon ein ziemlicher zeitfresser.

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