Corona Home Office XIII

„SIE MAG ES NICHT!“, brüllt mein Nachbar Paul auf dem Balkon stehend in meine Richtung. „DAS IST MIR WURSCHT“, schreie ich im Laubengang vor meiner Wohnungstüre stehend zurück und schaue das neu eingezogene Paar im ersten Stock, Hinterhaus fragend an. Was sie so schauen, erkundige ich mich, und warum sie auf dem Balkon stehend Privatgespräche verfolgen. Sie drücken ihre Zigaretten aus und verziehen sich in ihr Appartement. „SIE VERTRÄGT KEINE ZWIEBELN!“, nimmt Paul den Faden wieder auf und ich mache mit den Händen die Geste eines umgedrehten Halses. Es ist der Hals von Frau Lukaseder, den ich gerade gerne umdrehen möchte. Ich bin mir sicher, dass sie sehr wohl Zwiebeln verträgt und einfach keine Lust auf Gyros hat. Hätte ich ihr ein bayerisches Gröstl (mit Zwiebeln) vor die Tür gestellt…ich wette sie hätte es gegessen. Aber gut, gegen das Argument des „nicht vertragens“ komme ich nicht an. In etwas ruhigerem Ton informiere ich Paul, der als Sprachrohr zwischen den Balkonen des Vorder- und Hinterhauses dient, dass ich mit großem Vergnügen noch einmal losgehen werde, damit Frau Lukaseder ihren Frieden hat. Damit sie aber gleich vorgewarnt ist schreie ich so laut, dass es Paul als Verstärker nicht braucht: „ABER ICH GEHE NICHT IN DEN SUPERMARKT, SAG IHR DAS!“

Ein paar Minuten später stehe ich draußen in der Sonne. Ein wunderschöner Frühlingstag, dessen Mittagsstunde ich danke verordnetem Home Office, zuhause in meinem Viertel verbringen kann. Während der Alltag des Büros unbeirrt der letzten Wochen weiter gegangen ist, ist hier im Herzen Giesings, in München nichts mehr so wie noch vor vier Wochen. Still ist es. Mit geschlossenen Augen, die Nase in die Sonne haltend, kann man sich einreden, dass es wunderschön ruhig ist. Die Vögel hört man und in den Straßen, in denen nur Wohnhäuser stehen ist es so still, wie noch nie. Selten fährt ein Auto vorbei und das leise Murmeln der von zu Hause arbeitenden und am Balkon sitzenden Menschen ist leiser als das Zwitschern der Vögel. Mit offenen Augen sieht man, dass unser Viertel gespenstisch ausgestorben ist. Manche trifft es besonders hart. Zu ihnen gehe ich heute, damit meine beiden alten Nachbarinnen versorgt sind. Seit Ende letzter Woche habe ich ihnen gesagt, dass ich nur noch einmal die Woche in den Supermarkt gehe und keine Fertiggerichte mehr kaufe. Fertiges bekommen sie trotzdem, aber fertiges mit Herz. Am „Supermarkt Tag“ besorge ich alles so wie sie es wollen. Am „Giesing Tag“ nur das, was sich in kleinen Läden findet. Gut, Griechisch scheint die  eine nicht zu mögen, das akzeptiere ich. Dass es neben Gyros in dem kleinen Laden aber auch wunderbares Gemüse gibt, das muss sie verstehen. Zumal sie es sich leisten kann. Auch Jogurth, Milch und Käse, kaufe ich heute dort ein. Für Herrn Meier noch Oliven und eingelegte Paprika und für Paul und mich auch. Kaum einer verirrt sich in diesen Laden und wenn nicht bald mehr Menschen dort einkaufen, dann schafft er es nicht. 

Auch „beim Türken“ gehe ich vorbei. Frau Angermeier ist bereits ein großer Fan und ich versuche ihr jedes Mal etwas anderes mitzubringen. Schöner ist es in den Läden auch für mich. So leer sind sie, dass ich nicht glaube mit jedem Atemzug etwas Giftiges einzuatmen. Dieses Gefühl hab ich mittlerweile im Supermarkt. Es ist mir einfach zu voll. Warum der Zeitschriftenladen auf hat (in Bayern) weiß ich nicht. Ich hol mir eine Zeitung und gleich noch ein Bier für Herrn Meier. Hat er nicht bestellt, aber ein bisschen Umsatz schadet nicht. Obst kaufe ich am Stand. Der Frühling ist so herrlich und dort kann ich kurz mit der Verkäuferin sprechen, bevor ich in meine stille Straße und meine ruhige Wohnung zurück muss. 

„BÖREK MAG SIE“ brüllt Paul wenig später und ich bin erleichtert. Die neuen Nachbarn fragen jetzt doch nach, warum wir nicht telefonieren. Sie fragen nett und ich entschuldige mich für den Lärm. Von Balkon zu Balkon ratschen wir ein wenig und ich sage ihnen welche kleinen Läden noch auf haben. Sie versprechen dort morgen vorbei zu schauen. Ich glaub, ich mag sie, die Neuen. 

 

17 Gedanken zu “Corona Home Office XIII

  1. … meiner Tochter habe ich immerhin beibringen können nicht in eine geöffnete U Bahntür zu köbeln und dann die Nächste zu nehmen… nach der Schicht im Einzelhandel… will sagen… hey, es gibt noch mehr Ausfallserscheinungen als Corvid 19… mein Heuschnupfen blüht und ich hoffe, dass Hexenverbrennung in einem Supermarkt nicht auf dem Sonderangebotsflyer steht… *wimmer*

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    1. Schichten im Einzelhandel….im Moment bestimmt eine besonders „große“ Freude. Wollen wir hoffen, dass sich die Ausfallerscheinungen in allen Bereichen in Grenzen halten. Den Heuschnupfen wird mein Hoffen wohl nicht stoppen – möge er dich schnell wieder in Ruhe lassen!!

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      1. … grundsätzlich bin ich positiv optimistisch… und solltest du einen Zelluloseengpass bekommen… der Overnight HH via München sei dir gewiss… ich kenne da einen Moya-Fahrer *g*

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  2. Ganz ähnlich geht es hier zu: Stille. freundliches Grüßen.Fensterln kommt wieder in Mode. Einkaufen tue ich nur in Kleinstläden: Gemüsehändler mit ein paar anderen Nahrungsmitteln , Minimarket für Zeitungen und Krimskrams, Bäckerei, wo gebacken wird. Da kann man von der Tür aus reinrufen, was man möchte, sie bringen es einem und ich lasse sie das Geld aus meinem offenen Brillenetui nehmen, wohinein sie auch das Wechselgeld legen (mein Patent, so dass man das Gel nicht berührt. Klappt prima und gibt Gelegenheit, ein paar Worte zu wechseln. Den Supermarket meide ich möglichst, obgleich die auch sehr gut organisiert sind: da gibt es Einlasskarten, sounsoviele Kunden dürfen gleichzeitig im Raum sein, alles wird sofort desinfiziert, die Kassiererinnen sitzen hinter Plexiglas, von der Kasse ist Abstand zu halten … Panikkäufe hat es hier überhaupt nicht gegeben, die Versorgung funktioniert.
    Schön, dass das neue Paar sympathisch ist. Liebe Grüße!

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    1. Das mit dem Brillenetui ist eine gute Idee. Geld war auch schon vorher dreckig, im Moment will man es erst recht nicht anfassen. In den Supermärkten bei uns sind die Kassiererinnen wenigstens auch durch das Plexiglas geschützt. Die Tapferen halten die Läden am Laufen und müssen sich wohl viel Mist anhören und Ärger aushalten. In den kleinen Läden kommt man ein wenig zum Plaudern…wie du es schilderst, ein Vorteil.
      Liebe Grüße

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  3. Die Ruhe im Quartier geniesse ich auch. Die wird nur unterbrochen, wenn ich mit meiner Nachbarin, die auf der anderen Strassenseite wohnt, Fenster-Kaffeepause vom Home Office mache. Wir stehen beide mit einer dampfenden Kaffeetasse am geöffneten Fenster und „ratschen“ – wie du sagst. Seit wieder schönes Wetter herrscht, haben auch andere Nachbarn angefangen über den Zaun zu tratschen. Aufgrund der akustischen Indifferenzen – man hat dein eigenes Wort nicht mehr verstanden – sind wir auf WhatsApp umgestiegen.
    Und was ich gar nicht vermisse, sind die Flugzeuge, die in den Stosszeiten im 2-Minuten-Takt über unsere Köpfe donnern.
    Ich gebe zu, dass ich im Supermarkt einkaufe. Aber auch im Supermarkt ist jede Verkäuferin und Kassiererin für ein Lächeln dankbar. Heute hat die Kassiererin sich, sogar dafür bedankt, dass ich sie freundlich angelächelt habe. Es seien heute alle so grimmig unterwegs. Hat man noch Töne!! Wir können froh sein, dass diese Leute für uns arbeiten.
    Ein Lächeln kostet nichts.

    In diesem Sinne – Smile 😁😃😀
    Liebe Grüsse Emma Engel

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    1. Klingt sehr nach meinem Viertel :). Auch wenn ich hier nicht so viele Flieger hatte, es fällt auf, dass nun kaum noch eines zu sehen ist.
      Das Lächeln können die im Supermarkt bestimmt brauchen. Ich geh ja auch noch hin und finde es bewundernswert wie freundlich die Kassiererinnen immer noch sind. Ich fürchte , die mussten sich schon vor Corona ein dickes Fell zulegen.

      Liebe Grüße
      Mitzi

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