Alltag XI – Zeit

Ich würde so wenig schreiben, sagt er, dass er das von mir nicht gewohnt sei und ob alles in Ordnung wäre. Logo, sage ich und schiebe ihn aus dem Türrahmen, in dem er steht. Eigentlich kommen wir da gut zu zweit durch, nur heute nicht, weil ich einen Karton mit Büchern im Arm halte und darauf eine übervolle Tasse Milchkaffee balanciere. Da will ich kein Risiko eingehen. Ich schreibe schon, teile ich ihm nuschelnd mit und er zieht die Stirn in Falten weil er mich nicht versteht. Nachdem er mir die Kontoauszüge, die ich zwischen meine Zähne geklemmt hatte aus dem Mund nimmt, wiederhole ich es noch einmal. Doch, ich würde schon schreiben, fast so viel wie immer, nur im Moment eben nur im Kopf. Der Karton mit den Büchern – meinen eigenen – kommt in den Flur. Zur Auer Dult brauche ich sie. Die beginnt zwar erst am 19. Oktober aber wenn sie schon jetzt da stehen, dann kann ich das schon mal nicht vergessen. Wie man im Kopf schreibt, möchte er wissen und ich schiebe den Karton ein Stück unter die Kommode. Nur so weit, dass er mich täglich stört und ich ihn sicher nicht vergessen werde. Nun, ich schreibe eben in Gedanken. Schreiben ist für mich ja nachdenken und damit hört man nicht auf, nur weil die Zeit mal etwas knapper wird. Knapper, fragt er schmunzelnd, schiebt den Karton ein Stück weiter unter die Kommode und rettet den Milchkaffee, der gefährlich wacklig noch immer darauf steht. Wir teilen uns den Milchschaum und weil sein Rücken so schön breit ist, lehn ich mich kurz dagegen.

Knapp ist meine Zeit nicht, dass wissen wir beide. Sie ist weg. Verschwunden, verdampft oder versteckt. Irgendwo im Alltag versandet, irgendwann ausgelaufen und irgendwie noch nicht wieder eingesammelt. Irgendwas stimmt nicht mit ihr. Oder mit mir. Oder mit meinem Alltag. Der ist wie ein Karton Bücher. Darf nicht vergessen werden und steht deshalb im Weg herum. Atmen, sagt der mit dem breiten Rücken und ich lache, weil ich tatsächlich beim Gedanken an meinen Alltag gerade die Luft angehalten habe. Im Moment bleibt sie mir weg. Manchmal ist das so und obwohl es manchmal so ist, überrascht es mich immer wieder. 

Meine Zeit und ich sind Freunde. Sie weiß, dass ich mich weigere, atemlos durch das Leben zu hetzen und gibt mir Raum. Egal wie knapp die Zeit auch sein mag, ich bin stur, wenn es darum geht, mir einen Sonnenaufgang in voller Länge anzusehen. Oder ein bis zwei Stunden das Herbstlaub im Sturm zu beobachten. Diese Zeit muss man sich nehmen. Auch die einem anderen zuzuhören. Oder in meinem Fall, im Kopf weiter zu schreiben, auch wenn weniger zu Papier gebracht wird. Manches, das ich nicht vergessen will, schreibe ich gerade auf bunte Post it´s. Sie hängen an der Wand bei meinem Schreibtisch neben dem, was wichtig ist und was ich unbedingt tun muss. Ich verliere den Überblick und der, der mich bittet, das Atmen nicht zu vergessen, merkt es. Das ist nicht schwer, den auf einem der Zettel steht „X sagen, dass ich es nicht vergessen habe“ und ich habe überhaupt keine Ahnung mehr, worum es sich handelte. Gestern schrieb er es mir darunter. Und auch, dass der Film zwar nicht mehr im Kino, aber bald auf DVD zu sehen sei. 

Mein Alltag und ich sind Freunde, aber auch bei denen gibt es Phasen in denen man sich ein wenig auf die Nerven geht. Wir nerven uns gerade tierisch. Und weil man sich bei guten Freunden nicht gegenseitig die Schuld gibt, schieben wir es auf die dritte im Bunde – die Zeit. Die fühlt sich natürlich nicht verantwortlich und bittet den Alltag, sich doch einfach ein bisschen besser zu organisieren. Schließlich hätte sie keine ihrer 24 Stunden gestrichen und was vorher klappte, müsse doch auch jetzt möglich sein. Ich mische mich da nicht ein, bin aber insgeheim davon überzeugt, dass sie mir und dem Alltag täglich mindestens ein bis zwei Stunden unterschlägt. Irgendwo müssen die ja hinkommen und ich habe sie nicht. Oder der Alltag sperrt sich. Gestaltet sich unnötig kompliziert und zickt. Einer muss schuld sein und ich bin es nicht. Ich schreibe Zettel und versuche die beiden – Zeit und Alltag – davon zu überzeugen, dass es sonst doch auch klappt. 

Jetzt klappt es besser. Im Altpapier liegen 1.089 Post it´s und Zeit und Alltag haben sich versöhnt. Wer was will, wird schon anrufen, sage ich und setze mich dick eingepackt auf den dunklen Balkon. Jetzt wo es klar und kalt ist, ist Orion am Himmel ganz wunderbar zu sehen. Und mir fällt wenig ein, das wichtiger sein könnte, als diese herrliche Sternbild ein Stündchen einfach nur anzusehen. Vielleicht kommt die ISS auch noch vorbei. Das ist wichtiger als Zettel 978 „Vorhänge kürzen“ oder 461 „Sommerschuhe in den Keller bringen“. 

Ullis Alltags Projekt stand auf keinem meiner Zettel. Es ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich mir sicher war, es nicht zu vergessen. Es ist eigentlich mit den Beiträgen im Oktober zu Ende. 12 Artikel haben die Teilnehmer geschrieben. Ich erst elf. Wahrscheinlich mache ich die zwölf noch voll. Wenn es mein Alltag zulässt. Ich denke schon. 

 

 

20 Gedanken zu “Alltag XI – Zeit

  1. Wie gerne ich gerade deinen Beitrag gelesen habe!! Herzensdank, Mitzi, dass du dabei warst und bist. Auch werde ich mich über deinen 12. Beitrag freuen, weil ich dich so gerne lese 😊
    Liebe Grüße
    Ulli

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  2. Ja, den Orion habe ich dieser Tage auch wieder begrüßt, und drüber die Plejaden aka Siebengestirn. Und während ich die beiden im Aufgang betrachte, sehe ich, dass auch der Cygnus aka Kreuz des Nordens noch sehr gut zu sehen ist, sogar im Zenith steht , wo er mit der Milchstraße fliegt. Am schönsten aber ist Jupiter unterhalb des noch jungen Mondes.

    Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Mitzi, jetzt, wo ich schon lange keiner Berufstätigkeit mehr nachgehe und trotzdem so gut wie nie Langeweile habe, frage ich mich ernsthaft, wie ich das gemacht habe, als ich noch 10 Stunden am Tag weg war, um Geld zu verdienen.
    Dafür hatte ich Zeit, mit viel Genuss dein Buch zu lesen. Du hattest bei deinen vielen Urlaubs- und Möbelprojekten bestimmt noch keine Zeit, in das kleine und das große von mir hineinzuschnuppern. – Wenn ja, freut es mich, wenn es dir gefallen hat.
    Lieben Gruß von Clara

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    1. Von wegen, liebe Clara. Ich habe schon ganz viel gelesen. Noch nicht alles – es ist ein dickes Buch und eines, das man immer wieder zur Hand nimmt – aber bestimmt vier Fünftel habe ich bereits gelesen. Beide haben mich sehr gefreut und sind etwas ganz besonderes.

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      1. Da freue ich mich ganz sehr, denn du bist für mich die „Erzählerin per excellence“. Bei deinem Buch habe ich mich besonders darüber gefreut, dass ich die „Lokalitäten“ kenne und weiß, wie es in deiner Küche ist, wenn du darüber schreibst.

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      2. Mir geht es mit dem deinen ähnlich. Ich kenne zwar die Ort nicht, aber die Person die hinter allem steckt. Das macht es gleich viel interessanter und besonderer.

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  4. Post It’s sind schon eine klasse Sache, ich bin mittlerweile auf Notizbücher umstiegen. Einfach schlicht weg aus dem Grund, dass ich so eine Ausrede habe immer neue dazu zu kaufen. Es nimmt kein Ende, Ullis Alltagsprojekt klingt toll. Vlt klinke ich mich dort noch irgendwann mal ein, wenn es sich anbietet.

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  5. Zeit ist sehr, sehr relativ und spätestens den Sternenguckern sollte beim Blick hinaus ins All auffallen: unsere Zählweisen sind kleinlich und folgerichtig billig. Zeit ist da und sogar, sagen die Physiker und sagt die Alltagsbeobachtung (die Uhr kann dazu sagen, was sie will: bestimmte Zeiten sind länger und andere kürzer, das weiß doch jeder!) relativ.
    Andererseits klingelt dann der Wecker und erinnert an die erwähnten billig – kleinlichen Bedingungen, die uns gesetzt sind und denen wir uns ausgeliefert haben… was für ein Unsinn, möchte man meinen. Schön, in meiner Familie war Pünktlichkeit (obwohl kein einziger Preuße dabei) eine Tugend. Mache ich einen Termin mit X aus Afrika, Arabien, Südeuropa aus bin ich der, der sich aufregt, wenn er, wie zu erwarten, nicht zur Minute erscheint! Aber ich weiß es doch: er kommt schon. Hatte aber irgend eine ebenso wichtige Idee oder hat gar Jemanden getroffen, der seiner Hilfe oder auch nur seines Zuhörens bedurfte… das war doch wohl in der Wichtigkeit wenigstens gleich so einem typisch europäischen Termin zu setzen? Etwa nicht?
    Wenn die Zeit verloren geht müßten wir in aller Ruhe unsere WErte überprüfen, denn in Wahrheit geht es mehr um diese. Jedoch wir hasten und haben logischerweise keine ZEit für einen philosophischen Moment, denn wir kämen ja zu spät! Teufelskreis, Teufelswerk – Menschenwerk. Wer hat die Uhr erfunden, dieses Satanswerkzeug?
    So, jetzt muß ich aber auf diese schauen. Der Tag hat ja noch ein paar Termine…

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