Lotuseffekt

Beziehungen jedweder Art sind individuell. Keine Freundschaft gleicht der anderen und kein Mutter-Tochter-Verhältnis ist identisch. Selbstredend, dass dies auch und ganz besonders für die Beziehung zweier Liebender gilt. Selbst wenn man nach Jahren glaubt, schon alles erlebt zu haben, kommt einer daher und überrascht einen. Kennzeichnend für die feinen Unterschiede all dieser Beziehungen sind für mich die kleinen Schlüsselsätze. Jene Wortkombinationen, die nur und ausschließlich in eben dieser Beziehung fallen. „Wo kommt der den her?“ zum Beispiel. Ausgesprochen mit einem leicht süffisanten Tonfall, gehört zum mutigsten meiner Freunde. Übersetzen kann man es nur schwer. Man müsste dabei gewesen sein, als er und ich im Auto saßen und ich – wie ist mir ein Rätsel – auf einer der größten Kreuzungen Münchens versehentlich auf die Gegenfahrbahn und zugleich auf die Gleise der Trambahn gefahren bin. In jenem Moment stellte ich mir diese Frage und ich kann mich noch heute gut an den Blick meines Freundes erinnern. Für ihn war etwas schneller als für mich klar, dass mein Abbiegemanöver irgendwie schief gegangen war. Der Satz wurde zum Geflügelten Wort und er auf Lebenszeit zu einem wirklich sehr, sehr schlechten Beifahrer. 

Der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, ist ein guter Beifahrer. Er beherrscht die hohe Kunst bei Bedarf alles, aber auch wirklich alles an sich abprallen zu lassen. Lotuseffekt par excellence. Bevor ich ihn kennen lernte, kannte ich so etwas nicht. Sie müssen erst einmal einen Menschen finden, der  Ihnen bei der Begrüßung wortlos ein Stück Abklebeband aus den Haaren zupft, Ihnen im Vorbeigehen etwas Mörtelstaub von den Schultern wischt und Ihre Lippen ohne Fragen zu stellen mit dem Handrücken abwischt, bevor er sich nach unten beugt und dann in die Küche geht um nach etwas essbaren zu suchen. Vielleicht musste er seinen Patienten in der Klinik heute so viele Fragen stellen, dass er jetzt keine Lust mehr hatte. Mich jedenfalls fragte er nicht, warum er in der Küche nur etwa zwanzig Quadratzentimeter Platz hatte, um sich ein Brot zu schmieren. Es irritierte ihn auch nicht, dass der Messerblock im Wohnzimmer und die Kaffemaschine im Flur standen. Bewundernswert, mit welcher Ruhe und Gelassenheit dieser Mann über Bücherstapel, Farbeimer und zerlegte Regale steigen kann, wenn er der Meinung ist, dass ihn all das anscheinend nicht betrifft. Lotuseffekt. Nicht seine Wohnung, nicht sein Problem. Dabei nicht unfreundlich. Kauend hat er mir ein paar schwere Kisten von einem Raum in den anderen getragen und mich geduldig dabei beobachtet wie ich versucht habe die Stangen des Duschvorhangs für eine dringend notwendige Säuberung meiner Haare wieder anzubringen. Auch kein Desinteresse. Mit dem zweiten Brot in der Hand hat er mich im Türrahmen lehnend gut und gerne fünf Minuten beobachtet, bevor er es selbst machte. Ich musste nicht einmal darum bitten. Vermutlich wollte er, weil ich in Socken auf dem Badewannenrand balancierte, mein Glück nicht überstrapazieren und seinen Feierabend nicht gefährden. 

Der Satz der unsere Beziehung symbolisiert ist ähnlich banal wie die meisten anderen. Lotuseffekt hin oder her, irgendwann zeigt auch er Interesse. Meist mit den Worten „Was wird das eigentlich?“ und fast immer erst dann, wenn es ihn eben doch betrifft. Heute Abend beim Anblick meines Schlafzimmers. Das Bett, in dem er zu schlafen gedachte, stand noch an seinem Platz. Allerdings lagen darauf zwei Teppiche, etwa 150 Bücher, diverse Schubladen und alle Bilder die bisher an den Wänden meiner Wohnung hingen. Es war nicht das erste Mal, dass er diesen Satz sagte. Er sagte ihn, als er mich das erste Mal Holzhacken sah und als ich versuchte sein Auto einzuparken. Aber auch am Ende eines Wochenendes, das er damit verbrachte mit stoischer Gelassenheit über 150 ausgedruckte DIN A4 Seiten zu steigen, die ich in mitten meines Wohnzimmers verteilt hatte, um mir über die Kapitelanordnung des neuen Buches klar zu werden. Ich schätze ihn sehr dafür, nur selten blöde Fragen zu stellen. Besonders heute wäre es mir wirklich schwer gefallen, ihm zu erklären, dass ich im Baumarkt eigentlich nur einen Mehrfachstecker kaufen wollte, mir dann aber einfiel, dass meine Wände dringend einen neuen Anstrich benötigen und ich die Hälfte meiner Möbel eh schon längst einmal verschieben wollte. Mein Lotus-Freund nickte nur und beglückwünschte sich innerlich vermutlich über die Tatsache getrennter Wohnungen. Zwischen Bergen von Büchern auf dem Boden sitzend ignorierte er das Chaos und fand sogar den Korkzieher, den ich (fragen Sie nicht) im Bad gebraucht und dort liegen gelassen hatte. 

Mein Vater beglückwünschte sich heute übrigens sicher nicht zu seiner Tochter. Zu den Sätzen, die seine und meine Beziehung abbilden gehören nämlich die folgenden:

„Ich kann das. Ich mach das selbst.“ Und:
„Wann soll ich morgen da sein?“

Die zweite Flasche Wein werden wir heute nicht trinken. Mein Freund stellte sie zwischen die Farbeimer, bevor er die Flucht ergriff. Übrigens….Salzwiesengrau werden ein paar meiner Wände. Das ist schöner als es klingt. Hoffe ich. Und jetzt muss ich los. Bei genauerer Betrachtung des Schlachtfeldes in das ich meine Wohnung verwandelt habe, ist es wohl besser heute ebenfalls nicht hier zu schlafen. So ein Chaos prallt an mir leider nicht ab. Meine ganz eigene Beziehung zu mir selbst lässt sich übrigens auch in einem Satz zusammen fassen. Er lautet: „Boah, bin ich doof.“

13 Gedanken zu “Lotuseffekt

  1. Mitzi, du Teufelskerlin – kommt das Chaos von einem Zimmer her oder streichst du gleich in mehreren Räumen? Ich hoffe – für dich – nicht, sondern dass es nur das Wohnzimmer trifft. Und wenn da eh Möbel weg und neue Möbel hin sollen, da ist doch das lotusgrau sicher eine tolle Entscheidung.
    Herzlich und froh, so ein Chaos noch einige Zeit hinausschieben zu können, von Clara

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    1. Nein, ich streiche gleich alles. Und die Kunst ist das hin und her tragen und der kompletten Einrichtung von A nach B. Alles ist machbar, aber die Bücher schaffen mich…. 07:06 und ich räume schon wieder 😉

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  2. „das kann ich selbst“ – das mag ich sehr an dir. bei mir ist es zu oft „das kann ich nicht“ bevor ich es überhaupt versucht habe. schlechte angewohnheit, entstehen bei den versuchen doch meist die besten geschichten (wie man hier gut und gerne immer wieder nachlesen kann 😉 ) es fühlt sich an als würde man dich durch die begleitung deiner texte schon ein klein wenig kennen, das ist so schön. danke für das schmunzeln.

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  3. Liebe Mitzi,
    ich würde Sie niemals ernsthaft kritisieren, aber so etwas macht man doch nicht im Hochsommer. 😉
    Oder ziehen Sie nächsten Monat um und müssen das Vorderhaus renoviert verlassen?
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, Sie haben natürlich recht. Allerdings sind die Temperaturen in München gefallen. Warm, aber nicht mehr so drückend heiß. Ich hielt es für eine gute Idee, weil dann die Wände schneller trocknen. Mittlerweile weiß ich aber (wie Sie vermutlich schon längst), dass die Luftfeuchtigkeit gerade viel zu hoch ist.

      Am besten ziehe ich wirklich um und hinterlasse halb gestrichene Wände ;).

      Herzliche Grüße
      Mitzi

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