Bunte Fäden

Warum ohne Partner fragen sie mit strafendem Blick und erkundigen sich ob ich es mir nicht zu blöd wird, zwischen all den Paaren alleine am Tisch zu sitzen. Ich frage mich, wie es wohl einer geht, die wirklich niemanden hat und eine so blöde Frage gestellt bekommt. Was soll so eine sagen? Nicken, gehen und sich daheim aufhängen, weil es ihr zwischen all den Paaren zu blöd ist? Ich sage es laut, weil es auch mir schon jetzt zu blöd ist und ernte irritierte Blicke. So war es ja nicht gemeint. Ich sei ja nicht wirklich alleine, aber ich könne schon mal jemanden mitbringen. Jemanden den man kennt und an den man sich erinnert. Sicher bin ich kein Maßstab, aber an keinen der Partner die hier mitgebracht wurden, kann ich mich erinnern. Die erste Scheidungswelle ist durch und fast jeder Grundschulklassenkamerad hat ein gänzlich unbekanntes Gesicht an seiner Seite. Eines das repräsentativ und vorzeigbar ist, weil es nichts blöderes gibt, als alleine auf ein Klassentreffen zu gehen. Ich merke es auch und spiele mit dem Gedanken spontan meinen 22 jährigen Neffen für einen Unkostenbeitrag von 50 Euro für den Abend zu rekrutieren. Weitere Einladungen würden mir dann vermutlich erspart bleiben. Ich spare mir das Geld und ihm die Zeit und konzentriere mich ganz auf das hervorragende Essen, während die Erfolgsgeschichten der verschiedenen Leben über den Tisch geworfen werden.

Wir sind keine Freunde. Wären wir es, dann würden wir uns kennen und nicht nur alle zehn Jahre wie geltungssüchtige Idioten an einem Tisch sitzen und versuchen die Fremdheit zwischen uns mit möglichst vielen Worten und unfassbar vielen Lügen zu vertreiben. Hört man uns, dann muss man glauben, dass hier die Elite des Landes sitzt. Nicht einer ist gescheitert, alle haben etwas erreicht. Weil es aber immer den einen geben muss, der es verbockt hat und sich keiner freiwillig meldet, übernehme ich den Job. Glückliche Ehe? Nope, hat sich bisher keiner gefunden. Kinder? Ich leih mir ab und zu welche aus. Kurzzeitige, pädagogisch fragwürdige Bespassung liegt mir eher. Wenigstens Erfolg im Job? Ach, Erfolg…. Es merkt nur einer und der grinst mich seit über einer Stunde so amüsiert an, dass mir auffällt, dass auch er ohne Begleitung gekommen ist. Ich zucke mit den Schultern und gestikuliere grenzdebil lächelnd bei der Frage nach Promotionen und Eigenheimzulagen. Hier lässt keiner locker. Wir sind jetzt um die vierzig und da hat man gefälligst etwas geschafft zu haben. Aus meiner Rolle fallend, werfe ich versehentlich das Schreiben ein und werde zum Gesprächsmittelpunkt. Wenn eine alleine im Tisch sitzt, dann wartet sie ja nur darauf, dass man ihr Ratschläge gibt. Ich versteh das und lehne mich gespannt zurück. Ein roter Faden, das sei es was meinem Leben fehlen würde, höre ich. Es wäre noch nicht zu spät aus den hübschen Fragmenten meines Seins etwas zu machen. Fast schon dumm sei es, einer Leidenschaft nur aus Spaß und Freude zu frönen. Da könnte man doch etwas draus machen. Etwas mehr Zielstrebigkeit würde gut tun, meinen sie und lächeln mich aufmunternd an. Einfach mal ganz spontan kündigen und sich auf ein bis vierunddreißig Bestseller Romane konzentrieren. Wäre das nicht was? Ja, ganz fein wäre das nicke ich und murmle, dass auch Sozialhilfe und Arbeitslosigkeit sicher ausgesprochen fein sein würden, weil die wenigsten Autoren von ihren vierundreißig selbst verlegten Werken leben können.

Später stehe ich mit dem, der die ganze Zeit schon grinst vor der Türe. Ich kenne ihn nicht, kenne nur den Achtjährigen, der er einmal war und von dessen Gepäckträger ich vor Jahrzehnten in einen Busch Brennnesseln gefallen bin. Was er jetzt beruflich macht ist mir eigentlich egal, ich finde es interessanter festzustellen, dass sich sein Grinsen in dreißig Jahren kaum verändert hat. Kein roter Faden, erkundigt er sich, ist der erste der eine wirkliche Frage stellt und bekommt eine Antwort. Doch, schon. Irgendwie. Aber anders. Irgendwann hatte ich einen. Ich weiß nicht, wann ich den Faden losgelassen habe und bin mir sicher, dass ich ihn nie bewusst zerrissen habe. Er ist mir einfach abhanden gekommen und manchmal wünsche ich ihn mir zurück. Weil er nichts sagt, sondern nur zuhört erzähle ich ein weiter. Dass ich ihn am ersten Abend in meiner ersten eigenen Wohnung vermisste, den roten Faden. Da stand ich mit einer Reisetasche über der Schulter in leeren Räumen und starrte auf kahle Wände. Es wäre schön gewesen an diesem Abend einen Plan oder ein Ziel zu haben. Etwas auf das man sich freuen konnte und etwas auf das man zu lief. Ich hatte nur Ziele, von denen ich bereits ahnte, dass sie von anderen gesteckt und nicht die meinen waren. Es waren gute und vernünftige Ziele, aber an diesem Abend wirkten sie so lächerlich, wie der Porzellan Hund den mein Vormieter im Wohnzimmer zurück gelassen hatte. Ich habe ihn nicht wieder gefunden, den roten Faden. Er lacht und erkundigt sich nach den letzten zwanzig Jahren. Das taten an diesem Abend schon viele, aber er wollte es wirklich wissen. Von einem roten Faden konnte ich nicht berichten. Eher von einem schier unerschöpflichen Vorrat aus Wollresten, aus denen ich versuchte mit den hübschesten und besten Fäden etwas schönes zustande zu bringen. Ein seltsamer Flickenteppich ist daraus geworden. Ich hätte, gab ich zu, die Ränder ordentlicher versäumen können und es hätte sicher nicht geschadet, die eine oder andere Reihe wieder aufzutrennen und neu anzusetzen. Hübscher wäre es geworden, weniger fleckig und vielleicht auch etwas vorzeigbarer. Und doch glaube ich, dass unsere Fäden stabiler und dehnbarer sind, gerade weil sie so oft geknotet, geknüpft und verschlungen wurden. Unsere Lebensfäden sind so oft gerissen, dass wir gut darin wurden ein Ende zum Anfang zu machen. Endet ein Faden überraschend, bleibt nichts anderes, als einen anderen an das lose Ende zu knüpfen, bis ein neuer entsteht.

Unsere Fäden, fragt er am Ende und ich lache als ich merke das ich von „ich“ in „wir“ übergegangen bin. Natürlich unsere. Vielleicht sind wir in weiteren zehn Jahren endlich ehrlich und erzählen uns, wie unsere Leben wirklich sind.

48 Gedanken zu “Bunte Fäden

    1. Wenn ich über so einen Abend schreibe, dann stelle ich es natürlich auch überspitzt dar. 😉 aber du hast recht, einer ist immer sympathisch. Wenn man bei so vielen Leuten nicht einen findet mit dem man sich unterhalten kann, dann lliegt es womöglich an einem selbst.

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  1. Sehr gern gelesen.
    Der rote Faden ist ja wohl grad in jedermanns Munde (verrückte Vorstellung!), auch in meinem, angesteckt von Ulli Gau. https://gerdakazakou.com/2019/03/25/montags-ist-fototermin-waldspaziergang-mit-wollwanderfaden/
    Ich hatte zu dem einzigen Ehemaligentreffen meines Lebens (50. Jahrestag der Quintaner) meinen Sohn als Stütze dabei, was mein Selbstbewusstsein ungemein stärkte. Es war etwas anders als bei dir: man verscuhte sich an die Namen zu erinnern und zählte die Köpfe: wer war noch da, wer fehlte bereits. Und versicherte sich, dass man sich inzwischen überhaupt nicht verändert hätte. „Ganz die Alte“. Liebe Grüße!

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    1. Für einen kurzen Moment, habe ich wirklich mit dem Gedanken gespielt meinen Neffen anzurufen. Mit seiner lockeren Art, hätte er dem Abend eine schöne Wendung gegeben. Auch wenn ich jetzt überspitzt schreibe, neugierig bin ich natürlich trotzdem was aus allen anderen geworden ist. Und was ich ganz vergessen habe zu erwähnen, auf den roten Faden bin ich durch dich und Ulli gekommen.

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  2. Die werden sich alle noch wundern, wenn sie in Mitzis Büchern auftauchen, oder sich spätestens bei der Verfilmung wiedererkennen. Denn wenn man auch einen Teil seiner Lügen selbst glaubt, der Rest genügt zum „Erkennen“ 😉

    KLASSENTREFFEN von Mitzi Irsaj – das wird ein Hit! 😉

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      1. Liebe Mitzi,
        abgesehen davon, dass ich davon überzeugt bin, dass Sie immer eine gute Figur abgeben, können Sie aber als Drehbuchautorin und Regisseurin selbst bestimmen, ob, in welcher Rolle und wie lange Sie im Film auftauchen – (hat Hitchcock doch auch so gemacht) 😉
        Gruß Heinrich

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    1. So geht es mir bei dem Klassentreffen vom Gymnasium oder von der Uni. Die sind lustig. Nur bei der Grundschule da ist es immer wieder komisch. Vielleicht weil wir uns wirklich eigentlich nur eine sehr kleine Kinder kannten.

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  3. Wow, Grundschulklassentreffen ist schon der Hammer! Hab ich nie hinbekommen, bzw gab es einfach nicht. Andererseits kenne ich viele meiner Ablklassenkameraden auch schon seit der Grundschule…
    Bei uns übrigens gewöhnlich ohne Partner; ich glaube ein oder zwei hatten es mal gewagt… aber nur einmal. Danach kamen sie wieder alleine.
    Wir machen das alle 5 Jahre – und ehrlich, schon kurz danach freue ich mich schon wieder auf das nächste. Weil neben den 50% Vollpfosten gibt es immer einige nette und spannende Leute, außerdem fehlen jedes Mal andere – es wird also nie langweilig!! 🙂
    LG Uwe

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    1. Hallo Uwe, die Klassen treffen der hören Jahrgänge, die mag ich auch sehr. Ich glaube das ich die Anzahl der Vollpfosten sogar sehr gering einschätzen. 😉 wir treffen uns dort auch ohne Partner beziehungsweise manchmal sind die Partner sogar frühere Klassenkameraden und es ist schön zu sehen was aus uns geworden ist. Grundschule ist vielleicht deswegen so schwierig, weil wir uns wirklich nur als ganz kleine Kinder kennen gelernt haben und die Erwachsenen überhaupt nicht kennen.
      LG Mitzi

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  4. Liebe Mitzi!

    Ich schließe mich den Ausführungen meines Vorschreibers an. Nun weiß ich, dass ich bei meinen letzten Klassentreffen wirklich nichts versäumt habe. Hut ab, dass Sie sich ins Getümmel gestürzt haben 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau
    PS.: Gut, dass Sie so sind, wie Sie sind 🙂

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  5. Liebe Mitzi, auch bei dir also spielt der rote Faden eine Rolle! Ich staune und freue mich. Ach, nun könnte ich viel zu deiner Geschichte erzählen, aber ich lasse es, nur soviel, erst vor ein paar Wochen dachte ich, wie froh ich bin, dass mich nie jemand aus meiner Schulzeit wiedergefunden hat, ich würde wohl auch eine Einladung ignorieren – deine Geschichte erhärtet diesen Gedanken.
    Herzliche Grüße
    Ulli

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    1. Liebe Ulli, vielleicht werde auch ich die Grundschule künftig ignorieren oder ohne Erwartungen dorthin gehen. In späteren Jahrgängen wurde es besser und die Treffen sind meistens ganz nett. Der rote Faden, ist mir bei euch im Reader auch schon aufgefallen. Vielleicht ist er deshalb in meinem Kopf herum gespuckt. Liebe Grüße

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  6. Total super geschrieben 👍
    Wir hatten letztes Jahr Klassentreffen der Abschlussklasse, zum Glück ohne Partner 😁
    Ich war überrascht, dass sich die einzelnen Charaktere meiner ehemaligen Mitschüler um großen und ganzen nicht merklich geändert haben. Die stillen Wasser waren immer noch still, die Kackenhauer hauen weiterhin auf die Kacke, die Kasperköppe hauen nach wie vor einen Klopper nach dem anderen raus.

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    1. Danke dir, Carmen. Es macht in meinen Augen deutlich mehr Sinn, den Partner nicht mit an zu schleppen. Zumal es für den meistens eh langweilig ist. Das im Großen und Ganzen wenig Veränderungen der einzelnen Charaktere festzustellen waren, ist auch mir aufgefallen. Viele Grüße, Mitzi.

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  7. Wie oft sehe und höre ich von perfekten Leben. Wie oft spürt man – hört man genauer hin – die Antriebe und Motive aus denen diese vermeintlich perfekten Entwürfe entstanden sind. Und wie oft Frage ich mich dann, was diese Menschen eines Tages, wenn sie alt sind, rückblickend empfinden wenn sie an ihre Entscheidungen denken.
    Der Text erinnert mich auch ein wenig an „am Tisch“ von Kettcar. Und dennoch: für den einen, mit dem der Abend endet, hat er sich dann doch gelohnt 🙂

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    1. Der Abend hat sich in jedem Fall gelohnt. Ein Blog Beitrag, und die Begegnung mit einem den ich wirklich sehr nett fand. Und das perfekte Leben… daran glauben Sie doch selbst nicht. Lieber ein paar Kurven und Schleifen zu viel, und dafür am Ende ein spannendes und erfülltes Leben. Glück und Zufriedenheit gehen selten mit Perfektion einher.

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  8. Ich glaube ich würde mich nur auf ein Klassentreffen wagen um die anderen zu veräppeln. Dramatische Märchen über Liebesdramen und Reisen bis an den Hintern der Welt… Ich könnte auch einfach zwei meiner Freunden 50€ geben und sie dann als Partner vorstellen. Wäre schon skandalös genug. Ich finde so lange man selbst zufrieden ist, können einem doch die anderen egal sein

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  9. Ach Mitzi, das passt ja wieder wie die Faust aufs Auge. Jetzt im Mai findet „55 Jahre Abitur der ehemaligen 12A“ statt. Ich hatte mich angemeldet, wollte tatsächlich bei diesem Drei-Tage-Marathon mitmachen, wider besseren Wissens.
    Doch dann wurde der Termin um eine Woche vorverlegt, weil die Hauptorganisatorin sich geirrt hatte und selbst keine Zeit hatte.
    Das war vielleicht ein Wink des Schicksals, denn jetzt habe ich keine Zeit, weil ich auf einer Kurzreise bin.
    A propos Reise – ruf mich doch mal bitte auf dem Handy an, da musst du mir nicht deine Nummer schreiben, weil du ja Mails nicht so magst. 🙂
    Nachmitternächtliche Grüße von mir

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    1. Liebe Clara, du merkst ich habe zur Zeit einen Kopf wie ein Sieb. Ich bin gerade unterwegs und kann nicht telefonieren, aber weil ich mir die Beine in den Bauch stehe und warte schreibe ich dir sofort meine Nummer. Gerade habe ich sie schon hier in das Kommentarfeld getippt, aber das ist vielleicht keine ganz so gute Idee 😂

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