Grundschulfäden

Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, dann kenne ich die Seele des Menschen, der mir schräg gegenüber am Tisch sitzt nicht. Nichts darin weckt Erinnerungen und sie sind mir so fremd wie fast alles an diesem längst erwachsenen Mann. Nicht unsympathisch, schöne Augen, aber ich kenne ihn nicht.  Er mich vermutlich auch nicht. Alle an diesem Tisch sind sich fremd und schon jetzt bei der Vorspeise dürften es gut vier Fünftel der Anwesenden bedauern, nicht mutig genug für eine Absage oder nicht spontan genug für eine vorgetäuschte Krankheit gewesen zu sein. Klassentreffen der Grundschule sind und waren schon immer eine bescheuerte Idee und es wäre ein leichtes die Hälfte der Anwesenden mit völlig Fremden auszutauschen. Wir würden es nicht einmal merken, weil es keinen Unterschied machen würde. Wir sind Fremde, die zufällig einmal für ein paar Jahre in einem gemeinsamen Klassenzimmer saßen. Idiotisch sich jetzt an einen Tisch zu setzen. Wir sind Fremde. Weiterlesen

Bunte Fäden

Warum ohne Partner fragen sie mit strafendem Blick und erkundigen sich ob ich es mir nicht zu blöd wird, zwischen all den Paaren alleine am Tisch zu sitzen. Ich frage mich, wie es wohl einer geht, die wirklich niemanden hat und eine so blöde Frage gestellt bekommt. Was soll so eine sagen? Nicken, gehen und sich daheim aufhängen, weil es ihr zwischen all den Paaren zu blöd ist? Ich sage es laut, weil es auch mir schon jetzt zu blöd ist und ernte irritierte Blicke. So war es ja nicht gemeint. Ich sei ja nicht wirklich alleine, aber ich könne schon mal jemanden mitbringen. Jemanden den man kennt und an den man sich erinnert. Sicher bin ich kein Maßstab, aber an keinen der Partner die hier mitgebracht wurden, kann ich mich erinnern. Die erste Scheidungswelle ist durch und fast jeder Grundschulklassenkamerad hat ein gänzlich unbekanntes Gesicht an seiner Seite. Eines das repräsentativ und vorzeigbar ist, weil es nichts blöderes gibt, als alleine auf ein Klassentreffen zu gehen. Ich merke es auch und spiele mit dem Gedanken spontan meinen 22 jährigen Neffen für einen Unkostenbeitrag von 50 Euro für den Abend zu rekrutieren. Weitere Einladungen würden mir dann vermutlich erspart bleiben. Ich spare mir das Geld und ihm die Zeit und konzentriere mich ganz auf das hervorragende Essen, während die Erfolgsgeschichten der verschiedenen Leben über den Tisch geworfen werden. Weiterlesen