Ein Witz

Den dümmsten und unpassendsten Satz des Tages, murmelte ich heute morgen schon um kurz nach halb acht. Es handelte sich um eine Aussage, die ich weniger wegen ihres Informationsgehaltes mitteilte, als vielmehr um die unangenehme Stille die mich umgab zu überbrücken.  Leise teilte ich der vor mir hockenden Frau mit, dass ich keine Krampfadern hätte, was ja eigentlich ganz gut war, im Moment aber auch ein bisschen schade. Oder nicht? Schob ich vorsichtig hinterher, weil ich in diesem Moment bereits ahnte, dass ich mich in einer jener Situationen befand, in der man es sehr schätzte, wenn ich einfach gar nichts mehr sagte. Weil man Patienten in Arztpraxen aber selten den Mund verbietet, quälte sich die hockende Frau ein Lächeln ab und teilte mir mit, dass ich anscheinend überhaupt keine Adern hätte und das sei eigentlich gar nicht gut. Sie deutete auf meinen bereits ziemlich zerstochenen Unterarm und schob ein nicht ganz so freundliches „oder nicht?“ hinterher. Eigentlich war es sogar ziemlich unfreundlich und zum widerholten Male an diesem Morgen fragte ich mich, ob man als Arzthelferin Patienten ohne auffindbaren Blutgefäßen ab einer gewissen Anzahl von Fehlversuchen Hausverbot erteilten durfte. Falls ja, wurde es langsam eng für mich und es täte mir sehr leid, mir einen anderen Arzt suchen zu müssen. Wahrscheinlich wäre das eh sinnlos. Mittlerweile glaube ich, dass es eine Bundesweite schwarze Liste für Patienten ohne Adern gibt. Ganz oben steht mein Name und ich weiß auch wer ihn darauf gesetzt hat. Es muss dieser eine Anästhesist aus Starnberg gewesen sein. Ich nehme es ihm nicht einmal übel. Er und ich, wir hatten einen etwas holprigen Start. Ich, weil ich das erste Mal in meinem Leben im Krankenhaus war und er, weil er mir den Zugang für Infusion, Narkose und was weis ich alles setzten sollte. Vermutlich auch wollte, aber erst mal nicht konnte. Er hätte schon viel gesehen, teilte er mir mit, aber das (meine Arme), das sei ein Witz. Nach Witzen war mir nicht zumute. Aber weil ich diesen einen Witz bereits kannte, habe ich trotzdem gelächelt, als er fluchend noch einmal ansetzte. Spritzen und Nadeln sind mir wurscht. Da können die ruhig rumstochern, ich find es nicht allzu schlimm. Schlimm, fand ich die Aussage, dass er mein Lächeln mit einem „dass ist nicht lustig, solche Arme wie die ihren sind ein Problem“ quittierte. Mit Problemarmen vor dem OP-Saal zu liegen ist nicht witzig und wenn mir das Lachen vergeht, fange ich an nachzudenken. Zum Beispiel darüber, warum ich, als ich endlich doch mit dem falschen – was auch immer falsch bedeutete – Arm an der Infusion hing, eigentlich gar nicht müde wurde. Ich war mir ganz sicher, dass mir meine Kollegin vor zwei Tagen noch erzählte, dass man von dem Zeug im Tropf bereits müde und sehr entspannt wurde. Dass ich hellwach und überaus nervös war, musste also mit meinen Problembehafteten Venen zusammen hängen. Ich hatte zwanzig Minuten Zeit auf diesem Gedanken herumzukauen und teilte ihn leicht panisch dann auch allen Anwesenden mit, als ich endlich in den OP geschoben wurde. Nett waren sie ja und versuchten mich zu beruhigen. Ich mich selbst auch, indem ich nur noch murmelte, dass alles ok sei, solange ich nicht mittendrin aufwachte. Nein, sagte man mir, das käme ganz selten vor und…..Ich glaub in dem Moment habe ich losgeheult. Selten? In so einem Moment müssen die eine doch anlügen! Vor allem, weil selten ja sicher nur auf Menschen mit normalen Venen zutrifft.

Danach habe ich nichts mehr mitbekommen. Der Arzt, der ab und zu mit einem Wein vor meiner Türe steht, erklärte mir eine Woche später schmunzelnd, man hätte mich wohl einfach „weggeschossen“, weil alles andere in dem Moment ja auch nichts mehr bringen würde. Er teilte mir auch mit, dass man von Kochsalzlösung nicht müde werden würde und erkundigte sich warum ich mich bei Fragen eine Narkose betreffend, nicht an ihn gewendet habe, sondern das lieber in meinem Büro diskutierte. Ich arbeite im Finanzbereich. Ich glaube er empfand mindestens ebenso viel Mitleid mit seinen Kollegen wie mit mir. Besonders seit er sich meine Arme näher angesehen hat. Die, zumindest die in diesem Zusammenhang relevanten Stellen, seien wirklich ein Witz.

Ein Witz über den beim Endokrinologen keiner mehr lacht. Ich sitze schon wieder eine Viertelstunde da und meine Venen beweisen, dass sie ein Problem sind. Ob man es nicht doch auf dem Handrücken probieren will, frage ich vorsichtig nach. Lieber nicht, das würde doch arg weh tun, teilt man mir mit und ich nicke verkrampft lächelnd. Eigentlich tut das gar nicht besonders weh. Auch nicht mehr als der vierte Versuch in der Armbeuge. Sie ist schon arg genervt, die Arme und ich erzähle ihr als Aufmunterung, dass der Professor mir hier im letzten Sommer das Blut in der Leiste abgenommen hat. Ich weiß anscheinend noch immer nicht, wann ich den Mund zu halten habe.

Jetzt liege ich hier zwischen Dialysepatienten und man macht sich an der Leiste zu schaffen. Weil das selten ist, stehen drei im Kittel um mich rum und schauen zu. Während endlich Blut fließt erzählt die, die es geschafft hat mit klarer und lauter Stimme, dass dieser Vorgang bei Junkies ganz normal sei. Da sind die anderen Stellen oft so zerstochen, dass man keine Wahl hat. Beim Rausgehen schauen mich die Dialysepatienten komisch an. Die haben sich einen Junkie wohl auch anders vorgestellt.

32 Gedanken zu “Ein Witz

    1. Ich sags immer dazu und wenn sie was anderes probieren wollen, dann rede ich ihnen nicht rein. Da mir Spritzen wirklich nichts ausmachen, bin ich (anders als in der Erzählung) still. Es macht denen ja auch keinen Spaß ihre Patienten zu quälen und in fast allen Fällen sind sie super lieb und ich fühle mich gut aufgehoben.

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  1. Entschuldige bitte, daß ich nach dem letzten Absatz lachen mußte – Du erzählst eine Leidensgeschichte, und ich amüsiere mich hier, das ist nicht nett.
    Als ich neulich mal beim Arzt war, weil … das ist übrigens ganz typisch, ich weiß nicht, ob Dir das auch schon passiert ist: Da erzählt man eine Krankenhaus- oder Arztgeschichte, und sofort versuchen sich die Zuhörer mit eigenen Krankheitsgeschichten zu überbieten. Das ist mir als Kind schon aufgefallen, wenn meine Eltern Besuch bekamen, und nur einer fing an zu erzählen, was für eine Malaise ihn kürzlich heimgesucht hatte, schon war das schier endlose Karussel der Leidensgeschichten in Gang gesetzt. Ich mach sowas nicht. Als ich neulich beim Arzt war – und ich erzähl das nur, um Dich aufzuheitern – weil mein rechtes Bein manchmal schmerzt, stellte er eine innere Krampfader fest. Krampfadern sind nicht schön, allerdings vor allem nicht, wenn sie außen verkrüselt das Bein hochkriechen und es verunstalten – ich fand mich vom Glück begünstigt. Und so solltest Du das auch sehen: Dicke Venen, die sich unter der Haut abzeichnen, stellen eine Liebe auf die Probe, wie Pickel auf dem Rücken – schöner ist es, wenn man sie gar nicht hat.

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    1. Du solltest ja lachen. Mehr noch, du musstest unbedingt lachen. Wenigstens ein bisschen schmunzeln. Sonst sind Arztgeschichten ja grausam. Wie du sagst…man überbietet sich oder man will es gar nicht erst hörten.
      Ich hab das große Glück, dass mir Spritzen nichts ausmachen. So kann ich die in aller Ruhe machen lassen. Und vor der nächsten OP weiß ich ja jetzt etwas besser bescheid :).
      Ja, schöner ist es wenn man die von dir erwähnten hübschen Dinge gar nicht hat. Aber was hilfts, wenn man verliebt ist, kann man auch darüber hinweg sehen. (Oder dimmt das Licht)

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  2. Na das ist ja nicht schön! Ich hab einen schlechten und einen guten Arm. Ich biete natürlich immer den Guten an, aber manch zickige Schwester/Labortante bestand auf dem anderen…und bereute es. Ich wünsche dir, dass sie irgendwann mal eine gute Stelle an dir finden 😉 Bleib tapfer! Und sei froh dass dir das nicht soo weh tut, ich hatte vor dem Tropf mehr Angst als vorm Kind-kriegen, so furchtbar fand ich das. Dank guten Materials hat sich das aber auch erheblich gebessert.

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    1. Viele haben einen echten Horror vor Spritzen. Ich bin froh, dass mir die wirklich egal sind. So kann ich das ganze mit Humor nehmen und echtes Mitleid für die Ärzte empfinden, wenn ich ihren Betrieb aufhalten.
      Dann drück ich dir die Daumen, dass möglichst wenige Tröpfe noch kommen mögen (und wenn, dann angstfrei).

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  3. Abwertende Kommentare,was den Körperbeschaffenheit des Patienten angeht, gehört sich nicht. Nach zweimal fehlpunktion muss jemand anders geholt werden. Das ist wie bei einer Sektflasche die nicht aufgeht, der nächste schafft es dann mit einem Dreh. Und ich finde sowas beleidigend! Wenn ein Patient zu mir sagt: Ich hab schlechte Venen, sag ich schauen wir mal. Und wenn es nicht klappt, hol ich die Kollegen. Meistens klappt’s. Grüße Katrin.

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    1. Über meine Venen dürfen sie ruhig schimpfen. Ansonsten gebe ich dir Recht – über Körperbeschaffenheiten sollte man sich nicht auslassen. Da kann ja niemand was dafür.
      Die Damen bei meinem Arzt sind durch die Bank nett und wechseln sich auch nach dem zweiten Mal ab. Entgegen der Erzählung schmunzeln sie schon wenn ich komme. Es scheint tatsächlich eine Herausforderung zu sein. Da mir Spritzen keine Angst machen, kann ich mitschmunzeln.
      Viele Grüße

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  4. Liebe Mitzi,
    vermutlich hat jeder Mensch eine „Schwachstelle“.
    Bei manchen sitzt die im Hirn, im Herzen, in der Seele.oder in anderen kritischen Bereichen.
    Bei Ihnen sind es Venen, die sich verstecken. Sonst scheint alles perfekt! Das wird einen Grund haben, dass die Venen vorsichtig sind – sprechen sie mit ihnen. Vielleicht können Sie sie überzeugen, dass die Blutentnahme für die gesamte Mitzi wichtig sein kann.
    Gruß Heinrich

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  5. Liebe Mitzi, nicht nur mit ihnen (den Venen) reden, sie auch oft streicheln mit geschicktem Daumen, da kommen sie vielleicht auch hrvor.
    Es ist schon erstaunlich, wie man innerhalb von Minuten eine Drogenkarriere machen kann.
    Ich wünsche, dass es auf dem einen oder anderen Zugang immer klappt.
    Haben die vor der OP tatsächlich Kochsalz infundiert? Das konnte ja wirklich keine Wirkung zeigen.
    Liebe Grüße von Clara

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  6. Da kann ich mich gerade zu glücklich schätzen Venen und sogar Arterien zu besitzen. Wenn ich ein schickes Pressband oder Blutstauband angelegt bekomme sehe ich sogar nach kurzer Zeit aus wie Hulk. Mein Problem ist eher, dass wenn die Nadel draußen ist es nicht mehr aufhört zu bluten. Bluter bin ich wohl nicht, nur kurz davor. So blute ich gut und gerne fünf Minuten vor mich hin. Mir macht es nichts aus, denn es tut weder weh noch ist es viel. Dennoch jage ich jeder neuen Artzthelferin erst einmal einen gehörigen Schrecken ein. Eine sehr gute Freundin, hat ein Problem mit ihren spring Venen. Die rutschen unter der Nadel immer weg… auch nach dem Einstechen.

    Blutabnahme an der Leiste klingt aber ganz fies, wie gut dass du die Oberschenkelvene hast… Vielleicht solltest du deinen Blog in „Luxusjunkie“ umtaufen 😉

    Wäre es nicht mal ein Tattoo wert, sich die Venen und Arterien kunstvoll verewigen zu lassen?

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    1. Ich hätte etwas Angst vor der potentiellen Zielgruppe, wenn ich den Blog umbenenne ;). Das Tattoo ist eine Überlegung wert. Vielleicht reicht ein kleiner Pfeil – da wo sich die miesen Dinger verstecken….
      Ich sehe schon, mein Problem ist gar nicht meines. Ein jeder hat hier irgendetwas, dass nicht ganz so gut funktioniert. Das muss wohl so sein, sonst würde denen im Labor ja auch langweilig werden 🙂

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