Nicht geschafft

Sie hätten sich auf dich gefreut, sagen die Trauzeugen und ich sehe, dass es ihnen jetzt Umstände macht, mich alleine hier stehen zu sehen. In unserem Alter ist es doch normal die Sitzordnung einer Hochzeitsfeier streng nach „Mann-Frau-Mann-Frau“ auszulegen. Ich verstehe, dass es ihnen nun schwer fällt mich unter zu bringen und wundere mich nur kurz, weil ich nur für mich und nicht für dich zugesagt habe. Unsicher tippelt die, welche die Trauung bezeugt hat auf ihren hohen Absätzen auf und ab und schüttelt hektisch den Kopf als der, der das auch tat, in Richtung des Kindertisches deutet. Doch, das sei schon in Ordnung sage ich, umarme noch einmal zur feinen Organisation beglückwünschend und gehe dann an den einzigen Tisch, dessen Blumenvase bereits mehrfach umgekippt ist.

Die Klotür schlägt in regelmäßigen Abständen an die Lehne meines Stuhles. Das ist in Ordnung. Der Kindertisch kann ruhig nahe der Waschräume stehen. Die Kinder stört es nicht. Sie sitzen kaum, kommen nur um sich eine Gabel Nudeln mit Sauce in den Mund zu schieben und rennen wieder los, sobald sie ihre Finger am Tischtuch abgewischt haben. Ab und an bleibt einer, der eben noch auf der Toilette war, vor meinem verwaisten Tisch stehen und erkundigt sich nach dir. Ich wundere mich, dass sie sich an dich erinnern können. Du warst nur einmal, an dieser unsäglich langweiligen Geburtstagsfeier dabei und doch fragen einige nach dir. Später begreife ich warum. Um die Konversation zu erleichtern hängt am Eingang ein Sitzplan. Dein Name steht darauf. Man hielt es wohl für selbstverständlich, dass wir zusammen bleiben würden. Das verstehe ich. Ich tat ich auch. Wieder bleibt eine stehen. Ich kann mich nicht einmal an ihren Namen erinnern. Die Zeit in der wir alle befreundet waren liegt soweit zurück, dass ich es als befremdlich empfinde eine Hochzeit zum Klassentreffen zu machen. Sie, deren Namen ich nicht mehr kenne, nimmt meine Hand. Wir haben es auch nicht geschafft, sagt sie, schluckt trocken und meint wohl ihren Mann, dessen Ring sie noch am Finger trägt. Ersatzweise hat sich die Kluge schnell einen andere Begleitung organisiert und muss nicht vor den Toiletten sitzen. Ich denke an dich und empfinde es als frech, dass man mir unterstellt, ich hätte es nicht geschafft. Ich sitze hier. Ein Hoch auf das Leben und warum stehen auf diesem blöden Kindertisch nicht auch Weinflaschen. Ich schnappe einen der kleinen Jungen und funktioniere ihn zum Kellner um.

Was für ein Glück ich habe, sagt man mir und platziert mich an einem anderen Tisch. Jetzt habe ich doch etwas geschafft. Ich darf jetzt zwischen Benjamin und Wolfgang sitzen, weil Wolfgangs Frau nun doch nach Hause musste. Der Babysitter ist überfordert. Ich auch. Mein Kuchenkrümelbild, das ich die letzte Stunde über auf der Tischdecke gezeichnet habe, war noch nicht fertig und jetzt muss ich Konversation betreiben. Wo ich all die Jahre steckte, ich hätte mich rar gemacht. Trotz des Weins auf den Lippen, gelingt mir die Lüge. Auf Hochzeiten sagt man nicht die Wahrheit. Nicht, dass man sich doch eigentlich gar nicht mehr kennen würde und sich fragt warum man hier nun sitzt. Nicht, dass einem das Geld im Kuvert eigentlich leid tun würde und man sich erneut fragt, warum man überhaupt gekommen ist. Und nicht, dass es eine Unverschämtheit ist, telefonisch eingeladen zu werden, weil man da nicht schlagfertig genug ist abzusagen.  Man kann nicht den ganzen Abend lügen. Warum ich alleine hier bin, fragt mich der rechts von mir und weil man mir die Worte heute schon mehrfach auf die Lippen gelegt hat, sage ich sie eben. Wir haben es nicht geschafft. Ein Och, von Links und ein Ach, von Rechts. Wir hätten alles geschafft. Aber das interessiert hier niemanden. Auf dem Kelch meines Weinglases sind Fingerabdrücke. Ich hoffe sie sind von dem, der es nicht geschafft hat. Nur der, hat mein Glas grundsätzlich am Kelch gehalten. Er und Wolfgang, der sich ohne seine Frau langweilt und mein Glas entert. Ich sage ihm er soll die Finger davon lassen und meine nicht nur mein Glas. Er sagt, dass es bei einem solchen Dekolleté unmöglich ist nicht hineinzuschauen und ob das ok ist? Ich sage ihm, dass wir heute Nacht nicht miteinander schlafen werden und ob das ok ist? Für den restlichen Abend spricht er nicht mehr mit mir und ich spiele mit Brotkrümeln Schiffe versenken mit mir selbst.

Warum sind wir hier, wurde ich vor Jahren gefragt, weil mir die Menschen längst fremd geworden waren und ich nur zu feige war höflich abzusagen. Damals waren wir zu zweit. Saßen in einer Blase guter Laune und Vertrautheit, in der uns der Rest egal war. Tranken den Wein, lachten und bezweifelten, dass die seltsamen Konstellationen um uns herum, das nächste Jahr überstehen würden. Heute sitze ich alleine in einer Blase aus Rotwein und schlechter Laune und frage mich, warum die zwei da vorne heiraten, wenn sie sich selbst am Tag ihrer Hochzeit angiften. Die Trauzeugen sind seit der Suppe zerstritten, werden aber gemeinsam nach Hause gehen. Das müssen sie, denn sie heiraten in vier Wochen und die Rechnungen für das Catering und die Band sind bereits bezahlt.

Mein Kleid wird nass, als ich im Nieselregen draußen stehe und es dem der es nicht geschafft hat übel nehme, heute hier alleine zu stehen und nichts bei mir zu haben. Einer der größten Vorteile einer Beziehung ist es doch, die Taschen des Mannes mit Lippenstift, Tampons und Rouge zu füllen und Pullover oder Sakko über die nackten Schultern gelegt zu bekommen. Ich habe blasse Wangen und friere.

 

37 Gedanken zu “Nicht geschafft

  1. Liebe Mitzi,

    und genau deshalb mag ich diese riesige Hochzeiten nicht. Die Braut ist genervt und musste ihr Kleid schon entweder zwei Mal einnähen oder auslassen lassen, je nachdem, wie sie mit dem Stress umgeht. Das Brautpaar hat keine Zeit, auch nur eine kurze Unterhaltung mit den Freunden zu bestreiten. Und der Bräutigam wird anschließend Opfer eines entwürdigenden Bespaßungsprogramms. Da sind mir Gartenhochzeiten schon viel lieber, mit einem Blumenkranz am Kopf statt Brautschmuck, barfuß, nur Freunde, keine „Politik“, ein paar Gartenstühle und Tische voll mit Chili, Salaten und all dem, was man mit Händen essen kann.

    Aber eigentlich geht es hier gar nicht um Hochzeiten und gescheiterte Beziehungen in spe. Eigentlich geht es um den Einen, der fehlt, und für immer fehlen wird.

    Danke für Deine wunderschöne Texte (ich lese jeden einzelnen davon, seit ich Deinen Blog entdeckt habe).

    Alles Gute
    Mira

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    1. Auch ich kann mich mit Hochzeiten jenseits des durchgeplanten und bis in letzte organisierte nicht anfreunden. Als Gast ist es mir egal, solange Wärme und Verliebtheit über allem liegt. Dann sitz ich such vor den Toiletten und freue mich über das Glück von Zweien.
      Wenn es nur noch ein schaulaufen ist, dann macht es mich eher traurig. Eine liebe Freundin trug vor Jahren Gänseblümchen im Haar und feierte die schönste Hochzeit auf der ich je war. Alles war bis ins kleinste organisiert. Man merkte es aber nicht, weil alle an diesem Tag einfach nur fröhlich waren. Die ohne Begleitung waren unter Paaren. Kinder überall und nirgends und Familie und Freunde mischten sich. Dazwischen zwei Menschen die alle Anwesenden verbanden. Es gibt schon wirklich schöne Feste. Auf die gezwungen sollte man einfach nicht gehen. Notfalls mit einer Notlüge ;).
      Danke für deine lieben Worte.

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  2. Liebes Fräulein Mitzi,
    Sie hätten den Wein und ein Glas mitnehmen sollen, nach draußen. Mit ihrem Charme hätten sie doch sicher sogar im Nieselregen noch einen gefunden, der ihnen sein Jackett umgelegt hätte…

    Was für ein feiner Text. Genau die richtige Mischung aus Humor und Melancholie, die sich ganz heimlich durch die Hintertür auf eine Hochzeit eingeschlichen hat und uns in ihrem Nieselregen mit dir stehen lässt. ein echter Herbst-Text.
    Liebe Grüße

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  3. Du liebe Güte. Weil du es „nicht geschafft“ hast, wirst du zur Strafe an den Katzentisch verbannt. Du hast den Leser die befremdlichen Koventionen solcher Veranstaltungen schmerzhaft schön miterleben lassen, liebe Mitzi. Zum Schluss wird deutlich, dass zum „nicht geschafft“ zwei gehören., was insgesamt die Frage aufwirft, ob es denn erstrebenswert ist, es zu schaffen. Pullover oder Sakko über die nackten Schultern bekommen manche leider nur vor der Hochzeit.

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    1. Katzentisch vor den Toiletten ist wirklich hart. Nur mit Humor oder Alkohol zu ertragen. Letzteres die schlechtere Lösung 😉
      Wenn es nur vor der Hochzeit war, das Wärmen, dann bedaure ich den Zustand der Ledigen nicht, lieber Jules.
      Ich hab es geschafft, den Abend zu überstehen. Das ist gar nicht mal schlecht.

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  4. bei uns wird es keine strikte sitzordnung geben, derartige rituale finde ich echt schrecklich. und ich hoffe, dass bei uns die menschen die wahrheit sagen. ich kenne die gesellschaften, von denen du schreibst und ich finde sie absolut schrecklich. das nächste mal solltest du vielleicht lieber zuhause bleiben. menschen, bei denen man nicht die wahrheit sagen darf, haben deine zeit nicht verdient ❤

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      1. das ist eine gute entscheidung 🙂 ich habe mir das letztens auch wieder gedacht. mehr bauchgefühl-entscheidungen!
        und ich hoffe es. es würde mich wahnsinnig traurig machen, wenn jemand von unseren gästen sich so fühlen würde.

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  5. In solchen Situationen wünsche ich mir immer einen Tyrion Lannister als Souffleuse… Der Abend wäre für mich jedenfalls somit gerettet. Zumindest verstehe ich bei solchen Anlässen, weshalb Alkohol erfunden wurde… In den goldenen Käfig würde ich mich aber nie einlassen.

    *Mantel und Tee hinüberreich*

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