Zwei so gleich

Silvester feierten wir nie gemeinsam. Seltsam. Wir trafen uns immer erst in den frühen Morgenstunden. Wenn wir uns trafen, war das alte Jahr bereits vorbei und das neue hatte noch nicht wirklich begonnen. Um vier Uhr morgens ist der erste Januar noch aus der Zeit gefallen. Das alte Jahr ist vorbei und das neue hat noch nicht begonnen. Wenn wir uns trafen, steckten uns die letzten Stunden in den Knochen. Meine Schuhe flogen in die Ecke und ich auf das Sofa zwischen Euch. Es gibt nichts schöneres als das Gefühl, sehr hohe Schuhe nach sehr vielen Stunden abzustreifen. Noch schöner ist es, sie mit Schwung in die Ecke zu werfen und am aller schönsten ist es, zwischen zwei Menschen zum liegen zu kommen, denen die letzten Stunden genauso in den Knochen steckten. Sie wundern sich nicht, dass man grundlos lacht und sie fragen nicht wo Handschuhe und Schal geblieben sind. Der eine schmückt eine Straßenlaterne, die anderen liegen zum Trocknen auf dem Sitz eines Taxis. Ich habe mich von ihnen auf dem Weg zu euch verabschiedet. Sie richten Grüße aus, die ihr artig erwidert. Um vier Uhr morgens am ersten Januar wundert man sich über wenig. Am wenigsten über die Tatsache, dass ich euch  das erste Mal nur schlecht auseinander halten kann. Der Crémant ist unschuldig. Wer kann schon eineiige Zwillinge um vier Uhr morgens an Neujahr auseinander halten.

Du solltest es können, sagt der eine, nimmt meine Hand und drückt sie an seine Lippen. Eine Geste so vertraut und doch bin ich mir nicht sicher zu wem sie gehört. Ich stoße euch beide leicht in die Rippen und setze mich auf. Ich sollte es wissen und sehe euch lange an. Im schummrigen Licht der einzelnen Lampe werden Gesichter zu Schatten und ohne Gestik und Mimik ist es schwer. Zwei Dinge, die es mir sonst so leicht machen euch zu unterscheiden. Ich lache und niemand erwidert das Lachen. Natürlich nicht, euer Lachen ist nicht gleich. Euer Lächeln schon. Eine Cola, bitte ich und fordere Eis dazu.

Der Rücken am Kühlschrank gleicht dem am Fenster. Die Bewegung mit der eine Haarsträhne aus der Stirn gestrichen wird ist identisch und beide bewegt ihr euch in der Wohnung als wäre es die eure. Ihr seid euch so nah, dass es keinen Unterschied macht, wer wo im Mietvertrag steht. Unterschiedliche Einrichtungen und doch könntet ihr ohne das Gefühl des Bedauerns die des anderen übernehmen. Selten seid ihr gleich gekleidet und heute doch. Weißes Shirt und Jeans bieten keinen Anhaltspunkt. Im Winter laufen nur wenige Barfuß in der Wohnung. Ihr tut es beide. Die Cola in meiner Hand, zwei Arme um meine Schultern und ein amüsiertes Schmunzeln. Idioten, raune ich und wieder meint einer, ich sollte es wissen. Ich weiß es nicht, gestehe ich mir ein und zucke mit den Schultern. Es liegt am Neujahrsmorgen. Ich erkenne euch immer. Von vorne, von hinten und sogar am Telefon. Winzige Unterschiede die größer nicht sein könnten. Manchmal fragen sie uns, welch seltsame Konstellation wir seien. In ihren Köpfen Ammenmärchen von nicht auseinander zu haltenden Geschwister, Lausbubengeschichten, die so nie stattgefunden haben, deren Vorstellung aber amüsant ist, auch weil sie so wenig mit der Realität zu tun hat. Ein letztes Glas, getrunken auf das neue Jahr und ein letztes Lachen, geschuldet einer Gleichheit die mit jeder Minute und jedem Schluck zunimmt. Um vier Uhr morgens am Neujahrstag steigt einem auch Cola mit Eis zu Kopf. Ich sollte es wissen, nehme eine Hand und sagte zu einem, dass ich müde bin. Ein Lächeln auf beiden Lippen und ungeduldiger Protest auf den meinen. Es wird langweilig und ich sinke zurück auf das Sofa. Ein leises Piepen des Telefons kündet verspätete Neujahrswünsche an und einer von euch liest sie leise vor. Ich nehme die Hand des anderen und fordere den Schlaf, den ich benötige. Es ist die richtige Hand. Die von dem, der nie eine SMS sofort liest und der sie, belanglos wie sie war, kaum laut vorgelesen hätte. Es ist deine und mit einem Mal ist es wieder leicht. Idiot, verabschiede ich den anderen und er lächelt.

Ein Lächeln, das dem mit dem ich nach Hause gehe, nicht ähnlich ist, sondern absolut identisch. Hanni und Nanni, murmle ich und frage mich, wo meine Mütze geblieben ist. Die Irritation über das identische Lächeln ist in all der Zeit geblieben. Manchmal sah ich es auf den Lippen deines Bruders, wenn ich mich durch eine überfüllte Bar zurück an unseren Tisch drängte. Dann lächelte er mich an und zog mich an der Hand, den letzten Meter zurück zu euch. Ob er oder du, die Geste und das Lächeln war absolut identisch. Dann nannte ich euch dumme Kerle und selbst das verständnislose Schulterzucken war zum Verwechseln ähnlich. Da hörten die Gemeinsamkeiten auf. So ähnlich ihr euch saht und oberflächlich gewesen seid, so unterschiedlich war euer Wesen. Aber das waren die von Hanni und Nanni ja auch.  

14 Gedanken zu “Zwei so gleich

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