Geschenkt – U-Bahn Gedanken

Können Sie sich noch an Anna erinnern? Anna, die ich nie gesehen habe, deren Freund aber regelmäßig mit mir in der S-Bahn fährt. Die Anna, zu der vor einigen Monaten der Satz „Ich dich nicht“ gesagt wurde? Es geht ihr gut. Anna. Zumindest glaube ich, dass es ihr gut geht. Das Rauschen ihrer Stimme klingt fröhlich. Ich verstehe nicht was sie sagt, weil ich neben ihrem Freund sitze und ihre Worte durch sein Handy nicht zu erkennen sind. Aber ich höre, das die Wellen des gesagten fröhlich klingen. Es freut mich, denn ich sorgte mich um sie. Ob das „ich dich nicht“ das Gegenstück zu einem „ich dich auch“ war, werde ich nicht erfahren und möchte lieber nicht spekulieren. Lieber freue ich mich über Annas aufgeregte Stimme.

Nur eine Kleinigkeit, sagt ihr Freund und ich riskiere einen kurzen Blick um zu sehen ob sein Schmunzeln so verschmitzt ist, wie seine Stimme vermuten lässt. Das ist es und wird es noch mehr, als er wiederholt, dass es nur eine Kleinigkeit sei. Die Kleinigkeit ist auf seinem Schoß und alles andere als klein. Zu gerne würde ich wissen, was sich in dem hübsch eingepackten Paket befindet. Überhaupt würde ich das gerne von fast allen Paketen wissen, die ich in diesen Tagen sehe. Ich habe hübsch eingepackte Geschenke sehr gerne. Mit einem schönen Papier, einer seidigen Schleife und einer handgeschriebenen Karte, kann man mich glücklich machen. Oft ist der Inhalt dann gar nicht mehr wichtig. Wichtig ist mir nur, überhaupt etwas zu bekommen. Weihnachten ohne Geschenke zum Beispiel, ist für mich eine traurige Vorstellung. Ein Bäumchen ohne Pakete darunter unvorstellbar. Nennen Sie mich ruhig materialistisch. Sie haben ja Recht. Ich bestehe auf Geschenke. Und wenn ich selbst keine bekomme, dann ist das längst nicht so traurig, wie keine verschenken zu können. Es muss ja nichts großes sein. Das kleine reicht um einen anderen glücklich zu machen. Mit einem Schokoladen Nikolaus geht das ganz leicht. Heute morgen kaufte ich einen besonders schönen und verfluchte den gesalzenen Preis, den die Bäckerei dafür verlangte. Nicht lange, denn er stand heute den ganzen Tag auf dem Tresen unserer Empfangsdame und sie erzählte ausnahmslos jedem der vorbei kam, dass dieser Nikolaus ihr geschenkt wurde. Dabei lachte sie und das Lachen unserer Empfangsdame ist so ansteckend und echt, dass sie die damit die ganze Firma zum lächeln brachte.

Gerne würde ich wissen ob die prall gefüllten Tüten der jungen Mutter, die mir gegenüber sitzt, ein ebenso echtes und fröhliches Lächeln hervorrufen werden. Wenn sie nicht mindestens drei Kinder hat, erscheint mir der Einkauf ein wenig übertrieben. Aber was tut man nicht alles für ein Lächeln. Bei den Großen sind prall gefüllte Tüten meist nicht notwendig. Lieber etwas kleines, dafür aber gut ausgesuchtes. Das alte Ehepaar am Fenster scheint das zu wissen. Sie hält in ihren Händen eine rote Blechdose und er klebt kleine funkelnde Sterne darauf. Weil sie sich unterhalten haben, weiß ich, dass die Dose randvoll mit Vanillekipferl ist. Kipferl für den Sohn, weil dessen Frau gesagt hat, dass die von der Oma halt doch am besten schmecken. Ich vermute, dass diese Aussage für die alte Frau das schönste Geschenk waren. Es musste nicht einmal verpackt werden. Eines meiner schönsten Weihnachtsgeschenke bestand aus einer leeren Schachtel. Die war so großartig eingepackt und hat mir so viel Freude bereitet, dass ich mich über die Leere kaum gewundert habe. Mein Freund lachte damals kopfschüttelnd und sah seinen Bruder triumphierend an. Er hätte ihm doch gesagt, dass ich wie eine Katze oder ein sehr kleines Kind sei. Die Verpackung würde reichen um mich glücklich zu machen. Ganz so leicht zu friede zu stellen bin ich natürlich nicht. Ich wusste, was dass die Leere ganz viel Raum für ganz viel ungesagtes und unendlich Wichtiges enthielt. Das, was mein Freund nicht in Worte verpacken konnte, hat er in die Schachtel gepackt. Ein ausgesprochen kluges Geschenk. Besser als das von einem, der mir eine sündteure Uhr schenkte und sich nicht daran erinnerte, dass ich Uhren am Handgelenk nicht ertrage. Es macht mich nervös und kribbelig, wenn der Zeit beim Verstreichen zusehen muss. Gefreut habe ich mich dennoch – auch sie war in einer herrlichen Schachtel. Er hat sie ein Jahr später bei Ebay verkauft, als sich unsere Wege trennten. Die Schachtel habe ich ihm nicht zurück gegeben.

Wie Anna wohl reagiert, wenn sie das Paket sieht? Ob sie genauso neugierig ist wie ich und ein verpacktes Geschenk genauso ungeduldig umkreist wie ich? Gerne nerve ich mein Umfeld mit Fragen nach dem Anfangsbuchstaben des Inhalts. Ob ich dieses Jahr etwas zu Weihnachten bekomme weiß ich nicht. Der klügste meiner Freunde mit dem ich feiern werde, wird wie immer nichts dabei haben. Das ist ok, denn er bringt mir den Geruch von Italien mit und hat eine Nacht voll Erzählungen im Gepäck. Damit wir doch etwas zum auspacken haben, heben ich das auf, was ich eben im Supermarkt geschenkt bekommen habe.

Es glitzert. Und es ist rot golden. Ich denke, dass uns zwei Lindtpralinen zum auspacken genügen werden. Die und die Geschenke, die ich für ihn besorgt habe. Der Inhalt gehört ihm, aber das auspacken übernehme ich. Ich tu´s ja so gerne. Anna bestimmt auch.

 

21 Gedanken zu “Geschenkt – U-Bahn Gedanken

  1. Ich weiß, dass mein Geschenk morgen oder übermorgen vom Postboten gebracht wird. Was mach ich nur? Warten? Nein, dann wäre der Schenkende sicher enttäuscht, dass ich nicht neugierig genug war … Kennt er mich doch. Wobei ich schon eine Ahnung habe, was da kommt. Mein Geschenk an ihn kann ich nicht verpacken, und er wird es auch schon vorher zu sehen kriegen. Am 16. Aber so wenig, wie ich es verpacken kann, kann er es in die Hände nehmen. Es ist nur zum Angucken. Darum auch schon am 16. Was man weder verpacken noch in die Hände nehmen kann, kann man auch nicht verstecken.

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    1. Vielleicht kann man es nicht verschenken. Aber man kann damit bestimmt Freude bereiten.
      Ginge es nach mir, sind die Geschenke, die man nicht sehen kann oft die schönsten. Und wenn etwas früher geschenkt wird. Am 16. zum Beispiel, dann kann man sich am 24. ja ein Mon Cherie teilen.
      Was auch immer es ist – ich wünsche dir viel Freude damit.

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  2. Hach … Geschenke. Die treiben mich in diesem Jahr irgendwie in die Verzweiflung, weil mir die zündende Idee fehlt. Nicht im Sinne von „spektakuläres Geschenk“, sondern Zündung für den Gedankengang, was die geeigneten Geschenke wären. Aber du machst mir Mut. Ich werde die Tage einfach schon einmal Geschenkpapier besorgen.

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    1. Kenne ich leider auch.
      Manchmal ist es so einfach und dann wieder so schwer, weil einfach nichts passendes durch den Kopf schießt. Bei einem warte ich auch noch auf die Initialzündung. Mit dem Geschenkpapier zu beginnen ist eine gute Idee. Das mache ich später auch.

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  3. Dass in deinem Mikrokosmos das Personal immer wieder auftaucht, finde ich hübsch, liebe Mitzi, diesmal Anna. Man freut sich grad mit für Anna, weil sie aufgeregt auf ihre angekündigte „Kleinigkeit“ freut. Leider bin ich ein Einpack-Legastheniker. Geschenke einzupacken finde ich stressig, weshalb ich in den Kaufhäusern beim Einpackservice anstehe und mit Lob nicht spare, wenn geschickte Hände etwas Hübsches zustandebringen. Im Leben ist die schöne Verpackung wichtig. Man kann sie ganz arglos genießen oder für den Ausdruck einer Kultur der Äußerlichkeit halten, worüber Gottfried Benn treffend sagt, “Nichts – Aber darüber Glasur.”

    Dir einen heiteren Tag!

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    1. Mit sehr viel Verspätung (ab dem Tag war ich zu nervös um hier mehr als zu überfliegen) vielen lieben Dank für das Begleiten meines Personals. Personal klingt lustig, aber es passt sehr gut. Sie stehen mir schließlich immer zu Diensten.
      Ein Einpackservice ist sehr praktisch. Am Ende ist es oft aber auch nicht wichtig. Zum Beispiel ein Lächeln – das lässt sich wirklich schwer einpacken.
      Einen schönen dritten Advent und liebe Grüße

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  4. schenken ist etwas wunderbares. und beschenkt werden auch. wenn es um den wert geht, der gedanken, die im geschenk drinnen stecken. eines der großartigsten geschenke, die ich bekommen habe, war eine holzschachtel. beklebt mit fotos.es war eine beam-box. wie genau sie funktioniert hat, kann ich nicht mehr erklären, aber sie war gegen das vermissen gedacht.

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  5. Oh, das sind feine Beobachtungen! Das Lächeln in einer Stimme ist kostbar und ebenso diese kleinen unverhofften Geschenke (wie der Nikolaus).
    Ich war manchmal unsicher, wer sich mehr freute, die/der Beschenkte oder ich, die es gab?
    Weil es so viel Freude machte. 🙂

    Liebe Grüße,
    Silbia

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