Seid´s narrisch?

Man sagt uns Bayern ja gerne nach, dass wir etwas langsam sind. Dass wir uns Dinge, die uns nicht direkt betreffen nur schwer vorstellen können und auf neuen, nicht alltäglichen Gedanken erst eine Zeit herum kauen müssen. Ein solches Beispiel für ungewöhnliche Gedanken ist die Vorstellung, dass die Wiesn (für nicht Münchner: das Oktoberfest) dieses Jahr eingezäunt wird. Damit der Bayer nicht zu lange nachdenken muss, gibt man ihm eine herausfordernde Rechenaufgabe und beschließt, dass man den Zaun nur mit Rucksäcken passieren darf, die maximal drei Liter fassen. Drei Liter sind drei Maß. Wie man die in einen Rucksack bekommt, erklärt Münchens zweiter Bürgermeister Josef Schmid. Nämlich gar nicht. Es geht nicht um die Maß sondern um Milch. „Eine Tasche in die mehr als drei Milchtüten passen, ist schon zu groß.“ Danke, Josef Schmid – jetzt habe ich es auch verstanden. Mit drei Packerl Milch im Gepäck darf ich auf die Wiesen – mit vier nicht. Warum ich überhaupt Milch mitnehmen wollen könnte, wo es in vier Wochen doch wieder reichlich Bier gibt, hat er nicht erklärt, der Schmid Josef.

Damit sich der Schmarrn mit den Milchtüten nicht zu sehr in den Köpfen der Münchner festsetzt hilft dem Schmid Josef der Böhle Thomas a bisserl aus und lenkt die Gedanken dahin wo sie hinsollen – zum einem Gefühl umfassender Dankbarkeit, dass man sich um unsere Sicherheit sorgt. Man munkelt, dass sich die Münchner, im August noch weitgehend nüchtern, zu fragen begannen ob die Wiesn nicht ein Ziel von Anschlägen sein könnten. Als gebürtige Münchnerin biete ich stellvertretend meine Gedanken dazu an. Sechs Millionen Besucher in 16 Tagen auf engstem Raum und eine Stadt im Ausnahmezustand? Noch Fragen? Der Böhle Thomas weiß  das sicher auch. Als Leiter des Kreisverwaltungsreferats kennt er sich schließlich mit Gedrängel aus. Außerdem hat er einen Doktor und weiß so gut wie der Schmid Josef, dass es klüger ist weiter über die Rucksäcke und Taschen zu reden, damit man den restlichen Schmarrn gar nicht erst hinterfragt.  Was nicht benötigt wird bleibt am besten Zuhause, rät auch er. Ob er damit die drei Milchtüten vom Schmid Josef meint, sagt er nicht. Er fügt nur an, dass es auf der Wiesn am gemütlichsten ist, wenn kein großes Gedränge herrscht und verrät damit, dass man als Leiter des KVR wohl genug Zeit hat um unter der Woche um zehn Uhr Vormittags über die Wiesn zu schlendern. Sonst wüsste er, dass es immer a Gedränge ist. Freilich, ist es a Gedrängel. Sechs Millionen auf 31 Hektar. Das Wiesnbarometer können Sie vergessen. Fragen´s lieber mich, wann es auf der Wiesn ruhig ist. Am Werktag, bei Regen vor Öffnung der Zelte. Aber was wolln´s denn da.

Mit solchen blöden Gedanken lenkt man von der wesentlichen Neuerung ab. Ein Zaun um die Wiesn. Eine hervorragende Idee. An sieben geplanten Einlässen stehen dann die sechs Millionen und lassen ihre Rucksäcke und Tasche, die sie natürlich doch dabei haben, überprüfen und wehe sie haben eine vierte Milchtüte dabei. Schlimmer natürlich wären Sprengsätze, weshalb der durchschnittlich intelligente Attentäter sich wohl schlicht im Chaos der Einlasskontrollen schon in die Luft sprengt. Er dürfte dort genauso viele unschuldige Menschen erwischen. Trotzdem seinen sie nötig, die Einlasskontrollen und der Zaun, hört man es raunen. Nur so könne man das gesamte Festgelände der Theresienwiese gegen Attacken sichern. Man ahnt was mit Attacken gemeint ist und vergisst, dass es wahrscheinlich immer noch wahrscheinlich ist, einen 1,35 Kilo schweren (das Gewicht ohne Inhalt) Maßkrug von einem Betrunkenen gegen das Hirn geschlagen zu bekommen. Das muss dann nicht mal eine Attacke sein – da reicht es, sich beim Prosit grad aufs Klos schlängeln zu wollen und im falschen Moment mit einem Krug zu kollidieren.

Möglicherweise und mit einem großen Fragezeichen versehen, hilft der Zaun gegen Attacken anderer Art. Mir selber wird aber schlecht bei dem Gedanken an einen Zaun. Ich stell mir vor, dass ein Kind seinen Luftballon platzen lässt. Oder ein Depp einen Knallfrosch zündet. Das ist recht harmlos, bis dann erst ein duzend, dann hunderte und schließlich die halbe Wiesn panisch zu den Ausgängen rennt, weil man durch Zäune und Kontrollen ja sensibilisiert ist und ein Knall nichts harmloses bedeuten kann. Dann ist es gut, dass der Sicherheitszaun in weniger als einer Minute geöffnet werden kann, sagt man uns. Ich bin nicht gut im Rechnen, aber dass das nicht funktionieren wird, erscheint mir recht sicher zu sein. Wer soll die Zäune, deren Öffnungen so leicht zu erweitern sind, denn dann noch ruhig und gelassen öffnen? Die panischen Menschen sicher nicht.

Ich versteh jeden, der dieses Jahr nicht auf die Wiesn geht. Genauso wie ich die verstehe, die trotzdem gehen und trotzig und entschlossen an der Normalität festhalten. Was ich nicht verstehe ist, wie man glauben kann sich in vermeidlicher Sicherheit zu wiegen indem man andere Risiken um ein vielfaches erhöht. Sie werden sich was dabei gedacht haben, der Schmid Josef, der Böhle Thomas und all die anderen. Oder sie haben überhaupt nicht nachgedacht und verlieren sich in sinnlosem Aktionismus.

 

43 Gedanken zu “Seid´s narrisch?

  1. Liebe Mitzi!
    Hinter all dem steckt eindeutig die Milchmafia, die dafür sorgen möchte, dass sturzbesoffene Wiesnbesucher in Zukunft nur noch Milch und nie wieder Bier konsumieren. Das ganze Theater drum rum dient lediglich der Ablenkung! No net narrisch wern 🙂
    Herzliche Grüße von der Milchkuh
    Mallybeau

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  2. Gerade letzte Woche habe ich mir einen neuen Rucksack gekauft – einen City-Rucksack. Auf die Wiesn dürfte ich mit dem. Ich habe aber gestaunt, wie viele Rücksäcke in den unterschiedlichsten Größen angeboten werden. Die Hersteller sollten mal Anhänger dran machen, für was der jeweilige Rucksack zugelassen ist – z.B. als Handgepäck im Flugzeug, bei Museumsbesuchen, auf der Fan-Meile am Brandenburger Tor, …

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  3. Nein. Sicherheit geht vor. Wir müssen vor den Irren & Verrückten geschützt werden. Davon gibt es schon zu viele in diesem Land. Unserem Land. Das Boot ist voll. Es reicht. Ein hoher, stabiler Zaun um die Wiesn ist das richtige Signal. Verlassen darf das Oktoberfest nur, wer endlich bereit ist, sich anzupassen. Für schunkelnde Trachtenträger ist kein Platz in dieser Gesellschaft.

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  4. Endlich wird eine lange schon bestehende Idee umgesetzt. Alles einzäunen und extra Kunstkotzwiesenbereiche erstellen. Und spontanes flanieren wird eingestellt. Wiesenbesaufen nur nach vorheriger Anmeldung und mit ID-CHIP / Barzahlungen werden durch Elektrocash abgelöst.
    Sicher ist sicher.

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      1. Ich denke die Entwicklung geht in diese Richtung / und wenn es nur ein Einscannen aller Personen ist / die dieses Areal betreten. Oder über Chips ihre aktuelle Position ermittelbar ist.
        Da gibt es noch genügend Potenziale.

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    1. Mit dem Unverständnis die Wiesn betreffend, kann ich gut leben. Da reihe ich mich sicher nicht ein. Mir ging es um anderes.
      Die Ochsen, lieber Jules, werden dieses Jahr sicher neue Rekorde brechen. So oder so. Abhängig von der Gattung Tier oder Mensch.

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  5. gar nicht so lustig, leider, dieses thema. ich werde mir aus der sicheren entfernung von rund 500km anschauen, wie sich das zutragen wird, bei einem zaun um die wiesn und der vorstellung des chaos drumherum wird mir jedenfalls ein bissl anders. naja, hoffen wir dass alles gut geht.

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  6. Wenn die Attentäter, so werden die jetzt wohl kalkulieren, ihren Sprengstoff einfach in Milchtüten einfüllen, kommen sie unbehelligt in die Wiesn hinein. Einen explodierenden Milchpreis würden sich allerdings die Bauern wünschen. Oder wenigstens einen angemessenen.
    Was aber auf jeden Fall explodieren wird, da bin ich mir sicher, ist letztendlich mal wieder der Preis für die Maß …

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  7. Die Bayern lieben wohl inzwischen Zäune und es gibt bei euch den ein oder anderen Politiker der strunzdumm zu sein scheint. Aber diese Tendenz kann man ja anderswo leider auch beobachten. Ich werde nicht mehr auf die Wiesn gehen, es gibt doch so wundervolle Biergärten in München, da kann man auch mit vier Milchtüten rein 🙂

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  8. Liebe Mitzi,
    als ich Ihren Bericht las, witterte ich sofort ein Geschäft! Da ich in früheren Zeiten schon als Schmuggler gearbeitet habe, ist die Erfahrung auf diesem Spezialgebiet noch nicht verblasst.
    Es wäre noch nicht einmal „verbotener“ Schmuggel, wenn ich den Leuten meine Dienste anbieten würde, die auf der Wiesn mehr als 3 Liter Milch brauchen. Ich könnte meine 3 Liter zur Verfügung stellen, da ich ohne Milch auskomme. Ich kenne nicht die Eintrittsreglung der Wiesn. Wie ist das? Wenn ich einmal bezahlt habe, kann ich auch wieder rausgehen und wieder reingehen? Wie in der Disco? Kriegt man dann einen Stempel auf den Handrücken. Dann könnte ich ja sogar wesentlich mehr als 3 Liter Milch verticken. Denn für 3 Liter alleine lohnen sich ja meine Anfahrtskosten kaum. Hannover – München ist ganz schön weit. Und wenn ich, um Sprit zu sparen, nicht mit dem Auto fahre, sondern mit dem Fahrrad, könnte es sein, dass ich es nicht mehr rechtzeitig schaffe.
    Ob die überhaupt norddeutsche Milch da haben wollen?
    Oder kaufe ich die lieber in München vor Ort, damit sie auf dem Fahrrad nicht so geschüttelt wir und nachher noch als Käse ankommt.
    Oder gibt es auch einen Bedarf an Käse auf der Wiesn? Fragen über Fragen.
    Ich merke schon, da ist noch ein guter Batzen Marktforschung zu betreiben, bis ich das Geschäft in trockene Tücher bringen kann. Geschenkt wird einem ja heutzutage rein gar nichts mehr. Da heißt es, sich anstrengen und reinklotzen!
    Ich radele schon mal los – der Rest ergibt sich sicher noch!?!
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, ich hoffe meine Nachricht erreicht Sie noch bevor Sie sich auf den Sattel schwingen. Die Wiesn ist doch umsonst. Rein kann da jeder. Also bis letztes Jahr. Das ist ja unser großes Problem. Jeder Depp darf rein. Sogar die Stadtbekannten ;).
      Ihre Idee gefällt mir trotzdem. Wir sollten uns einmal zusammen setzen und einen Plan aushecken. Bei all dem Irrsinn fallen wir mit seltsamen Ideen auch gar nicht mehr auf.
      Herzliche Grüße
      Ihre Mitzi – die den selbsterzeugten Fahrradkäse sehr lecker finden würde.

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  9. Liebe Mitzi,
    so machen wir es! Erst aushecken dann Plan oder umgekehrt. Und dann schlagen wir nicht nur Sahne, Milch und Käse – dann schlagen wir alle Rekorde und ganz kräftig zu! Mit Ihnen als CEO und Creative Director wird unsere Firma schon in der ersten Woche an der Börse gehandelt und alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen – die Wiesn wird völlig neu erfunden.
    Was die Milchwirtschaft im Detail angeht, sollten wir auf jeden Fall Mallybeau Mauswohn anheuern. Kennen Sie einen Kuh-Headhunter?
    Gruß Heinrich

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    1. Leider nicht. Aber ich bin sicher, Sie und Ihr Charme überzeugen Frau Mauswohn auch ohne Jäger.
      Vielleicht entscheiden wir uns dann auch spontan für ein Glas kühles Milch auf der Alm und überlassen den Börsenwahnsinn anderen. Wir könnten die Idee verkaufen.
      So viele Möglichkeiten😀
      Herzliche Grüße
      Mitzi

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