Übungssache

Ob es nicht ein wenig seltsam sei, alleine und ohne Begleitung nach Italien zu fahren, fragt sie und ich zucke mit den Schultern. Und wenn, warum dann nicht in ein Hotel, wo man weiß was man hat und sich ein wenig verwöhnen lassen kann, will sie wissen und ich habe keine Antwort. Keine, außer die, dass es sich richtig anfühlt. Dass ein Hotelfrühstück nicht das ist, was ich in Italien möchte und dass ich alleine fahre, weil ich nichts mitnehmen, sondern etwas finden möchte. Nach Italien fuhr ich, solange ich denken kann, alleine. Ich fuhr von München nach Elba, Mailand, Verona oder noch weiter in den Süden um jene zu treffen, die dort lebten und die ich vermisste. Eine Zugfahrt mit Umstiegen in Orten, von denen ich noch nie gehört habe, schreckte mich noch nie, sind doch Bahnhöfe eben jene Orte, die kein Wissen benötigen, weil sie überall ähnlich und ohne Erklärungen funktionieren. Und doch mag ich ihre Fragen nicht, weil es mir fremd geworden ist, alleine unterwegs zu sein. Ich bin behutsamer geworden. Unsicher und ängstlich. Nichts davon war ich früher und nichts davon passt zu mir. Als ich vor vier Wochen dem mutigsten meiner Freunde sagte, dass ich Ostern auf einen Sprung runter komme, hat er nur „ja“ gesagt. Natürlich, warum auch nicht. Einsteigen, fahren und ankommen. So war es früher und so sollte es auch heute noch sein. Ein paar Tage Verona, einen Freund besuchen und dann weiter in den Süden oder ein Stück zurück in den Norden, das würde man spontan sehen, zu ihm auf einen Café und eine Pizza am Abend. Ein bisschen konfus, ein bisschen planlos, aber das war ich immer. Er sagte nur „ok“ und „bis dann“.  Weiterlesen

April Sand

Wir müssen den Rest nicht auch noch zerschlagen, sagt der eine von euch beiden und blickt auf den Scherbenhaufen vor seinen Füßen.  Klirrend wirft der andere ein weiteres Glas in Form eines Satzes durch den Raum und schüttelt Schulterzuckend den Kopf. Das wäre nun wirklich nicht mehr nötig, stimmt er zu und erhöht den Scherbenhaufen schon mit den nächsten Worten. Es wäre nicht mehr nötig, aber auch schon egal. Zwei stehen in meiner Küche, bewerfen sich mit Wortgläsern und kümmern sich nicht darum, dass es mein Boden ist, der sich in ein Meer aus Scherben verwandelt. Weiterlesen

015 irgendwas 23

1412355 war die Telefonnummer meiner Großeltern. Seit 26 Jahren gehört der Anschluss jemand anderem und doch erinnere ich mich noch gut an die Tastenkombination aus meiner Kindheit. Die 661341 war die Nummer der Wohnung in der ich aufgewachsen bin und 66xxxx gehört den Eltern meiner ältesten Freundin. Während ich die ihre nicht auswendig kann,  ist die der Eltern für immer in meinem Kopf gespeichert. Ich kann mich nur an jene erinnern, die ich nie irgendwo gespeichert habe, weil man sie früher am besten im Kopf behielt. In meinem Kopf war auch die, die mit 23 endete. Weiterlesen