Iljana, die Sonne geht auf!

Iljana, komm raus, forderte der alte Säufer mit kratziger, aufgeregter Stimme. Iljana, die mazedonische Aushilfe unseres vietnamesischen Backshops lächelte nur und schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich hat sie den Alten nicht verstanden. Morgens ist er noch nüchtern, da versteht man ihn noch schlechter. Iljana sowieso. Die versteht nämlich kein Deutsch, braucht es bei der Selbstbedienung im Backshop auch nicht. Iljana, komm, fordert er mit Nachdruck durch die offene Tür und lässt sich dann auf das kleine Mäuerchen an der Tiefgarage sinken. Der Start in den Tag fällt ihm im Winter noch etwas schwerer als sonst. Zwischen den rauen Fingern eine Zigarette und der erste Schluck aus einer kleinen Flasche Jägermeister. Was man eben so braucht, um wach zu werden. Weiterlesen

Sommer im Nacken

Auf meinen Schultern sind vier neue Sommersprossen. Auf der Nase drei, auf der Stirn sieben und gestern Abend habe ich am Knöchel und am Bauch jeweils eine neue entdeckt. Jedes Jahr im Juli kommen ein paar winzige, hellbraune Punkte dazu und obwohl ich sie schon lange nicht mehr zählen kann, glaube ich dass es noch immer etwa zwanzig Stück jährlich sind. Ich mag meine Sommersprossen. Besonders die eine, goldbraune, die ich im rechten Augen habe und von der ich weiß, dass es eigentlich keine ist. Weiterlesen

Nur mal eben…

Auf die Frage ob ich schreiben kann, habe ich bisher immer mit einem klaren und eindeutigen Ja geantwortet. Ich hab´s mit sechs in der Grundschule gelernt und kann nach 33 Jahren noch immer den Stift halten, ohne dass er mir aus der Hand fällt. Selbst nach drei Gläsern Rotwein gelingt es mir, im Kneipenlicht meine Telefonnummer und meinen Namen fehlerfrei auf einen winzigen Kassenbon zu kritzeln. Weiterlesen

24 Stunden Burn-Out

Kennen Sie das Gefühl morgens aufzuwachen und schon vor dem Aufschlagen der Augen zu wissen, dass man es besser nicht täte? Das Augenaufschlagen und überhaupt das Aufwachen. Der Grund ist objektiv betrachtet klein, nichtig und ein regelmäßiger Gast. An manchen Tagen wird er über Nacht groß. Das sind die unangenehmen Tage.  Die Augen noch geschlossen hört man das fröhliche Zwitschern der Vögel, riecht den Frühling durch das offene Fenster und ahnt, dass es nur noch ein paar Minuten dauert, bis die ersten Sonnenstrahlen auf die Bettdecke treffen. Wenn man – oder ich – dann keine Lust hat mit Elan aus dem Bett zu springen, dann hat mich das 24 Stunden Burn-Out erwischt. Weiterlesen

Jeden Tag schön hässlich

In meinem Wohnzimmer beginnt die blaue Stunde, der kurze Moment zwischen dem Untergehen der Sonne und dem Einbruch der Nacht, mit einem letzten Aufbäumen goldenen Lichts. Die letzten Sonnstrahlen leuchten über die Hausdächer genau in mein Küchenfenster. Sie tauchen meine hässlichen beigen Hängeschränke in ein strahlendes und funkelndes Licht. Als man irgendwann in den achtziger Jahren die Küche einbaute, hielt man noch nichts von Hochglanz-Flächen. Meine Schränke verzeihen Fingertappser und ihre raue Fläche ist nicht kaputt zu bekommen. Robust und praktisch musste es damals sein. Hässlich beschreiben es nachfolgende Generationen. Weiterlesen

Kopfstürme

Eine strahlende Sonne passt am besten zu mir, sagt einer meiner Freunde und ich lächle über das schöne Kompliment. Ich lächle bis er mich nicht mehr ansieht und ich nicht mehr lächeln muss. Das erloschene Lächeln juckt  in meinen Mundwinkeln und ich schließe die Augen, weil ich lieber an dein Lächeln als an mein eigenes denken möchte. Es gelingt mir nicht. Vielleicht weil du so selten gelächelt hast. Weiterlesen