Nachgerechnet

Das erwachsene menschliche Herz schlägt pro Minute etwa 66 Mal. Wenn es aufgeregt oder verliebt ist auch öfter. Deines vielleicht, sagt er und schafft es, mir eine Minute lang in die Augen zu sehen, ohne dass sich sein Puls erhöht. Mir gelingt es nicht. Nach 30 Sekunden bekomme ich Herzklopfen und weiche seinem Blick aus, weil ein aufgeregtes Herz nicht zu stoischer Gelassenheit passt. Noch immer, wundert er sich und streicht mit dem Daumen über die Innenseite meines Handgelenks. Nur wegen des ausgesprochen hübschen kleinen dunkelbraunen Fleck im Grün des linken Auges, erkläre ich und ziehe meine Hand zurück. Ein Herz schlägt durchschnittlich 4.000 Mal pro Stunde, meines in Stunden mit ihm vermutlich deutlich mehr. Später frage ich ihn, ob das auf Dauer gesundheitsschädlich ist und er schüttelt stumm den Kopf. Ein Herz schlägt gut und gerne 2,6 Milliarden Mal im Leben, ein paar hunderttausende Schläge mehr, würde es problemlos verkraften. Wieder liegt sein Finger an der Innenseite meines Handgelenks an meinem Puls und er lacht. Es ist dunkel und den hübschen kleinen dunkelbraunen Fleck in seinem Auge kann ich nicht sehen. Es muss an seinem Aftershave liegen, behaupte ich und wir lachen. Wir lachen, bis er mich in seine Arme zieht und meine Wange auf seiner Brust liegt. Ich mag sie, die Brust. Mag es, dass mich ein Haar an der Nase kitzelt und mag es, dass seine Haut dort unter dem braunen Flaum so warm wie ein Kachelofen ist und mag es besonders, dass sie leicht nach trockenem Holz riecht. Wahrscheinlich riecht sie anders. Nach Boss, Armani oder Paco Rabanne. Vielleicht auch nach billigem Duschgel, aber sicher nicht nach dem, das ich jetzt glaube zu riechen. Ich sag ihm, dass er nach altem, trockenem Holz riecht und spüre seine Hand in meinem Nacken, die mich kneift, weil es nach einem zweifelhaften Kompliment klingt. Ich mag altes Holz sage ich und rutsche ein Stück nach oben, um der unrasierten Wange einen Kuss zu geben und um das Herz in der Brust nicht klopfen zu hören. Altes Holz, murmelt er und schiebt mich wieder nach unten, weil „auf Augenhöhe“ geistig unabdingbar, bei unserem Größenunterschied, physisch aber unbequem ist. Weiterlesen

Googeln Sie nicht!

Ich bin wirklich froh, dass es mir schon immer herzlich egal war, was man als Frau tragen soll oder tragen darf. Wie 9 von 10 meiner Freundinnen bin ich mehr oder weniger dem Mainstream hinterher geschwommen und hatte meist einen Mann an meiner Seite, der Entgleisungen im Bezug auf Kleidungsstücke mit dem Zucken der rechten oder wahlweise linken Augenbraue verhinderte. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag Mode und ich ziehe mich gerne schick an. Ich hege eine ausgeprägte Leidenschaft für Cashmere und versuch mich meiner Körper- und Kleidungsgröße entsprechend ansprechend anzuziehen. Seit ich ein Alter erreicht habe bei dem der Monat nicht vor dem nächsten Gehaltseingang endet, achte ich auf Qualität und freue mich über Dauerbrenner wie meine zwanzig Jahre alte Jeansjacke. Merken Sie was? Ich rechtfertige mich sogar bei Ihnen. Fühle mich genötigt eingangs ein paar Sätze zu schreiben, damit Sie mich nicht für eine völlige modische Entgleisung halten. Bin ich auch nicht. Oder vielleicht doch. Weiterlesen

Florale Peinlichkeit

Wenn du darüber etwas auf deinem Blog schreibst, wird sie dir die Freundschaft kündigen, sagte Alex, einer meiner ältesten Freunde und deutete mit ausladender Geste  in einen über und über mit Rosen dekorierten Schlossgarten, den Schauplatz einer Hochzeit zu der wir beide geladen waren. Eine Hochzeit zu der wir aus Kostengründen – wie das Brautpaar ungeschönt in die Einladung schrieb – ohne Partner eingeladen waren und ziemlich verloren und blöd herum standen, weil wir sonst niemanden kannten. Das wird sie sowieso, versicherte ich ihm, nachdem ich kurz überschlagen hatte, dass mein Geschenk für das Brautpaar angesichts dieser pompösen Feier eine lächerlich geringe Anzahl von Scheinen enthielt. Bei uns ist es üblich, das eigentliche Geschenk durch das „Mahlgeld“ zu ergänzen – einige Geldscheine im Kuvert, die in etwa dem entsprechen, was man an diesem Tag konsumiert. Ein für das Brautpaar praktischer Brauch, denn bayerische Hochzeiten zeichnen sich oft durch viele Gäste und bis zu drei Mahlzeiten aus. Da möchte man das Brautpaar ja nicht schon in den Anfangstagen der Ehe finanziell ruinieren. Wieviel, fragt mich Alex, über den Rand der Bierflasche,  ich zucke mit den Schultern und weil er nicht locker lässt, nenne ich ihm den Betrag in Höhe von 75 Euro. Er zuckt zusammen. Ohne Mahlgeld will er wissen und ich verneinen. Es könne doch keine ahnen, dass die hier schon nach der Kirche mit Lachs und Kaviar anfangen und den Champus raushauen als wäre es Wasser. Von letzterem sollte ich dann besser die Finger lassen, werde ich schmunzelnd angewiesen. Der sei bei meinen 75 Euro nun wirklich nicht mit drin. Ich nicke und nehme ihm die Bierflasche aus der Hand. Bevor er protestieren kann lege ich los. Weiterlesen

Du Depp, Sie Depp, die Deppen

Herr Mu und ich sind jetzt per Du. In Bayern geht das manchmal ganz schnell und ohne, dass es einer dem anderen anbietet. Auf dem Berg zum Beispiel. Oder beim zufälligen Feststellen gleicher Interessen oder spontaner Sympathie. Noch häufiger auch bei ausgeprägter Antipathie. So ist eine Betitelung von „Sie Rindvieh“ selten und das „ess (3. Person Plural) Deppen“ weit geläufiger. Bei Herrn Mu und mir war es ähnlich.
Seit heute Nachmittag erleben wir hier in München einen, für die Jahreszeit nicht ungewöhnlichen Wintereinbruch mit dicken Flocken und einer auf den Gehwegen geschlossenen Schneedecke. Auf einer solchen rutschte eben Herr Mu aus. Ihm hat´s richtig die Füße weggezogen und ich hätte mir Sorgen gemacht, wenn sein Schimpfen nicht augenblicklich eingesetzt und reichlich derb erklungen hätte. Der Inhalt seiner Einkaufstaschen verteilte sich auf der weißen Pracht und ich dachte mir: „Du alter Depp!“ Ich dachte diese unfreundliche Formulierung, weil ich sah, dass er Birkenstock Schlappen trug und weil ich natürlich doch erschrocken bin und mir um den alten Herren Sorgen machte.

Erst als Herr Mu: „Du, gäh! Vorsicht! I gib da glei an oiden Deppen!“ rief, bemerkte ich, dass ich wohl laut gedacht hatte. Weil Herr Mu aber grinste, grinste ich auch und schimpfte ihn, seine Einkäufe einsammelnd, noch ein bisschen weiter aus, bevor ich ihm meinen Arm hinhielt und darauf bestand ihn nach Hause zu bringen. Mit den Schuhen im Schnee….recht intelligent sei das nicht, murmelte ich und schlenderte mit ihm gemeinsam zu seiner Wohnung. Dass Herr Mu, fast genau mir gegenüber wohnte, war mir neu und wir unterhielten uns so nett, dass ich nicht mehr auf den Schnee achtete und kurz vor seiner Haustür, fast der Länge nach hinfiel. Nur fast, denn Herr Mu, der sich bei mir untergehakt hatte, riss mich gerade noch nach oben. Jetzt war er mit dem Schimpfen an der Reihe. Er hätte nicht viel Ahnung von Schuhen, teilte er mir mit, aber dass das da an meinen Füßen nicht für Schnee geeignet war, würde auch er erkennen. „Aber sie g´falln da, oder?“ zog er mich feixend auf und bestand darauf, mich nun seinerseits, über die Straße bis zu meiner Wohnung zu begleiten, was ich rigoros ablehnte, indem ich mehrfach auf seine windigen Schlappen deutete.

Mein etwa achtzig Jähriger Nachbar, Herr Meier, kam vom Einkaufen und blieb neben uns stehen. Er sah uns kurz von oben bis unten an, blieb mit den Blick an unseren Schuhen hängen und murmelte: „Oana bläda wia da andere.“* Herr Meier geht die „Du“ oder „Sie“ Frage übrigens fast immer, indem er die Menschen einfach gar nicht direkt anspricht, sondern – direkt neben ihnen stehend – über sie spricht. Auch das ist in Bayern sehr beliebt.

*Einer dümmer als der andere