Nichts zu sagen

Obwohl es still ist, ist es nicht leise. Auch nicht laut, weil Feiertagsstille über der Stadt liegt und es nie ganz leise, weil das Leben in den Wohnungen der Häuser nicht pausiert. So ein Leben, selbst das ruhigste, steht vor seinem letzten Tag nicht still, nur manchmal – fast immer zwischen den Jahren – wird es leiser gedreht. Zwischen den Jahren….eine seltsame Bezeichnung, sage ich und einer, der im Türrahmen steht, nickt. Seltsam leise auch er. Vorhin rief er die ersten beiden Buchstaben meines Namens, bevor er den Rest verschluckte und nicht rief, sondern kam und fragte, was er fragen wollte. Er flüstert nicht, das wäre albern, aber sich durch die Wohnung plärrend nach dem Verbleib des letzten Restes Milch zu erkundigen, ist zwischen den Feiertagen wohl nicht angebracht. Wie auch das egoistische Leeren einer Milchtüte des zu erst Aufstehenden, wenn die Geschäfte geschlossen haben, aber das nur am Rande. Kuh, sagt er, verschluckt schmunzelnd das „blöde“ und ich sage „Muh“ und teile den Rest meines Kaffees mit ihm. Wie still man zwischen den Jahren nebeneinander sitzend aus einer Tasse trinken kann….ob andere sich auch so wenig zu sagen haben? Der, der neben mir sitzt und drinnen und nicht draußen – an winterlichen Feiertagen erlaubt – eine raucht, zuckt mit den Schultern. Vermutlich nicht, denn neben uns wird viel und laut gelacht. Aus dem Fernseher, aber immerhin. Wir lachen nicht. Wir lächeln uns nicht einmal an, weil man sich dazu schließlich in die Augen sehen müsste. Ich sehe nur ungekämmte Locken unter der Kapuze eines verwaschenen Pullovers, die auf meinen Beinen liegen und mit den restlichen 191 Zentimetern träge eine bequeme Position suchen. Blöd, wenn Schulterblatt und Knie die sich kennen, aber nicht zum selben Menschen gehören, das versuchen. Unter der Kapuze lacht es, kurz, aber es klingt schöner als das laute und ausdauernde Gelächter aus der Wohnung nebenan.

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Alltag – Pause III

Seit Freitag Mittag schneit es und seit dem frühen Abend ist die Stadt komplett weiß. Nur selten gibt es Schneefälle, die den Dreck der Stadt binnen Minuten verdecken. Als ich den Laden betrat, lag der Schnee nur auf den Rasenflächen, zwanzig Minuten später, waren Gehweg und Straßen weiß und nach dem Abendessen bewarfen mich zwei Kinder und ein Erwachsener mit großen, in der Luft zerfallenden Schneebällen. Sie schmolzen als ich in der U-Bahn saß und ihre Reste rannten mir in den Nacken. Ein Gefühl, das nur deshalb schön ist, weil es von den steif gefrorenen Fingern ablenkt. Sie tauen später. Mit einer heißen Tasse in der Hand tut es etwas weh, ist aber ein kleiner Preis, den man für so schönen und reichlichen Schnee gerne bezahlt. Die ganze Nacht über schneit es. Ich höre es, weil auf der Straße nichts zu hören ist. In meine kleine Seitenstraße kommt kein Schneepflug und die dicke weiße Schicht verschluckt die wenigen Autos, die bei diesem Wetter unterwegs sind. Bei Schneestille aufzuwachen ist besonders, weil man sich auf die gewohnten Geräusche nicht verlassen kann. Selbst die Glockenschläge hört man kaum. Zwischen den dicken Flocken ist dem Schall die Luft ausgegangen. 

Ludwig, dem Nachbarsjungen nicht. Er brüllt im Laubengang direkt vor meinem Fenster und wird erst leise, als er sich die dritte Handvoll Schnee in den Mund stopft. Man sollte ihm sagen, dass Schnee nicht in den Mund gehört. Meine Mutter tat es. Alle Mütter taten es. Ich nicht. Ich klopfe gegen die Scheibe und winke. Wieder bin ich das Ziel von Schneebällen. Auf der Arbeitsfläche in der Küche sitzend und mit einer Tasse Kaffee in der Hand beobachte ich die Geschosse, die gegen meine Scheibe fliegen. Noch hat er nicht genug Kraft um Schaden anzurichten und weil es schon egal ist, puste ich als Gruß von innen etwas Milchschaum  gegen das Fensterglas. Ludwig weiß es zu schätzen und verstärkt das Bombardement. Später als er längst weg ist, sitze ich noch immer im Schneidersitz zwischen Spüle und Herd und beglückwünsche mich für den Geistesblitz, die Milch gar nicht erst in den Kühlschrank zurück gestellt zu haben. So halte ich den dritten Kaffee des Morgens in der Hand und kann weiter das Schneetreiben beobachten. Draußen ist jetzt ein Schneesturm. Die Flocken wehen bis gegen mein Fenster und ich weiß, dass ich das Haus heute nicht verlassen werde. Pasta, Olivenöl und eine Ecke Parmesan. Das reicht. Es reichte das erste Jahr in Italien und es wird an diesem Wochenende reichen. Zumal ich, auf der Anrichte sitzend kaum Kalorien verbrenne. 

Was ich mache, fragt man und ich antworte nicht. Lese keine Nachrichten und überhöre das klingelnde Telefon bis weit in den Nachmittag hinein. Pause antworte ich jenen schließlich doch, die sich mehr als einmal gemeldet haben. Kaum etwas eignet sich besser für Pausen als windige Schneetage. Ab drei Uhr brennen die Kerzen am Christbaum und ich bin auf Tee umgestiegen. Sein Geruch passt zu dem Duft, des schon trockenen Baumes und ja, auch zum Schnee, der noch immer fällt. Um fünf Uhr habe ich den Moment verpasst, mich anzuziehen. Der Nachbarsjunge vor dem Fenster sieht es und lacht mich aus. Ich strecke ihm die Zunge raus und wir schneiden ein paar Minuten lang Grimassen durch das Küchenfenster. Als der Dampf des Nudelwassers die Scheibe endgültig blind macht, verschwindet er. Man könnte heute Abend doch ganz herrlich….nein, schreibe ich, heute kann ich nicht. Ich will dem Schnee noch ein wenig länger beim Fallen zusehen und bin eigentlich doch längst eingeschneit. Etwas, das mitten in der Stadt alles andere als alltäglich ist und ganz unbedingt zu einer Pause des Alltags führen muss. Die Wäsche kann warten, das Buch nicht, weil Schneefall stilles Lesen unterstützt. Von Resten des Vorratsschrankes kann man leben, ohne aus dem Fenster zu sehen nur sehr schwer, weil es dumm wäre den Blick vor etwas so schönem zu verschließen. 

Ob er sich neben mich setzen darf, fragt er und ich nicke. Gerne, aber nur wenn er still ist, damit wir das Fallen der Flocken auch wirklich hören oder es eben nicht hören, weil weniges so schön klingt, das kein Geräusch hat. Morgen ist Montag. Alltag. Heute ein weiterer Schneetag. Die Flocken haben nachgelassen. Das ist in Ordnung, solange es still bleibt. In meiner Seitenstraße sicher noch eine Weile. Lange genug um mit Kaffee drei und vier aus dem Küchenfenster zu schauen. Mit der ersten Teetasse die Lichter am Christbaum anzuzünden und das Nudelwasser ein paar Minuten beim Kochen zu beobachten. 

Alltag….Mehr Beiträge zum Thema finden sich hier:
Ulli hat und wird sie auf ihrem Blog zusammen tragen. Herzlichen Dank dafür.

Nicht nichts

Heute mache ich nichts. Darin bin ich gut. Ich bin die Meisterin im Nichtstun. Hier reicht mir keiner so leicht das Wasser. Es ist nämlich gar nicht so leicht, nichts zu tun und sich dabei nicht zu langweilen oder sich zu fragen ob niemand etwas mit einem machen möchte. Wer nichts tun kann oder nichts tun darf, kann das Nichtstun nicht genießen. Und wer nichts tun möchte, der muss das Nichts vehement verteidigen. Regen und ein Temperatursturz sind dabei unglaublich hilfreich. Weiterlesen