Schlummernde Talente

Bei manchen Dingen weiß man erst nach Jahrzehnten, warum es einem so wichtig war es unbedingt zu können. Handgriffe, die einem so notwendig erschienen, dass man sie immer und immer wieder übte, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind. Eine Begabung, die kaum einer als solche gelten lassen würde, an deren vollendeter Beherrschung man aber mit sturem und ausdauerndem Ehrgeiz arbeitet. In meinem Fall handelt es dabei um das Öffnen einer Bierflasche mit einem Feuerzeug. Ansetzen, aufhebeln, ein wohlklingender Plopp und ein fliegender Kronkorken in einer ruhigen, selbstverständlichen und fließenden Bewegung. So etwas ist einfach nur schön. Um es zu beherrschen habe ich einen ganzen Sommer lang geübt. Weder mit 15 noch heute trinke ich regelmäßig Bier. Es schmeckt mir nicht. Und wenn ich es doch einmal trinke, weil es in München Situationen gibt, in denen kein anderes Getränk angemessen erscheint, dann bekomme ich eine geöffnete Flasche oder ein Glas in die Hand gedrückt. Aber gestern Abend war eine besondere Bier Situation. Eine wie früher. Einer der Momente in dem ein Wasser fad, eine Cola langweilig und ein Glas Wein albern gewesen wäre.

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Schafskälte

Mit drei Würfen hat er alle Dosen abgeräumt, der Klügste meiner Freunde und der, der mir von allen vielleicht am Wichtigsten ist. Er kennt mich noch ein kleines Stück besser, als die anderen und wusste, dass ich es ernst meinte, als ich ihn bat mir das größte der Stofftiere am Stand zu werfen. Manche Wünsche sind albern, aber sie brennen so heiß, dass sie erfüllt werden müssen. Auch wenn die Wünschende viel zu alt für ein 1,20 m großes Stofftier ist.  Zwei Mal in Folge müssen die Dosen mit drei Bällen abgeräumt werden. Der Klügste lacht und schüttelt den Kopf. Das würde nichts werden, murmelte er. Das muss, flüsterte ich. Unbedingt – ich brauche heute dieses Schaf. Mir ist zu kalt, als das ich ohne Schaf durch den Tag kommen würde. Weiterlesen

Herr Meier mag Schnecken

Können Sie sich noch an meinen Nachbarn,  Herrn Meier, erinnern? Herr Meier versorgt mich im Herbst und Winter immer mit Walnüssen aus dem Garten seiner Tochter. Ab Mitte März liegen keine Nüsse mehr im Briefkasten. Dann weiß ich, dass Frühling ist und die Lieferung für einige Monate eingestellt wird. Herr Meier spricht nicht viel und wenn wir uns vor dem Aufzug treffen, grüßt er nur mit einer knappen Kopfbewegung. Zwei bis drei Mal im Jahr murmelt er etwas, das man nachsichtig, als ganzen Satz gelten lassen kann. Vorgestern zum Beispiel. Da wuchtete er die Einkaufstüten mit Schwung in den Aufzug, sah mich an und raunte: „Fünf Jahre?“, „Vier“, verbesserte ich ihn und freute mich über dieses ausführliche Gespräch mit meinem Nachbarn. Weiterlesen

Oh wie schön ist Panama. U-Bahn Gedanken

Was hat Panama auf der Titelseite der Bild zu suchen? Mein Panama! Ich bin entrüstet. Mein Panama hat nichts auf diesem elenden Schundblatt zu suchen. Unser Panama, höre ich dich flüstern. Ich nicke und rutsche tiefer in die Polster der U-Bahn Sitze. Panama und die Bild. Ein grausames Bild. Panama Papers – auf englisch wird die blöde Picture auch nicht besser. Ich mache mich breit, raube dem Bildleser Platz, indem ich meine Tasche zwischen ihn und mich wuchte. Weiterlesen