Corona Homeoffice XXVIII

Der Lockdown wird Spuren hinterlassen, sagte kürzlich meine Freundin und ich stimme ihr zu. Irgendwann, wenn das alles schon lange vorbei ist, werden sich meine Nachbarin noch immer an die komische Frau erinnern, die stundenlang am Fenster stand. In der Küche, im Schlafzimmer und im Wohnzimmer. Seltsam werden sie mich noch Jahre später nennen und anderen, neu Zugezogenen erzählen, dass ich die bin, die in fremde Fenster blickt. Dabei ist das Quatsch.

Dank der Spiegelung sehe ich tagsüber gar nicht in die Wohnungen. Und ich versuche es auch gar nicht. Ich stehe nur oft am Fenster. Seit etwa einem Jahr und das auch nur, weil es meinem Rücken besser tut, stehend mit Headset zu telefonieren. Es sind Kundengespräche und bei denen muss man oft zuhören und das geht am Fenster besser. Glauben wird mir das keiner. Vielleicht ist es aber auch egal. Seit es auch in München wieder schneit, geht der Pokal „der seltsamen Frau“ in meinem Viertel nicht mehr an mich. Seit zwei Tagen spaziert sie vormittags und nachmittags durch die Straße und bleibt vor jedem dunklen Auto stehen. Sie ist gut angezogen, mittelalt und wirkt vom Fenster aus betrachtet sehr normal. Nur dass sie auf jede Motorhaube „Loser“ schreibt und etwa jede dritte mit einem Penis oder wahlweise einem Herz verziert, das ist dann doch seltsam. Bestimmt hat sie einen Grund. Im Zweifel ist es der Lockdown. Der macht uns doch alle ein wenig kirre. 

Halten Sie den Kopf oben und lächeln Sie. Das mach ich am Fenster stehend auch (gut für Rücken und Stimmung)

Ganz anders gleich

An manchen Tagen und in manchen Momenten ist man an einem Ort und spürt zur gleichen Zeit unzählige andere Orte. Weiß genau, wie sie sich jetzt, um diese Stunde anfühlen, kennt ihren Geruch, ihre Geräusche und ahnt, dass der Moment nur wenige Schlucke Kaffee lang dauern wird. Es ist früh und hier auf meinem Balkon ist es, obwohl kühl, auch ungewöhnlich mild für einen Morgen so früh im Jahr. Kein Frösteln, aber die Kühle der Nacht ist noch deutlich spürbar. Genau so fühlten sich die ganzen frühen Morgenstunden in Verona an. Gegen sechs Uhr morgens war die Stadt dank der Nacht endlich ein wenig abgefrischt und im Frühjahr und Herbst spürte man die Kühle angenehm an den nackten Beinen. Ich mochte diesen Moment  von allen Tageszeiten am liebsten und saß oft auf einer Bank nahe der Arena, diesem Jahrtausende alten Steinbau, während die Stadt langsam erwachte. Zu dieser Tageszeit sah man nur wenige Menschen über die Piazza laufen und hörte meist nur den Besen der Straßenkehrer. Seltsamerweise fühlte sich der Morgen damals genauso an, wie der heute auf meinem Balkon. Verschiedene Jahreszeiten, verschiedene Leben, in einem dicken Pullover eingekuschelt heute, in einem lockeren Kleid mit flachen Sandalen damals, aber ein gleiches Gefühl. Wolken, wie sie nur frühmorgens zu sehen sind und Wolken, die nach einem schönen Tag schmecken und riechen. Weiterlesen

Randnotiz

Die Tage werden länger. Ich sage Ihnen das nur, falls Sie nicht über so fürsorgliche Nachbarn wie ich verfügen, die Ihnen diese Info schriftlich in den Briefkasten werfen. Teile meiner Nachbarschaft kümmern sich aufopfernd um mich und teilen mir selbst so banales und offensichtliches mit. Obwohl ich vermute, dass der Hinweis auf die länger werdenden Tage ein Wink mit dem Zaunpfahl ist und übersetzt: „Ey Blondie, Weihnachten ist vorbei“ bedeutet und sich auf meine überaus dezente, nicht blinkende und einfarbige Lichterkette am Balkon bezieht, habe ich mich gefreut. 

Es stimmt – die Tage werden länger. Endlich. Noch ein, zwei Wochen dann riecht es das erste Mal nach Frühling und dann, erst dann, wird die Lichterkette abgenommen. Im Frühling wäre sie auch wirklich albern. 

 

Aufgetragen

In meinem ganzen Leben war ich vermutlich nur ein Mal lang so selbstbewusst, so über den Dingen stehend und so wenig Mainstream wie ich es mir vorher und später oft gewünscht habe. Es waren jene neun Monate in denen ich als Sechzehnjährige ausschließlich zwei Oberteile getragen habe. Ein enganliegendes Shirt mit kurzen Ärmeln aus schwarzem Samtimitat und ohne jeden Schnickschnack und ein als Skiunterwäsche deklariertes dünnstoffiges, freigeripptes hellblaues Unterhemd mit einem feinen roten Streifen über die Brust. Letzteres gehörte meinem Vater, wurde von mir einem Impuls folgend vom Wäscheständer genommen und noch feucht zu meinem Eigentum erklärt.  Dazu zwei Paar Jeans in einem Stadium zwischen perfekt eingetragen (meine Definition) und reif für die Tonne (Aussage meiner Mutter), sowie lachsfarbenen Chucks die ich, soweit ich mich erinnern kann, nur im Bett auszog. Chucks mit denen man aufgrund unzähliger Glasscherben durch die Isar stapfen konnte, die problemlos an den Füßen trockneten und die ich mehrmals aus dem Müll retten musste, weil Eltern nur selten die Bedeutung perfekter Turnschuhe zu schätzen wissen. Auf wenigen Fotos meiner Teenagerzeit finde ich mich hübscher als damals. Ungeschminkt, die langen Haare immer etwas zerzaust und recht zuversichtlich die nächsten sechzig bis siebzig Jahre erwartend. Wenig ist vom Teenager jener Tage geblieben. Das Unterhemd aber, das gibt es noch. Weiterlesen

Corona Homeoffice XXVII

Was ich so blöd grinse, erkundigte sich mein Nachbar Paul als er vorhin bei mir vor der Tür stand. Ich korrigierte ihn, indem ich ihm mitteilte, dass ich nicht blöd, sondern selig grinsen würde. Mein Grinsen ist eines, das einer so tief empfundenen Zufriedenheit entspringt, dass es eigentlich vielmehr einem sanften und zärtlichem Lächeln gleichen müsste. Einem Lächeln das weder meinem Nachbarn gilt, noch der ausgesprochen guten Essenslieferung die wir uns teilten. Mein Lächeln ist einzig und alleine der Tatsache geschuldet, dass es seit mehreren Tagen durchschneit und ich zu Hause bleiben darf. Homeoffice…für S-Bahnfahrer im Winter klingt dieses Wort nach einem warmen Kaminfeuer und schmeckt nach heißer Schokolade (mit Karamell!)

Mit einer Tasse Milchkaffee in der Hand lese ich um sechs Uhr morgens auf dem Sofa lümmelnd, dass die S-Bahnen auch heute Verspätungen haben werden. 

Um sieben Uhr stehe ich am Fenster und beobachte während des Zähneputzens wie Paul seit gut 10 Minuten sein verschneites Auto freischaufelt. 

Um halb neun höre ich von Kollegen, dass sie später zu arbeiten beginnen, weil die S-Bahn nicht später sondern gar nicht kommt. 

Während ich um zehn Uhr die erste Kaffeepause in meiner warmen Küche mache und mir das Schneegestöber durch das Fenster ansehe, beantworte ich geduldig eine SMS nach der anderen und informiere Freunde und Bekannte wo in München die Schienenersatzverkehr Haltestellen sind. 

Um zwölf Uhr bestätigt sich meine Vermutung, die ich aus Gründen des von mir stets verbreiteten Optimismus bisher nicht laut geäußert habe – die Busse des Schienenersatzverkehrs kamen a) gar nicht oder b) ein kleiner Bus, für drei ausgefallene Bahnen. 

Um eins teile ich mir mit meinem Nachbarn Paul eine Falafel Bowl während erste Freunde auf Facebook mitteilen, dass sie mittlerweile in ihren jeweiligen Büros angekommen sind. 

Um zwei Uhr schreibe ich diesen Text und lächle versonnen. Ich bin im Homeoffice. Die Tatsache dass es in München – im Voralpenland – schneit, hat den öffentlichen Nahverkehr wieder einmal völlig zum Stillstand gebracht. Nix geht und mir…mir ist es einfach nur egal. Weder stehe ich frierend am Gleis, noch frage ich mich wie Schnee in München im Winter etwas überraschendes sein kann. Die Welt draußen dreht sich weiter und nichts ändert sich, solange Schnee in Bayern zu Verkehrschaos führt. Das ist beruhigend. 

Randnotiz für meine Vorgesetzten: Selbstverständlich ist dieser Text nicht heute um zwei entstanden. Da war ich ja arbeitend im Homeoffice. Und wenn er heute entstanden wäre, dann wäre die Kaffeepause um zehn nur ganz kurz gewesen. Großes Homeoffice-Winter-Ehrenwort!

Kollateralschäden

Ich erspare es Ihnen und mir die ersten Worte, die ich heute morgen hörte, im Original wieder zu geben. Freundlich waren sie nicht und auch wenn ihre Derbheit in den Augen jener Person, die sie aussprach durchaus gerechtfertigt sein mochte, hätte ich gerne etwas anderes gehört. „Guten Morgen“, zum Beispiel. Das sind zwei feine, kleine Worte mit denen ich mich um kurz nach sechs Uhr morgens durchaus zufrieden gebe. Auch wenn „der Kaffee ist fertig“ schöner gewesen wären und „ich hab dir eine Tasse Kaffee auf den Nachttisch gestellt“ mich sehr glücklich gemacht hätte – ein „Guten Morgen“ wäre völlig in Ordnung gewesen. Ich dagegen hörte heute morgen einen derart lauten und derben Fluch, dass ich reflexartig die Badezimmertür von innen verschloss. Nicht das ich Angst vor dem Fluchenden hatte, das nun wirklich nicht. Die letzten Wochen haben mir aber gezeigt, dass es besser ist, wenn mich der Fluchende in diesen hochemotionalen Momenten, in denen er zu solch verbalen Entgleisungen fähig ist, für ein paar Minuten nicht sieht. Besser für ihn und seinen Blutdruck, denn natürlich – wie sollte es auch anders sein – bin ich die Verursacherin der morgendlichen Unruhe. Das zumindest würde der Mann behaupten, der ab und zu mit einer Falsche Wein vor meiner Tür steht und jetzt gerade an die Badezimmertür hämmert, hinter der er den erste Hilfe Kasten vermutet. Übrigens…falls Sie keinen Arzt im Familien- oder Freundeskreis haben….sagen Sie einem solchen nie, wirklich nie, dass ein Schnitt an der Fingerkuppe nun wirklich keinen solchen Aufstand rechtfertigt. Weiterlesen

Januarort

Am 6. Januar wäre meine Großmutter 107 Jahre alt geworden. Obwohl sie sich anstrengte und ich insgeheim der festen Überzeugung war, dass sie die 100 locker schaffen würde, kam es nicht dazu. Leider, denn ich vermisse sie noch heute und hätte ihr gerne das ein oder andere erzählt. Auch zugehört hätte ich ihr sehr gerne noch einige Jahre mehr. Am liebsten aber, würde ich noch einmal im Winter auf dem Kanapee ihres kleinen Zimmers sitzen und gar nichts machen – bei ihr war es leicht. Nichts zu machen, ist eigentlich nämlich gar nicht leicht. Ganz im Gegenteil, nichts zu machen erfordert ein angeborenes Talent, jahrelange Übung oder einen Ort, der es einem ermöglicht einfach nur zu sein. Weiterlesen

Geschichtsträchtig

Schön, oder? Frage ich Herrn Mu an der Bushaltestelle und deute auf die sanft fallenden Schneeflocken. Herr Mu schüttelt den Kopf und ich muss ihm genauer als sonst in die Augen zu sehen um dort das Grinsen zu entdecken, das ohne FFP2 Maske die Hälfte seines Gesichtes eingenommen hätte. Na, recht greißlig ist es, meint er und dann, dass Schnee in der Stadt eigentlich nie schön sei, weil man ihn der Gelegenheit beraube die Scheußlichkeit der betonierten Straße zu überdecken. Das stimmt und dennoch gefallen mir die dicken Flocken die es vom Himmel schneit. Wenn sie sich anstrengen, dann bleiben sie auch auf der Straße liegen. Unser Viertel gehört zu jenen in denen der Schneepflug immer zuletzt vorbei kommt. Das ist greißlig, wenn man alt und wacklig auf den Beinen ist, aber ziemlich schön, wenn man gerne durch verschneite Straßen läuft. Ich verbringe meine Mittagspause bei Herrn Mu an der Bushaltestelle. Seit so viele im Homeoffice sind, fehlt es ihm dort an Gesprächspartnern und mir an Geschichten aus Bus und Bahn.  Weiterlesen

Corona Homeoffice XXVI

Nach einem guten dreiviertel Jahr sollte man sich an Homeoffice gewöhnt haben. Hab ich – erzähle ich meinen Vorgesetzten und Kollegen und beruhige sie fast täglich. Ich hab alles im Griff. Der Laden läuft. Das tut er ohne Frage, aber vielleicht läuft er mittlerweile etwas zu gut. Heute ist Sonntag wie ich gerade feststellte, als ich eine Packung Nudeln kaufen wollte und vor dem verschlossenen Supermarkt mein Handy konsultierte um dem Grund auf die Spur zu kommen. Ich war überzeugt davon, dass heute bereits Montag ist. Dank dem Lockdown ist momentan an einem Montag so wenig auf der Straße los, dass man einen Sonntag mittlerweile nicht mehr an der Geräuschkulisse erkennt. Auch das Toben der Nachbarskinder ist kein Indiz. Die toben dank Homeschooling an einem Montag mit der gleichen Intensität wie an einem Sonntag oder Samstag. Man hört den Tagen einfach nicht mehr an, an welcher Stelle der Woche sie stehen. Unnötig zu erwähnen, dass die ganzen Feiertage (Bayern hatte am 06.01. noch einen extra) ebenfalls dazu führten, dass eine durchgängige Fünf-Tage-Woche sich fast schon exotisch anfühlt. Weiterlesen

Gefundene Sätze #54

„Nicht alle von uns sind von Natur aus schön, manche sind geradezu hässlich“

Linea diretta – Arbeitsbuch Italienisch

Ab und zu hole ich meine alten Bücher zu italienischer Grammatik raus und immer wieder lese ich mit einem breiten Grinsen die darin abgedruckten Beispieltexte. Das Buch ist alt. War es schon, als ich es kaufte und hat doch die besten Erklärungen zur Grammatik. Und herrlich fiese Texte, die in den frühen 90zigern wahrscheinlich normal waren. Würde heute irgendein Lehrbuch von „geradezu hässlichen“ Frauen sprechen und ihnen bei Korpulenz raten, dringend abzunehmen, weil ihr Anblick eine Zumutung ist? Natürlich nicht und das ist gut so. Trotzdem muss ich über die alten Texte schmunzeln.