Schmuddelig U-Bahn Gedanken

Jeden Morgen an der Bushaltestelle warten mit mir gemeinsam, zwei etwa achtjährige Kinder auf den Bus. Das Mädchen ist schmuddelig, der Junge ist es nicht. Sie warten gemeinsam mit jeweils einem Elternteil, von dem mir der eine sympathisch, die andere reichlich unsympathisch ist. Da ich keine Menschenkenntnis besitze, solange ich Menschen nicht wirklich kenne, könnte es gut sein, dass sich meine Sympathie nach eine kurzen Gespräch schon ins Gegenteil umkehrt. Weil ich mit den beiden Wartenden aber keinen Grund für ein Gespräch habe, kann ich die Mama des schmuddeligen Mädchens nicht leiden. So etwas sollte ich nicht sagen, da ich sie ja nicht kenne und vielleicht mögen würde, wenn ich sie kennen würde. Aber ich sage es ja nicht, sondern schreibe es. Schreiben ist wie denken – frei und ehrlich. Und denkend – sein Sie ehrlich – sind uns manche Menschen einfach unsympathisch. Die Schmuddelmama zum Beispiel.

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Minimal stur – im Schlafzimmer

Mein Freund Alex hält den Titel dieses Textes für Clickbait. Das ist Blödsinn. Sie und ich wissen, dass es bei mir keine Schlafzimmer Geschichten zu holen gibt. Allenfalls über Dinge in meinem Schlafzimmer und die Erzählungen darüber sind alle jugenfrei. Und langweilig wie mein Freund Alex vermutet und es schon bereut, mich zur Minimalistin erziehen zu wollen. Wobei er hier in diesem Raum die besten Chancen hätte. Was mein Schlafzimmer angeht, bin ich nämlich tatsächlich minimalistisch. Oder fast es gibt nämlich auch hier etwas, das ich nicht nutze, aber ganz unbedingt brauche. Also ich, ich brauche es und wusste das schon seit Jahren.

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Minimal stur – im Flur

Einer meiner liebsten Freunde, ist einer meiner anstrengensten Freunde. Eine Aussage, die auf einige meiner Freunde zutrifft und durchaus positiv zu sehen ist. Einer zum Beispiel lebt seit Jahren in Italien. Will ich ihn sehen, dann muss ich 750 Kilometer überbrücken. Das ist schön, aber anstrengend. Ein anderer bringt mir jedes Mal, wenn wir uns sehen, etwas mit, das sofort meine Begeisterung weckt. Aktuell liegt auf meinem Schreibtisch ein Zauberwürfel und ich habe den Ehrgeiz dieses Ding zu lösen. Zwei Ebenen klappten mittlerweile gut – bei der dritten kämpfe ich noch, aber es macht großen Spaß. Das ist schön, aber…genau…auch anstrengend. Und der, den ich im ersten Satz meinte, stellt immer wieder Behauptungen auf, die ich widerlege. Widerlegen muss, um ihm zu beweisen, dass sie nicht richtig sind. Man könnte meinen, dass so etwas nicht schön, sondern nur anstrengend ist. Mein Freund behauptet zum Glück aber Dinge, bei denen ich mir meist nicht sicher bin ob er nun recht hat oder nicht und mich mit Elan und Kopf über auf seine These stürze. Aktuell behauptet er, dass niemand so viele Lieblingsdinge wie ich besitzen kann und ich mich mit der Aussage „Lieblingsding“ vor dem Ausmisten drücke, während er mir sehr den von ihm entdeckten Minimalismus ans Herz legen würde. Der nämlich, der Minimalismus, sorgt für einen klaren und flexiblen Verstand. Würde mir gut tun, der klare Geist, sagt er und steckt im Café in dem wir sitzen, eine Handvoll Zuckerbeutelchen ein. Eine Zuckerdose hat er in seiner Küche nämlich nicht mehr, seit er sich dort von überflüssigem getrennt hat. Gedanklich schon seine Behauptung, meine Wohnung würde klare Gedanken verhindern, überprüfend, bin ich mir schon jetzt sicher, dass ich meine Zuckerdose behalten werde – wenn einem das Entsorgen zum Klauen verleitet, dann ist es Quatsch.

Ich werde Sie mitnehmen – durch den Rundgang meiner Wohnung. Dabei kann ich Ihnen etwas über meine Lieblingsdinge erzählen. Das wollte ich schon lange einmal machen und da ich jetzt vielleicht zur Minimalistin werde – man kann ja nie wissen, ob ein Freund nicht vielleicht recht hat – ist das die letzte Gelegenheit. Wir fangen in meinen drei Fluren an. Und nein…ich wohne nicht in einem Schloss, sondern nur in einer abenteuerlich geschnittenen Zwei-Zimmer-Wohnung.

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Hauptsache gelb

Ich hatte gerade erst in Italien zu arbeiten begonnen, als man mir zu meinen morgendlichen Kaffee am Bahnhof ein Brioche umsonst dazu gab. Als ich fragt warum, lächelte man mich an und sagte, weil ich ein hübsches blondes Mädchen sei. Im Büro stand auf meinem Schreibtisch ein Wasserglas mit einem Mimosenzweig. Der sei für mich, weil ich es schön sei, dass ich jetzt hier arbeitete und mein Lachen so fröhlich klingt. Vom immer zu spät kommenden Kollegen erhielt ich eine gelbe Tulpe mit einem Grinsen. Er sagte, sie sei für mich, weil mit meinen mangelnden Italienischkenntnissen das Chaos, das man eigentlich Italienern zuschrieb, in Form einer Deutschen, eingezogen sei. Ich bekam auch am Mittagstisch im Einkaufszentrum ein gelbes Blümchen. Am Abend nahmen mich die Kolleginnen mit in ein Restaurant. Kaum ein Mann war an den Tischen zu finden, aber reichlich Frauen und alle hatten Blumen vor sich stehen. Hinterfragt hat diesen Tag außer mir, wohl keine. Später sagte mir eine Freundin, dass sie meine Fragen dumm fand. Freu dich doch einfach, meinte sie und hatte recht.

Die Italiener, die ich kenne, stürzen sich gerne mit Leidenschaft in die Dinge und zelebrieren das, was ihnen wichtig ist mit Hingabe. Am 8. März ist es egal ob man ein altes Weib hinter dem Gemüsestand oder ein junges Ding an der Supermarktkasse ist. Man braucht nicht wie am Valentinstag einen Mann um diesen Tag zu feiern, es reicht eine Frau zu sein. Man wird gefeiert und noch viel schöner, man feiert sich selbst. Nicht weil man sich für etwas besonders hält, sondern einfach freudig und herzlich. Ursprünglich entstammt er den für ihre Rechte kämpfenden Frauen. Auch nach dem Frauenwahlrecht, war es ihnen bis in die 70er Jahre in manchen, ländlichen Teilen Italiens fast unmöglich ohne männliche Begleitung in Lokale zu gehen. Der 8. März war die Ausnahme und Frauen feierten schon damals an diesem Tag und hauten ordentlich auf den Putz. Ein Recht, dass sich Frauen heute an jedem Tag heraus nehmen sollen und dürfen. Es ist ein Kampf der sicher noch nicht vorbei ist und doch ist an diesem Tag nichts vom Geschlechterkampf zu spüren. Gleicher Verdienst und Anerkennung in vielen Bereichen ist noch längst nicht an der Tagesordnung und doch haben es die italienischen Frauen geschafft, sich all das  zwar in Erinnerung zu rufen, ihren Kampf an diesem Tag aber ruhen zu lassen und sich einfach nur auf Händen tragen zu lassen.

Als ich in Italien lebte, verdiente ich auch als ich fließend italienisch sprach nur die Hälfte meiner männlichen Kollegen. Es hat mich täglich geärgert. Die Blumen und die Komplimente nahm ich trotzdem gerne. Überhaupt freue ich mich über Komplimente jeder Art. Wahrscheinlich weil ich mich in Beziehungen nie beweisen musste und „schöne Augen“ oder „hübsches Lächeln“ für mich nie bedeuteten, dass man den Rest der in mir steckt übersehen könnte.

Heute bin ich nicht in Italien, sondern in München und gelbe Mimosen habe ich als Foto via WhatsApp erhalten.

Die gelben Tulpen habe ich mir selbst gekauft. Mir, meiner Freundin und meiner Nachbarin. Schönen Weltfrauentag, schönen Samstag, schönen Sonnentag. Suchen Sie sich aus, was für Sie am besten passt. Wenn Sie mich fragen, dann schadet das aber auch nicht, wenn es heute nicht nur ein schöner Samstag, sondern eben doch der Weltfrauentag ist. Wir verdienen nämlich immer noch deutlich weniger als Männer. Und angesichts der Probleme mit denen Frauen in anderen Ländern konfrontiert sind, ist das (so erbärmliches ist) noch eines der kleineren Probleme.

Kalender Sturheiten

Meine Nachbarin Frau Obst steht im Laubengang vor meinem Küchenfenster und ist damit beschäftigt, die Lichterkette am Geländer abzuwickeln. Ich, die gerade mit den Einkäufen heimkommt, bleibe vor ihr stehen und sehe sie fragend an. Die muss weg, sagt sie und fummelt am Kabel. Oh nein, sage ich mit einem so überdeutlichen Ausrufezeichen in der Stimme, dass auch eine Frau wie Frau Obst versteht, dass ich ihr eigentlich lieber auf die Finger klopfen würde. Einen Moment ist sie irritiert und fragt mich dann, ins bayerische“du“ verfallenend, ob ich spinne. Diese leicht unfreundliche „du“ ist etwas, dass wir Münchner immer dann anwenden, wenn wir die Handlungen einer (auch fremden) Person absolut nicht nachvollziehen können oder wollen. Die bleibt, antworte ich und verwende keine direkte Ansprache, weil eine Frau wie Frau Obst jenseits des bayerischen „du“ liegt.

Heute ist der 29. Januar und die Lichterkette bleibt bis zum 31. Januar, erkläre ich meiner Nichte, die den unfreundlichen Dialog zwischen mir und Frau Obst irritiert beobachtet hat. Es leuchtet ihr nicht ganz ein, warum ich wegen zwei Tagen eine Diskussion beginne und weil ich diskutiere zur Zeit nicht mag, wiederhole ich auch meiner Nichte gegenüber einfach nur, dass die Kette zu bleiben hat. Schließlich sei heute der erst der 29. Januar. Meine Nichte bleibt irritiert, und ich kann es ihr nicht verdenken. Seit sie kein Kind, sondern eine junge Frau mitte Zwanzig ist, hinterfragt sie, die eine oder andere Eigenart ihrer Tante. Ich rechne es ihr hoch an, dass sie das in der Regel nur mit einer hochgezogenen Augenbraue tut, traure gleichzeitig aber ein ganz kleines bisschen der Zeit nach, in der sei mein Handeln noch nicht hinterfragt hat. Zum Beispiel meinen inneren Kalender, den ich mit Händen und Füßen verteidige, ohne zu erklären warum.

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Apotheken (Plural)

Freitag 15:30 Uhr. Ich stehe in der Apotheke und möchte das Rezept, das ich seit zwei Wochen in meinem Geldbeutel mit mir herumschleppe noch vor dem Wochenende einlösen. Ich stehe in der Schlange und warte. Ich warte darauf, dass ein etwa drei Monate altes Kind der Apothekerin sagt, wie ein Schaf macht. Sie haben richtig gelesen, einem etwa drei Monate altes Baby wird eine Frage gestellt und – das ist das interessante – eine Antwort erwartet. Anders ist ein so penetrantes Nachfragen nicht erklärbar. Na?….Wie macht das Schaf, fragt die Apothekerin, und legt sich mit dem Oberkörper auf dem Verkauftresen, um dem winzigen Kind ganz nah zu sein. Wie macht das Schaf, wiederholt sie ihre Frage und reißt dabei die Augen soweit auf, dass vermutlich auch ein deutlich älteres Kind es mit der Angst bekommen hätte. Weil das Baby die Antwort immer noch verweigert, wird sie ihm vorgesagt. MÄÄÄÄÄHHHH, mach das Schaf. JAAAA, das Schaf macht MÄÄÄHHHH. Gell, das Schaf macht Mäh. Es liegt mir fern, einer hart arbeitenden Person zu unterstellen, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. In diesem Fall mache ich allerdings eine Ausnahme und das kleine Kind scheint es genauso zu sehen. Es beginnt zu weinen. Leider endet das Gespräch damit nicht. Ehrlich gesagt bedaure ich das in erster Linie deswegen, weil es bedeutet, dass ich weiter warten muss und mein Rezept noch nicht einlösen kann. Allerdings habe ich auch echtes Mitleid mit dem Baby. Wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, dann ist so ein Weinen ja häufig auch ein Ausdruck von Unbehagen. Ich wäre an seiner Stelle auch nicht begeistert, wenn ich in einem Kinderwagen fest hängen würde, und sich ein wildfremder Mensch mit seinem Kopf in meinem Bereich beugen würde. Wenn es dann noch ein erwachsener Mensch ist, dessen Unterkörper hinter dem Tresen ist, während der Oberkörper darauf liegt, dann würde ich auch zum brüllen beginnen. Die Apothekerin sieht das anders und anstelle zu fragen, wie das Schaf macht, schwenkt sie in Babysprache um und sagt etwas wie JA MEI….GUTSCHI, GUTSCHI, GUTSCHI…du liebes Kinderl. Freitag 15:45 Uhr ich verlasse die Apotheke, ohne mein Rezept eingelöst zu haben.

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Der Meier, der Paul und der Mu

Manchmal, da lege ich meinen Nachbarn Worte in den Mund. Überzeichne die, die wirklich bei und mir leben und dichte ihnen die eine oder andere Geschichte ein wenig an, weil´s dann eine nette Erzählung wird.
Es gibt sie aber wirklich. Herr Mu, Herr Meier, Paul und all die anderen sind real existierende Menschen, die stellvertretend für (vielleicht) Ihre Nachbarn und Freunde stehen und die fast jeder von uns schon einmal getroffen hat.

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Wahlfreiheit IV Brandmauer aus Pappe

Der Bambus auf meinem Balkon, hat den Winter wohl gut überstanden. Auch wenn es noch einmal richtig kalt wird, scheine ich ihn genau richtig eingepackt zu haben. Dass es meinem Bambus gut geht, ist etwas das mich sehr freut. Und sich über etwas freuen zu können, tut mir im Moment ganz besonders gut. Das ist der Ausgleich, den ich brauche, wenn ich mein Handy in die Hand nehme oder den Rechner nach oben fahre. Leider habe ich es nämlich sehr erfolgreich geschafft, den Algorithmus meiner sozialen Medien völlig gegen die Wand zu fahren. So etwas kann kompletter Blödheit geschuldet sein, oder (was natürlich besser klingt und ich gerne hier behaupten möchte) an meinen sehr breit gefächerten Interessen liegen.

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