Geht nicht mehr

Dein stummes Kopfschütteln bittet mich den Mund zu halten und der Blick in deinen Augen sagt mir, dass es dir ernst ist. Sag nichts, bittest du mich und ich sehe, dass du weißt, dass ich nicht still sein werde. Ich war es. Über Wochen und über Monate hinweg. Habe nichts gesagt, weil es mich nichts angeht und weil man sich in die Leben anderer nicht einmischt. Nicht, wenn es sich um Bekannte und nicht um Freunde handelt. Es gibt Dinge, die unausgesprochen bleiben müssen, wenn niemand danach fragt. Und doch fragen sie, blicken Beifall heischend in die Runde und suhlen sich in ihren Problemen, die gleich viel schicker klingen, wenn man ihnen ein wenig Dramatik um die Schultern legt. Ich sehe dich. Sehe wie du an der Bar stehst und mir nach einem letzten bittenden Blick den Rücken zuwendest. Wärst du noch wirklich hier, würdest du dir jetzt einen Gin Tonic bestellen, ihn in Ruhe trinken und dann, fünfzehn Minuten später, wortlos meine Hand nehmen und mich vom Schlachtfeld dieses Tisches ziehen. Du hättest nichts gesagt. Wärst in der Runde gesessen und nur am Spiel deiner Gesichtsmuskeln hätte man erahnen können, wie zuwider dir dieses Gespräch ist. Wahrscheinlich nicht einmal das. Abscheu und Widerwillen ist nur schwer zu erkennen, wenn sie sich hinter einem süffisanten Schmunzeln verbergen. Ich hätte es gesehen und sehe es auch jetzt in deinem Rücken. Idioten, sagt dein Rücken und ich sage es auch. Laut und deutlich. Nur ohne das süffisante Schmunzeln, das die Schärfe aus den Worten genommen hätte. Glückwunsch murmelt dein Rücken und ich vermisse deine Hand, die mich aus dem emotionalen Schlachtfeld dieses Abends führt. Jeder Blick ein Vorwurf und jeder Atemzug ein zerbrochenes Glas. Mund halten. Drei Atemzüge lang, dann entschuldigen, aufstehen und gehen, sagt dein Rücken und ich höre auf ihn. Schadensbegrenzung war eine deiner Kernkompetenzen. Weiterlesen

Frau Obst wird alt

Es geht ihr nicht gut. Das warme Wetter macht ihr zu schaffen und wenn man sie sieht, dann schleicht sie nur langsam durch das Treppenhaus. Sie ist alt geworden, unsere Nachbarin. In diesen Tagen könnte man es auf das Wetter schieben. Wer die 80 erreicht hat, den schlauchten die Temperaturen von weit über 30 Grad die momentan in der Stadt herrschen. Es wundert einen nicht, wenn ältere Nachbarn ein wenig ruhiger, langsamer und stiller unterwegs sind und sich während der Sonnenstunden gar blicken lassen. In anderen Jahren hätten wir unsere Witze gemacht. Hätten uns beglückwünscht dass die Hitze und die Sonne unsere Nachbarin Frau Obst endlich einmal zum verstummen bringt. Kaum einer hätte ihr schimpfen vermisst und ein jeder wäre über die Ruhe froh gewesen. In diesem Jahr nicht. Weiterlesen

Anstrengendes Sommer-ich

Unverschämt sei ich, sagt der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht. Er hat nicht unrecht und weil er lacht, während er es sagt, darf er es wiederholen. Es ist unverschämt, so sehr den Sommer zu genießen wie ich es tue. Ich arbeite, das ja. Aber ansonsten genieße ich. Er tippt eine an irgendwelchen Studien und ich halte die nackten Zehen in die Sonne vor seinem Dachfenster. Mit einer Weinschorle in der Hand. Unverschämt murmelt er als ich mich wegen des schwindenden Sonnenflecks verabschiede und in die Küche gehe um meine Zehen dort in die warmen Strahlen zu halten.

Anstrengend sei ich, sagen die Kollegen. Und weil sie wegen mir bereits mehrfach dieses Jahr ihre Urlaube verschieben und mich reihum vertreten mussten, dürfen sie das sagen. Ich hopse durch die Flure. Das ist anstrengend, besonders weil meine gute Laune angesichts unseres derzeitigen Arbeitsvolumens unangebracht erscheint. Dass sie alle Lächeln freut mich. Ich stecke sie an. Wenn einer hopst, kann man keine schlechte Laune haben. Das ist wie mit Pinguinen. Die kann man nicht watscheln sehen, ohne zu schmunzeln.

Ganz toll, schreibt der mutigste meiner Freunde sarkastisch als ich ihm einen Screenshot schicke der zeigt, dass bei ihm in Italien und bei mir in Deutschland gerade 33 Grad sind. Weil er einen wutschnaubenden Smiley anfügt, verzichte ich darauf ihm zu schreiben, dass ich das fantastisch finde und meine Zehen jetzt bestimmt schon so braun wie die seinen sind.

Nur meine Mutter die Bilder von einer Wanderung schickt, frage ich ob es nicht etwas zu warm ist. Ist es nicht. Sie geht im Schatten und trägt wie ich die Sonne im Herzen.

Ich würde Ihnen so gerne so vieles erzählen und mache mir doch nur Notizen. Meine Beine hängen aus Fenstern, meine Finger pflücken Erdbeeren und ich muss den Tomaten auf meinem Balkon beim Wachsen zusehen. Und Herzklopfen muss ich auch haben. Wegen einem der seine Beine zu meinen aus den Fenstern hängt, wenn die Sonne untergegangen ist und wegen der dritten Brenner Überquerung in ein paar Wochen.

Spontan sei das schon gewesen, sagt meine Freundin und ich bin froh, dass sie es mir nicht übel nimmt das ich ihr „können ja mal schauen“ zum Anlass nahm, uns ohne Rücksprache neun Nächte auf einem Hügel mit Meerblick in Ligurien einzubuchen und ihren Resturlaub und ihr Auto zu verplanen. Es ist Sommer. Da bin ich manchmal anstrengend. Und weil ich das weiß ist es auch ok, dass Freund, Kollegen und Freunde mich immer öfter bitten, mich doch einfach raus zu setzen und der Tomate beim wachsen zuzusehen. Da gehe ich ihnen nicht auf die Nerven.

Wenn Sie mich suchen…ich bin bei den Tomaten.

Italienische Tage

Auf der Straße vor meinem Fenster fährt ein Mofa vorbei. Es rattert, stottert, stoppt und läuft eine Weile im Leerlauf bevor es knatternd und stinkend wendet und die Straße zurück fährt. Das muss es wohl, denn wäre es nur einmal unter meinem Fenster vorbei gefahren, dann hätte der Lärm seiner dünnen Reifen und seines scheppernden Auspuffes womöglich nicht gereicht um mich zu wecken. In Italien wird man so geweckt. Jedenfalls dann, wenn man in einer kleinen Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster wohnt. In München auch. Auf wundersame Weise knattern die Mofas in München aber nur im Hochsommer so laut unter meiner Wohnung vorbei. Im Halbschlaf und noch in den Traumresten gefangen bin ich mir nicht sicher ob ich in München bin. Es ist so heiß, dass ich mir die Haare zum Schlafen nach oben gebunden und die Bettdecke vor Tagen schon gegen ein dünnes Leintuch ausgetauscht habe. Es ist das gleiche blasgrüne Tuch in dem ich schon in Verona geschlafen habe. Alt und an manchen Stellen fadenscheinig dünn – perfekt für Nächte in denen es nicht mehr abkühlt. Hässlich ist es, höre ich und schiebe den, der es sagt zur Seite, so wie ich es vor Jahren mit einem anderen gemacht habe. Italienische Nächte sind herrlich. Für Intimitäten, die ein Minimum an Körpereinsatz voraussetzen, aber nicht zu gebrauchen. Es ist zu warm. Weiterlesen

Papier-Glück

Glück besteht aus Papier. Den gebastelten Fliegern der Dreijährigen, dem Zebra des Achtjährigen, den Zeichnungen Ludwigs und den Zeilen von Jules.

Ein jedes Stück wertvoll und einzigartig. Danke.

MVG Charmeoffensive

Ich bin mir nicht sicher, ob man die Münchner Verkehrsbetriebe mittlerweile bei TripAdvisor bewerten kann oder ob die jährlichen Bonus Zahlung der Mitarbeiter von der Anzahl wohlwollender Kunden Meinungen abhängig gemacht worden ist. Ich vermute aber, dass beides der Fall ist. Anders ist die plötzliche Charme Offensive der sonst so Mundfaulen Mitarbeiter der MVG nicht zu erklären. Schon seit Anfang des Jahres wird intensiv daran gearbeitet, den Nutzern des Nahverkehrs weiß zu machen, dass man sich um sie kümmert und sie wertschätzt. So läuft zum Beispiel, seit Anfang Januar auf dem kleinen Monitor zwischen den Gängen ständig ein Film, der strahlende Mitarbeiter der MVG bei ihrer Arbeit zeigt. Einstiegslotsen grinsen in die Kamera, Servicepersonal weist ortsunkundigen Touristen den Weg und Zugführerinnen strahlen mit Zahnpastalächeln, als wäre Ihnen noch nie eine verirrte Seele vor den Zug gesprungen. Ich weiß ja nicht, wo sie die alle gefunden haben, aber echt sind die nicht. Ich zum Beispiel habe noch nie einen lächelnden Einstiegslotsen gesehen. Dass der nicht lächelt, ist auch nachvollziehbar. Warum auch, er hat den dämlichsten Job überhaupt und weiß es vermutlich auch. Einstiegslotsen sind theoretisch dafür da, darauf zu achten, dass in 40 Sekunden alle Pendler einer Station ein- und ausgestiegen sind. Das alleine wäre schon eine Mammutaufgabe. Das wissen die und versuchen es deshalb gar nicht erst. Sicher auch weil ihnen sicher klar ist, dass sie selbst – neben Rollatoren Senioren und hoffnungslos überforderten Touristen – zu jenen Personen gehört, die saublöd im Weg herum stehen und das Einsteigen nur erschweren statt es zu erleichtern. Die wissen, dass es sich bei ihrem Job um eine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme handelt. Warum also sollten sie lächeln? Die auf den Monitoren, die lächeln aber und deswegen vermute ich dass es Schauspieler sind. Wahrscheinlich besser bezahlt als die armen grantigen Einstiegslotsen. Weiterlesen

Süden

Bei mir im Norden sagt er und ich verdrehe die Augen. Sinnlos mit einem Italiener über Himmelsrichtungen zu sprechen. Zwecklos immer wieder zu erklären, dass die Sommer in München heiß und lang sind und natürlich Tomaten, Rosmarin und Salbei auf den Balkonen und in den Gärten wachsen. 

31 Grad hatte es gestern und gerne hätte ich ihnen einen Screenshot der Wetter App geschickt. München, Cogoleto und Verona – alle 31 Grad und keine Wolke am Himmel. München, das ist der Süden, aber das kann man keinem Italiener erklären. Mein Urlaub ist vorbei. Heute ist Samstag. Wochenende und nicht mehr Urlaub. Völlig ok. Denn hier bei mir im Süden ist der Sommer herrlich. Ich bleibe gerne daheim. Beobachte meine Tomate beim Wachsen und freue mich auf die Ernte. Schon jetzt ist sie fast so hoch wie ich und ich weiß, dass ihre Früchte herrlich süß nach Sommer und Süden schmecken werden. 

Mit meiner Freundin trank ich gestern Aperol Sprizz mit nackten Füßen und stöhnte (wohlig und zufrieden) in der Hitze. Um halb elf noch saßen wir auf einer Bank – nackte Füße, freie Schultern und sehr zufrieden. Schön sei es da, wo ich gewesen bin, murmelt sie und ich nicke. Und gar nicht so weit, sage ich und dass ich es ihr gerne mal zeigen würde. Ach ja, wirklich schön, wiederholt sie und fragt ob ich ein Problem mit Autobahnen habe. Weder sie noch ich sagen es und doch wissen wir es in diesem Moment beide. Ich werde die Autobahn übernehmen und sie das Parken. Als sie in das Taxi steigt, nur eine kurze Frage über die Schulter geworfen. September? Ich nicke, ja das passt. Wohin genau können wir uns im August überlegen. Wenn die Tomaten reif und unsere Beine braun sind. Hier im Süden geht das ja schnell. 

Parolacce e sassi

Unsere Abschiede werden leichter, sage ich zu meiner Freundin und bin froh, dass sie nur nickt. Weißt du, erkläre ich ihr, als ich mich auf die dritten Bank innerhalb von 200 Metern setze, ich brauche jetzt nicht mehr lange um mich zu verabschieden. Durch ihr Lächeln lässt sie mich wissen, dass es ihr nichts ausmacht, sich mit mir auf jede freie Bank entlang des Strandes zu setzen und mir beim Starren auf das Meer zuzusehen. Es gibt schlimmere Orte, meint sie schmunzelnd an Bank vier und blickt mir mir Richtung Genua. Sie weiß so gut wie ich, dass es nicht das Meer ist, von dem ich mich nur schwer verabschieden kann. Es ist der mutigste meiner Freunde und seit sie ihn kennt, versteht sie es. Er macht es einem leicht, ihn zu mögen. Wahrscheinlich nicht jedem, aber jenen, die er selbst sympatisch findet. Cret…., setzt die spontanste meiner Freundinnen an und versucht sich an eines der neu gelernten italienischen Worte zu erinnern. Energisch schüttle ich den Kopf. Nein, das bitte nicht, das ist eine Autofahrvokabel und von denen – ganz im ernst – möge sie sich bitte keine merken. Io sono, tu sei, lui é versuche ich sie Verben konjungierend abzulenken und ahne dass es zwecklos ist. Sie saß im Auto neben dem mutigsten meiner Freunde, als wir die kurvige Küstenstraße entlang fuhren. Am Tag des Radrennens Mailand – Sanremo. Der Schwall nicht übersetzbarer Schimpfworte, der auf sie einprasselte hat sich weit besser festgesetzt als alles was ich ihr beizubringen versuchte. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie künftig jemanden mit den Worten „Vattene, cretino“ bittet, ein wenig zur Seite zu gehen. Warum soll es ihr andres gehen als mir. Man merkt sich das, was man vergessen sollte. Weiterlesen

Invidia

Ich starre ihm ein wenig auf den Teller, dem mutigsten meiner Freunde. Etwas das ich sonst nicht mache. Selbst wenn mir fremde Teller reizvoll erscheinen, starre ich nur selten darauf, weil man das nicht macht. Heute geht es nicht anders, ich muss ein bisschen starren. Es ist nämlich ein ganz wunderbarer Teller, der da vor mir steht. Also eigentlich vor ihm.

Es gibt weit schlimmere Allergien als die meine. Man kann ganz gut durchs Leben gehen ohne Meeresfrüchte zu essen. Überhaupt kein Problem. Wenn man aber in Ligurien am Meere sitzt und….naja, dann starrt man neidisch auf den Teller seines Freundes.