Weg mit der Authentizität, her mit den Filtern!

Wenn man in der Werbung der letzten Jahren anstelle gephotoshopter 18-jähriger Models, wieder echte Frauen sieht, dann finde ich das begrüßenswert. Theoretisch. Praktisch wird einem da häufig etwas als „echte Frau“ präsentiert, das zumindest in meinem Fall zu vielen Fragezeichen führt. Nur weil eine Frau ein paar Fältchen mehr und graue Haare hat, steht sie noch längst nicht für die Durchschnittsfrau. Jedenfalls dann nicht, wenn sie noch immer besser aussieht als neuen von zehn Leserinnen. Bodypositivity ist gut, aber dann nehmt ein Model, dessen Körper wirklich echt ist. Echte Zellulitis und ein richtiges Doppelkinn. Das was in dem Zeitungen als Plus size gezeigt wird, sind Frauen mit Kleidergröße 44, die aber auf wundersame Weise das Glück haben, nur leichte Dellen an den Beinen und eine fantastische Jawline zu haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der kleine positive Effekt von reichlich Frust aufgewogen wird. Mittlerweile ist mir die meiste Werbung aber relativ egal. Wenn ich echte Menschen sehen möchte dann lege ich das Handy zur Seite und schaue mich in meinem Umfeld um. Und da, in der Realität, da erfühlt sich der Wunsch nach Echtheit. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die echten Menschen sich schnellstmöglich wieder einen Filter einbauen und ihre Authentizität ganz schnell wieder zurückfahren.

Authentische Menschen sind sich nicht nur ihrer Stärken und Schwächen bewusst, sondern auch ihrer Gefühle und Motive. Sie wissen genau, warum sie in bestimmten Situationen nach einem bestimmten Muster handeln. Sie sind in der Lage, durch Selbstreflexion ihr Handeln bewusst zu erleben und zu beeinflussen. Soweit die gängige Definition. Soweit so gut. Kritisch wird es bei einem kleinen weiteren Halbsatz: „….und stellt sich so dar, wie er wirklich ist, ohne sich zu verstellen.“ Da wird es gefährlich.

Wenn ich Montag um 06:30 Uhr meinem Freund so begegne, wie ich in diesem Moment wirklich bin, dann hat er ein Problem. Ein Problem mit mir. Dann schmeiße ich nasse Handtücher auf sein Hemd, weil es mir im Weg liegt, nehme die letzte Milch aus der Packung, weil ich jetzt Lust darauf habe und sag ihm, dass es mich gerade überhaupt nicht interessiert ob er gut geschlafen hat, weil ich selbst gerade nichts lieber täte als noch zu schlafen. Umgekehrt würde er mich vor dem Kühlschrank vermutlich einfach zur Seite schieben und den Kampf um die Milch locker gewinnen – er ist größer. Klingt übertrieben? Nicht unbedingt. Nele, meine Freundin, und ihr Mann haben zu sich gefunden. Sie durch Wochenendworkshops, er durch Fachlektüre. Beide propagieren jetzt die Authentizität und ihr Verhalten ist stets Ausdruck ihrer waren Gefühle, Werte und Überzeugungen. Leider geht es bei den Werten und Überzeugungen Neles nicht um elementares wie zum Beispiel eine gewaltfreie Kindererziehung. Nein, dieses Paar hat unterschiedliche Werte im Bezug auf das Fernsehprogramm und die Auswahl des Restaurants am Samstag Abend. Da gibt jetzt keiner mehr nach. Das liegt daran, dass sie gelernt haben, ihre Meinung nicht zu ändern, nur um anderen Menschen zu gefallen. Ich persönlich glaube ja, dass sie da etwas falsch verstanden haben. Sie machen jetzt nämlich seit etwa sechs Wochen gar nicht mehr gemeinsam. Dafür präsentieren sie sich als die Personen, die sie wirklich sind. Blöd nur, dass die sich erst jetzt nach zehn Jahren kennen lernen.

Also ich bin ganz oft nicht die Person, die ich ganz tief innen in mir wirklich bin. Nie, wenn ich in der Arbeit meine Kollegen von etwas überzeugen muss. Wäre ich so wie ich wirklich bin, würde ich mich hinstellen und sagen, dass sie machen sollen was sie wollen, aber bitte blos nicht weiter fragen, weil mich das zu tiefst verunsichert und ich es hasse im Mittelpunkt stehen zu müssen. Ich würde im Bus täglich Teenager anschnauzen, weil sie mir nach zehn Stunden Arbeit auf die Nerven gehen. Im Supermarkt würde ich oft niemanden vorlassen, weil ich tief in mir drin, viel egoistischer bin, als mir recht ist und ich würde jede Tafel Schokolade lieber heimlich im Bad kauernd essen, als meinem Freund davon abzugeben, weil mein echtes Ich mit einem fast schon krankhafter Futterneid ausgestattet ist. Für mein Umfeld ist es also besser, wenn ich nicht zu authentisch bin und mir den einen oder anderen Filter über mein echtes Ich klatsche.

Ganz ohne Filter kann ich zugeben, dass mir dieses ganze Gerede über Authentizität gehörig auf den Senkel geht. Etwas grundsätzlich richtiges und wahres wird so umgesetzt, dass es allenfalls auf einer einsamen Insel funktionieren könnte. Genauso wie die Aussage (Ausrede): Ich bin wie ich bin. So muss man mich halt nehmen. Ne, muss man nicht. Man kann durchaus erwarten, dass ein erwachsener Mensch auf seine Mitmenschen Rücksicht nimmt und nicht wie ein bockiger Dreijähriger auf sein Recht besteht.

Mit der aktuell gelebten Authentizität kann ich übrigens nur deshalb so wenig anfangen, weil ich zu wenig auf mein inneres Kind höre. Sagt Nele. Die im übrigen froh sein kann, dass ich das Kind nicht auf sie loslasse. Verfressenheit ist bei diesem in mir schlummernden Gör, noch das geringste Übel. Und keine Sorge, mein Freund kennt es. Das Kind. Und ich das seine. Die beiden verstehen sich großartig. Vermutlich, weil wir ihren Zuckerkonsum regulieren und sie ins Bett schicken, wenn sie uns auf die Nerven gehen.

12 Gedanken zu “Weg mit der Authentizität, her mit den Filtern!

  1. Oh ja, so einen „Freund“ hatte ich auch mal, der Authentizität mit rücksichtslosem Egoismus verwechselte. Er wollte immer spontan und absolut frei in all seinen Entscheidungen sein und hat es mich auch deutlich wissen lassen, wenn er dann gütigerweise doch zu einem Kompromiss bereit war. Manchmal hatte er sogar spontan und frei den Wunsch, mir etwas Gutes zu tun – und war gekränkt, wenn sein Vorhaben dann eventuell nicht auf spontane, authentische Zustimmung stiess. Nach ein paar Jahren und einem (weiteren) Authentizitätsexzess seinerseits habe ich schliesslich ganz selbstbestimmt beschlossen, den Herrn einfach seiner Selbstverwirklichung zu überlassen.

    Wie so oft gilt wohl der aristotelische Gedanke, dass die Tugend in der Mitte zwischen zwei Extremen liegt. Und bockige (innere) Dreijährige brauchen sowohl Fürsorge als auch Grenzen. Meins will jetzt noch einen Kaffee. Den kriegt es – und danach nur noch Wasser, sonst leidet nämlich das Erwachsenen-Ich.

    Ein wunderschönes Pfingstwochenende, liebe Mitzi!

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    1. Liebe Eva, du bringst es auf den Punkt. Die Mitte zwischen zwei Extremen. Es muss ja nicht mal genau die Mitte sein, aber diese kompletten Ausschläge in eine Richtung und das Umdeuten ansich sinnvoller Definitionen oder Handlungsvorschläge ist manchmal reichlich anstrengend.
      Ich glaube jeder von uns ist ein kleiner Egoist. Wahrscheinlich ist das nicht einmal schlecht, sondern überlebenswichtig. Nur, kämpfen wir meist nicht ums Überleben sondern haben den Luxus, zurück stecken zu können, ohne unsere Lebensqualität zu schmälern.

      Schöne Pfingsten auch dir – ich sitze beim Kaffee. 🙂

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  2. Neue Bekannte freuen sich oft, dass ich so „authentisch“ bin. Das ändert sich dann schlagartig, wenn sie erkennen, dass ich aufgrund meines leichten Autismus etwas anders ticke als die sogenannten „Neuronormalen“. 😉 Da heisst es dann oft „Kannst du nicht so angepasst sein wie wir?“ 😉

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    1. Angepasst würde ich jetzt auch nicht unbedingt als Ziel sehen.
      Authentisch zu sein ist ja auch gut. Nur wenn es in völlige Kompromisslosigkeit und Egoismus ausartet, dann verlangt es dem Gegenüber zu viel ab. Und das meine ich bei Menschen die ganz bewusst sagen, dass sie sich selbst stur an erste Stelle setzen. Eine Freundin von mir hat starkes ADHS. Wenn sie ein Treffen spontan absagt und meine Pläne durcheinander bringt, weil sie es völlig verpennt hat, habe ich z.B. viel mehr Verständnis als bei Nele, der kurz vorher einfällt, dass sie einfach keine Lust hat. 🙂

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  3. Die Erfindung der Höflichkeit und der gesellschaftlichen Umgangsformen hat absolut ihre Berechtigung. Ehrliche Menschen erfahren genau aus diesen Gründen selbst wenig positive Rückmeldung. Natürlich kann mans mit dem Filter auch übertreiben, keine Frage, aufgesetzte Unehrlichkeit, Schleimerei, meist sogar durchsichtig, gefallen ebenso wenig. Aber ist es so schwer, ein für einen selbst und für die anderen erträgliches Maß zu finden? Nicht umsonst ist das eigentlich ein wesentlicher Teil der Erziehung.

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    1. Klar. Zuviel Filter ist genauso unschön im Zusammenleben wie gar keiner. Wie so oft ist es der Mittelweg. Ein (auch brutal) ehrlicher Mensch, wenn das sein Wesen ist, ist auch noch mal was anderes. Mich stört nur dieser selbst gewählte und konsequent umgesetze Egoismus.
      Und anscheinend ist es für den einen oder anderen tatsächlich schwer ein Maß zu finden 😉

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      1. Schon nur durch Ehrlichkeit, auch ganz ohne egoistische Interessen, stößt man die Menschen vor den Kopf. Der Egotyp kommt entweder nicht an oder wird von seinem Schlachtvieh bewundert (wie wir eben auf der Welt bewundern können, wenn wir wollen).

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      2. Stimmt wohl. Wobei es manchmal besser ist Menschen vor den Kopf zu stoßen als ihnen das zu sagen, was sie hören wollen. Aber das muss ich dir eh nicht sagen.

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