Der Meier, der Paul und der Mu

Manchmal, da lege ich meinen Nachbarn Worte in den Mund. Überzeichne die, die wirklich bei und mir leben und dichte ihnen die eine oder andere Geschichte ein wenig an, weil´s dann eine nette Erzählung wird.
Es gibt sie aber wirklich. Herr Mu, Herr Meier, Paul und all die anderen sind real existierende Menschen, die stellvertretend für (vielleicht) Ihre Nachbarn und Freunde stehen und die fast jeder von uns schon einmal getroffen hat.

Und genau dieses Dreiergespann – Herr Mu, Herr Meier und Paul, die echten – stehen jetzt gerade vor der CSU-Parteizentrale in München. Der eine beißt sicher grad in seine Leberkassemmel, weil um 17:30 Uhr zu Abend gegessen wird, egal wo man gerade ist. Der andere vergräbt die Hände tief in den Manteltaschen, weil er mit Demos und Kundgebungen so gar nichts am Hut hat und zieht die Hand nur raus, um (peinlich berührt) auf die Uhr zu schauen, um abzuschätzen ob er es zu seiner Verabredung noch schafft. Und der dritte, der verflucht sein Kreuz (seinen Rücken) der ihm das Stehen schwer macht und wird doch stehen bleiben, solange es halt dauert.

Die drei stehen da, weil die Union die Türe für die Zusammenarbeit mit Rechtsextremen geöffnet hat und ihnen das extrem auf den Magen schlägt. Selbst Herrn Mu, obwohl ihn das nicht vom Abendessen abhält. Kürzlich habe ich die Brandmauer als, womöglich aus Pappe bezeichnet. Das stammt von Herrn Meier und das ist etwas, das er nicht hinnehmen möchte. Auch wenn er sich dafür mit über achtzig Jahren auf die Straße stellen muss. Was soll er den sonst machen, hat er mittags im Aufzug gefragt und neben seinem Grant auch Traurigkeit im Gesicht gehabt. Und auch mein Nachbar Paul, der in der Vergangenheit gerne damit koketierte, dass es sich unpolitisch leichter durchs Leben geht, diskutiert im Waschkeller mit der neuen Mieterin und endet mit den Worten, dass ein Antrag im Bundestag, der nur mit den Stimmen der AfD zustande kommt, vielleicht einfach scheiße oder nicht gut genug durchdacht ist.

Meine Nachbarin Frau Obst hat sich ihnen natürlich nicht angeschlossen – dem Mu, dem Maier und Paul. Sie versteht die ganze Aufregung nicht und verkündet im Treppenhaus sitzend, dass bisher alles wieder gut geworden ist. Eben nicht.

Bevor ich es aber vergesse – es gibt natürlich auch schönes. Heute die ersten Narzissen auf meinem Tisch. Noch nicht aufgegangen, aber schon in der Vase. Während Corona habe ich mir an jedem Tag, an dem das Klopapier ausverkauft war, stattdessen Blumen gekauft (teuer aber wunderschön). Jetzt kauf ich mir bei jeder Katastrophenmeldung ebenfalls Blumen. Das Auge braucht schönes.

14 Gedanken zu “Der Meier, der Paul und der Mu

  1. Ich hab sie grad in der BR-Rundschau gesehen, den Meier, den Paul und den Mu. 😉 Diesmal hat man es mit der Teilnehmerzahl sogar ernst genommen, was beim BR normalerweise nicht der Fall ist. Selbst bei den Demos in München Anfang 2024 war da immer von „ein paar tausend Demonstranten“ die Rede, obwohl sogar die Polizei von 100.000 bis 300.000 gesprochen hat. Na ja, ist halt doch so was wie ein „cs“U-naher Staatsfunk…

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    1. Ich glaub die wirklichen Zahlen sind zum einen schwer abzuschätzen und wahrscheinlich irgendwo in der Mitte zwischen den Polizei Angaben und den Angaben, die die Veranstalter machen. Trotzdem freut es mich natürlich, wenn man bei den Berichten nicht das Gefühl hat, dass die Zahlen deutlich niedriger sind als man persönlich vermutet. Ich war heute nicht dabei aber ich finde die Bilder sehr sehr sehr schön. Nicht nur die von München, sondern auch die von anderen Städten heute und den letzten Tagen. 🤗

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  2. Die „Brandmauer“ bröselt schon lange und wird noch weiter in sich zusammenfallen nach den unseligen, vorgezogenen Wahlen in drei Wochen. Leider kann man auch die SPD nicht ganz aus der Verantwortung ziehen, wenn dort eine Innenministerin ständig von weiterer „Verschärfung“ im Asylrecht und noch mehr digitaler Überwachung faselt. Die AfD-Fans werden sicher trotzdem das „Original“ wählen und nicht die, die scheinbar krampfhaft versuchen, diese Partei rechts zu überholen. Es ist ein Elend… 🙄

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    1. Ich würde deinen letzten Satz so gern widersprechen, kann es im Moment aber auch nicht. Es ist wirklich ein Elend.
      Trotz allem Versuch ich einen Optimismus aufrecht zu erhalten. Alles andere wäre zu frustrierend. Liebe Grüße

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      1. Sonst könnte man ja nicht weiterleben, bei all den Kriegen und Krisen & anderen Grausamkeiten – ein Stück weit muss man halt manchmal die Scheuklappen anlegen…

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  3. Ach, bin ich Nr. 3? Mit dem Kreuz? Das sie schon in der Vergangenheit mit den rechten Parteien hatten, bis jemand die Haken hingemacht hat. Dann waren – fast – alle still, bis es vorüber war. Und jetzt geht das schon wieder los.

    Eine Brandmauer mit Türchen ist nicht feuerfest. Aber sie soll es auch gar nicht sein. Nein, ich glaube nicht, dass sie schon ganz einfällt. Nur nach Bedarf geöffnet wird. Um schon mal alle zu gewöhnen. Später kann man dann ja eine Koalition bilden. Weil es doch das Volk – wie schon einmal – so will. Dann kann man das Grundgesetz einstampfen, vor allem diesen komischen Artikel 1. Was meinten diese Väter des GG nur? Und was mit dem eh längst bis zur Unkenntlichkeit abgeänderten „die Bundesrepublik Deutschland gewährt Asyl?“

    Nein, es macht mehr Freude, auf anderen Menschen herumzutrampeln als ihre Würde zu wahren versuchen. Was nicht immer leicht ist, das andere ist einfacher.

    Nein, ich bin nicht Nummer drei. Da ich nicht in München bin. Nur das Kreuz mit denen, die es im Namen tragen, aber mit Capital verwechseln, das tut weh. Ich werde wohl hier mit da rumstehen müssen, denn auch ich liebe diese Ansammlungen und vor allem das Geschrei nicht. Gehöre eher zu den leiseren im Land.

    Aber das wird man doch noch sagen dürfen: Wer die wählt, die anderen Böses tun wollen, ist es selbst. Auf häßliche Art böse. Das ist keine Protestwahl, war es nie wirklich, aber inzwischen sollte es jeder begriffen haben.

    Gibt es hierzulande wirklich derart viele kleine Faschisten?

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    1. Womöglich habe ich beim Meier an dich denken müssen. Das Kreuz, das wehe, verbindet euch und noch einiges mehr. Ob mein Meier das Geschrei mag…ich vermute nicht. Der grantelt leise.

      Ich weiß grad nicht mal was ich schlimmer finde. Eine Brandmauer fällt – da weiß man was man hat, auch wenn es schlimm ist. Oder eine mit Türchen, das bei Bedarf geöffnet wird – durch so ein Loch zieht es dann ganz schön gewaltig.

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  4. Langsam weigert sich mein Gehirn, all diesen Mist zu begreifen – ich war immer stolz darauf, mein ganzes ziemlich langes Leben keinen Krieg erlebt zu haben, wenigstens nicht in Deutschland. Doch seit einiger Zeit gibt es solche Politblödlinge, die zündeln ganz kräftig, die zündeln noch so lange, bis es wirklich brennt – ja und dann ist meine schöne Freude über eine friedliche Zeit dahin.

    Ich finde ja schon den CDU-Mann sehr bedenklich, der CSU-Mann ist im Ton noch etwas aggressiver, aber als ich vor kurzem den gehört habe, der noch nicht einmal ein vernünftiges „a“ sprechen kann, da war mein Glauben an die Politik, nicht nur an die bayrische, sofort ganz im Popo.

    Nach dem 23. Februar wissen wir mehr – bewahre dir deinen Optimismus und gib mir eine Scheibe ab.

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    1. Ich schieb dir gerne etwas Optimismus rüber, Clara. Nur ob er gerechtfertig ist, das traue ich mich nicht zu versprechen.
      Der CSU Mann spricht für deine Ohren sicher recht ungewöhnlich. Selbst für mich – wir haben in Bayern ja verschiedenste Dialekte ;).

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  5. Die Blumenläden in München und Umgebung dürften ihre helle Freude an dir haben, liebe Mitzi! Es könnte in floraler Hinsicht ein sehr kostenintensives Jahr(zehnt) werden, doch natürlich hoffe ich, dass Frau Obst in diesem speziellen Fall richtig liegt, am besten auch noch ganz schnell, bevor dein Kontostand ins Minus kippt. Heute immerhin musstest du schon mal keine neue Pflanze kaufen.

    Hut ab übrigens vor den alten Herren, die sich von knurrenden Mägen und schmerzenden Kreuzen nicht davon abhalten lassen, ihren berechtigten Unmut kundzutun.

    Übrigens gab’s hier ausnahmsweise auch mal eine Leberkaassemmel – eine vegane zwar, aber ausgesprochen lecker. Das Auge braucht was Schönes, ja. Der Magen meint, er aber auch. Und das Ohr verlangt jetzt nach Debussy. 🙂

    Herzliche Grüsse ins schöne München!

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    1. So kurble ich wenigstens den Einzelhandel an ;). Und wenn es (was zu befürchten ist) zu lange dauert, dann steige ich auf kostengünstige Samen an und bepflanze den Balkon 🙂
      Ja, meine „Alten“ sind schon toll. Nur Paul dürfen wir nicht dazu zählen, sonst ist er wieder eingeschnappt.
      Ui….veegane Leberkaassemmel – das klingt gut. Und Debussy noch viel schöner. Den könnt ich jetzt am Nachmittag auch anmachen.

      Liebe Grüße

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