So ein Schmarrn

Dieses Jahr gehe ich nicht auf die Wiesn. Wiesn…Oktoberfest, Sie wissen schon. Ich gehe da wirklich gerne hin, aber dieses Jahr nicht. Das erzähle ich seit Anfang des Jahres jedem der mich fragt. Dieses Jahr nicht. Es braucht auch mal eine Pause, damit man sich wieder richtig darauf freut und gefreut habe ich mich dieses Jahr so gar nicht. Die ganzen Leut´. Das ganze Geld. Regnen wirds eh und als Münchnerin muss man diesen Wahnsinn wirklich nicht jedes Jahr mitmachen. Ab einem gewissen Alter braucht der Körper auch eine Regenerationsphase. Der meine jetzt noch nicht wirklich, aber er hat auch nichts dagegen, wenn ich statt in Zelte zu rennen und auf Bänke zu springen, einen schönen ruhigen Herbstspaziergang mache. Dieses Jahr also nicht.

Damit ich auch wirklich nicht am Anstich doch wieder draußn – also auf der Wiesn, die zwar mitten in München ist, auf die man aber „raus“ geht – bin, war ich gar nicht erst in München. Beim Anstich war ich in Ligurien am Meer und er hat mir überhaupt nicht gefehlt. Nicht mal dran gedacht habe ich. Eigentlich wär der Anstich so ein Moment, wo ich am Meer tatsächlich Heimweh nach München bekomme. Ein rechter Schmarrn, weil grad am Anstich die Hölle los ist und alle in genau ein Zelt – DAS ZELT – rennen. Ich natürlich auch. Aber dieses Jahr nicht. Ich hab Mittagessen für meine Freunde vorbereitet. Was ganz was feines. Ich hab sogar ein Foto davon. Da schaun´S…

An bayerischen Wurschtsalat hab ich gemacht. Mit Regensburger. Die hab ich zufällig dabei gehabt. Sonst mach ich das nicht. Es wäre schon recht albern, Würscht nach Italien zu schleppen. Aber wo doch Anstich war und ich nicht dabei sein konnte… Nein nicht konnte, wollte. Ich wollte dieses Jahr nicht. Und das war völlig ok. Geschmeckt hat der den Italienern übrigens nicht. Die Regensburger schon, aber sie haben nicht ganz verstanden, warum ich die mit Essigwasser und Zwiebeln versaut habe. Der mutigste meiner Freunde, der der vor vielen Jahren Münchner war und jetzt Italiener, der hat ihn aber gegessen. Nein, zamg´haut hat er ihn. Razeputz alles aufgegessen. Irgendwo in seinen Genen hat der g´spürt, das gard Anstich ist. Wirklich, glauben Sie mir, der hat das gespürt. Und ich auch.

Sonst hätt ich nicht am Abend noch mal gekocht. Auch was feines:

Weisswürscht. Und der auf dem Bild schaut nur so grantig, weil die anderen so lang gebraucht haben um zum Essen zu kommen und das Wasser kalt wurde. An den Würschten lag es nicht. Die haben allen geschmeckt und die hatte ich auch ausnahmsweise von daheim mitgenommen. Die Kombination von Wurst und Foccacia ist abenteurlich und eigentlich isst man die auch nicht zum Aperitif, aber diesmal war es ok. Wenn man überlegt, was für wilde Sachen man auf der Wiesn isst, dann wars gar nicht so exotisch. Ich zum Beispiel, ess a Fischsemmel auf der Wiesn nach den gebrannten Mandeln. Oder Zuckerwatte direkt nach de Kaasspatzen. Auf der Wiesn geht des gut. Vielleicht hab ich mich ums Kochen gerissen, weil ich doch a kleines bisserl Lust gehabt hätt, auf die Wiesn zu gehn. Nur so ein Hauch an Gelüst, wissen´S?

Jetzt bin ich wieder daheim, aber ich geh nicht raus. Wenn ich nicht am Anstich war, brauch ich jetzt auch nicht mehr raus. Die Wiesn ist ja fast schon wieder rum. Grad noch eine gute Woche geht sie und als Münchner steigt man nicht am mittleren Wochenende ein. Also…andere Münchner vielleicht schon, aber ich nicht. Ich mach mich ja zum Deppen, wenn ich jetzt doch raus gehe. Drei Tage bin ich wieder hier und drei Tage lang bin ich morgens Slalom zwischen Erbrochenen auf dem Weg in die Arbeit gelaufen. Ja, wirklich! München schaut aus…des können Sie sich nicht vorstellen. Ab neun in der Früh gehts wieder. Aber bis die Putzkolonenen die Reste der vergangenen Nacht beseitigt haben, das dauert immer ein bisschen. Müll und Dreck würden die schnell zamsammeln, aber in den Überbleibseln aus angebissenen Lebkuchenherzen, Flaschen, Papierl und Zigarettenschachteln liegt ja so oft noch einer. Nein, keiner um den man sich Sorgen machen muss. Nur einer, der seinen Rausch ausschläft. Deshalb mach ma das Oktoberfest ja größtenteils im September – damit uns die Bierleichen in der Nacht auf den Bänken und den Wiesen nicht erfrieren. Wir kümmern uns da schon, um unsere Einheimischen und unserere Gäste. Und wenn ich über die Abends und Morgens drübersteig, dann weiß ich, dass die Wiesnpause mir gut tut.

Meinem Nachbarn Paul habe ich das vorhin auch noch mal gesagt. Das ich nicht rausgehe. Und das er sich mit seinen saublöden gebrannten Mandeln schleichen soll. Natürlich will ich keine ab haben. Allein schon der pappsüße Geruch im Aufzug ist eine Zumutung. Mit gebrannten Mandeln in der Hand nimmt man die Treppe, um andere nicht zu belästigen. Und in Tracht rennt man auch nicht durchs Treppenhaus. Nicht wenn da Leut sind, die auf die Wiesn wollen, aber nicht mehr können, weil sie Gott und der Welt erzählt haben, dass sie nicht gehen. Kruzifix!

So, ich hab jetzt von der Nachbarin rechts eine frischgewaschen Dirndlbluse ausgeliehen. Und von der unten, eine gebügelte Schürze. Da ich dieses Jahr nicht raus gehe, war beides bei mir nicht vorhanden. Und jetzt geh ich raus und hol mir gebrannte Mandeln. Eigene! Bis ich wieder daheim bin, läuft die Waschmaschine mit meinen eigenen fünf Blusen und die Schürzen bügel ich morgen früh. Die Wiesn hat schließlich grad erst angefangen.

So ein Schmarrn, eine Wiesnpause.

31 Gedanken zu “So ein Schmarrn

  1. Recht hast. Ich werd auch nicht gehn. Die Lederhosn ist gut verräumt, da hol ich sie jetzt auch nicht mehr raus. Lohnt sich nicht, erst ‚in’d Stod nei und nacherd auf’d Wiesn naus‘. Schon gar nicht am Italiener-Wochenende.
    Also erst nächste Woche.

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  2. 😂😂😂

    Ich bin ja nun wirklich keine Münchnerin, aber den Wurstsalat versaue ich ebenso wie du mit Zwiebeln und Essig, Weisswürscht schmecken auch zum Abendessen und mit Roggenbrot, und gegen gebrannte Mandeln wäre ich ebenfalls machtlos. Dieser Paul aber auch, der Schlawiner, der sakrische!

    Selbst wenn sehr schnell klar war, worauf deine Erzählung hinauslaufen würde, wäre es wirklich zu schade gewesen, hättest du sie uns vorenthalten. Dann also viel Spass beim NichtaufdieWiesngehn und beim Überhüpfen der Schnapsleichen!

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    1. Kulinarisch sind wir uns also einig 🙂 Und ja….es ist wirklich jedes Jahr das gleiche Drama mit mir. Aber, auch wenn man mir das nicht glaubt, ich wollte wirklich nicht raus gehen. Paul ist schuld 😉

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      1. Natürlich ist Paul schuld, wer denn sonst? Seine Verführungskünste scheinen ja wirklich legendär zu sein, legendärer noch als die von Barney Stinson. Der hatte, soweit ich mich erinnere, keine gebrannten Mandeln im Repertoire… 😁

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      2. Hmm, also, ich kann mir einen Paul im Anzug vorstellen, aber keinen Barney in Krachledernen… Das erscheint mir irgendwie nicht so legen-Moment, es kommt gleich-där. 😆

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      3. Absolut. Ich glaube Barney auf der Wiesn würde sein Image dauerhaft zerstören. Außer für die Münchner und auch da ist es fraglich. Lege futsch in einem Moment.

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  3. Du isst Weißwurst in Bella Italia und ich Weißwurst in Hamburg vom Paulaner Biergarten und da uns kein Süßer Senf mit geschickt wurde trotz Bestellung gab es hier dazu Currycreme von Aldi dazu.
    Also in Hamburg gab es Weißwurst auf Indische Art.🤣😘😉
    Schone Grüße aus dem Norden nach München.

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  4. Meiomei, wo sans hi, die guatn Vorsätz…

    Aber ehrlich gesagt, der Ausgang der G’schicht war jetzt keine Überraschung. Wenn man die Person dahinter schon letztes und vorletztes Jahr über dasselbe Ereignis (außer dem Bierpreis verändert sich ja nix, oder?) erzählen gelesen hat…

    Aber die G’sichter von deine Freind da drunt, die hätt i gern g’sehn! Hast wenigstens an siassn Semf dabeighabt?

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    1. Ja, der Ausgang war absehbar. Für jeden außer für mich. Ich hatte wirklich vor, nicht rauszugehen. Bereut habe ich es nicht, aber es reicht dann auch wieder. Obwohl…ich halt mal besser den Mund 😉
      Freilich…Senf von Hendlmair war mit dabei.

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  5. Wiesnpause bei der Mitzi? Kann ich mir schwer vorstellen 😉 aber ich finde die Variante Italien und verkürzte Wiesn klingt eigentlich nach der optimalen Kombi! Und gebrannte Mandeln… hach, Christkindlmärkte in Wien ❤

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  6. Ich kann Deinen inneren „Wiesn-Kampf“ gut nachvollziehen. Ich als (Heimweh)-Basler erlebe das jedes Jahr bei der Herbstmesse. Mindestens eine Bratwurst und ein Rundgang auf dem Petersplatz müssen einfach sein… mal schauen, ob es dieses Jahr wieder klappt 😅
    Aber sag mal, Weisswürstl am Abend 🤔 hatte ich da etwas falsch verstanden? Ich dachte, das macht man in München höchstens ausnahmsweise mal für Adele… da verstehen die doch sonst keinen Spass 😂

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    1. Für die Herbstmesse und deinen Rundgang sind die Daumen gedrückt! 🙂
      Der Münchner wird langsam etwas toleranter ;). Und wenn man die Würste 700 KM transportiert und (ganz wichtig) eh kein 12 Uhr Läuten hört, dann kann man die Regel sicher etwas ausdehenen ;).

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