Blöde Glocken (Herr Meier heißt Hans)

Schön ist es heute in München. Ein wunderschöner Sommertag. So wie letzte Woche am Samstag, da war es auch schön. Ein schöner Tag nach dem anderen und doch bekommt sie einer seit Samstag nicht mehr mit. Erstaunlich, dass der Sommer einfach so weiter geht, obwohl jetzt einer fehlt. Denken sich jedenfalls die, die ihn kannten und mochten. So ist es immer, wenn einer geht. Man fragt sich wie die Welt sich einfach so weiter drehen kann und es dauert ein bisschen, bis man begreift, dass genau das, diese eine Sicherheit, etwas tröstliches hat.

Er fehlt. Heute ganz besonders. Weil heute die Glocken für ihn geläutet haben. Diese schrecklichen Glocken, die erst ertrage seit ich sie vor fast sechs Jahren gemeinsam mit meinem Nachbarn Herrn Meier gehört habe.

Es sind die Glocken, die ihnen das Kreuz brechen, sagt mein Nachbar Herr Meier und deutet auf ein paar duzend Trauergäste, die sich vor der Aussegnungshalle des Münchner Ostfriedhofes versammelt haben und sich mit Taschentüchern die Augenwinkel trocknen. Scheiß Glocken, sage ich und setzte mich zu ihm auf die Bank in die Sonne. Sie bringen einen nur zum Heulen und das Weinen ist etwas intimes, erkläre ich. Intim fragt der Meier und ich nicke. Ja, sehr intim. Das sollte man den Friedhofskirchen Glockengießern sagen, damit sie ihren Glocken nicht dieses furchtbare Geläut ins Eisen schmieden. Scheiß Glocken, sag ich nochmal trotzig und mein Nachbar lacht leise. Ob ich heute schlecht gelaunt sei, will er wissen und erwartet keine Antwort. Viel mehr interessiert ihn das Treiben auf dem Friedhof. Mit großem Interesse verfolgt er das Kommen und Gehen der Trauergemeinden und äußert sich abfällig grinsend über Frauen, die auf hohen Schuhen über den Kies stöckeln. Als ob der das noch sehen würde, sagt er und deutet unbestimmt nach oben, wo er den Verstorbenen wohl vermutet. Dem ist jetzt alles wurscht, sagt er und es klingt auf seltsame Art tröstlich. So tröstlich wie neben ihm in der Sonne zu sitzen. Obwohl er unablässig redet, strahlt er eine angenehme Ruhe aus. Als ein Sarg aus der Aussegnungshalle geschoben wird, steht er auf, zieht seinen Hut und ist still bis der Trauerzug vorbei ist. Dann holt er eine Zeitungsseite aus der Hosentasche und setzt sich wieder. Umständlich streicht er sie glatt. Hedwig Angermeier, liest er vor. 93 Jahre, sei sie gewesen. Er nickt zufrieden. In dem Alter ist die Hebamme nicht mehr schuld murmelt er und sieht dem Sarg noch ein wenig hinter her. Ich folge seinem Blick und bleibe bei ihm sitzen, bis neue Trauergäste kommen. Das sind meine, sag ich und steh auf.

Später als die Glocken für uns läuten, sehe ich ihn wieder. Er sitzt auf der Bank. Steht auf und zieht den Hut, als der Sarg an ihm vorbei fährt. Noch später, als die Bank schon im Schatten liegt, sitzt er immer noch da und reicht mir wortlos ein Taschentuch als ich mich neben ihn setze. Weil ich den Kopf schüttle, stupst er mich mit dem Ellbogen an. Nicht dumm sein, sagt er und dann weine ich doch ein bisschen. Meier nickt zufrieden. Die machen es schon richtig, die Glockengießer, murmelt er, die wissen welcher Ton einen packt und das sei gut so. Da geht einer für immer und die Deppen die hinter ihm her gehen, ersticken an den runtergeschluckten Tränen. Als wenn es nicht wurscht wäre, sagt er. Da geht einer und kommt nicht mehr zurück, ein paar Tränen zum Abschied darf man ihm schon mitgeben. Man hat ihn ja gern gehabt, den der gegangen ist. Ich nicke und er gibt mir ein zweites Taschentuch. Die Glocken läuten noch öfter an diesem Tag und als es kühl wird öffnen sich die Tore der Aussegnungshalle ein letztes Mal. Wie jedes Mal steht Herr Meier auf und zieht seinen Hut. Den letzten Sarg des Tages begleiten nur zwei Menschen. Jetzt drei, denn Meier schließt sich ihnen an. Ich weiß nicht ob er den Toten gekannt hat, glaube aber nicht. Vor langer Zeit habe ich einen gefragt, warum er den grantigen, kauzigen und wortkargen Mann, der in meinem Haus wohnt, so gern hatte. Längst weiß ich selbst. Dass er denen, die nicht mehr viele hatten, auf ihrem letzten Weg das Geleit gibt, ist nur einer von vielen Gründen. Ob er sie kannte spielt dabei keine Rolle. Ganz am Ende spielt wenig eine Rolle, vielleicht aber, dass niemand alleine vor einem offenen Grab stehen muss. Der, bei dem der alte Meier steht, kann sich glücklich schätzen. Mein Nachbar kann still und ruhig sein, im richtigen Moment aber auch lachen und Taschentücher die nach Tabak riechen reichen. Ich bin mir sicher, dass sich schon viele alte Frauen bei ihm eingehängt haben um leichter über den groben Kies zu gehen. Ob sie sich in dem Moment gefragt haben, wer er eigentlich ist, bezweifle ich. Ganz am Ende ist es egal, wer da neben einem steht, solang es nur einer ist, der weiß wie es sich anfühlt.

Der Meier weiß es. Seine Frau und sein Sohn liegen am Ostfriedhof. ……. Ob er aber ahnt, dass ich es bin, die ab und zu einen frischen Blumenstock einpflanzt weiß ich nicht. Es ist auch egal. Das eine Grab, das mir wichtig wäre, gibt es nicht und so nehme ich eben das, das ihm wichtig ist. Es ist ja egal. Nur die Glocken, die pack ich nicht, sage ich ihm auf dem Heimweg. Man würde sich gewöhnen, meint er und ich zucke mit den Schultern. Er schon, er sei ja schon schwerhörig. Meier lacht und hängt sich bei mir ein. Nur bis zu unserem Haus, da lässt er mich los, damit keiner sieht, dass wir uns gut verstehen. Bevor er in der Kneipe unter meinem Balkon verschwindet dreht er sich noch mal um. Hans, sagt er. Ich bin der Hans. Acht Jahre hat es gedauert, bis ich ihn so nennen durfte.

17 Gedanken zu “Blöde Glocken (Herr Meier heißt Hans)

  1. Solche Nachbarschafts- und Friedhofsgeschichten kann man wohl nur in der grossen Stadt haben. Diese Nähe, die man freiwillig gewähren kann und geschenkt bekommt, ohne dass einer heimgeht und einem anderen erzählt von „dem Ding“, den der andere doch auch kennt. Einfach schön. Ich bin eine schreckliche Begräbnisheulsuse, da triffst du mit deinen Glocken einen Nerv. *schnief“

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, ich glaube du hast recht. Das ist auf einem Großstadtfriedhof viel leichter. Meine Familie kommt vom Land und da wird man schon sehr genau beäugt. Man selbst, das Grab, die Kleidung und all der Rest. Meine Mutter kann ein Lied davon singen. Aber auch in meiner Generation ist es noch so. Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Mitzi,

    Du schreibst einen traurigen, verärgerten und schönen persönlichen Beitrag vom Besuch auf dem Friedhof. Meine Anteilnahme und Mitgefühl.

    Du findest die Glocken blöde, schrecklich und scheiße. Im zweiten Absatz sagst Du auch, dass Du sie ertragen könntest, seit sechs Jahren mit Herrn Meier. Was ist es, dass Dich am Glockenklang stört? DIe Stimmung der Trauer, die Lautstärke oder Dauer, vielleicht etwas Eindringliches oder Rührendes?

    Mich rührt Deine nachbarschaftliche Sorge, die Grabpflege und nicht zuletzt Deine Sicherheit, dass sich die Erde täglich einmal um sich dreht.

    Nachdenklich und herzlich

    Bernd

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deine lieben Worte. Ich glaube, Herr Meier hat recht mit dem, was er über die Glocken sagt. Vielleicht mag ich sie nicht, weil sie mich zum weinen bringen und vielleicht würde ich gerne einfach weinen wenn ich wüsste, dass mich keiner sieht. Und gerade auf einem Friedhof ist es egal wer einen dabei beobachtet. Insofern machen die Glocken eine gute Arbeit.
      Die Grabpflege habe ich von meinen Großeltern und Tanten übernommen. Schon als kleines Kind sind wir oft auf den Friedhof gegangen und haben bei der Verwandtschaft oder auch Nachbarn Blumen auf die Gräber gelegt. Das ist etwas, dass mich nicht traurig macht, sondern ein schöner Spaziergang und ein schönes Ritual.
      Viele sommerliche Grüße. Auch heute wieder ein schöner Tag.

      Gefällt 1 Person

      1. Freut mich, Deine Er-Läuterung zu lesen. Zumindest auf dem Friedhof machen läutende Glocken eine gute Arbeit.
        Selber halte ich Weinen für eine gute Erfindung des Gefühlsausdrucks in Situationen und Momenten der Trauer, Rührung, des Schmerzes oder auch der Freude.
        So gehe ich ins Kino, gerne in eine Komödie zum Schmunzeln, Lächeln und Lachen – oder in eine Tragödie, schwere Doku zum Weinen.
        Kürzlich sagte ich den Begleitpersonen zuvor, ich würde voraussichtlich weinen, und erhielt die Antwort: Ja, da weine ich mit.
        Läuternd und wohltuend.
        Herzliche Wünsche und Grüße von Nü nach Mü

        Gefällt 1 Person

      2. Das klingt schön, Bernd. Im Kino weint es sich ganz entspannt, wenn der neben einem auch feuchte Augen hat.
        Oder vor Lachen Tränen in den Augen haben, das ist auch fein.

        Gefällt 1 Person

  3. Dass die hohen Stöckelschuhe, die sich im Kies verhaken und dann den Gang so elegant wirken lassen, nicht für den Toten, sondern für die Lebenden gedacht sind, das ist klar. Und dass man, wenn man hinter dem Sarg herläuft, tunlichst nicht heult, auch. Sonst stolpert man noch und auf dem Waldfriedhof (den hab ich grad vor Augen, ist ja auch der schönste weit und breit) in das nächstbeste offene Grab fällt, mindestens aber der Trauergemeinde einen unpassend komischen Anblick bietet, das will man nicht. Wo schon die hohen Absätze mit dem Kies kämpfen.

    Ja, Beerdigungen, Abschiede, gerade diese für immer sind traurig. Und hier ist das Weinen nicht mehr intim, denke ich, sondern eine Gemeinschaftsaktion der betroffenen Gruppe, eine besondere Art, die Verbindung der Lebenden herzustellen (das Taschentücher weiterreichen ist da nur ein Detail). Wer wäre denn lebendiger als einer der lacht oder weint?

    Die Glocken bei der Beerdigung empfand ich als nicht besonders eindrücklich. Was mich packt und mir alle Haare aufstellt, das ist der monotone Singsang des Rosenkranzes, das ist das Totenglöckerl der Kapelle mit ihrem hellen Ton: „Wieder einer! Ich krieg euch alle!“

    Recht hat sie.

    Gefällt 1 Person

    1. Genau das denk ich mir bei den Friedhofsglocken…“Wieder einer! Ihr kommt alle nicht davon“. Was mir bei mir selbst deutlich weniger ausmacht, als wenn ich an zum Beispiel meine Eltern denke.
      Stimmt schon…dieses gemeinsame traurig sein und weinen ist etwas verbindendes und sehr lebendiges. Und auch das Lachen, das bei Beerdigungen irgendwann auch einem rausrutscht, weil einer etwas sagte oder an etwas erinnert. Das tut auch gut.

      Like

  4. Liebe Mitzi, der zeitliche Ablauf innerhalb deiner Glockengeschichte ist mir unklar geblieben: War vor einer Woche jemandes Beerdigung und Herr Meier wie üblich einfach auch auf dem Friedhof? Erst habe ich ja gedacht, jetzt läuten die Glocken für Herrn Meier. Wie auch immer: So ein Verlust tut weh und ich wünsche dir, dass der Kummer immer wieder und ausreichend von Sommersonnenstrahlen abgelöst werden möge.

    Für mich sind Glocken etwas Schönes; nur in den ersten Wochen, als ich direkt neben dem Kirchturm gewohnt habe, fand ich sie ganz grauenhaft laut und nervtötend. Nach einer Weile haben sie mich kaum noch gestört, höchstens in schlaflosen Nächten, aber an der Schlaflosigkeit waren die Glocken nicht ursächlich schuld…

    Das mit den Blumen, die du aufs Grab von Herrn Meiers Familie pflanzt, finde ich eine schöne Geste. Und sie passt auch, weil es ja eine Verbindung gab zwischen dem, der kein Grab hat, und Herrn Meier. Findest du es eigentlich seltsam, ihn jetzt Hans zu nennen? Oder passt das auch zu eurer Beziehung?

    Viele sonnige Grüsse aus der immer noch etwas regenfeuchten Schweiz!

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Eva,

      nein, Herr Meier ist noch sehr munter und sitzt gerade bei einem Bier in der Kneipe unter meinem Fenster. Zum Glück!
      Letzte Woche musste ich auf eine Beerdigung und habe beim Klang der Glocken an eine andere Beerdigung auf dem selben Friedhof gedacht. Damals hatte ich meinen Nachbarn Herrn Meier dort getroffen.

      An sich mag ich die Kirchenglocken auch. Auch, wenn ich nicht direkt daneben wohnen möchte ;). Das ist sicher sehr laut.

      Und wegen Hans….ich nenne ihn immer noch Herr Meier und vermeide die direkte Ansprache. Irgendwie passts das bei ihm besser. Aber er duzt mich und alleine schon seinen Vornamen zu wissen ist bei dem Mann etwas besonderes. Klingt komisch, aber manche älteren Leute kann man schwer duzen.
      Liebe Grüße

      Like

      1. Ja, bei Leuten, die viel älter sind als man selbst oder bei Leuten, die man lange Jahre gesiezt hat, finde ich die Umstellung auf Du und Vorname recht gewöhnungsbedürftig. Wir sind allerdings hier in der Region Zürich in der Regel sehr fürs Duzen, und meine Nachbar:innen können sowieso fast alle kaum Deutsch und siezen und duzen fröhlich durcheinander.

        Ich habe tatsächlich auch noch in keinem Bereich ohne Duzkultur gearbeitet, oft sehr zum anfänglichen Erstaunen zugewanderter Deutscher. Doch dein Herr Meier wird trotzdem der Herr Meier bleiben, so haben wir ihn schliesslich kennengelernt. 😁

        Und du bleibst natürlich die Mitzi!

        Gefällt 1 Person

      2. Genau. 🙂
        Bei uns kommt auch immer mehr das Du, auch im beruflichen.
        In Bayern, also ländlich, war es eh schon immer viel mehr vertreten. Mancherort wäre es komisch jemanden zu Siezen. Hätte ich den Meier auf einer Hütte in den Bergen getroffen, wäre er wahrscheinlich von Anfang an der Hans gewesen 🙂

        Like

  5. Wie schön, dass du auf das Grab der Nachbarnangehörigen ab und an mal was pflanzt. – Der Mann meiner Cousine ist vorgestern gestorben, aber er war so alt und so krank, dass es mehr eine Erlösung ist, nicht nur für ihn allein.

    Liebe Grüße zu dir – man sieht bzw. liest sich!

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Clara, das tut mir leid. Auch wenn es am Ende oft eine Erlösung ist, für die die zurück bleiben fehlt erst mal einer. Dennoch ist der Gedanke, dass ein Leiden nun ein Ende hat (für den, der geht und die, die bei ihm waren) etwas tröstliches. So war es hier bei mir jetzt auch.
      Liebe Grüße

      Like

Hinterlasse eine Antwort zu Eva Antwort abbrechen