Schnee

Auf Instagram fragt einer, ob es denn wirklich geschneit hat, wenn man nicht ein Foto postet. Vermutlich nicht, denn alle meine Freunde posten ein Scheefoto. Das mag man albern finden. Das mag man dann mit schlechter Laune unter all die Posts schreiben. Oder man schmunzelt, postet sein eignes Foto und gesteht sich ein, dass sie tatsächlich, nach all den Jahren, noch immer etwas besonderes sind – die ersten Flocken.

Den ersten Schnee des Jahres gibt es nur einmal und jedes Mal ist es etwas ganz besonderes. Wunderschön ist es, wenn man morgens aufwacht und ihn riecht noch bevor man die Augen öffnet und sieht, was man ahnt. Alles weiß. Dann fühlt es sich so an. Anders, aber genauso schön ist es, wenn man spät abends vor die Türe tritt und mitten im Gespräch plötzlich merkt, dass es kein feiner Nieselregen ist, der die Nasenspitze kitzelt, sondern erste feine Schneeflocken. Dann muss man unbedingt stehen bleiben, den Kopf in den Nacken legen und die Augen schließen. Mindestens drei Atemzüge lang sollte man so stehen bleiben und es muss einem unbedingt egal sein, ob einen Menschen von hinten fast umrennen oder für bescheuert halten. Der erste Schnee in einem Jahr ist so schön und so wertvoll, dass einem alles egal sein sollte. Vielleicht nicht die Winterreifen, die man noch aufgezogen hat, aber sonst fast alles.

Was ist, fragte mich vor langem einer, der nicht mehr bei mir ist, und ich erinnere mich, dass ich damals für einen kurzen Moment in Erwägung zog unsere frische Beziehung sofort wieder zu beenden. Mit einem Mann der den ersten Schnee nicht zu schätzen weiß, konnte ich unmöglich den Rest meines Lebens verbringen. Das sagte ich ihm damals und er blieb lachend neben mir stehen. Er lachte und beobachtete wie die Schneeflocken auf meiner Nase schmolzen. Ich beendete die Beziehung nicht, denn ein Mann der nur lacht, wenn eine Frau nach zwei Wochen vom Rest des Lebens spricht, erschien mir mutig genug, um es mit ihm zu versuchen. Kalter Schnee und warmes Lachen, ist eine ganz wunderbare Kombination. Mit ihr verzeiht man dann auch den Schneeball, der einen mitten im Gesicht trifft. Man ist ihm nicht ausgewichen, weil man in einem Alter war in dem die meisten Männer nur noch halbherzig warfen und allenfalls auf die Beine oder Arme zielten. Er nicht. Er verstand, dass man im ersten Schnee wieder zum Kind werden musste und Schneebälle ausnahmslos mit aller Kraft geschleudert werden müssen, damit man bis ins hohe Alter gelenkig bleibt und nicht verlernt bei Zeiten auszuweichen. Wie wichtig das ist weiß man. Man muss im Leben so oft mit geradem Rücken dastehen, dass es eine Freude ist sich im ersten Schnee ducken zu dürfen. Und angreifen. Wann kann man im Alltag schon beherzt „Du Arsch!“ schreien und einem Mann auf den Rücken springen um sich zu rächen. Ein Mann mit dem ich den Rest des Lebens verbringen möchte, der darf bei einer Schneeballschlacht keine Rücksicht nehmen. Der muss wissen, dass ich zwar weniger Kraft habe, aber viel schneller und wendiger bin. Das hat es früher schon ausgeglichen und das tut es noch heute. Der weiß, dass Mädchen „Aua“ rufen, wenn sie Zeit schinden wollen und der antwortet „vergiss es“. Nicht im Leben, niemals im Leben, aber das Leben ist ja stehen geblieben, während die ersten Flocken fallen. Es wartet, während zwei sich im Schnee balgen und pausiert, während mehr Dreck als Schnee durch die Luft geworfen wird. Du spinnst, sagte er mir damals und ich, dass es nur so funktionieren könne. Zwei können nur eins werden, wenn sie die Augen schließen und dann einfach loslaufen. Gegen Wände, gegen die Zeit und gegen die Vernunft. 

Gestern fiel der erste Schnee und während ich durch die ersten Flocken rannte, war er neben mir. Schneller hat er gerufen und gelacht. Ich laufe noch immer gegen Wände, gegen die Vernunft und  wahrscheinlich auch gegen die Zeit. Wenn ich nicht mehr durch den Schnee laufe, dann ist er nicht mehr bei mir. Das ist ok. Er kommt wieder. Immer dann, wenn der erste Schnee fällt. Dann ducke ich mich nicht, dann renne ich ihm entgegen und nur dann, erlaube ich mir daran zu denken, dass er den Rest seines Lebens mit mir verbracht hat. Ein Rest, der in seiner flüchtigen Kürze ein schlechter Witz war.  „Du Arsch,“ flüstere ich und lache, weil man über schlechte Witze besser lacht als heult. Noch immer. Nach all den Jahren.

22 Gedanken zu “Schnee

  1. Dieser eine Schneeball, er fliegt. Fliegt für immer, entgegen den Gesetzen, die uns die Physiker aufzwängen, uns einreden wollen, es gäbe Flieh- und Schwerkraft, es gäbe Naturgesetze und -konstanten und derlei mehr, das für den Alltag gelten mag.
    Dieser eine Schneeball ist wie der erste Luftballon, der einem davonflog und man nicht gleich wußte, ob man jetzt jubeln oder losheulen soll, ist wie der fliegende Holländer der Märchen und Spukgeschichten und der Vogel, dessen wunderbaren Kreisen im Sturmwind man nachsah – alles beseelte Momente, die ihren Flug unmöglich beenden können, denn das wäre der Tod. Vielleicht nicht der leibliche, eigene, aber der der Phantasie, der Vorstellungskraft, der Poesie, und was bliebe dann?

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    1. Danke. Sehr, sehr schöne Worte, die sich sofort ganz leicht mit Bildern verbinden lassen. Was sind schon Naturgesetze gegen aus Erinnerungen bestehenden Schneebällen oder im Sturmwind kreisenden Vögel?.

      Danke noch mal.

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  2. Oh, liebe Mitzi, das ist ja herzzerreissend traurig und herzzerreissend schön!
    So viel Zuneigung in einer derart bittersüssen Erinnerung – nach all den Jahren. Sie leuchtet mir aus deinen Worten entgegen und treibt mir ein winziges bisschen die Tränen in die Augen. Nur ein bisschen, und doch… Obwohl ich keine solchen Erinnerungen habe, aber vielleicht ist es die Kombination aus Schmerzerleben und meiner eigenen Liebe zum ersten Schnee, die mich so anrührt.
    Ein bisschen beneide ich dich um das Schöne in deiner Erinnerung, und zugleich bin ich froh, dass mir dieser spezielle Verlust erspart blieb.
    Kalter Schnee und warmes Lachen – eine wunderbare Liebeserklärung ans Leben, an die Wärme des Glücks, die sich der Kälte des Todes entgegenstemmt.
    Lauf ruhig weiter, liebe Mitzi, du kannst so herrlich durch die Wände gehen, die die Zeit errichtet hat, und wenn du wieder zurückkehrst, steht die Vernunft ja immer noch da. Vielleicht kopfschüttelnd, doch was weiss die Vernunft schon von Sehnsucht und Freude und von der Wärme des ersten Schnees…

    Übrigens erinnerst du mich gerade sehr an diese Dame hier: https://www.youtube.com/watch?v=n7ouMDbGdhQ

    Warme Grüsse aus der arsch(!)kalten, aber hier noch schneefreien Schweiz!
    Eva

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    1. Liebe Eva, vielen Dank für deinen Kommentar. Du schreibst hier immer so schön und ich freue mich jedes Mal. Danke!!
      Schön auch, dass wir die Freude über den ersten Schnee teilen. Auch hier war er schon wieder weg, kommt zaghaft und wird sich an Weihnachten sicher wieder gar nicht zeigen. Etwas eigensinnig ist er. Der Schnee.
      Ich werde weiter laufen. Weil nichts anderes übrig bleibt und auch weil du völlig recht hast…was weiß die Vernunft schon von der Freude über Dinge wie den ersten Schnee.

      Lorelai und ihr Geruch von Schnee….ach, das war schön, das mal wieder gesehen zu haben. Die Serie könnte ich für den Winter auch mal wieder rauskramen 🙂

      Liebe verfrohrene Grüße
      Mitzi

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      1. Herzlichen Dank für das Kompliment!
        Ich lese so gerne hier und fast so gern gebe ich einen Kommentar ab oder zwei und find’s natürlich super, wenn dich das freut.
        Inzwischen ist ja jede Menge Schnee von Himmel gefallen und die Vernunft kommt wieder zu ihrem Recht – ich jedenfalls kann leider nicht wie Lorelai ungefährdet in schicken Stiefeln durch zwei Zentimeter Schnee stiefeln. 😆

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  3. Ich bin keine Frau
    ich kann mir nicht wissen
    was eine Frau
    für ihr eigenes Leben
    wirklich braucht und will
    ich bin mir
    der Frau
    die mich tagtäglich
    in Bann nimmt
    in der Zuneigung
    und Abneigung
    ein Rätsel geblieben

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    1. Oh ja – jetzt haben wir reichlich. Der öffentliche Nahverkehr ist eingestellt, ein Bayernspiel abgesagt und in meine kleine Straße hat es bis heute kein Schneepflug geschafft.
      Aber ich habe es zu Fuß bis zum Christkindlmarkt geschafft ;). Schön wäre es im Wald, aber der Schne ist so schwer, dass es blöd wäre unter den untem Schnee brechenden Ästen rumzulaufen.

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      1. Ja, das mit den Bäumen ist wohl die größte Gefahr – aber sonst wirkt der Schnee herrlich entschleunigend. Es gibt eben doch noch Dinge, die der Mensch nicht steuern kann… 😀 Das finde ich sehr beruhigend !

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