Warum nur Padua?

Wussten Sie, dass sie erstaunlich viel über einen Menschen erfahren können, wenn er Ihnen erzählt, wie er ein und den selben Tag im Laufe der Jahrzehnte verbracht hat? Es darf natürlich kein Tag wie zum Beispiel Weihnachten sein. Kein Tag, der von außen bestimmt wird und von familiären Zwängen und Traditionen geprägt ist. Es muss ein Tag sein, der in Erinnerung bleibt und zugleich in seiner Gestaltung doch recht frei ist. Zum Beispiel ein Tag wieder gestrige. Der Tag an dem der alljährliche ESC, der Eurovision Song Contest, stattfindet. Mit etwas Glück, kann sich Ihr gegenüber an alles was an diesem Tag passiert ist ganz gut erinnern. Selbst dann, wenn er oder sie das ganze Spektakel überzogen, erbärmlich oder lächerlich findet. Mir selbst zum Beispiel, fallen unzählige Abende ein, an denen der ESC die Begleitmusik und der Hintergrund für einen Abend war, der symbolisch für das restliche Jahr stand.

Zum Beispiel der Abend des ESC als ich frisch nach Italien gezogen war und noch ziemlich verloren und einsam in meinem Zimmer in Verona saß. Einen Fernseher hatte ich damals nicht und das Gefühl, dass alle meine alten Freunde jetzt gerade zusammen sitzen, das gleiche tun, das gleiche sehen, das gleiche hören und nur ich kein Teil mehr von ihnen bin, war verstörend. In diesen Jahren nahm Italien nicht am ESC teil und es passt zu meiner Stimmung, die ich ganz am Anfang an vielen Abenden, als alles noch neu und ungewohnt war, empfunden hatte. Jahre später, war Italien wieder am Start und meine Freunde aus Verona besucht mich an einem dieser Abende in München, als ich wieder dort wohnte. Auch das passte gut zur damaligen Zeit, denn seit meinen Jahren in Italien ist die Verbindung zu ihnen nie abgebrochen. Selbstredend, dass neben dem deutschen besonders der italienische Beitrag von Interesse war. Viele Jahre zuvor war es der Griechische. Fast meine gesamte Kindheit hindurch wurden alle großen Festtage von meinen Eltern gemeinsam mit ihren Freunden begangen. Europa- oder Weltmeisterschaft im Fußball, Hochzeiten, Geburtstage und Taufen und sogar zweimal jedes Jahr das Osterfest. Immer mit dabei – die griechischen Freunde meine Eltern, die sich Ende der sechziger Jahre mit den Münchnern vermischten und sich fort an nicht mehr trennten. Auch hier stehen die Abende ganz symbolisch für meine Kindheit. Eine nicht mehr zu überschauende Menge an Erwachsenen und ebenso vielen Kindern, die unter dem Radar liefen und Narrenfreiheit hatten. Nicht unbedingt weil unsere Eltern das so geplant hatten, sondern vielmehr weil bei so vielen Menschen schlicht der Überblick fehlte. Wir fanden es herrlich. Unvergessen auch die Zeit als ich studierte und mein Freundeskreis bunter und vielfältiger war als je zuvor. Ähnlich waren die Abende, als wir alle gemeinsam mit Enthusiasmus die einzelnen Lieder verfolgten und uns das Land herauspicken, das deutlich mehr Chancen als Deutschland versprach und mit ihm fieberten. Interessant war nicht nur die Zusammenstellung an Menschen an diesem Abend, sondern auch die verschiedensten Getränke und Gerichte die wir anschleppten. Besonders in Erinnerung ist mir afrikanischer Schnaps geblieben. Sehr viel mehr von diesem Abend weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr und mit dem restlichen Jahr geht es mir ähnlich. Ich weiß, dass es ein sehr gutes Jahr war. Die Details allerdings sind ein wenig verschwommen und das lag nicht am Schnaps. Es rannte einfach ein wenig zu schnell. Die Abende und die Jahre in dieser Zeit waren fröhlich laut, bunt gemischt und einzigartig. Die späteren ein wenig ruhiger.

Da hatten wir selbst die ersten Kinder und scheiterten ebenso wie unsere Eltern vor uns daran, sie an diesen Abenden zu einer halbwegs normalen Uhrzeit ins Bett zu bekommen. Es waren die Jahre, in denen wir an vielem scheiterten. Die einen an den Vorstellungen, die sie hatten, wie ein Leben auszusehen hat sobald Kinder kommen. Die anderen an den Plänen von denen sie überzeugt waren, dass sie sie realisiert hätten, sobald sie ihre Dreißiger erreicht hatten. In diesen Jahren war der ESC schon nicht mehr planbar. Entweder fand man sich spontan zusammen, oder lies ihn eben ausfallen wenn es etwas wichtigeres gab. Ganz ähnlich wie sich auch die Lebensentwürfe änderten ohne dass man die Möglichkeit hatte dagegen zu steuern. Der gestrige Abend nun passte für mich ganz wunderbar in das vergangene Jahr. Ich hatte ihn schlicht vergessen, wie ich so vieles was ansonsten selbstverständlich gewesen ist, ich mittlerweile an manchen Tagen nicht einmal mehr vermisse. (Am Rande: Das ist nicht gut!)  Erst als mich eine SMS aus Italien erreichte, dass man gespannt sei,  was Deutschland nun abliefern würde, schaute ich hin. Verpasst hätte ich nichts, aber man muss sich das Grauen des deutschen Beitrags ansehen, bevor die Häme von der anderen Seite der Alpen über einem ausgeschüttet wird. Nach 10 Minuten, weil wir darin mittlerweile wirklich gut sind, hatte einer meiner Freunde aus Italien eine Zoomkonferenz eröffnet. Allein und doch im Kreis von Menschen die mir sehr nahe stehen sah ich mir den Rest auch an. Inklusive des Gewinner Beitrags aus Italien. Selbstverständlich hatte ich mich längst auf die Seite Italiens geschlagen, was nach dem deutschen Beitrag allerdings auch nicht besonders schwer war. Es war ein Abend der perfekt in ein Corona Jahr passte. Ähnlich wie bei dem deutschen Beitrag, bei dem man sich ja auch jedes Jahr denkt, dass es irgendwann besser werden muss, plante ich gestern nicht nur eine Fahrt nach Italien sondern gleich drei. Und weil es so gemütlich war, buchte ich die entsprechenden Zugtickets gleich mit.  Wenn ich mir heute die diversen Reservierungen ansehe, dann hätte ich besser auf das letzte Glas Wein verzichten sollen. Im Laufe des Tages werde ich mich heute ganz vorsichtig bei meinen Freunden erkundigen, warum ich es gestern weit nach Mitternacht für eine gute Idee gehalten habe, im August nach Padua zu fahren. Meines Wissens wohnt dort niemand den ich kenne.

19 Gedanken zu “Warum nur Padua?

  1. Dass du als Kind mit Griechen beim Songtest mitgezittert hast, gefällt mirsehr. Mir würde es ja vielleicht auch so gehen, wenn ich dieser Art von Musik ausreichend gewachsen wäre, um sie mir anzuhören. Den italienischen Beitrag hörte bzw sah ich mir dennoch heute aus lauter Sympathie für Italien halbwegs an und freute mich, dass Vertreter dieses geliebten Landes endlich mal wieder ein Siegertreppchen besteigen durften.
    Warum nicht Padua? Ist sicher auch schön.

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    1. Zum Glück spielte die Musik immer eine untergeordnete Rolle, sonst hätten wir das wohl nicht durchgehalten ;). Für Italien freut es mich auch – auch wenn das Lied nicht ganz meines ist. Aber das ist wie gesagt an diesen Abend auch zweitrangig. Liebe Grüße

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  2. Der ESC ist schon immer ziemlich an mir vorbei gegangen, und seit ich keinen Fernseher mehr habe, tut er es total. Ganz ignorieren kann ich ihn allerdings dann doch nicht. So habe ich mich heute nach mehrmaliger Verkündigung des italienischen Siegs und des schmählichen deutschen vorletzten Platzes (wer hat eigentlich noch schlechter abgeschnitten?) gefragt, warum wir nicht etwas bieten, was wir können. Rock und Pop können wir offenbar nicht gut, haben doch aber ein paar recht gute Liedermacher. Und heißt „Lied“ nicht auch „Song“? Oder gibt es eine bestimmte Schlagzahl, die so ein Beitrag haben muss, um teilnehmen zu dürfen? – Okay, eigentlich ist es mir egal.

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    1. ich dachte auch, dass die deutschen es doch langsam kapiert haben müssten, womit man ganz sicher NICHT punkten kann. warum tun sie es dann immer wieder?
      der zusammengeklappte finger, der aus dem victory-zeichen einen stinkefinger machte, tat dann sein übriges.

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    2. Ehrlich gesagt verstehe ich ganz oft nicht, warum ein einzelnes Lied so schlecht abschneidet. Manche deutsche Beiträge haben mir gut gefallen und sind dann ganz unten gelandet. Beim aktuellen Beitrag allerdings frage ich mich, ob der ernst gemeint war. Ich fürchte ja. Die Regeln wann und wie das Lied ausgesucht wird haben sich so oft geändert, dass ich mittlerweile keine Ahnung mehr habe. Bei mir ist es das Drumherum….ginge es mir um die Musik, dann würde ich schon lange nicht mehr schauen 😉

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      1. diese quatsch-lieder fingen irgendwo bei „guido hat euch lieb“ oder so an. seither hat sich am trend nichts geändert. sind die deutschen so doof, dass sie die zeichen nicht erkennen? oder sind es nur die deutschen musikschaffenden? ich kann nicht glauben, dass es in D keine gescheite musik gibt.
        im vorliegenden fall könnte man mutmaßen, dass das lied der gesinnungskunst entspringt, die in D um sich greift. das versteht im rest von europa natürlich keiner.

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  3. Warum nicht Padua? So entstehen neue spannende Geschichten. Du musst da hinfahren!
    Ich habe mir in der Nacht auch einen Fehltritt geleistet: Mein Freudenschrei hätte das ganze Haus aufgeweckt, der Mann war gar nicht entzückt. Er freute sich auch, musste dem aber nicht so ungehemmt Ausdruck verleihen. Wer hier italienisches Temperament hat, bleibt noch zu klären.😉
    Ein Zugticket wollte meine Tochter heute Morgen am liebsten gleich buchen, als wir sie vom Ausgang der Veranstaltung unterrichteten. Wir müssen nur noch herausfinden, wohin. Sie will nächstes Jahr zum ESC, da er ja irgendwo bei uns in Italien stattfinden wird.
    Einen schönen Pfingstmontag wünsche ich dir!

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    1. Mittlerweile wissen wir wieder warum es Padua geworden ist ;). Wenn Corona keinen Strich durch die Rechnung macht, dann werde ich mir die Stadt auf jeden Fall ansehen und freue mich darauf.
      Mal sehen wo das Spektakel stattfinden wird und deine Tochter dann landet :). Ich kann mir gut vorstellen, dass es egal wo, ein tolles Spektakel werden wird.
      Liebe Grüße

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  4. Liebe Mitzi,
    Padua ist bestimmt ein schönes Reiseziel!
    Der European Song Contest ESC ist mir ebenso wie die Champions League im Fußball und ähnliche Wettbewerbe nicht nur, doch auch eine politische Frage.
    Christina Hartwig fragte oben, wer denn nach den deutschen Vorletzten der Letzte gewesen wäre, und in meiner bescheidenen Auffassung mag dies auch daran gelegen haben, dass sich die Briten bedauerlicherweise aus der Europäischen Union abgemeldet hatten. Schade für den Musiker, der dies ausbaden muss.
    Den ESC habe ich nicht immer angeschaut, er trifft nicht wirklich meine Musikfarbe. Im Gegenteil, in den letzten Jahren hatte ich das Gefühl, bei dem Licht-Gewitter auf den Bühnen geht mir dies auf die Augen und Ohren.
    Auch persönlich hatte ich einen schönen Abend beim ESC mit Lena Meyer-Landruts „Satellite“ 2010.
    Also Glückwunsch an die italienische Gemeinde
    und schöne Feiertagsgrüße
    Bernd

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    1. Lieber Bernd,
      der Brexit hat bestimmt Einfluss auf solche Abstimmungsergebnisse und viele Punkte werden aus Sympathie zwischen einzelnen Ländern verteilt. Für die Musiker ist das schade weil es so schwer zu beeinflussen ist, aber wenigstens gibt es immer wieder einzelne Ausreißer, die das Feld dann doch ganz unerwartet von hinten aufräumen.
      An den Abend mit Lenas Satellite erinnere ich mich auch noch – einer der schönsten und das nicht nur, weil sie gewonnen hat.

      Liebe Grüße

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  5. ich habe den songcontesthype leider völlig verpasst in meiner jugend und im erwachsenenalter dann auch nicht mehr geschafft einzusteigen. ein bisschen beneide ich dich drum, um diesen seltsamen fixpunkt des jahres, an dem sich für dich viel festmachen lässt.. seit der schulzeit fehlen mir diese ausrichtungspunkte irgendwie mehr und mehr.

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    1. Die Fixpunkte nach der Schulzeit sind wirklich viel weniger geworden. Der ESC ist eigentlich seit Jahren nur noch ein Abklatsch seiner selbst und ich vermute, dass wir ihn nur noch sehen, weil er immer da war. Ich wünsche uns beiden schöne Fixpunkte. Da sollten schon noch welche kommen. Werden sie auch. Liebe Grüße

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  6. Einen recht gescheiten Kommentar über Andreas Hofer wollte ich anliefern, den man in Padua anno dazumal erschossen hat… bis mir auffiel, dass es in Mantua gewesen war. Mantua, Padua. Padua, Mantua. Klingt für mich irgendwie ähnlich. Mein Gegoogle zeigt mir, dass die beiden Orte ziemlich nah beieinander.
    Vielleicht hätte er singen sollen, der gute Andreas. Vielleicht wäre ihm das Erschießen erspart geblieben. Könnte aber auch sein, man hätte ihn gerade seines Gesanges wegen erschossen. Naja, Genaueres weiß man nicht…

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    1. Beim Singen erschossen…das wäre sowohl in Padua, als auch in Mantua mehr als ärgerlich gewesen. Wobei der eine oder andere wirklich nicht singen sollte. Weder dies noch jenseits der Alpen 😉 Sollte ich in Mantua landen, dann bitte den recht gescheiten Hofer Kommentar nachliefern. :). Aber der obige gefällt mir auch.

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