Schlummernde Talente

Bei manchen Dingen weiß man erst nach Jahrzehnten, warum es einem so wichtig war es unbedingt zu können. Handgriffe, die einem so notwendig erschienen, dass man sie immer und immer wieder übte, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind. Eine Begabung, die kaum einer als solche gelten lassen würde, an deren vollendeter Beherrschung man aber mit sturem und ausdauerndem Ehrgeiz arbeitet. In meinem Fall handelt es dabei um das Öffnen einer Bierflasche mit einem Feuerzeug. Ansetzen, aufhebeln, ein wohlklingender Plopp und ein fliegender Kronkorken in einer ruhigen, selbstverständlichen und fließenden Bewegung. So etwas ist einfach nur schön. Um es zu beherrschen habe ich einen ganzen Sommer lang geübt. Weder mit 15 noch heute trinke ich regelmäßig Bier. Es schmeckt mir nicht. Und wenn ich es doch einmal trinke, weil es in München Situationen gibt, in denen kein anderes Getränk angemessen erscheint, dann bekomme ich eine geöffnete Flasche oder ein Glas in die Hand gedrückt. Aber gestern Abend war eine besondere Bier Situation. Eine wie früher. Einer der Momente in dem ein Wasser fad, eine Cola langweilig und ein Glas Wein albern gewesen wäre.

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Aggro Amsel 3:2 für Amsi

Vielleicht erinnern Sie sich. Vor etwa fünf Jahren wurde die Fassade des Vorderhauses renoviert.  Herr Meier schimpfte. Frau Obst auch.  Damals stand unsere Hausgemeinschaft kurz vor dem Kollaps. Man hatte uns lediglich ein Jahr vor Beginn der Bauarbeiten über die anstehenden Einschränkungen informiert und war davon ausgegangen, dass wir die grellgelben Zettel mit wichtigen Hinweisen, die an und in den Briefkästen lagen, auch lesen würden. In meinem Stadtteil funktioniert Kommunikation ausschließlich, wenn sie persönlich stattfindet – vorausgesetzt natürlich, das sprechende Gegenüber weckt unser Interesse. Schriftliche Verhaltenshinweise dagegen ignorieren wir ignorant und manchmal ein wenig naiv. Vor fünf Jahren hat uns das plötzliche Auftauchen einer ganzen Armada an Handwerkern deshalb unvorbereitet und eiskalt erwischt. Binnen Stunden mussten wir unsere Balkone leerräumen und konnten Möbel, frisch angepflanzte Blumen und Kräuter nur notdürftig auf den Gemeinschaftsflächen (=Treppenhaus) unterbringen. Die Bewohner des Hinterhauses grinsten damals hämisch und beschwerten sich mittels Aushängen am schwarzen Brett über unser Gerümpel, das überall im Weg stand. Sie grinsten lange. Seit einer Woche aber nicht mehr.  Jetzt wird im Hinterhaus renoviert und das Vorderhaus steigt nachsichtig über im Treppenhaus stehende Basilikumtöpfchen und der emotionale Graben zwischen Vorder- und Hinterhaus wird erneut aufgerissen. Anfangs lächelte das Vorderhaus milde und mitfühlend über ein duzend Sonnenschirme im Fahrradkeller und schüttelt erst im Laufe der ersten Woche leicht verstimmt den Kopf über am Treppengeländer mit einem Fahrradschloss angekettete Klappstühle. Ärgerte sich zunehmend die Rücksichtslosigkeit des Besitzers eines Hochbeetes, der dieses extrem dämlich vor den Briefkästen abgestellt hat und beginnt seit Montag das schwarze Brett mit bösen Zetteln zu bestücken. Emotional befinden wir uns nun wieder im Jahr 2016. Alles beim Alten. Noch zwei Wochen, dann liegen die Nerven wieder blank und ernsthafte kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Nachbarn können nur durch einen Lockdown verhindert werden, der uns das verlassen der Wohnung komplett und völlig verbietet. Mir ist das alles egal, da ich meine Wohnung eh nicht verlassen kann. Auch ich führe Krieg. Mein Gegner: Eine Amsel. Weiterlesen

Abstieg

Nach neun Nächten und zehn Tagen wird es Zeit sich zu verabschieden. Die Betten sind abgezogen und ich stopfe die Wäsche in den Beutel schmutziger Wäsche. Zuhause, wenn ich ihn öffne, wird alles leicht nach altem Holz, feuchtem Wald und Ofenfeuer riechen – ein Geruch, der oben in den Bergen auf unserer Hütten schön ist, in der Stadt aber modrig und abgestanden in der Nase kitzelt. Das macht nichts, denn wenn ich wieder komme und aus dem Schrank frische Laken nehmen werde, dann werde ich es nicht riechen, weil sich mein Geruchssinn binnen Minuten auf den Duft des Holzhäuschens einstellen wird. Ein letztes Mal lüfte ich die obere Kammer und glaube wie bei jedem Abschied, ein kleines Stück von mir zurück zu lassen. Diesmal eines, das bei der Ankunft unendlich müde, erschöpft und ausgebrannt war. Lustlos und schlecht gelaunt warf ich an Gründonnerstag die Rucksäcke auf die Betten und mich selbst hinterher. Eines das jetzt wieder frei atmen kann und sich darauf vorbereitet hat, den liebsten Menschen wohl auch im April und Mai nicht sehen zu können und sich dafür über den nicht mehr aufzuhaltenden Frühling freut. Weiterlesen

Is ja gut….

….ich geh nicht über die Brücke, über die ich sonst immer gehe, wenn ich von unsere Hütte ins Dorf laufe und dort am Inn spazieren gehe. Heute nicht zu den Nachbarn nach Tirol. Auch wenn es nicht so aussieht, die Mitte der Brücke ist eine Landesgrenze.

Mein Handy scheint aber einen Ausflug nach Österreich gemacht zu haben 😊 Das Telefonnetz sieht das mit den Grenzen nicht so eng und begrüßte mich abwechselnd in Österreich und Deutschland. Mit neuem Text…