Kirschen gespuckt

Kirschen gegessen
Wasser getrunken
Bauchweh bekommen
Ins Krankenhaus gekommen
Gestorben

An den Kinderreim aus meiner Kindheit dachte ich heute vor vier Jahren. Man stand im Kreis, warf sich einen Ball zu und wenn man ihn fallen lies, musste man eine Zeile des Reimes aufsagen. Bei der fünften Zeile war man raus. Heute vor vier Jahren war ich auch raus. Ein Kilo Kirschen auf nüchternen Magen, 34 Grad und ein paar Schlucke zuviel des brackigen Seewassers hatten mich schachmatt gesetzt. Mir war schlecht und ich übergab mich in die Büsche am Seeufer. Eine Stunde ging es mir noch gut und ich hatte die letzte der Kirschen fotografiert. Das Bild ist noch heute das Titelbild meines Blogs. Vor vier Jahren wusste ich noch nicht, dass es das werden würde. Da wusste ich noch gar nichts. Weder, dass ich wieder mit dem Schreiben beginnen würde, noch das ich mir wenige Stunden später eine Domain sichern und eine Homepage erstellen würde. Ich wusste nur, dass ein Kilo Kirschen mit Seewasser eine wirklich üble Kombination sind und „kotzend in den Büschen hängend“ eigentlich eine ganz passende Beschreibung für meinen Gemütszustand und mein Leben im allgemeinen waren.

Heute vor vier Jahren ging es mir nicht gut. Wusste zwar keiner, aber ein paar wenig ahnten es. Wenn man ein Jahr lang überwiegend zynische Kommentare von sich gibt und 48 Stunden an die Decke starren als durchaus annehmbare Wochenendbeschäftig-ung ansieht, dann läuft etwas verkehrt. Dann hakt es und dann läuft es nicht rund. Im Laufe eines Lebens gibt es solche Phasen. Zeiten in denen man sich vorübergehend aus dem Leben ausklinkt. Interessanter Weise kann man das machen, ohne dass es Freunde und Familie mitbekommen. Nicht weil sie unsensibel oder doof sind, sondern weil Menschen, denen es schlecht geht, erstaunlicher Weise oft besonders fröhlich und unbekümmert wirken. Die spielen, dass es ihnen gut geht. Ich auch. Ich war wirklich gut darin. Es war mir lieber als zu erzählen, dass es mir doch nicht ganz so gut geht, weil einer an Krebs gestorben ist und sich ein anderer das Leben genommen hat.  Falsches Thema für Biergarten- oder Seebesuche und auch sonst ein eher unschönes Kapitel. Ein weit hübscheres Thema waren Männer. Über die wurde an diesem Tag am See laut und breit diskutiert. Auf den Handtüchern neben uns, am Kiosk und im Wasser. Als gäbe es kein anderes Thema. Dates, Verabredungen, Beziehungen…..glaubt einem doch keiner was man da alles erlebt, murmelte meine Freundin und rollte sich auf den Bauch. Ich rollte mich auf den Rücken, weil die Kirschen in meinem Magen bereits rumorten und ich über Beziehungen lieber nicht nachdenken wollte. Weil ich aber grundsätzlich an das denke, an das ich eigentlich nicht denken möchte, war der Satz meiner Freundin, der Startschuss für alles was in den folgenden vier Jahren passierte.

Am Abend schrieb ich „Dates am Rande des Wahsinns“ in ein Notizbuch und darunter eine Liste mit allen Dates die ich je hatte. Nicht eines verlief ohne einen absurden oder komischen Moment. Und weil es zu wenige waren um damit mehr als drei Blogeinträge zu füllen, bin ich gesprungen. Zurück. In den Alltag, ins Leben und überhaupt. Zurück zum echten Lachen, ohne das man auf Dauer ja auch nicht glücklich wird.

Heute vor vier Jahren habe ich eine Kirsche fotografiert und sie zum Titelbild meines Blogs gemacht. Am Abend die Homepage erstellt und wieder mit dem Schreiben begonnen. Der Rest ist eine aneinander Reihung ganz herrlicher Zufälle. Weder meine Freundin noch ich hätten an diesem Tag am See daran gedacht, dass wir in den nächsten Jahren Bücher schreiben und Lesungen halten werden. Keine hätte gelaubt, dass ein kleines Hobby zu einem so großen Teil unseres Lebens werden würde. 

Dass es genau vier Jahre her ist, weiß ich übrigens nur weil Facebook mich vorhin erinnert hat. Ich sah die Collage die ich an diesem Abend vor vier Jahren gepostet hatte. Eine Stunde später wurde „Mitzi“ geboren.

Ist es nicht seltsam, dass so schöne Dinge damit beginnen, dass man Kirschen erbrechend in einem Busch hockt?

P.S. Der 05.07 scheint überhaupt ein ganz wunderbares Datum zu sein. Facebook hat mich nämlich auch daran erinnert, dass heute vor einem Jahr die Lesung im Hofspielhaus in München war. 

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25 Gedanken zu “Kirschen gespuckt

  1. Du hast mich ganz schön erschreckt, mit Deinem Abzählreim zu Beginn! 🙄
    Aber jetzt ist alles gut, und ich bin froh, dass Dir die Kirschen augenscheinlich einen Schubs in die richtige Richtung gaben. 😉
    Nicht auszudenken, wärest Du nicht Schriftstellerin geworden. 🙄

    Viele liebe Grüße,
    Werner 🙂

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  2. Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum, liebe Mitzi. 💫🎊💫Was war das gut für uns alle, dass Du Kirschen mit Seewasser kombiniert hast.😁
    Deine Geschichten wären sonst immer in Dir geblieben und das wäre wirklich schade für uns. Allerliebste Grüße, Barbara

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  3. Mitzi, du erst vier Jahre junge Maid, da bin ich ja beruhigt, dass Fb auch mal zu was Gescheitem in der Lage ist – ich halte nämlich nicht viel von diesem Portal.
    Ein Kilo Kirschen ztu essen, könnte ich sicher auch fertig bringen – aber dann kein brackiges Seewasser trinken, nenene!

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  4. Liebe Mitzi, herzlichen Glückwunsch zu dieser Serie an Entscheidungen, und zu jeder neuen Entscheidung wieder einen Text in den Äther zu entlassen!

    Das macht mich auch ganz neugierig und mutig vorausschauend auf mein vierjähriges Jubiläum, das noch 2,5 Jahre vor mir liegt 😉
    Ganz liebe Grüße von der bayerischen Nordhemisphäre! Anna

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    1. Danke Anna. Ich bin auch froh darüber wieder mit dem Schreiben angefangen zu haben. In erster Linie weil es sehr viel Spaß macht, aber eben auch weil man sich vieles von der Seele schreiben kann. Und das ohne allzu viel preiszugeben beziehungsweise nur das was man möchte oder zu dem Zeitpunkt wo man es möchte. Ganz, ganz liebe Grüße auch an dich.

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  5. Liebe Mitze,
    danke für die bewegende Erläuterung Deines Titelbildes im Blog!
    Gerne will ich mit Dir ein paar fränkische Herzkirschen teilen – der Versuch, ein Foto einzustellen, gelingt mir hier nicht – womöglich demnächst im eignen Blog.
    Gute Kirschenzeit und Wünsche
    von Bernd

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  6. An die Abzählverse erinnere ich mich noch. Auch an die WArnung, kein Wasser auf Obst zu trinken, die offenbar aus einer Zeit stammt, als noch kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung stand, Wasser aus dem See beispielsweise. Schön, die Geschichte der Kirsche in deinem Blogheader zu erfahren, und von den Umständen, die dich zum Bloggen gebracht haben. Es bestätgt wieder: In schwierigen Lebensphasen ist Schreiben ein Rettungsanker und eine probate Form der Selbsttherapie. Ich glaube auch, dass an den Brüchen in der Biographie der Mensch wächst und dann eine Menge mitzuteilen hat. Drum bin ich froh, dass du diesen Weg aus der Krise für dich gefunden hast, liebe Mitzi, und gratuliere herzlich zum Schreibjubiläum,
    Jules

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    1. Ich hörte auch, dass die Bauchschmerzen in erster Linie dem dreckigen Wasser geschuldet waren. Beweis erbracht 😉
      Die Kirsche bleibt als Glücksbringer und schöne Erinnerung. Bei den nötigen Brüchen um erzählen zu können bin ich ganz bei dir, lieber Jules. Sonnenschein und Harmonie sind wunderbar, wachsen tut man ihnen aber kaum. Oder langsamer.

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