2 Jahre Glückssachen

„Festhalten. Paul!…Kruzifix…..Paul!“, plärr ich meinen Nachbarn noch an, bevor erst ich vom Leiterl und dann die Vorhangstange aus der Halterung fliegen. „Depp“, murmle ich noch und reibe mir den Ellbogen. Dann sag ich lieber nix mehr, weil der Kurzifix Depp Paul, vor meinem Karton mit Erinnerungen steht und ganz blass geworden ist. „Mitzi, spinnst du“, sagt er leise und geht in die Hocke damit mit mir, die auf dem Boden hockt, auf Augenhöhe ist. Meist ein Zustand, den ich wünschenswert finde, gerade so gar nicht, weil es unangenehm ist wenn einen einer auf Augenhöhe von oben herab anschaut. „Geh“, sag ich und „…du hast es doch schon gewusst.“ Er schüttelt den Kopf und holt die Mappen aus meinem Karton. Ob er immer dabei ist, will er wissen und als ich nicke, lächelt er schief. „Schau“, sag ich, breite die Mappen aus und deute auf die Inhaltsverzeichnisse, die fast alle irgendwo seinen Namen beinhalten, „du bist fast immer dabei wenn ich lese. Und da nehm ich nur die Menschen mit, die ich wirklich mag.“ Den Herrn Mu, den Meier, meine Oma, den der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Tür steht. Den mutigsten meiner Freunde, den besten und oft den mutigsten meiner Freunde und eben ihn, meinen Nachbarn Paul. Er knabbert noch immer daran, dass ich vor über zwei Jahren vergessen habe, ihm ein Pseudonym zu schenken und er sich deshalb weit deutlicher als andere Protagonisten meiner Erzählungen erkennt. Damit er das nicht so schlimm findet, erkläre ich ihm, dass Paul eigentlich das Synonym aller Synonyme ist und zitiere aus der Erzählung die Ulli gestern gelesen hat: 

„Paul war in diesem Fall nur ein Sammelname. Er hieß gar nicht Paul – er war es nur. Es gibt eine bestimmte Art von Erlebnis, das ich Paul nenne, aus dankbarer Erinnerung an seinen ersten Vertreter. Paul ist eine Begebenheit, die immer von Zeit zu Zeit wiederkehrt. Paul kann alles mögliche sein, verheiratet oder Junggeselle, Leutnant, Ingenieur, junger Arzt, Afrikareisender, – es kommt auch vor, daß er gar keinen Beruf hat. Aber er kommt immer wieder, wenn auch jedesmal in etwas veränderter Form und Gestalt.“

Paul ist etwas ganz feines, versuche ich ihm zu erklären und hoffe dabei, dass er das Buch aus dem ich zitiere nicht kennt. Franziska Gräfin zu Reventlow schreib darin nämlich auch, dass Paul immer etwas Lustiges, Belangloses, ohne Bedenken und ohne Konsequenzen ist. Und der Paul, der gerade neben mir sitzt ist doch viel mehr. Eine Glückssache, den es ist ein großes Glück einen Nachbarn wie Paul zu haben. Auch wenn er vergisst festzuhalten. Mich und die Vorhangstange. Ein Glück ist er trotzdem, weil ich nicht mit jedem auf dem Boden hocke und ihn einen Blick in meine Erinnerungskiste der Glückssachen werfen lasse. Seit wann ich das mache, fragt er und während er wühlt, sehe ich am Datum eines Flyers, dass es genau zwei Jahre her ist. Zwei Jahre und schon damals hatte ich ihn dabei. Am 09.12.2016 war er der, mit dem Rhett Butler Lächeln und jeder wusste, dass das ein besonders schönes und unwiderstehliches Lächeln ist.Und jetzt lächelt er es gerade wieder. Arrogant, süffisant und unwiderstehlich. Das sag ich ihm aber nicht. Einem Mann wie Paul tut es nicht gut, ihm zu sagen wie schön sein Lächeln ist. Lieber erzähle ich ihm, wie schön es gestern war und wie schön es jetzt ist, ihm davon zu erzählen. 

Am Ende lese ich ihm alles vor, was ich auch gestern gelesen habe. Und dann lasse ich mir von ihm schriftlich geben, dass ich künftig sein Leben verwurschteln darf. Ich werde es eh tun, sage ich ihm entschuldigen lächelnd und mir wäre es lieber das zu dürfen und nicht einfach zu machen. Unverschämt nennt er mich und unterschreibt dennoch. Der Zettel ist jetzt im Karton mit den Glückssachen. Ich mache heute gar nichts mehr. Ich genieße nur das schöne Gefühl seit genau zwei Jahren, etwas machen zu dürfen, das mich sehr, sehr glücklich macht. 

Danke Simone!

Und danke an Ulli, Robert, Traudl und alle anderen die in den letzten zwei Jahren vorbei gekommen sind und die Abende zu etwas ganz besonderem gemacht haben. 

Für dieses Jahr haben Sie jetzt Ruhe von mir. Jetzt halt ich erst mal den Mund. (Tippen ist allerdings nicht reden…)

Gestern – mit Ulrike Dostal. „Und ewig schreibt das Weib“

Randnotiz Prokastination

Prokastination erreicht ein ganz ungeahntes Niveau, wenn Sie am Vorabend einer Lesung bemerken, dass Ihre Vorhänge hässlich sind, neue kaufen und feststellen, dass diese einen guten halben Meter zu lang sind. Dann muss man sie kürzen. Und wenn der Schneider schon geschlossen hat, dann rennt man zur Nachbarin, leiht sich eine Nähmaschine und ignoriert die Tatsache, dass die Nonnen die einen das irgendwann einmal lehrten vermutlich schon tot sind, weil Jahrzehnte verstrichen sind. Man könnte aufgeben, verbringt aber lieber 2,5 Stunden mit Youtube Tutorials um sich wieder daran zu erinnern wie Ober- und Unterfaden eingefädelt werden müssen. 

Hat geklappt. Ich könnte jetzt für morgen vorbereiten – muss nur noch eben die neue Vorhangstange anbringen. 

PAUL!!!! Wenn er mein Brüllen quer durch den Hinterhof ignoriert, dann fange ich jetzt mit den Vorbereitungen an. Sonst…. 

 

 

Büro Baum

Mit meinen Lieblingsmenschen bin ich geizig. Ich teile sie nur ungern, wenn die Zeit, die ich mit ihnen verbringen kann, knapp bemessen ist. Ungern teile ich den mutigsten meiner Freunde, weil wir uns zu selten sehen und die Zeit für das Kennenlernen einer dritten Person viel zu knapp ist. Meine Kollegin Bine aber, die habe ich sofort mitten in unser Wiedersehen geschmissen. Nicht erst seit heute, aber heute ganz besonders, weiß ich warum. Weil sie ein Schatz ist. Einer, der einen anderen Schatz heute neben meinen Schreibtisch gestellt hat. Weiterlesen

Alltag [der]: Substantiv, maskulin [ohne Plural] II

Stimmt nicht. Lassen Sie sich von mir versichern, dass der Duden eben doch nicht alles weiß. Natürlich gibt es einen Plural vom Alltag. Der Alltag; die Alltage. Ausnahmsweise lehne ich mich etwas aus dem Fenster und bezeichne mich als Autorin. Als eine, die überwiegend über den Alltag schreibt und die sich anmaßt, sich aufgrund der intensiven Beschäftigung mit eben diesem, bestens auszukennen. Deshalb….Plural: [Alltage]. Sorry, Duden – ist so.  Weiterlesen