Hildes Blumenkohl

Eigentlich konnte er ihn nicht ausstehen, den immer etwas zu matschig gekochten Blumenkohl seiner Hilde. Weil er aber die Hilde so gern hatte, aß er eben auch ihren Blumenkohl. So sei das eben, sagt Herr Mu. Wenn man jemanden gern hat, dann sieht man über die kleinen Macken im Charakter des anderen hinweg. Ich schmunzle und frage Herrn Mu ob es denn wirklich ein charakterlicher Fehler ist, wenn man den Blumenkohl verkocht. Das erscheint mir etwas sehr streng. Auch Herr Mu schmunzelt. Nur, wenn man es aus purer Bosheit über mehrere Jahrzehnte hinweg, immer wieder machen würde. Dann könne man durchaus von einem unschönen Charakterzug sprechen. Herr Mu lächelt so versonnen, dass ich mir sicher bin, dass seine Hilde als Ausgleich sehr viele, sehr schöne Charakterzüge gehabt haben muss. Ich merke es an und Herrn Mu er schüttelt den Kopf. Nein, seine Hilde sei ein rechtes Miststück gewesen. Den Blumenkohl zum Beispiel hätte sie nur deshalb ein ums andere Mal absichtlich verkochen lassen, weil er kurz nach der Hochzeit einmal feixend einen Scherz über die Ähnlichkeit von knackigem Gemüse und hübschen Frauen gemacht hat. Ab jetzt sei es vorbei mit dem jungen Gemüse, meinte seine Hilde und von da an gab es den Blumenkohl und auch den Kohlrabi eben nur noch weich und lasch. Weiterlesen

Manchmal seufze ich leise Miststück

Vor 25 Jahren, am 21 Dezember wurde Tim von Claudia verlassen. Mit Tim habe ich nie gesprochen. Nicht vor 25 Jahren und nicht in den Jahren danach. Aber Claudia kannte ich ganz gut. Sie saß in der Schule neben mir weil man mich von Nicole getrennt hatte. Die Trennung von Nicole war eine unschöne Sache gewesen. Sie und ich waren beste Freundinnen und in etwa gleich schlecht in der Schule. Sie etwas schlechter als ich. Vor allem in Stenographie. Dem einzigen Fach, das mir leicht fiel. Minus mal Minus ergibt Plus. Soviel hatte ich in Mathe verstanden und ging daher am Anfang der siebten Klasse dazu über, die Stenoprüfungen sowohl für mich als auch für sie zu schreiben. Weiterlesen