Peinlich oder irgendwie charmant

Ob das nun peinlich oder irgendwie charmant ist, fragt mich meine Nachbarin Judith und hält mir die andere Hälfte ihrer Honigsemmel hin. Ich nehme sie gerne, weil ich vergessen habe Brot einzukaufen und überlege kauend. Irgendwie charmant passt. Mit Betonung auf irgendwie. Wir lehnen uns mit den Unterarmen auf die Brüstung unseres Laubenganges und beobachten wie Paul, der Nachbar aus dem Hinterhaus, sich auf die Zehenspitzen stellt, um an die wenigen noch nicht verblühten Äste des Fliederbusches zu gelangen.

Muttertag, murmelt Judith und zieht den Morgenmantel enger vor der Brust zusammen und ich nicke. Wegen des Muttertags hängt Paul im Fliederbusch und wegen eben diesem steht Judith hier draußen. Ihre Kinder richten das Frühstück und wollen die Mama überraschen. Dass das klappt indem man sie einfach aus der Wohnung bugsiert, davon sind sie mit vier und sechs Jahren noch überzeugt. Zum Glück hat sie sich ein wenig Proviant mitgenommen. In ihrer Wohnung scheppert und rumort es schon seit gut einer halben Stunde. Weiterlesen