Parken unter Beobachtung 

 

Ich bin eine gute Autofahrerin. Da können Sie jeden fragen. Wer bei mir auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, wird sicher von A nach B kutschiert. Als Münchnerin mit Verwandtschaft auf dem Land, fühle ich mich sowohl im Feierabendverkehr, als auch auf der Landstraße heimisch und bezeichne mich selbst als versierte und flotte Fahrerin. Flott, ja, stimmt mein Nachbar Paul mir zu. Versiert allerdings, würde er angesichts des eben beobachteten Einparkversuches jedoch bezweifeln. Mit einem überheblichen Grinsen wischt er sich die Finger an der Hose ab und legt seine halb gegessene Leberkäsesemmel zur Seite, bevor er an die Scheibe der Beifahrerseite klopft. Weiterlesen

Unverdautes Brioche

Es gibt zwei Sorten von Glück. Das eine, das einen urplötzlich und unvorbereitet trifft, und Körper und Geist mit solcher Wucht durchflutet, dass es eine wahre Freude ist und der getroffene nur strahlen und laut auflachen kann. Das sollte er auch, denn es ist flüchtig. Dieses mächtige Glücksgefühl, dass die Zeit für einen kurzen Moment anhält und keinen Raum für andere Empfindungen bietet, kann man nicht festhalten und sollte es gar nicht erst versuchen. Ich mag es. Noch lieber aber, mag ich das andere Glück. Das stille, leise, das einer tief empfundenen Zufriedenheit gleicht und sich wie eine warme Decke um die Schultern legt. Heute ist ein besonderer Tag, den ich habe beides. Weiterlesen

Zwischen Taubennestern und Mettbrötchen ein Hilfeschrei!!!

Gehen Sie besser in Deckung. Heute weise ich Sie lieber gleich im ersten Satz auf die möglichen Nebenwirkungen dieses Beitrags hin. Körperliche Schäden haben Sie nicht zu befürchten, aber die Mischung aus Mettbrötchen, einem Taubennest und geschupsten Personen, könnte ein wenig verstörend wirken. Zudem werde ich Sie um Hilfe bitte. Sogar anflehen und so etwas ist manch einem unangenehm. Mir ja auch, aber ich muss.

Eigentlich sollte dieser Text ausschließlich von Mettbrötchen handeln. Da ich diese aber nur morgens am Münchner Hauptbahnhof sehe und es mich meist noch schüttelt, wenn ich nach unten zu den Gleisen gehe und ich dort ein Taubennest sehe (lassen Sie uns kurz Atem holen….), wird er vermutlich auch von diesem Taubennest handeln. Das zumindest dachte ich mir heute morgen, als ich noch das ekelhafte Bild der Mettbrötchen vom Rewe vor Augen hatte und entzückt beobachtete, wie die Taubenmutter ihre wild zwitschernde Brut fütterte. Ein so kontrastreiches Gedankenbild ist eine hervorragende Vorlage für einen amüsanten Text. Leider schob sich mir immer wieder der heute Beitrag vom Zeilenende in meinen Kopf. Das war verstörend. Nicht der Text, den Sie  hier nachlesen können. Nur die Vorstellung des lieben Zeilenendes einen Teil eines Paares von der Mauer zu schubsen. Bitte lesen Sie wirklich nach, sonst klingt es allzu befremdlich. Aber genau das dachte ich mir, als ich mich über den vollbesetzten Bahnsteig schlängelte. Schups und einer wenig. Noch mal schups und wieder etwas mehr Platz. Verstehen Sie mich bitte richtig, ich stelle mir durchaus nicht vor, Personen vor eine S-Bahn zu schupsen. Gott bewahre! Ich wollte nur mehr Platz und hätte jeden zweiten Pendler einfach für 30 Sekunden in Luft aufgelöst, bis ich vorbei bin.

Sie merken es, das wäre kein guter Text geworden. Mettbrötchen, Taubennester und geschupste Pendler. Daraus etwas zu machen gelingt mir an einem Tag wie heute nicht. Einem Tag an dem alles nichts mehr hilft und ich die Segel streichen muss. Oder – um im Bild zu bleiben – einen erfahrenen, lesenden und schreibenden Skipper um Hilfe bitten muss. Sie sehen meine Verzweiflung, wenn ich als Bayer mich erblöde ein Bild aus der Schifffahrt zu bemühen. Vergessen wir die Einleitung, durch die Sie sich ganz umsonst gequält haben und kommen zum Punkt. Erst ich, dann Sie.

Meine kleinen Texte habe ich zu einem noch kleineren Band zusammen gefasst. Noch unsicher wohin ich sie werfe, braucht es einen Titel. „Münchner Kuriositäten“ das steht schon lange fest, aber darunter, da braucht es noch einen Untertitel. Nur welchen. Seit ich diesen Blog betreibe suche ich nach einem Titel und finde keinen. Weder wenn ich intensiv nachdenke, noch wenn ich die Gedanken treiben lasse. Kennen Sie die Unendliche Geschichte von Michael Ende und das darin beschriebene „Nichts“? Das sehe und denke ich, wenn ich mich an diesen Untertitel wage. 

Haben Sie, die Sie meine Texte fast so gut wie ich selbst kenne, einen Moment Zeit? Dann schauen Sie sich den nachstehenden Entwurf an. Ich mag ihn….aber dieser Untertitel. So sperrig, so gewollt, so…..schlecht.  Der Hauch der Verzweiflung umweht mich, ich merke es selbst.

Sei´s drum. Ich biete Ihnen eine Deal an: Sie helfen mir und ich schicke Ihnen dafür Pralinen von Elli Seidl. Was könnte darunter stehen? Die U-Bahn Gedanken und die Erzählungen aus meinem Haus umreißen?  Oder zu meinen Kurzgeschichten passen? Einfach aus dem Bauch raus, ja?

Wenn Sie es nicht wissen, wer dann?
Wenn Sie es nicht wissen…….dann teile ich die Pralinen dennoch mit Ihnen.

Herzlichst Ihre Mitzi, die sich unendlich über Vorschläge und Anregungen freut!

Duft-Atom

Ich wache auf und das Bett riecht nach dir. Dein Geruch haftet im Stoff der Kissenbezüge und hüllt mich ein. Sinnlos den Kopf unter der Decke zu vergraben, denn auch sie riecht nach dir. Das ganze Schlafzimmer riecht nach der, für dich so typischen, Mischung aus After Shave, einem Hauch kaltem Rauch und einer erdigen Note, von der ich bis heute nicht weiß, wie sie in deine Haare gelangt ist. Obwohl ich mir schon oft klar machte, dass es unmöglich ist, dass auch nur ein einziges winziges Atom von dir an meiner Bettwäsche haften geblieben ist, rieche ich dich. In machen Nächten wache ich auf, weil auch mein Unterarm, den ich unter meine Wange geschoben habe, nach dir duftet. Dann muss ich aufstehen und duschen. Mit dir auf dem Körper kann ich nicht wieder einschlafen. Weiterlesen

Willkommen!

Ich bin eine hundsmiserable Tante. Eine unzuverlässige Patin und ebenso zerstreute Freundinnen-Tante. Kaum einem der 14 Kinder in meinem Herzen habe ich in den letzten 19 Jahren pünktlich zum Geburtstag gratuliert und bei mindestens die Hälfte von ihnen mache ich ein Jahr jünger oder älter, wenn die Karte mit großer Verspätung eintrifft. Weihnachtsgeschenke habe ich mit der Geburt des fünften Kindes eingestellt und erkundige mich bei den evangelischen, wann den nun die Kommunion ansteht. An ihrem Alltag scheitere ich kläglich. Bekomme so vieles nicht mit und erfahre manches erst, wenn es schon wieder vorbei ist. Dir, arme Nummer 15 wird es nicht anders gehen. Dein Geburtstag wird vergessen werden, ich werde dich mit acht Jahren fragen, wie es auf dem Gymnasium läuft und du wirst mich in fünf Jahren beleidigt darüber aufklären, dass du längst nicht mehr im Kindergarten sondern doch schon in der Vorschule bist. Ich werde die zerstreute, chaotische und vergessliche sein. Dieses Los wirst du dir mit 14 anderen teilen. Kein Aber. Ich weiß schon jetzt, dass es so sein wird. Die kleinen Wunder vor dir haben es bewiesen. Vielleicht habe ich das unendlich große Glück, dass auch du mit einem so großen und feinen Herzen geboren bist, dass du es mir nachsiehst. Nachsicht ist nötig, bei einer Tante wie mir. Weiterlesen

Es ist viral…

Steckt Ihnen der Winter noch in den Knochen? Zwickt es bei den Frühlingsspaziergängen im Kreuz, wenn Sie sich bücken um die ersten Schlüsselblumen pflücken? Und läuft Ihnen ständig die Nase oder kratzt der Hals? Denken Sie sich nichts dabei, Sie waren wahrscheinlich nur ein bisschen unvorsichtig und haben die Wärme der ersten Sonnenstrahlen überschätzt. So mild, dass Sie schon draußen auf kalten Bänken sitzen können, ist es nämlich noch nicht. Ihr Rücken dankt es Ihnen, wenn Sie sich noch bis Mitte April ein Kissen ins Kreuz legen. Oder zieht es im Steiß? Das wäre nicht gut. Das kann schnell etwas ernstes sein. Ein Ziehen im Steiß kann sehr vieles sein – meistens nichts gutes. Ich tippe auf die Nieren, die Ihnen das Sitzen und Lehnen auf kühlen Bänken übel nehmen.  Vielleicht aber ist es auch etwas virales. Seit die Sanierung des Ruffinihauses unmittelbar bevor steht, werde ich Expertin für Zwicken, Zwacken und Ziehen diversester Körperteile. Weiterlesen

12 Monate Rosen & Schornsteine – März

Nur, und nur wegen dem Zeilenende habe ich mich heute überhaupt angezogen. Wäre es nach Kopf und Körper gegangen, hätte ich den Tag im Bett verbracht. Sofern ich es geschafft hätte, die Augen fest geschlossen zu halten. Denn öffne ich die Augen und die Sonne scheint, dann muss ich ja doch raus. Egal wie müde und lustlos ich bin – einen Sonnentag verschwende ich nie. Richtiger also….nur, und nur wegen dem Zeilenende habe ich heute die Augen geöffnet. Es ist der letzte Sonntag im Monat und ich quäle mich durch die Sonne in den Rosengarten.

Ach, Gott. So fängt man einen Artikel auch nicht an. Nur ein undankbares Geschöpf beschwert sich über einen sonnigen Sonntag. Oder ein verkatertes. Auch das, kein schöner Einstieg. Verkatert ist man, aber man spricht nicht darüber. Es wird nichts werden, das merken Sie selbst. Belassen wir es bei einem kurzen „Hallo“. Weiterlesen

Herz und Hirn begrüßten den Tod des jungen Werthers – irgendwann ist es auch mal gut.

„Nichts ist interessanter zu beobachten, als ein Trupp Barrikadenkämpfer, der sich auf einen feindlichen Sturm vorbereitet.“ Das jedenfalls meint Victor Hugo irgendwo auf den Seiten zwischen 905 und 925 seines Romans „Die Elenden“. Davon ist auszugehen, denn ansonsten hätte er die Vorbereitungen nicht auf unzähligen Seiten geschildert und den Leser nach vollbrachten Ausführungen extra darauf hingewiesen. Einer meiner Freunde würde dieser Aussage sofort zustimmen. Da wo sich Victor Hugo schreibend über lange Kapitel in diesen Betrachtungen verliert, würde er sich lesend in eben diesen mit großem Vergnügen treiben lassen. Für ihn wären weite Teile des Romans nebensächlich, während er sich vom Pariser Juniaufstand des Jahre 1832 gerne berichten lies. Ich nicht. Ich quälte mich während der heutigen S-Bahn Fahrt so ungeduldig durch die Seiten wie schon während des Berichtes der Folgen der Schlacht bei Waterloo. Nur widerwillig folge ich dem Autor auf das Schlachtfeld bei Nacht. Wenn ich ehrlich bin, dann langweilt es mich und ich hätte mich gerne mit einer kurzen und knappen Zusammenfassung der Ereignisse zufrieden gegen. Die Kapitel lese ich nur, weil ich a) Angst habe etwas wichtiges zu versäumen und b) aus Respekt gegenüber dem Autor, seine leidenschaftlichen Zeilen einfach zu ignorieren.

Im Falle Hugos mache ich es dennoch und überfliege jene Kapitel nur oberflächlich auf der Suche nach den Namen der Figuren, die mir in den letzten 879 Seiten ans Herz gewachsen sind. Flott und ungeduldig blättere ich durch die Seiten und verweile auf der Hochfläche von Mont-Saint-Jean nur wenige Sekunden. Ebenso setze ich mich nur oberflächlich mit den prinzipiellen Fragen über die Berechtigung des Klosterwesens auseinander. Letzteres könnte mein Freund, der die Schlachten, das politische und all das strategische so schätzt, nachvollziehen. Auch ihn würden die strengen Regeln des Kloster Petit-Picpus als kurzer Abriss völlig reichen. Ich dachte, dass er wenn wir „Die Elenden“ wie früher gemeinsam lesen würden, dann sicher mir dieses Kapitel überlassen hätte. Denn einer muss es lesen, da waren wir uns immer einig gewesen. Damals, als wir manche Bücher gemeinsam lasen. Selbst bei Romanen, die ihn nicht interessierten, las er manchmal nachts die von mir überblätterten Seiten und gab mir am nächsten Morgen beim Frühstück eine Zusammenfassung. Um einen Roman aus einer anderen Zeit wirklich zu verstehen, so sagte er, müsse man gerade die diese Zeilen  mit großer Aufmerksamkeit lesen.

Wir haben viele Bücher gemeinsam gelesen. Einer kaufte es, der andere lieh es sich in der Bücherei aus. Praktisch war, dass wir in etwa gleich schnell lasen und zum Beispiel gleichzeitig das Ende von Goethes Werther erreichten. Synchron atmeten wir beim Tode des Protagonisten auf und seufzten, dass es nun auch wirklich an der Zeit gewesen ist, das seine Leiden enden. Madame Bovary wollte er unbedingt lesen, aus einem mir nicht ganz schlüssigen Grund, stand es auf seiner Liste. Er gab auf und ich begleitete die Unglückliche bis zu ihrem letzten Atemzug und berichtete ihm. Weit mehr als Werther verstand ich Emma und trug Sorge, dass mein Freund es auch tat. Er tat es nicht, aber er honorierte wenigstens mein leidenschaftliches Mitgefühl. Auch Anna Karenina las ich für ihn und während wir die Buddenbrocks mit großem Genuss beide vollständig lasen, quälte ich mich über lange Kapitel alleine den Zauberberg hinaus. Für diese Wanderung schuldet er mir noch etwas. Letztes Wochenende lud ich im die „Die Elenden“ auf seinen E-Book Reader und forderte ihn auf, meine Lücken zu füllen. Diesen Klassiker der Weltliteratur hatte er bisher sicher nur übersehen und jetzt sei es an der Zeit mir zu sagen, wann die unsägliche Barrikade endlich vorbei ist und es mit Cosette und Marius weiter gehen würde.

Er war streng. Nannte mir zwar grob die Stelle an der ich wieder einsteigen könne, betonte aber, dass ich das Schönste, die Tiefe der Charaktere, besonders die von Marius doch gar nicht begriffen hätte, wenn ich seine Zwänge, Ängste und Sorgen einfach überblättern würde. Böse lächelnd behauptete er sogar, dass wäre als würde ich mich mit einem AfD Wähler verabreden und verkünden, dass mich seine hübschen Augen weit mehr als sein Verstand und sein Seelenleben interessieren würden. Seite 976 schrieb er mir heute morgen. Aber nur, wenn wir uns die Tage treffen würden. Dann könnten wir ein Glas Wein trinken und er, der Politologe, würde mir etwas über die Geschichte Frankreichs erzählen. Er hätte an meinem Blick doch genau erkannt, dass ich außer der rudimentären Erinnerung an ein Ereignis 1789 überhaupt keine Ahnung hätte. Eine Schande sei das. Und überhaupt…jetzt wo die Tage wieder länger und wärmer würden, sollte man sich auf dem Balkon treffen und ein wenig über Russland sprechen. Mit Grausen erinnere er sich an meine Ignoranz während wir „Krieg und Frieden“ lasen.

Geht es um Weltliteratur dieser Art sind wir ein gutes Team. Er ist der Kopf und ich das Herz eines solchen Lesevergnügens. Und das Herz hat blättert jetzt zu Seite 976, denn das was Sie dort aufzeichneten, lieber Herr Hugo, ist mir ein bedeutend größeres Vergnügen als das Beobachten eines Trupps Barrikadenkämpfer.