Mitzi und ich auf Usedom

Letztes Wochenende war ich mit meiner Tante Mitzi unterwegs. Etwas nicht alltägliches, weil meine Tante Mitzi seit über dreißig Jahren nicht mehr lebt und mich deshalb nur noch selten auf Reisen begleitet. Manchmal aber doch. Meistens dann, wenn sie und ich mit dem gleichen Namen unterwegs sind und ich mir sicher bin, dass ihr das, was ich gerade mache gefallen würde. Wenn ich mit meiner Tante Mitzi unterwegs bin, leihe ich mir mehr als ihren Namen aus. Wenn sie, eine der fantastischsten Frauen meiner Familie, neben mir steht, dann borge ich mir von ihr das aus, was mir selbst manchmal fehlt. Ich glaube, sie fände das ok. Das mit dem Namen eh, aber noch mehr würde ihr gefallen, zu wissen, wie oft ich mir vorstelle, was sie machen würde, wenn sie gerade neben mir stände. Ich zum Beispiel, suche mir, wenn ich alleine in einem Hotel bin gerne den kleinsten Tisch aus. Einen an dem ich mich ein bisschen verstecken kann und einen, der von Paaren oder Familien verschmäht wird. Meine Tante Mitzi dagegen, hätte niemanden einen Tisch streitig gemacht, ihr wäre aber im Traum nicht eingefallen, sich an einen Katzentisch zu setzen, nur weil sie alleine ist.
Letztes Wochenende, als ich als Mitzi nach Usedom zu einer Lesung fuhr stieß sie mich sanft an und sorgte dafür, dass ich mich nicht an den Tisch bei den Toiletten setze, sondern am Fenster im Sonnenschein frühstückte. Gerade alleine, braucht man etwas schönes zum Ansehen, hätte sie vermutlich gedacht und sich selbst ganz sicher dazu gezählt. Meine Tante Mitzi hätte den Frühstücksraum unterhalten. Das mache ich nicht, aber ich setzte mich so, dass ich mich unterhalten lassen kann.

Vieles muss und musste ich mir bei ihr nicht abschauen. Ich bin – wie sie – diejenige in der Familie, die einzige ohne Kinder und die, die gut alleine sein kann und es oft auch ist. Wir waren also ein gutes Team auf Usedom und sind ohne uns zu nerven (da sie ja tot und daher etwas ruhiger als zu Lebzeiten ist) stundenlang am Strand entlang gelaufen. In die Seebäder hätte sie gut gepasst. Besser als ich. Allein schon, weil Tante Mitzi eine jener Frauen war, die wussten wie man einen Hut mit Stil trägt und die zu jedem Outfit den passenden Schmuck im Gepäck hatte. Modeschmuck natürlich, den Geld hatte sie nie viel. Aber Stil, nicht Geld, macht eine Fraue zur Dame. Und Damen passen in Strandbäder. Frauen wie ich, eher auf einen Baumwipfelpfad, auf den sie mich alleine gehen lies. Alleine war ich auch zwischen lauter Kindern auf einem Netz ganz oben auf dem Turm. Da waren Tante Mitzi und ich uns übrigens auch einig – warum rennt man einen hohen Turm hoch, wenn man sich dann den Kitzel der Tiefe nicht völlig überlässt. Nicht schwindelfrei? Ein gutes Argument, aber dann wären wir gleich unten geblieben und hätten statt Turm einen Drink gewählt.

Zu dem hat Tante Mitzi mich dann später übrigens auch noch überredet. Drei Stunden vor der Lesung und nach über 30.000 Schritten am Strand, auf Seebrücken, im Wald und in Ortschaften, war ich platt und erinnerte micht daran, dass ich nicht im Urlaub sondern für eine Lesung gebucht war. Runterkommen und im Hotel alles noch einmal durchgehen, wollte ich. Wirklich. Aber ich bin die jüngere Mitzi und glaubte der alten, lebenserfahreren Mitzi, dass man einen Strand im strahlenden Sonnenschein, an dessen Ufer noch kleine Eisschollen in der Sonne funkeln, so lange wie möglich nutzen muss. Vor allem, wenn dort an einem Kiosk Aperol Spritz verkauft wird und man diesen in einem Strandkorb sitzend mit Blick auf das Meer trinken kann. Sie hatte recht – es war der vielleicht schönste Moment des Wochenendes. Und der von dem ich bei Beginn der Lesung erzählte. Wie schön es hier doch war und dass mein Traum, einmal am Meer zu lesen, gerade in Erfüllung geht. Meine Tante Mitzi saß im Publikum und ich glaube sie freute sich, dass ich mich wie sie nenne und mit fast fünfzig endlich gelernt habe, dass man sich auch alleine in ein Restaurant, ein Café oder einen Strandkorb sitzen kann und damit ganz sicher nicht seltsam wirkt. In ein paar Jahren trage ich vielleicht auch Hut. Dann bin ich noch mehr wie sie geworden. Ein bisschen schräg, ein bisschen auffällig aber auch sympathisch.

Das mit dem Hut werde ich lassen. Und auffällig werde ich wahrscheinlich nie. Aber schräg, das ist ok. Das bin ich eh schon. Sonst würde ich gerade nicht auf einem Stapel Zeitungen auf dem noch kalten Betonboden des Balkons sitzen, um Ihnen von der Lesung auf Usedom zu erzählen und gleichzeitig zu lauschen, was meine Nachbarn zu erzählen haben. Nicht mir. Die sitzen mit Freunden und Familie an diesem schönen Tag auf ihren Balkonen und nutzen die Sonne. Ich auch. Ich nutze auch die Sonne. Meine Tante Mitzi nickt und schmunzelt. Sie und ich lieben es, fremden Gesprächen zuzuhören. Auf dem Balkon sitzend, auf Seebrücken schlendernd und im Strandkorb sitzend.

Übrigens, sollten Sie in diesem Frühling ungwollte alleine sein und deshalb manches nicht machen, weil Ihnen jemand an Ihrer Seite fehlt – machen Sie es trotzdem. Schnappen Sie sich die schönsten Sonnenplätze und bestellen Sie das leckerste auf der Karte. Meine Tante Mitzi meint, alles geht auch alleine und manches sogar noch besser. Und wenn Sie eine Frau sind, dann wünschen wir Ihnen heute noch einen schönen Weltfrauentag.

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