Ein langes, abenteuerliches und selbstbestimmt geführtes Leben ging friedlich im Kreise ihrer Lieben zu Ende. Das klingt schön, oder? Vier Kinder und viele Enkelkinder verabschieden in dieser Traueranzeige eine 98jährige. Die vier Kinder schaffe ich nicht mehr, aber wenn die Beschreibung meines Lebens irgendwann einmal in einem solchen Satz zusammen gefasst wird, dann war es wahrscheinlich ein gutes Leben. Solche Anzeigen, schiebe ich gerne über den Tisch und lasse sie den, der mir gegenüber sitzt, lesen. Anzeigen mit einem Geburtsjahr in den 1920igern mögen wir am liebsten. Die 1930iger sind auch noch ok. Da sind die Menschen schön alt geworden. Erst die Anzeigen, die Todesfälle rund um die Mitte der 1940iger Jahre vermelden, lösen an manchen Tagen ein kleines Ziehen aus. Die Menschen darin, sind auch schon um die Achtzig, gleichzeitig haben sie aber das Alter unserer eigenen Eltern und deshab lesen wir die mit einem bestimmten, bei unseren Familien gleichen Geburtsjahr, einfach nicht und ignorieren sie. Das muss man, sonst bereitet das Lesen der Traueranzeigen keine Freude. Und das tut es auf eine seltsame Weise tatsächlich.
Seit ich denken kann, lese ich die Anzeigen in der Wochenendausgabe der Zeitung mit großem Interesse. Schon als Kind. Da schaut ich meinem Opa über die Schulter und folgte seinem dicken Zeigefinger, mit dem er die Spalte der Beisetzungen genau studiere. Er las sie nicht, er studierte sie. So nennt man das ganz genaue Lesen in meiner Familie. Wenn er bei der letzten Zeile ankam, nickte er zufrieden und informierte meine Oma, dass kein bekannter Name darunter war. Zum Glück. Meine Oma nickte ebenfalls zufrieden und die Seite mit den Anzeigen wurde akkurat gefaltet und zur Seite gelegt. Manchmal freilich, stockte der studierende Zeigefinger und meine Oma wurde aus der Küche gerufen. Entweder hatte man dann tatsächlich einen Bekannten entdeckt und besprach den als selbstverständlich betrachteten Gang zur Beisetzung, oder man beriet und überlegte gemeinsam, ob jener Ludwig Henkel der Mittwoch starb, jener ist, der 1967 aus dem 2. Stock in ein anderes Viertel zog. Im Zweifel erkundigte man sich bei anderen, bis man sicher war. Nicht auf einer Beerdigung von einem zu erscheinen, der vor 20 Jahren für fünf Jahre im gleichen Haus wohnte, war ausgeschlossen.
Ich sehe das übrigens ähnlich. Wie die meisten, mag ich Beerdigungen nicht. Für mich gehören sie aber dazu. Es gibt den Anfang und es gibt das Ende. Beides unvermeidlich und beides nicht zu ignorien. Bei einer so großen Familie wie der meinen, stand man meist schon vor der Einschulung vor einem Grab. Das ist traurig, keine Frage, aber es zeigt einem auch, dass von dem, der da geht, etwas bleibt. Erinnerungen. An Ludwig Henkel im Falle meiner Großmutter unter anderem die, dass er Bekanntschaft zu reichlich „jungen Dingern“ pflegte. Vermutlich hätte sich der Ludwig eine andere Erinnerung gewünscht, aber immerhin… nach fast dreißig Jahren denke ich jetzt gerade an ihn und er ist noch nicht ganz verschwunden. Feinere Erinnerungen, wurden zum Beispiel auf der Beerdigung meines Onkels geteilt. Da saß das ganze Dorf in einem Biergarten an der Isar und es wurde so viel von ihm und über ihn gesprochen, dass es leicht war sich vorzustellen, dass er sehr zufrieden zwischen all den Menschen saß und schmunzelnd auf sein eigenes Leben zurück blickte.
Wer sie gekannt hat, weiß was wir verloren….das gefällt mir auch. Da versuchen die, die zurück bleiben, gar nicht erst, das Leben einer 90ig Jährigen in nur eine Satz zu pressen. Und tolle Namen liest man manchmal dort. Namen die so schön sind und wo Vor- und Nachname so gut zusammen passen, dass man gern ein Foto sehen würde. Mein Gegenüber ist sich sicher, dass ich auf die Namen meiner Kinder, beim Lesen der Todesanzeigen gestossen wäre. Durchaus möglich. Hochschwanger hätte ich dann vielleicht von einer Kreszentia gelesen, die ein gutes und langes Leben hatte und mir das für meine Tochter auch gewünscht. Einzig die Abkürzung „Zenzi“ hätt mich von dem Namen wohl abgehalten. Aber eine Theresia, ein Reserl, das hätt mir gefallen.
Manche Sprüche kann ich auch gar nicht leiden. Zum Beispiel: „So wie ein Blatt vom Baume fällt,
so geht ein Mensch aus dieser Welt. Die Vöglein aber singen weiter.“ Ich weiß beim besten Willen nicht, wie der einem Trauernden helfen soll. Wenn ich am Grab von jemandem stehe, der mir wirklich sehr nahe stand, dann ist es mir völlig unbegreiflich, wie sich die Welt überhaupt weiterdrehen kann – jetzt wo dieser Mensch nicht mehr ist. In diesem Moment wäre es mir lieben, wenn die Vögel ihre Schnäbel halten würden, weil nichts, nicht jetzt und nie mehr, so wie vorher sein wird. Es braucht ein bisschen, bis die Welt sich dann eben doch wieder weiterdreht und es erst schleppend und dann besser, wieder gut wird. Lieber sind mir die kitschigen, tröstlichen. Und am liebsten die mit Zitaten. Zum Beispiel:
„Tod hat keine Bedeutung. Ich hab´ mich nur ins nächste Zimmer aufgemacht. Ich bin ich und Du bist Du: Was immer wir füreinander gewesen sind, das gilt auch weiter.“
Henry Scott Holland
„Wer einen Fluß überquert, muß die eine Seite verlassen.“
Mahatma Gandhi
„Man muss die Menschen bei Ihrer Geburt beweinen, nicht nach ihrem Tode.“
Charles-Louis de Secondat Montesquieu – nicht meine persönliche Wahl, aber je nach Gemütsstimmung inhaltlich nicht ganz falsch.
„Wir sind vom gleichen Stoff, aus dem die Träume sind, und unser kurzes Leben ist eingebettet in einen langen Schlaf.“
William Shakespeare
Jetzt müssen Sie mich entschuligen, ich muss noch die Anzeigen von gestern studieren. Genau wie Opa, nur mit einem dünneren Zeigefinger geh ich die Spalten der Beisetzungen durch und wenn kein bekannter Name drauf ist…gut. Sehr gut.

Mein Lieblings-Trauerspruch ist: Ich bin von euch gegangen nur für einen Augenblick, und gar nicht weit. Wenn ihr dahin kommt, werdet ihr euch fragen, warum ihr geweint habt. Lao Tse…
Meine Eltern haben so wie deine Großeltern täglich die Traueranzeigen studiert. Und ein Spezl von mir auch. Allerdings nicht deshalb, ob ein bekannter Name dabei ist, sondern ob demnächst vielleicht in der Nähe eine bezahlbare Bude frei werden könnte. 😉
Meine Familie mütterlicherseits war höchst fruchtbar. Bei Familienfeiern und Beerdigungen benötigten wir deshalb stets in der Wirtschaft einen großen Saal. Meine Großmutter mütterlicherseits war eine sehr tatkräftige Frau mit einem teilweise recht skurrilen, trockenen Humor. Sie hat allein als Witwe und Heimatvertriebene während und nach dem Zweiten Weltkrieg sieben Kinder großgezogen. Bei der Trauerfeier nach ihrer Beerdigung dauerte es nicht lange, und fast alle im Saal Anwesenden bogen sich schier vor Lachen, weil immer mehr witzige Anekdoten über die Oma ausgegraben und geteilt wurden.
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Ich habe schon öfter gehört, dass die Anzeigen auch für Wohnungssuchen genutzt werden, das bisher aber eher für eine urbane Legende gehalten. Naiv von mir, bei der Wohnungnot.
Die Beschreibung der Beerdigung deiner Großmutter ist ähnlich der meinen. Genau so soll ein Leichschmauß auch sein. Er hilft über die Traurigkeit und die Verstorbene hätte sich daran vermutlich auch sehr gefreut 🙂
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Die Traueranzeigen! Endlich ein guter Grund die Wochenendausgabe der Tageszeitung zu kaufen.
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Aktuell möglicherweise der einzige. Schön dich „zu lesen“, Christa.
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Man dankt. Das beruht auf Gegenseitigkeit.
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Ein Zitat, ob es nun gefällt oder nicht, hätte ich auch noch. Epikur meinte auf etwas andere Weise, dass ihn der Tod nichts angehe: „Wenn ich da bin, ist der Tod nicht da. Wenn der Tod da ist, bin ich nicht da.“ Beweisführung des antiken Philosophen geschlossen.
Montesquieu freilich spricht etwas in mir an. Bei den Beerdigungen kommen oft, manchmal stehen ja auch nur ein paar verlorene Hansel herum, Massen an Leuten, die sich überzeugen wollen, ob derjenige auch wirklich tot ist, die sich nach dem Erbe erkundigen oder ähnliche Beweggründe haben. Aber bei den Geburten läßt man die gleichen Leute ziemlich allein, gerade, dass die eigene Mutter, die hoffentlich bei der Beerdigung nicht mehr dabei sein muß, und noch ein paar Helfer, aber nicht der Priester und die Ministranten, dabei sind.
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Oh ja….das Zitat von Epikur habe ich irgendwo auch schon mal gelesen. Wenn man es ab und an nur (in anderem Zusammenhang) so herrlich rational sehen könnte.
Montesquieu ist auch eines meiner Liebsten. Ich würde es nicht für meine Familie wählen, aber es ist gut.
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Manche diesbezüglichen Sprüche sind bemerkenswert, noch mehr, wie überall, einfach nur doof. Lernen kann man aus den Wenigsten, alleine schon, weil es, wenn es drauf ankommt, eh ein wenig zu spät ist.
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Dann kennst du vielleicht auch den „Funeral Blues“ von W.H. Auden? Selbst war ich noch bei keiner Beisetzung, die solchen Schmerz (und solches Pathos) in mir ausgelöst hätte, aber ich mag das Gedicht, weil es tiefe Trauer schonungslos ehrlich ausdrückt, ohne bemühten (und meist kontraproduktiven) Trostversuch. Ansonsten bin ich eher bei Montesquieu.
Funeral Blues
Stop all the clocks, cut off the telephone,
Prevent the dog from barking with a juicy bone,
Silence the pianos and with muffled drum
Bring out the coffin, let the mourners come.
Let aeroplanes circle moaning overhead
Scribbling on the sky the message ‚He is Dead‘.
Put crepe bows round the white necks of the public doves,
Let the traffic policemen wear black cotton gloves.
He was my North, my South, my East and West,
My working week and my Sunday rest,
My noon, my midnight, my talk, my song;
I thought that love would last forever: I was wrong.
The stars are not wanted now; put out every one,
Pack up the moon and dismantle the sun,
Pour away the ocean and sweep up the wood;
For nothing now can ever come to any good.
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Das kannte ich nicht. Danke dir fürs Teilen – es gefällt mir. Sehr sogar. Auch wenn es so gar keinen Trost ausdrückt, ist es die Ehrlichkeit von einem (hoffentlich nicht andauernden Moment) in dem es sich anfühlt als würde nichts je wieder gut werden. Wie du richtig schreibst…schonungslos.
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In Momenten der Verzweiflung tröstet ja nicht einmal das Wissen, das jeder Moment per se flüchtig ist, auch der schmerzlichste…
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