Wie haben wir das eigentlich früher gemacht? Ich frage mich, wie wir es früher – in unseren Zwanzigern – schafften, das zu machen, was gemacht werden musste und dennoch Zeit für all den Rest fanden. Ein Rest, der mit so viel Aktivitäten gefüllt war, dass mir bei dem Gedanken heute schwindlig wird. 24 Stunden. Damals wie heute. Und doch müssen diese 24 Stunden von früher seltsam aufgebläht gewesen sein. Das Zeit nicht gleichmäßig verrinnt, wissen wir seit Einstein. Aber dieser große Unterschied von 24 Stunden zwischen heute und früher, den kann mir auch kein Physiker erklären. Ich wünschte du wärst hier und ich könnte dich fragen. Solche Dinge zu erklären, war eine deiner Spezialitäten.
Einer, der jetzt an deiner Stelle das Leben mit mir teilt, schaut mir über die Schulter und liest. Im Gegensatz zu dir, erlaube ich es ihm. Er ist der Einzige, der mitlesen darf, während ich tippe. Wahrscheinlich, weil er in all den Jahren, das Geschriebene nie kommentierte. Nicht mit Worten, nicht mit Gesten, nicht einmal mit Blicken. Er liest und…nichts. Er geht wieder, kommt vielleicht noch einmal, um neue Zeilen zu lesen, verkneift sich aber jeglichen Kommentar. Eine Kunst. Ich könnte es nicht. Diese stille „nicht kommentieren“. Mir sieht man an, was ich denke. Ob ich will oder nicht. Ihm sieht man absolut nichts an. Beim Schreiben, oft aber auch sonst. Dann, wenn er nicht will, dass man weiß, was er denkt. Erstaunlich wie vollständig sich jemand abschotten kann, ohne sein Gegenüber vor den Kopf zu stoßen. Das vor allem.
Er weiß von dir. Hat alles gelesen, was ich über dich geschrieben habe und es wortlos im Raum stehen gelassen. Unkommentiert, obwohl er las, wie sehr du mir fehlst und wie sehr ich dich auch in seiner und meiner Anfangszeit noch vermisste. Wortlos aber nicht unbeteiligt. Wenn ich dich besonders vermisste und darüber schrieb, weil getippte Worte leichter als gesprochene oder zu Ende gedachte sind, stand er in der Küche, kochte etwas, von dem er wusste, dass ich es besonders mag und schlief, sich mit einem Kuss auf meine Stirn verabschiedend, in seiner Wohnung. Sinnlos mit einem Toten konkurrieren zu wollen, war sein einziger Kommentar in all den Jahren. Auf meine Frage, der immer schneller verrinnenden Zeit hättest du sicher eine Theorie parat gehabt. Eine, die am Ende versöhnlich und beruhigend gewesen wäre. Er dagegen tippt, wenn ich ihn frage, im Vorbeigehen auf einen Skizzenblock mit Kritzeleien und liefert mir keine Rechtfertigung für diesen – auch objektiv betrachteten – Zeitfresser, mit dem ich heute manchmal Abende verbringe, an denen ich früher geschrieben habe. Erst wenn er merkt, dass mich diese Frage wirklich beschäftigt, nimmt er sich Zeit. Im Gegensatz zu dir viel weniger. Er erzählt mir keine schöne Geschichte. Fragt mich eher ob mir es mir Spaß macht, stundenlang Muster zu malen – ja. Ob ich dabei das Gefühl habe, in diesem Moment etwas anderes machen zu wollen – nein. Fasst zusammen, dass es dann auch keine verschwendete Zeit ist, sondern Zeit, die ich mit etwas verbringe, das mir gerade Freude bereitet. Ob ich mich trotzdem wieder etwas mehr zu anderem aufraffen sollte? Ja, unbedingt. Das ist ehrlich. Nicht so schön, wie vermutlich deine Theorie über verlorene Zeit es gewesen wäre, aber ehrlich. So klar und ehrlich, wie er.
So klar, dass ich den eben getippten Absatz lösche, obwohl er mir gut gefallen hätte. Das er trotzdem nicht hier steht, liegt an einer kurzen Diskussion, nach seinem wahrscheinlich ersten kritischen Kommentar überhaupt im Zusammenhang mit dir.
Das bitte nicht, sagte er und tippte auf die letzten vier oder fünf Sätze. Ungewöhnlich, da er sonst nichts kommentiert. Warum also jetzt? Die Antwort kommt erst, nach einem Kaffee, den er für sich und mich aus der Küche holt. Also…es gefällt ihm nicht in einem Atemzug mit meinem früheren Freund genannt zu werden. Das sei aber sein, und nicht mein Problem. Wichtiger aber, dass ich gerade dabei bin in die Köpfe zweier Menschen zu kriechen, von denen einer noch am Leben ist. Der Inhalt seines Kopfes gehöre deshalb ausschließlich ihm und es sei an mir diesen nicht ins Internet, in Bücher oder in Lesungsräume zu schmeißen. Ob ich noch etwas zur obigen Zeitfrage hören möchte, fragt er und ich nicke. Ich hätte mehr Zeit, wenn ich zum Beispiel neben meinem eigenen Bad, nicht auch das seine putzen würde. Danke, aber unnötig. Anstelle dieser Prokrastination würde er sich freuen, wenn ich endlich das verdammte, seit drei Jahren mehr oder weniger fertige Skript für das neue Buch ein letztes Mal gegenlesen und abschließen würde und nicht ihn als Ausrede für das Getrödel benutzen würde. Er kennt den Inhalt und ich ihn gut genug, als das ich mir sicher sein könnte, dass er längst Veto gegen seine Protagonisten Stellung eingelegt hätte, wenn es ihn stören würde. Ich solle es endlich „raushauen“ oder endgültig löschen. Meine Ausrede dass ich es überarbeiten würde und deshalb zu nichts käme, sei lächerlich.
Lächerlich wäre fies, wenn er nicht recht hätte. Und dass er das weiß, wird mir klar, als er mir mitteilt, dass er in der, sich angeblich in der Überarbeitung befindlichen Datei, schon vor mehreren Monaten einige – wenige – Anmerkungen im Zusammenhang mit seiner Person eingefügt hat. Rot, fett, kursiv und unterstrichen, wie er todernst und zugleich mit einem Grinsen erklärt. Nach dem letzten Schluck Kaffee und der von mir getippten Worte „Rot, fett, kursiv und unterstrichen, wie er todernst und zugleich mit einem Grinsen erklärt“ legt er mir nahe, den Text jetzt einfach abzuschicken und dann neben meiner auch seine Küche zu putzen. Unnötig zu erwähnen, dass ich mir lieber seine roten, fetten und kursiven Anmerkungen anschauen werde.
Falls Sie bis jetzt zur letzten Zeile, nach einem roten Faden in diesem Text gesucht haben…es gibt ihn nicht. Allenfalls gilt obiges als Beleg, dass ich durchaus noch immer 24 Stunden täglich zur Verfügung habe und nur mein Talent, diese zu vertrödeln, mit den Jahren ausgebaut habe.
