Randnotiz

Vor kurzem schrieb ich hier traurig über das Hinterhaus, in dem schon viele meiner Nachbarn gestorben sind. Ich mag keine Veränderungen und vermisse sie. Es bleibt so schrecklich wenig, wenn ein alter Mensch aus einem Mietshaus auszieht. Manchmal aber merkt man erst viel später, dass etwas wunderschönes dann doch bleibt. In meinem Fall etwas, von dem ich nicht mal wusste, dass es existiert.

Vor etwa drei Monaten hatte es mir den Putzlumpen, den ich für vier bis fünf Tage zum Trocknen vor das Küchenfenster gelegt hatte, in den Innenhof geweht. Vermutlich hätte es ihn nicht verweht, wenn ich ihn trocken wieder reingeholt hätte, aber dreckige Putzlumpen haben bei mir ehrlich gesagt, keine hohe Priorität. Das Problem des Reinholens hatte sich eh von selbst erledigt – dank des Windes. Lumpen die man nicht mehr sieht bzw. nicht mehr besitzt, müssen nicht gewaschen werden, da man die Verantwortung für sie sozusagen abgegeben hat. Meine Nachbarin Frau Obst sah das anders. Ich weiß nicht, warum und wann sie sich über das Geländer vor meinem Küchenfenster beugte, aber sie entdeckte meinen Putzlumpen, in den Büschen darunter und informierte mich, dass die Verantwortung der Entsorgung oder Heimholung durchaus noch bei mir läge. Da man einer Frau wie Frau Obst nicht widerspricht, eine Frau wie ich aber auch nicht springt, wenn man es mir befielt, machte ich mich erst vor eigen Tagen auf, um meinen Lumpen zu retten. Oder, was eher der Wahrheit entspricht, um mir das Genörgel von Frau Obst nicht mehr anzuhören, fischte ich das dreckige Ding aus den Büschen.

Dabei entdeckte ich das:

Ich wusste gar nicht, dass wir im Hinterhaushof an dieser Stelle, an die man nur kommt, wenn man was aus den Büschen pflücken möchte, was einem runtergefallen ist, so schöne Blumen haben. Um sie zu sehen, müsste ich mich über das Geländer beugen. So was mache ich nicht. Ich blicke eher in die Ferne. In der Ferne (naja…Hinterhofferne, also nur 20 Meter weiter) ist Rasen. Nur Rasen und außer ein paar Gänseblümchen kaum etwas interessantes. Aber direkt unter den Laubengängen, da blüht es ganz wunderbar. Schön, für die Menschen, die im Erdgeschoss leben. Und schön für mich.

Frau Obst, der ich stolz meinen geretteten Lumpen präsentierte, klärte mich auf. Über viele Jahre hinweg bepflanzten meine mittlerweile verstorbenen Nachbarinnen zum leidwesen des Hausmeisters (und Frau Obst) eigenwillig den Rasen des Hinterhauses. Ganze Beete verwerte man ihnen, aber ganz am Rand lies man sie gewähren. Vieles ist mit den Jahren verschwunden. Tulpen, Narzissen und Korkusse kommen aber jedes Jahr wieder. Und am schönsten und ausdauernsten die Vergiss-mein-nicht. Gemäht werden die kleinen Rasenstücke erst, wenn sie verblüht sind.

Etwas bleibt also doch von Franziska und den anderen. Ich sag ja, die Frauen aus dem Hinterhaus waren und sind toll. Von mir fände man allenfalls einen runtergewehten Putzlumpen.

15 Gedanken zu “Randnotiz

  1. Na, jetzt übertreibt mal nicht. Du wirst melodramatisch und geradezu schnulzig:
    „Alles, was man von mir noch fand
    war mein Putzlapp‘ und etwas Tand…“
    Das zu trällern steht Dir nicht an. Noch nicht und hoffentlich gar nicht. Denn mit dem Putzpappen ist das hier nicht geschrieben und darüber kann man so ein nicht sonderlich ansehnliches und auch nicht ausnehmend geliebtes Teil schon mal vergessen. Sollte man meinen. Man, das bin ich. Und ich kann noch ganz andere Teile übersehen…
    Doch auch der Putzlappen hat eine Aufgabe, die nicht zu unterschätzen ist. Er soll etwas verschönern. Sich selbst aufopfernd dafür sorgen, dass anderes fast wie neu erglänzt (wobei der tatsächlich nachweisbare Besiedelungsstand an Bakterien etc. auf Lappen und Gewischtem erst mal egal ist). Und dieser Lappen hat – ich muß schon wieder mal an Morgenstern denken, aber da war es ein Butterbrotpapier, das zu Höherem erwachte – sich aufgeschwungen (oder ab, ist ja auch egal), um auf die verborgenen Schönheiten hinzuweisen!
    Ein edler Lapp ist das. Halte ihn in Ehren. Er ist ein Weiser. Weist auf das Gute und Schöne hin.
    Wasche ihn nicht, wie schon Napoleon es ähnlich von seiner Josefine forderte, wenn er kam, sie war ihm ungewaschen lange Zeit lieber. Etwa bis zur Trennung.
    Wasche ihn nicht zu oft. Sonst werdet ihr euch eher trennen. Und hänge ihn nicht zu fest, nimm ihn nicht an die kurze Leine – seine Aufgabe ist größer! Er muß Dir noch viel Schönes zeigen.

    Gefällt 1 Person

    1. Eine kleine Ode auf meinen Putzlappen. Die ist dir sehr gut gelungen und ich werde das Ding in Ehren halten.
      Hätte ich eh, denn ich neige dazu Dinge zu benutzen, bis sie auseinander fallen. Und dass sich Dinge zu oft wasche, kann man meistens auch aufschließen. Allerdings hätte ich ihn, den Lappen, ohne Frau Obst tatsächlich zur Adoption freigegeben.
      Ich kümmere mich um das Ding, und dann wird es auch nicht zu meinem Vermächtnis werden. 😉

      Like

      1. Nun, eine Möglichkeit wäre, den guten Lappen in einen Rahmen zu spannen, drunterzuschreiben, dass es das war – also mit dem Putzen! An einen Nagel gehängt wie weiland Valentin seinen Beruf. Möge die Fettecke wachsen. Vielleicht würde der Lapp posthum in Museen wandern?
        Aber zunächst lernen wir, dass eine Frau Frucht hilfreich ist mit ihrem scharfen Auge. Wären die Blumen sonst entdeckt worden? Wäre der Lappen gerettet worden? Nein, wir brauchen sie, die kritischen Blicke, die ihr Auge auf Kleinigkeiten richten udn die Großigkeiten übersehen.

        Gefällt 1 Person

      2. Und wenn mich meine Frau Obst aufregt, dann stelle ich mir einfach vor, dass sie mich mit dem Lappen wirklich nur genau deswegen genervt hat. Um mich auf die Schönheit der Blumen aufmerksam zu machen. 😉

        Like

  2. Du bist ja auch eine Frau aus dem Vorderhaus, und darum anders toll.

    Aber noch verweht es hoffentlich nur deine Putzlappen, nicht dich selbst, und wenn der Tag irgendwann in ferner Zukunft kommt, hinterlässt du eben deine blühende Fantasie, in Textform ins Netz und zwischen Buchdeckel gepflanzt, und darunter findet sich bestimmt auch noch die eine oder andere Stilblüte… 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen lieben Dank für die Blumen. Von uns allen hier wird etwas mehr als ein Lappen oder ein Haushaltsgegenstand bleiben.
      Trotzdem bringt mich der Gedanke zum schmunzeln. Wenn ich mir die Verzweiflung vorstelle, die meine Familie treffen wird, wenn sie jemals meine Wohnung ausräumen. 😂

      Like

      1. Ha, das würde ich meiner Familie von Herzen gönnen, so ein bisschen Verzweiflung beim Ausräumen und Entsorgen meines dreidimensionalen Nachlasses! Immerhin, Putzlappen wären auch dabei. 😁

        Gefällt 1 Person

  3. „Es bleibt so schrecklich wenig, wenn ein alter Mensch aus einem Mietshaus auszieht.“ Der Satz stimmt mich nachträglich, zumal es sehr traurig ist, eine Wohnung aufzulösen. Das zwingt zu Entscheidungen, was von den Dingen, mit denen ein Mensch sich umgibt, auf den Müll fliegt und wie wenig von allem aufgehoben wird. Der Bruder eines Freundes, studierter Architekt, hatte sein Leben lang an den Orten seiner Reisen Architektur gezeichnet und hinterließ an die 200 Zeichenblöcke mit feinen Bleistiftzeichnungen. NIemand wollte sie. Am Ende wurden sie entsorgt. Mein Freund rettete nur ein Frühstückbrettchen, in dem das säbelnde Messer seines Bruders in der Mitte ein Loch hinterlassen hatte. Das montierte er in eine Assemblage. Das war alles. Blumen sid wohl etwas mehr, liebe Mitzi.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich glaube, es ist schlicht unmöglich, den Nachlass eines Menschen so zu würdigen, wie der es selbst getan hat. Wahrscheinlich ist es auch normal, dass man sich von vielen Dingen trennen muss, sonst würde jeder Hinterbliebene an Dingen ersticken.
      Trotzdem macht das Ausräumen und Entsorgen sehr traurig. Der Vater meiner Freundin, ein Architekt und Maler, hat so unglaublich viele wunderschöne Bilder hinterlassen. Obwohl sie selbst, ihre Familie und auch ich viele davon jetzt in unseren Wohnungen hängen haben, musste sehr viel gehen. Es hat mich traurig gemacht, aber eine wunderschöne Zeichnung der Frauenkirche in München, die jetzt in meinem Flur hängt, bleibt wenigstens erhalten. Liebe Grüße

      Die Blumen sind großartig. Ich hoffe sehr, dass noch lange Zeit niemand auf die Idee kommt, dort um zu graben.

      Gefällt 1 Person

  4. Wie Gerlint schon schreibt, du übertreibst ein wenig in Richtung negativ. Denn ich denke, es wird niemand in der fernen Zukunft so fies sein und auf deinen Grabstein meißeln lassen: Hier ruht „Putzlumpen-Mitzi“, die ich aber noch etwas aufwerten würden zur „Putzlappen-Mitzi“, was sich für meine Ohren nicht ganz so schlimm anhört.

    Gefällt 1 Person

    1. Naja, auf dem Grabstein wird es hoffentlich wirklich nicht stehen. Und wenn, dann würde mir deine Variante auch besser gefallen. Lappen klingt etwas milder. 😂

      Like

Hinterlasse einen Kommentar