It´s great being the artist

Sie und ich, wir kennen uns. Wobei…ich kenne Sie wahrscheinlich nicht. Wenn Sie hier noch nie kommentiert haben, dann weiß ich absolut nichts über Sie. Dann sind Sie nicht mehr als eine Zahl in der Statistik der Zugriffe auf dieser Seite. Keine besonders große Seite, aber doch schon zu groß, um irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen. Vielleicht kenne ich Sie aber auch ein bisschen, weil wir uns hier ab und an unterhalten. Aber auch dann, kennen Sie mich weit besser, als ich Sie. Vorausgesetzt Sie glauben mir, dass ich mir wirklich kaum etwas ausdenke und nur über das schreibe, was ich gehört, gesehen und erlebt habe. Unterstellen Sie mir, dass ich lediglich eine ausgeprägte Phantasie und etwas Talent zum Erzählen von Geschichten habe, dann kennen wir uns beide nicht. Dann haben Sie keine Ahnung wer sich hinter „Mitzi Irsaj“ versteckt. Letztendlich ist es wahrscheinlich auch egal. Sie und ich sitzen vor dem Rechner und ob wir nun das Gefühl haben uns ein wenig zu kennen oder nicht, weder Sie noch ich müssen sich für Jogginghose, unfrisierte Haare und Zahnpastaflecken auf dem Pullover schämen – wir sehen uns ja nicht, während ich Ihnen etwas erzähle. Übermorgen sieht das wieder anders aus. Da bin ich in Putzbrunn, lese und kann mich nicht verstecken. Noch immer etwas besonders und doch mittlerweile auch Routine. Zum Glück! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich um diese Routine bin.

So froh wie um die warmherzige Ehrlichkeit, mit der einige der wunderbarsten Menschen meine ersten Lesungen begleitet haben. Die Freundin zum Beispiel, die mir anfangs viel Nervosität genommen hatte, als sie mich daran erinnerte, dass mich doch eh keine Sau kennen würde und so auch niemand etwas erwarten würde. Ist natürlich Quatsch. Wenn man so rangeht, dann kann man es auch gleich lassen. Aber manchmal hilft der Gedanke. Zum Beispiel dann, wenn man für eine Lesenacht in einem Einkaufscenter gebucht wird, in einem kleinen Gewürzladen dort lesen soll und vom Ladeninhaber mit den Worten „Kommt eh keiner. Schwachsinnsveranstaltung“ begrüßt wird. Na dann, habe ich damals gedacht, wirds ein entspannter Abend. Wurde es auch. Es war der Abend vor dem ersten kompletten Lockdown und man hätte die Tatsache, dass es der Veranstalter durchzog, vielleicht wirklich als Schwachsinn betiteln können. Ich las. Aber nicht vor Gästen sondern die das Kleingedruckte auf den Verpackungen der einzelnen Gewürze um die Zeit totzuschlagen. An diesem Abend habe ich trotzdem etwas gelernt. Vertraue keinen Kollegen!
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe großartige Kollegen in meiner Agentur. Trotzdem traue ich ihnen nicht mehr, seit ich mit einem 30 Minuten in hohen Schuhen und einem Kleid am matschigen Grünstreifen einer unbeleuchteten Landstraße entlang gelaufen bin. Seitdem schaue ich mir Strecken selbst auf Google Maps an. Auch sollte man anderen Autoren nicht trauen, wenn sie einen Absacker nach der Lesung trinken wollen. Es ist noch NIE bei einem geblieben und dass es in den einfachen Pensionen, in denen man uns unterbringt oft keine Gläser auf dem Zimmer gibt, macht es nicht besser. Haben Sie schon mal Eierlikör aus Zahnputzbechern getrunken? Eine Einschätzung der konsumierten Menge wird enorm erschwert.

Überhaupt, die Übernachtungen. Während zwei meiner großen (in Bezug auf Bekanntheit und Körpergröße) Kollegen wert auf ein extra langes Bett legen, reicht mir ein normals völlig aus. Meistens sind in wir in einfachen, aber sauberen und bequemen Pensionen untergebracht. Ich mag diese kleinen Häuser, die häufig auf die Bedürfnisse von z.B. Handwerkern auf Montage ausgerichtet sind. Ich mag auch Handwerker, nur teile ich nicht ihre Bedürfnisse. Z.B. mit dem Lieferwagen von der Autobahn abzufahren und direkt im Gewerbegebiet einen Schlafplatz zu haben. Ich komme mit dem Zug und ziehe meinen Rolllkoffer oft eine Dreiviertelstunde durch Gebiete, die für Fußgänger nicht gemacht sind. Und nachts laufe ich durch ein stockdunkles Gewerbegiebt und versichere mir selbst, dass Serienkiller eher in Parks zu erwarten sind. Muss ich durch einen Park, dann erkläre ich mir selbst, dass ein Gewerbegebiet für Frauen potentiel viel tödlicher ist. Über Autobahnzubringerbrücken laufe ich übrigens gar nicht mehr. Die eine auf die ich ging um den Rhein zu sehen, hat gereicht. Haben Sie schon mal direkt neben einer Autobahn gestanden? So fühl es sich an. Da ganze verdammt Ding bebt und vibriert. Dann ist der Rhein auch reizlos. Zumal es sich nicht um den Rhein gehandelt hat, wie man mir später erzählte.

Bei den Lesungen selbst bin ich mittlerweile ruhig. Nach all der Zeit ist ein Großteil dessen, was passieren kann, bereits eingetreten und ich habe alles überlebt. Ich habe meine kompletten Texte zu Hause vergessen und festgestellt, dass ich (wenn ich muss) die meisten auch auswenig erzählen kann. Ich habe einen neuen Text gelesen und im Lesen gemerkt, dass er richtig schlecht ist. Habe mich selbst unterbrochen und das Publikum gefragt, ob sie ihn auch so langweilig finden. Wir waren uns einig und ich habe mir für die ehrliche Kritik bedankt. Ich habe mit einer Kollegin gelesen, die es schaffte mit dem Publikum einen Streit vom Zaun zu brechen und festgestellt, dass sich so etwas nicht einfach weglesen lässt. Kollegen und ich wurden in einem (anderen) Einkaufszentrum mehrfach gebeten, die Klappe zu halten und haben trotzdem fünf Stunden lang zwischen „Netto“ und „DM“ abwechselnd gelesen. Hier war es uns das einzige Mal völlig egal, dass wir uns auf einer Art Bühne befanden und die, die gerade nicht lasen haben nach drei Stunden am Rand gesessen und Döner und Pizza gegessen. Getrunken haben wir nicht, so viel Professionalität musste dann doch noch sein.

Nervös macht mich nur noch eines: Die Unpünktlichkeit der Bahn. Obwohl ich einen extrem großen Puffer einbaue, wird es oft immer noch knapp. Dann stehe ich unruhig auf Bahnsteigen, sitze auf Kohlen, wenn der Zug nicht weiterfährt und renne beim Umsteigen Bahnsteige entlang. Nur langsam werde ich auch hier gelassener. Ich gebe alles um pünktlich zu sein. Wenn die Bahn aber ebenfalls alles gibt, um ihrem Ruf gerecht zu werden, dann halte ich es mit Robbie Williams. Der sagte, als er sich auf der Bühne trotz Rauchverbot eine Zigarette anzündete: „It´s great being the artist.“ Als ich vor zwei Wochen an der S-Bahn stand und kein Zug kam, schrieb ich in etwa das meinem Kollegen, der ebenfalls noch im Tunnel unter dem Münchner Marienplatz festhing: „Entspann dich. Wir sind die Künstler. Ohne uns fangen die nicht an.“

Etwas, auf das man sich übrigens nicht verlassen kann, wie mir ein befreundeter Autor erzählte. Er kam unverschuldet zu spät und musste oder besser durfte dann gar nicht mehr lesen. Die Leitung der Buchhandlung las aus seinem Roman und das so gut, dass das Publikum ihn selbst nur noch zum Signieren brauchte.

Putzbrunn, am Dienstag um 19:00 Uhr. Ich werde keine Texte vergessen, nicht rauchen, essen, nicht den Rhein suchen und natürlich pünktlich sein, um selbst lesen zu dürfen ;).

23 Gedanken zu “It´s great being the artist

  1. Viel Erfolg, schade, dass ich Dienstag nicht kann, sonst hätte ich mich glatt nach Putzbrunn aufgemacht. Das ist ja nicht so weit.
    Nur, um zu überprüfen, ob die Figur Mitzi Irsaj in meinem Kopf ungefähr deckungsgleich mit der ist, von der ich hier so viel lese.
    Womit ich mir keinesfalls einbilde, Dich zu kennen oder gar daraus eine falsche und plumpe Vertrautheit herleiten, wie ich es manchmal bei Vorträgen erlebt habe, wenn dann wer nach dem Vortrag aus dem Publikum auf einen einstürmt…

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    1. Wenn es sich mal ergibt, dann sag mir sehr gerne danach oder davor, wer du bist. Ich würde mich freuen.
      Diese Vertrautheit, die du beschreibst, habe ich bisher noch gar nicht erlebt. Insgesamt waren auch nur recht wenige Menschen, die ich vom Block kenne bisher bei Lesungen. Sie sind ja doch meistens im Umkreis von München. Und zwei, an die ich mich erinnere, mit denen hatte ich tatsächlich Das Gefühl, dass man sich ein wenig kennt. War recht angenehm.
      Aber ich weiß, glaub ich schon, was du meinst, jemand, den ich persönlich überhaupt nicht kenne und der Stelle mit liest und plötzlich vor einem steht… Es ist eine ungewohnte Situation. Und wenn, dann eine einseitige Vertrautheit an dem Tag gelegt wird, dann ist es sicher schon recht seltsam. Liebe Grüße

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  2. Liebe Mitzi, mit heiterem Grausen lese ich von deinen Leseerfahrungen.

    Was ich mir sehr gut vorstellen kann: Du kannst deine Texte auch aus dem Gedächtnis hersagen. Sind ja deine Erlebnisse, die musst du nicht auswendig lernen. Was ich mir bisher nie vorgestellt habe: Leute ranzen einen an, weil man etwas vorliest? Diese Leute gehen nicht einfach weiter, wenn es sie nicht interessiert? Aber ich glaube es dir. In den letzten Jahren habe ich einiges an Illusionen über meine Mitmenschen verloren, und allzu viele hatte ich vorher schon nicht. Jedenfalls bewundernswert, wie du es schaffst, aus deinen Zeilen den Groll und Frust herauszuhalten, den du vermutlich empfunden hast, und selbst der Angst bei nächtlichen Fussmärschen durchs Industriegebiet eine heitere Note zu verleihen. Darauf einen grossen (virtuellen) Schluck Eierlikör aus dem Fingerhut!

    Gerne würde ich dich mal live und in Farbe erleben, was aber – selbst wenn ich wüsste, wo Putzbrunn liegt – eher im Reich des Unwahrscheinlichen bleiben wird. Dafür wünsche ich dir, dass du immer heil und plangemäss durchs Land kommst, die unkultivierten Deppen lernen, selber die Klappe zu halten und am besten gleich noch, sich in Luft aufzulösen, sowie weiterhin ein zuverlässiges Gedächtnis. Am besten eins, das dafür sorgt, dass du deine Texte auch tatsächlich mitnimmst.

    Viel Vergnügen und herzliche Grüsse von einer mittlerweile vielleicht nicht mehr ganz so Unbekannten. 😇

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    1. Danke dir, liebe Eva. Putzbrunn ist eine kleine Gemeinde direkt bei München. Aber wer weiß, vielleicht lese ich ja doch mal irgendwo in deiner Nähe. Träumen kann man ja 😉
      Und auch wenn ich diese nächtlichen dunklen Straßen nun wirklich nicht mag, die Lesungen selbst mag ich sehr gerne.
      Die extremen Ausnahmen waren auch wirklich nur in Einkaufszentren. Da meint es der Veranstalter richtig gut, aber wenn der Ort und der Zeitpunkt nicht passen, dann hat man da Leute, die einfach nur in Ruhe einkaufen möchten und ein paar Teenager, die es lustig finden, irgendeinen Schwachsinn zu grölen. In dem Momenten ist es dann wirklich unschön, aber wie gesagt, sie sind die absolute Ausnahme. Und wenn man dann nette Kollegen dabei hat, dann ist es gar nicht mal so schwer selbst darüber zu schmunzeln.
      Ich hab auch extra ein paar Jahre gewartet, bevor ich darüber geschrieben hab, weil die Veranstalter viel zu nett und engagiert waren, als ich wollte, dass sie sich darin wieder erkennen.
      Liebe Grüße an dich, die ich mittlerweile auch nicht mehr als unbekannte bezeichnen würde 🤗

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  3. Ah, Saisonstart mit Lampenfieber, welches man am Besten gleich in einen Text münden läßt. Viel Erfolg und möglichst auch noch Spaß. Nach Putzbrunn geht’s doch auch ohne die Bahn, MVV, die Linie 8 fährt da freilich nicht, aber irgend ein Nachttaxi zurück!

    Kennen, nein, kennen tun wir uns freilich nicht können, da wir uns bekanntlich noch nie nicht getroffen haben, höchstens unbekannterweise am Stachus, und dann kennt man sich ja nicht, sonst müßte man ja viele Leut‘ kennen. Aber so unbekannt wir uns auch gegenseitig sind, so schätzen wir doch das Stückerl Bekanntes, das uns bleibt, wenn wir gemeinsam als Fischerl im großen, weltweiten Netz zappeln, gell?

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    1. So ist es. Und natürlich… Ganz unbekannt sind wir uns hier natürlich nicht. Zum Glück! Ich genieße die Kontakte hier und bei wirklich fast jedem, würde ich mich freuen, ihm am Stachus über den Weg zu laufen. Gerade wenn man gegenseitig die Texte liest, dann hat man schon das Gefühl, sich ein bisschen zu kennen. Es gibt sogar blogs, wo ich als Leser das Gefühl hab, den schreibenden recht gut zu kennen, nach all den Jahren. Je nachdem, was jemand schreibt, kennt man ihn vielleicht gar nicht mal so schlecht.
      Nur verstecken kann man sich bei einer Lesung halt nicht. Das ist einerseits schön und toll, aber für mich immer noch eine kleine Herausforderung.
      Auf morgen freue ich mich, und da meine Eltern im Urlaub sind, habe ich ein Auto und werde ganz gemütlich mit Sitzheizung anreisen.

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      1. Ich wünsch ja gutes Gelingen, aber ob das hilfreich ist? Mit der Luxuslimousine anreisen, Sitzheizung und wer weiß was noch genießen, der ganze Luxus? Auf den VIP – Parkplatz einbiegen? Starrummel?
        Hoffen wir, dass die Mitzi, die wir zu kennen glauben, dann noch auftritt und nicht ein international – also immerhin bis übern Brenner rüber – bekannter und gefeierter Überallundnirgendskandidat für irgendwelche Dschungelschweinereien!
        Oder doch mit der Straßenbahn fahren?

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      2. Keine Sorge – die Sitzheizung bollerte, sonst war da nur Mitzi mit Problemen beim Einparken. Die Abbiegung zur Bekanntheit habe ich verpasst oder übersehen ;).

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  4. Ich kann ja keinen Satz lesen, ohne mich zu versprechen, ohne zu Stottern, ohne Fehler zu machen.
    Diesbezüglich hab ich großes Glück. Keine Sau und auch kein vernünftiger Mensch würde mich zu einer Lesung einladen. Da bleibt mir viel erspart.

    Trotzdem: Alles Gute für Putzbrunn und Überhaupt… 👍

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    1. Ich glaub genau, das dachten die nach meiner ersten Lesung auch. Was zum Henker haben wir uns dabei gedacht? 😂
      Versprecher sind auch gar nicht so schlimm. Vielleicht behaupte ich das aber auch nur. 😉
      Vielen Dank und liebe Grüße

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  5. Ich möchte gern ein bisschen mehr über die Hoppalas aus deinen Lesungen lesen. Und auch wenn wir uns irgendwie nicht kennen, habe ich dennoch das Gefühl, dass es eine (vielleicht) sonderbare Verbindung gibt – zumindest von mir in deine Richtung ❤

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    1. Das ist schon in beide Richtungen 💚 und ich denk immer noch gern daran, dass du bei einer meiner ersten Lesungen dabei gewesen bist. Die war mehr als holprig, aber diese ersten im Valentin Haus, sind immer noch die an die ich am liebsten denke. Ich schau mal, ob ich noch ein paar Hopplas finde.

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      1. Oh ja ich denke da auch immer wieder gern dran. Eng gekoppelt daran, dass es ein F und kein W ist beim Valentinhaus 🙂 und ich fand sie gar nicht holprig, ich fand sie wunderbar und authentisch und schön!

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    1. Richtig schön! Ein super nettes Publikum und Veranstalter in der Bücherei die so herzlich und gleichzeitig toll organisiert sind, dass es eine Freude war. Und gemütlich. Schön abgedunkelt und draußen Nebel – da kann man toll Geschichten erzählen und danach noch etwas mit den Zuhörern ratschen. Klein, aber das sind meist die schönsten Lesungen.

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      1. Das glaube ich gern. Eine gefüllte Riesenhalle und Scheinwerferlicht im Gesicht – ehrlich gesagt würde mich das total abschrecken, mehr noch als das andere (ich bewundere das auch. Klar habe ich schon den einen oder anderen Vortrag gehalten, ist aber schon ein paar Jährchen her und… ach, das hab ich alles schon mal gesagt. Ich schick da lieber ganz traditionell einen Mann vor!)

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